Foto: No. 223

1 Hotel, 3 Tage und eine Gruppe nackter Fremder

Der chinesische Fotograf No. 223 (aka Lin Zhipeng) hat im Hôtel Grand Amour seine Instagram-Models in verspielten, erotischen Szenen posieren lassen.

von Sarah Moroz
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15 November 2018, 11:18am

Foto: No. 223

Stelle dir vor, dir wird ein Hotel für drei Tage zur Verfügung gestellt und du könntest machen, was du willst. Für was würdest du dich entscheiden? Eine Gruppe Fremder einladen, die nackt mit Essen spielen und Tauben durchs Zimmer fliegen lassen? Ja, das wäre auch nicht unbedingt unsere erste Idee gewesen, aber klingt definitiv nicht schlecht. Der in Beijing lebende Fotograf Lin Zhipeng aka No. 223 bekam die Möglichkeit seiner Fantasie im Pariser Hôtel Grand Amour freien Lauf zu lassen und Bilder für seine neuste Ausstellung zu schießen. Entstanden sind Fotos, die vom erotischen Hedonismus und jugendlicher Sorglosigkeit erzählen.


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Am Abend der Ausstellungseröffnung wurden seine Fotos zum Leben erweckt, als drei der Models plötzlich nackt zwischen den Gästen standen, genüsslich Granatäpfel verspeisten und außerordentlich interessiert die Bilder ihrer selbst betrachteten. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit dem Autor und Fotografen über sein Casting, Mangas und Zensur zu sprechen.

No. 223 Hotel

Wie hast du deine Models überhaupt gefunden?
Wir haben einen Aufruf auf Instagram gestartet, in dem ich meinte: "Ich komme nach Paris, um ein ganz besonderes Projekt im Grand Amour Hotel zu fotografieren. Schickt mir eine Mail, wenn ihr Interesse habt"

Wie war es, Nacktfotos von komplett Fremden zu machen?
Das habe ich ja schon vorher gemacht, als ich an meinem Projekt über schwule und lesbische Paare in China gearbeitet habe. Die Pärchen habe ich auch durch Instagram gefunden, danach bin ich in die verschiedenen Städte gefahren, um sie zu treffen.

No. 223

Eigentlich hast du "Financial English" studiert – ein ziemlicher Unterschied zu deinem heutigen Beruf. Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Mein Vater hat in einer Bank gearbeitet und wollte, dass ich denselben Weg gehe. Das hat mich allerdings nicht interessiert, also habe ich mir nach meinem Abschluss einen Job bei einem Magazin gesucht. In dieser Branche habe ich sieben Jahre lang als Redakteur und Autor gearbeitet. So kam ich auch erst dazu, mit meinem Partner Zines und Bücher zu kreieren, ich liebe das Haptische. Was ist definitiv nicht liebe, ist der Finanzsektor. Ich habe nie Kunst studiert, sondern mir alles selbst beigebracht. Als ich jung war, habe ich viel gezeichnet und Mangas gesammelt. Fotografie ist jedoch schneller, das ist für mich befriedigender.

No. 223

Du nutzt viele Requisiten wie Obst und Gemüse in deinen Bildern.
Ich möchte Spaß haben mit meiner Fotografie und keinen Druck auf meine Models ausüben. Wenn wir uns treffen und ich ein Foto mach, ist das ein ganz spontaner Prozess. Alles passiert am Set, vorher habe ich noch keine wirkliche Idee, was passieren wird. Ich organisiere lediglich Requisiten, ich liebe zum Beispiel Blumen. Vor allem, wenn sie vom Blitz meiner Kamera getroffen werden. Es ist hart und doch gleichzeitig romantisch. Aber auch Nahrung kann sexy sein, wenn du sie mit dem Körper kombinierst. Außerdem liebe ich auffällige Muster in Stoffen, auf Tapeten und Boden.

