Fotos über Volchok Clothing

Zwischen Rave und Politik: Wenn ein T-Shirt eine Revolution startet

Vasili Volchok fängt mit seinem Label den Geist der ukrainischen und russischen Jugend ein

von Lorenz Hartwig
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03 Dezember 2018, 10:46am

Fotos über Volchok Clothing

Vasili Volchoks Leben klingt wie ein Märchen: ein vollkommen mittelloser Junge, der selbstbedruckte T-Shirts verkauft, erobert plötzlich die Laufstege in Paris und Mailand. Am Anfang seines Erfolgs stand das große Nichts. Im Jahr 2008 verlor Vasili nach fünf Gehaltskürzungen über Nacht seine Stelle als Architekt. Er wusste nicht mehr, wie er seine Miete zahlen sollte und schlug sich mit verschiedenen Jobs durchs Leben. Verdiente ein paar Rubel als Dekorateur bei Filmproduktionen, ließ sich als Kameramann für die Kindergeburtstage Moskauer Oligarchen buchen und handelte mit Gerümpel aus der Sowjetzeit. "Wir hatten nichts zu verlieren", sagt Vasili, "in so einer Situation kannst du entweder aufgeben oder du fängst an, dir eigenhändig etwas aufzubauen."


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Er entschied sich für die zweite Option: Im Jahr 2011 war es so weit und er eröffnete Pokoleniye (zu deutsch "Generation"), Moskaus ersten Laden für russische Streetwear. "Wir konnten uns westliche Marken einfach nicht leisten, deswegen fingen einige Freunde an, in ihren WG-Zimmern selbst Mode zu designen", erzählt Vasili. Auf seinen Kleiderstangen hingen die ersten Kollektionen von mittlerweile etablierten Labels wie Sputnik 1985, Mech und Sh’u. Nicht nur modisch, auch musikalisch sagten sie sich vom Westen los. In seinem Laden lief der Song "Jugend" des russischen Elektropopsängers Mujuice in Dauerschleife. Das Lied inspirierte ihn, sein erstes eigenes T-Shirt zu gestalten, auf das er in kyrillischen Lettern passenderweise das Wort "Jugend" druckte. Nach einem Konzert begegnete er dann Yannis Philippakis, der Frontmann der englischen Indie Band Foals. Philippakis gefiel das Shirt so sehr, dass die beiden Shirts tauschten. Philippakis tourte damit durch Europa und Vasilis Print ging auf Instagram und Facebook viral – die Marke Volchok war geboren.

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Dabei hatte Vasili nie geplant, Mode zu machen. Sein Interesse für Kleidung beschränkte sich auf eine Sammlung schwarzer Heavy-Metal-Shirts. Am Medium T-Shirt reizte ihn, dass es wie kein anderes Kleidungsstück Mittel eines künstlerischen Ausdrucks sein kann. Und das nicht wegen seines Schnitts, sondern Prints. Für sein zweites Design druckte er den Schriftzug "Russischer Underground" in kyrillischen Buchstaben auf Shirts, Pullover, Schals und Mützen. Bald posierten damit kahlgeschorene Vorstadtkids mit Tattoos bis unter die Stirnfalte vor Plattenbaukulissen. Vasilis Design traf den Zeitgeist, schließlich wollte die russische Jugend endlich einen unabhängigen Stil kreieren – brutal, reduziert, post-sowietisch. In Vasilis Auslegung bedeutet das postmoderner Remix. Er verarbeitet Tribals aus der Raveszene der 90er mit Butterfly-Messern, vermischt sie mit Asia-Kitsch wie Ninja-Wurfsternen oder Yin-und-Yang-Symbolen und addiert Zeichen aus der russischen Gefängnis-Tattooszene.

Mit dem Beginn der Maidan-Revolution im November 2013 bekam seine Mode plötzlich eine politische Dimension. "Ich habe überhaupt nicht verstanden, was da vor sich ging. Ich hatte nur Mitleid mit den Menschen. Selbst meine Freunde aus Kiew wussten nicht, was da passierte. Dann kamen die Sanktionen, der Flugzeugabsturz von MH17 und die Annexion der Krim. Das fühlte sich an wie eine verrückte Reality Show", erinnert sich Vasili. Plötzlich war "Russe sein" gleichbedeutend mit Feindschaft zur Ukraine und Europa.

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Aus dieser Freund-Feind-Denke befreite sich vor allem die aufkeimende russische und ukrainische Raveszene auf den Tanzflächen illegaler Partys in leerstehenden Fabrikhallen. "Je schlimmer die politische Lage, desto besser sind die Raves", sagt Vasili und lacht. Techno verband die Jugend zwischen dem CXEMA in Kiew und Clubs wie dem Rabitsa in Moskau. Die Jugend hat sich abseits staatlicher Kontrollen einen Freiraum geschaffen, in dem sie freizügig experimentieren kann. Mit ihren Schweißerbrillen, weiten Militärhosen, Atemschutzmasken und bauchfreien Netztops lassen die Raver eine Retro-Version der 90er aufleben. "Ich liebe es, verschiedene Tanzstile auf einem Rave zu beobachten. Auf beiden Seiten der Grenze tragen sie unsere Shirts", sagt Vasili.

Eine unerwartete Realitätsklatsche kam dann, als die russischen Behörden seinen Freund Anton Koba in die Ukraine abschoben. Vasili wollte den Kontakt mit Anton nicht verlieren, also beschloss er, neben seinen Läden in Moskau und St. Petersburg einen weiteren in Kiew zu eröffnen – trotz bestehender Wirtschafts-Sanktionen. "Ukraine und Russland sind für uns vereinigt und wir haben Freunde drüben, die genauso denken", sagt Vasili. Bislang gibt es keine Direktflüge zwischen Moskau und Kiew, die Einreise ist für ihn nur über das weißrussische Minsk möglich. "Um die Kollektionen rüberzubringen, müssen wir kreative Lösungen finden", sagt Vasili mit einem Augenzwinkern, die Jugend beider Länder dankt es ihm.

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Dass sich Volchok mit den Großen messen kann, beweisen die Moskauer Fake-Märkte, wo seine kopierten Designs neben denen von Vetements und Balenciaga liegen. "Erst wenn sie dich kopieren, hast du es geschafft", sagt Vasili. Die Fakes inspirierten ihn zu seiner REPLICA-Show, die er auf der Moskauer Fashion Week zeigte. Er kaufte einen Haufen kopierter Shirts, gestaltete einen riesigen Flickenteppich daraus und hängte ihn in den Eingang einer leerstehenden Fabrikhalle. Zwischen den Säulen des Raumes arrangierte er die Stücke seiner Kollektion. Die Stickereien und Drucke auf den Kleidern ließ er von den Künstlern Nicholas Koshkosh, Yaroslav Putyata und Dima Melancholiac gestalten. Doch weil Vasili klassische Modenschauen langweilig findet, sorgte er dafür, dass sich im Publikum genügend Raver befanden, die nur darauf warteten, sich zuzudröhnen und die Kleider von den Wänden zu reißen.

Volchok wurde an diesem Abend auf die Pitti Uomo in Florenz und die Fashion Week in Paris eingeladen – so richtig glauben kann er es noch immer nicht. Aus dem arbeitslosen Architekten ist ein erfolgreicher Modedesigner geworden. Mit einer Krise und einem T-Shirt hat alles angefangen. Und vielleicht ist das die wahre Macht der Jugend: an Dinge zu glauben, die niemand für möglich hält.

@volchokclothing

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