Wie James Whiteside die heteronormative Welt des Balletts herausfordert

"Wenn es jemanden gibt, der tanzen und gleichzeitig einen Mann und eine Frau verkörpern kann, dann bin ich das."

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09 November 2018, 4:28pm

Zwar gibt es einige Rollen in der Tanzwelt, in der Whiteside, der auch Mitglied des Drag-Kollektivs Dairy Queens ist, seine Femininität ausleben könnte. Trotzdem ist die Ballettszene heteronormativ, oft hat Whiteside Schwierigkeiten, Figuren zu finden, die ihn als schwulen Mann repräsentieren. "Im klassischen Ballett muss ich wirklich tief graben, um etwas Homosexuelles in den Rollen zu finden – meist existiert diese Ebene gar nicht. Deswegen nutze ich meine außerplanmäßige Arbeit, um mich auf unterschiedlichen Arten auszudrücken", sagt Whiteside. "Ich weiß, das klingt abgedroschen. Jeder Tänzer, jeder Künstler sagt, er möchte gefordert werden und anders sein. Aber es ist wirklich wichtig für mich." Doch dann kam ein unverhofftes Angebot ...

In der Ballettinszenierung von The Tenant gibt es eine besondere Szene. Da betrachtet die Hauptfigur seinen nackten Körper im Spiegel, zieht langsam ein Paar schwarze Strumpfhosen hervor und klemmt seinen Penis zwischen seine Beine, um wie eine Frau auszusehen. Es ist eine Szene, die nur wenige Tänzer auf der Bühne, im Blick der Öffentlichkeit, spielen würden. Aber als der Choreograf Arthur Pita, der auch der "David Lynch des Tanzes genannt wird, sie James Whiteside anbot, sagte der nur: "Wenn jemand tanzen und gleichzeitig einen Mann und eine Frau verkörpern kann, dann ich."

The Tenant basiert auf dem Roman von Roland Topor (und dem späteren Film von Roman Polanski) und ist eine psychosexuelle Horrorgeschichte, die den mentalen Verfall eines polnischen Mannes namens Trelkovsky begleitet. Er ist besessen von Simone, einer Frau, die in seiner Pariser Wohnung Suizid beging. Langsam nimmt er immer mehr das Verhalten, die Identität der Verstorbenen an. Der Roman (und so auch die Tanzinszenierung) erforscht die alles überschattenden Seiten von Paranoia, Sex und Isolation – und ihrer Nähe zum Wahnsinn.

James Whiteside Dairy Queens

Whitesides erster Ausbruch aus dem genderkonformen Alltag war Ühu Betch ("Yoo-hoo Betch" gesprochen), seine Drag-Persona. Er kreierte sie in Boston, als er in einem dreistöckigen Haus mit seinen Freunden aus dem Boston Ballet zusammenlebte. Sie dachten sich ein Spiel aus: Alle Mitbewohner mussten sich innerhalb von zehn Minuten in ihren kompletten Draglook werfen, um danach in Lip-Sync Battles gegeneinander anzutreten. "Es war magisch", erinnert er sich. Eigentlich war es nur eine logische Konsequenz, dass sie bald auch in ihren Outfits ausgingen und in Clubs performten.

Boston war jedoch kein einfacher Ort für Whiteside. In der Universitätsstadt schreibt man Sport groß, die irisch-katholische Gemeinde ist dort sehr mächtig – ein guter Nährboden für Homofeindlichkeit. "Ich war schon fast ein Rebell", sagt er. "Die Art, wie ich mich kleidete, war provokativ. Ich wollte die Leute verschrecken und sie herausfordern – rückblickend ist das ziemlich verrückt. Man weiß schließlich nie, was passieren könnte." Heute lebt Whiteside in New York City. Nachdem er 2012 seinen Traumjob als Solotänzer am American Ballet Theater bekam, schaffte er es schnell zum Meistertänzer. Hier hat er die Freiheit, sich auszudrücken – und seinen 172.000 Follower auf Instagram scheint genau das zu gefallen.

James Whiteside Drag

Whiteside ist 1,82 Meter groß, mit markanten Gesichtszügen, dunklem Haar und einem vollen Bart. Seinen Oberkörper zieren tätowierte Kratzer. Zu seinem 34. Geburtstag postete er ein Foto auf Instagram, in dem er nur mit einem Tutu bekleidet ist. Die Caption dazu: "Older, wiza, and closer to Liza!" Nicht nur ist Whiteside im Laufe der Jahre weiser geworden, er tanzt inzwischen seit einem Vierteljahrhundert. Alles fing an, als er neun war: Seine Mutter warf ihm ein Telefonbuch hin und meinte, er solle sich eine Beschäftigung suchen. Zusammen mit vier Geschwistern wuchs er in Fairfield, Connecticut, auf – und war offenbar nicht das einfachste Kind: "Ich war wie eine Zeichentrickfigur. Jede Menge Energie, interessiert am Performen, egal, ob ich tanzte, sang oder Leute zum Lachen brachte." Er habe es geliebt, Menschen zu unterhalten, schon bevor er das Tanzen für sich entdeckte. "Damit meine ich eigentlich, dass ich die Aufmerksamkeit mochte", grinst er.

James Whiteside Ballet

Aus Whitesides Wunsch nach Aufmerksamkeit ist eine beispiellose Beharrlichkeit geworden. Und ein Drang dazu, einfach alles zu machen. So veröffentlichte er 2012 den Song "I Hate My Job" unter dem Pseudonym JbDubs. Das Video zeigt den Tänzer zwar ohne Hose, dafür in roten Stilettos und bekam mehr als 3,5 Millionen Views. Als Dragqueen hat er bereits in den größten Clubs New Yorks performt. Stets an seiner Seite: sein Freund und Dairy-Queens-Gründer Dan "Milk" Donigan, der an gleich zwei Staffeln von RuPaul's Drag Race teilnahm. Als wäre das noch nicht genug, moderiert der Profitänzer auch den Podcast The Stage Rightside with James Whiteside, der eine Einblicke ins Privatleben und in die Arbeit von Balletttänzern liefert.

Am American Ballet Theater schlüpfte er schon in die Rollen heterosexueller Herzensbrecher ( Cinderella, Giselle, Der Nussknacker, Romeo und Julia, Schwanensee, Dornröschen), oft an der Seite von Cassandra Trenary, die die Simone in The Tenant verkörpert. Sein Tag beginnt um zehn Uhr morgens mit einem eineinhalbstündigen Ballettkurs, danach probt er weitere sieben Stunden. Am Abend folgt häufig noch ein Auftritt. Trotzdem hat sich der Tänzer die Zeit für Pitas Projekt genommen. "Ich habe so hart gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin", meint Whiteside. "Ich sollte mittlerweile öfter die Freiheit haben, die Rollen auszuwählen, die ich wirklich möchte." Seine Rolle in The Tenant sei eine Flucht vor dem traditionellen Ballett, dessen Geschlechterrollen noch in der Vergangenheit stecke. Es ist eine Inszenierung, die dank der queeren Darstellung von Gender und Sexualität für immer relevant bleiben wird.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.