Und echte Vögel sind auch noch im Shoot!
Eigentlich wollte ich zehn Tauben, aber die sind zu teuer in Paris. Deswegen haben wir nur zwei geholt ... Es wäre ziemlich romantisch gewesen, wenn so viele Vögel im Raum herumgeflogen wären. Der Typ, der mir mit den Requisiten geholfen hat, scherzte, wir könnten auch einfach Tauben von der Straße fangen.

No. 223

Dein Name 223 ist eine Referenz an den Polizisten aus Wong Kar-Wais Film Chungking Express. Inwiefern beeinflussen Filme deine Fotografien?
Meine Bilder lassen Emotionen frei, die so auch im Film zu finden sind. Ich mag es, Geschichten zu erzählen. Seit 18 Jahren nutze ich bereits die 223 als Künstlername. Mittlerweile steht er losgelöst zu dem Film. In China nennt mich heute jeder so, niemand benutzt meinen richtigen Namen. Und zu denen, die tatsächlich mal Zhipeng sagen, erwidere ich: "So nennt mich nur meine Mutter!"

No. 223

Du reist sehr viel herum. Inwiefern öffnen sich neue Möglichkeiten für dich, wenn du an einem neuen Ort bist?
Es ist leicht Fotos von Freunden zu machen, aber es ist eine Herausforderung, seine Arbeit an weniger touristischen Orten machen zu können. Im Jahr bin ich wahrscheinlich drei bis vier Monate auf Reisen, meist in weniger populären Ländern. Ich war zum Beispiel in Vanuatu, ein kleines Land im Süd-Pazifik in der Nähe von Fiji. Es ist noch sehr naturbelassen. Ich habe sogar einen aktiven Vulkan bestiegen! Europa mag ich nicht so gerne, das ist immer das gleiche. Außer Berlin, die Stadt ist spannend. Madagaskar ist toll, mit den ganzen Affen, die du dort beobachten kannst. Und erst die Chamäleons ... die sind wie kleine Drachen!

Wie findest du die Kreativ-Szene in Beijing?
Die Stadt ist mittlerweile recht langweilig geworden, die Regierung mischt sich extrem ein. Es gab immer viele Partys, zu denen ich gerne gegangen bin. Heute musst du erst eine offizielle Anfrage schicken, bevor du ein Event schmeißen darfst.

No. 223

Deine Arbeit wurde bereits häufig von den chinesischen Autoritäten zensiert. Schränkt das deine Kreativität ein?
Darüber mache ich mir ehrlich gesagt keinen Kopf. Wie streng die Zensur ist, hängt auch immer von der jeweiligen Stadt ab. Vor vier Monaten hatte ich eine Ausstellung in Beijing, in der 27 Nacktfotos hingen, was komplett in Ordnung war und für keinerlei Probleme sorgte. Danach ist die Ausstellung in eine kleinere Stadt gezogen und plötzlich hat die Regierung drei Bilder entfernt ...

Aber so funktioniert Instagram ja auch! Deswegen muss ich auf viele meiner Bilder schwarze Kästen setzen, um sie überhaupt posten zu dürfen. Ein Bild, auf dem eine Frau einen Penis in der Hand hält, wurde gleich drei Mal gelöscht. Den Penis hatte ich sogar schon verpixelt, sodass man keine Details erkennen konnte. Irgendwann habe ich einfach einen gigantischen schwarzen Kaste über das Bild gezogen, weil es immer wieder entfernt wurde. Ich lebe in den sozialen Medien, ich muss ihren Regeln folgen. Vor vielen Jahren gab es auch mal einen Magazinladen in China mit Nacktbildern in ausländischen Magazinen – sie wurden mit einem Buntstift übermalt. Das war so absurd!

Dein neues Buch Sour Strawberries adressiert dieses Thema sehr direkt, allerdings auf eine charmante Art.
Ja, es ist ein direkter Kommentar zur Zensur-Gesellschaft. Von jedem Bild musst du erst eine pixelige Folie entfernen, um das echte Bild sehen zu können.

@finger223

No. 223
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No. 223
No 223

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.