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Warum Tausende Schüler und Schülerinnen freitags die Schule schwänzen

Streiken für die Umwelt: Wir haben mit acht Demonstrierenden aus sechs Ländern über ihren Protest gesprochen.

von Clementine de Pressigny und Teresa Toth
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18 Februar 2019, 3:51pm

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Stell dir vor, du hast die Wahl: Entweder du setzt dich dafür ein, dass alle Lebewesen auf dieser Erde weiterleben können, oder du sorgst dafür, dass unser Planet weiter ungebremst auf sein Ende zuschlittert. Eigentlich eine eindeutige Entscheidung. Und trotzdem scheinen viele Regierungen auf der ganzen Welt mit der zweiten Option zu liebäugeln.

Das Thema Klimawandel ist sehr komplex, aber eine beunruhigende Sache steht bereits fest: Wir müssen die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius beschränken – und haben dafür nur noch 12 Jahre Zeit. Kurz gesagt: Die Klimakrise ist real und es gibt eine Deadline.


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Letzten August traf die damals 15-jährige Schwedin Greta Thunberg eines Freitags die Entscheidung, nicht zur Schule zu gehen und stattdessen vor dem schwedischen Parlament zu demonstrieren – gegen den fehlenden Einsatz im Kampf gegen den Klimawandel. Sie war sich der dringlichen Lage bewusst und fand es absolut inakzeptabel, dass die führenden Köpfe dieser Welt nichts unternehmen. Obwohl es hier um unsere Zukunft geht. Warum sollte man also irgendwelche langweiligen Fakten in der Schule auswendig lernen, wenn die Regierung den dringlichsten Fakt unserer Zeit ignoriert? Seitdem streikt Greta jeden Freitag und hat damit eine globale Bewegung losgetreten: Tausende andere Schüler und Schülerinnen beteiligen sich inzwischen an den "Fridays for Future".

Acht junge Aktivistinnen aus der ganzen Welt, darunter auch Deutschland, erzählen uns, wie sie sich engagieren, was im Kampf gegen den Klimawandel als nächstes passieren muss und warum gerade ihre Generation verhindern will, dass der Rest der Welt die größte Bedrohung für die Menschheit weiter ignoriert.

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Franziska Wessel, 14, Berlin

Du hast zusammen mit deinen Eltern ein Jahr lang versucht, klimaneutral zu leben. Was hast du in dieser Zeit gelernt?
Wir hatten das Ziel, unseren CO2-Ausstoß radikal abzusenken – ohne "Öko-Spießer" zu werden. Wir hatten kein Auto mehr, sind nicht mehr geflogen, haben unsere Fenster abgedichtet und auch unsere Ernährung umgestellt. Dadurch verringerte jeder von uns seinen CO2-Ausstoß um vier Tonnen. Dadurch habe ich gemerkt, dass es gar nicht so schwer ist, klimaneutral zu leben und habe viele Lebensformen beibehalten: Ich fahre zum Beispiel fast nur noch mit dem Fahrrad und überlege mir zweimal, ob ich eine Mango kaufe, die extra eingeflogen werden muss.

Was heißt Aktivismus für dich?
Aktiv zu sein, für etwas einzustehen und dafür zu kämpfen. Man muss von etwas überzeugt sein und die Welt verändern wollen. Man kann auf viele verschiedene Arten Aktivismus betreiben: Wir versuchen, Leute zu mobilisieren, aktiv gegen die jetzige Klimapolitik vorzugehen um die Welt nachhaltig zu verändern.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass ganz viele junge Menschen erkennen, wie wichtig Klimaschutz ist. Wir haben nur noch elf Jahre Zeit, um unsere Politik zu ändern, einen Kohleausstieg und eine Verkehrswende durchzuführen. Deshalb möchte ich, dass die Politik aufwacht und möglichst vielen klar wird, dass wir keine andere Wahl haben, außer zu handeln.

Deine Nachricht an alle Politiker?
Ich würde ihnen gerne klarmachen, dass es meine Zukunft ist, die bedroht ist! Es kann nicht sein, dass erst 2019 über einen Kohleausstieg verhandelt wird, obwohl er schon längst hätte passieren sollen. Und es kann auch nicht sein, dass der Kompromiss der Kohlekommission befürwortet wird. Ich kann an meinem eigenen Verhalten natürlich etwas verändern, doch inzwischen geht dieser Welt die Zeit verloren. Ich möchte, dass auch die nächsten Generationen diese Welt noch erleben können, so wie ich sie erlebe – mit riesigen Gletschern und Schnee im Winter. Und genau deswegen muss jetzt gehandelt werden.

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Anna Taylor, 17, London

Du hast eine Gruppe für Umweltaktivisten gegründet. Was macht ihr?
Ich habe gemeinsam mit vier anderen Schülerinnen das UK Students Climate Network (UKSCN) gegründet. Wir wollen junge Menschen auf den Klimawandel aufmerksam machen, sie mobilisieren und ermutigen, sich aktiv einzubringen. Die "UK Youth Strikes" ist die erste landesweite Aktion, an der wir beteiligt sind.

Warum streikt ihr?
Wir haben vier Forderungen formuliert. Erstens soll die Regierung Großbritanniens einen Klima-Notstand ausrufen und die Umweltreform zur Priorität machen. Zweitens fordern wir Veränderungen im Lehrplan: Im Unterricht muss ehrlich und akkurat behandelt werden, wie ernst die Klimakrise ist. Drittens wollen wir das Wahlrecht ab 16 Jahren und viertens, dass das Jugendparlament stärker einbezogen wird.

Du engagierst dich stark für die Umwelt. Stehst du damit in deinem Umfeld alleine da?
In meiner Schule habe ich mich in diesem Punkt als Sonderling gefühlt. Aber durch den Streik habe ich viele Gleichgesinnte in meinem Alter kennengelernt. Trotzdem glaube ich, dass wir in Großbritannien eine Minderheit sind, wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche. Genau darum ist es so wichtig, dass wir uns engagieren, damit wir bis Ende 2019 nicht mehr in der Unterzahl sind.

Was bedeutet Fridays For Future für dich?
Schüler*innen auf der ganzen Welt tun sich zusammen, weil wir glauben, dass die Machthabenden und die Generationen vor uns dieses Thema nicht ernst genug genommen haben. Doch der Klimawandel wird zu einem immer größeren Problem, die Krise ist bereits in vollem Gange. Weltweit sterben Menschen durch Dürren oder Überschwemmungen – und das wird nur schlimmer werden. Mit diesen Demos machen wir deutlich: 'Ihr müsst uns zuhören und jetzt handeln.'

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Photo: Conrado Muluc

Nadia Nazar, 16, Baltimore

Wann hast du angefangen, dich für den Umweltschutz zu interessieren?
Meine Mutter ist Meeresbiologin. Ich habe früher immer die Fische in ihrem Labor beobachtet und war schon immer sehr naturverbunden. Dann lernte ich mehr über den Klimawandel und wie viele Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Es ist so belastend, dass meine Generation mit diesem Problem fertig werden muss. Ich möchte nicht in der Angst leben, dass ich wegen des Klimawandels kein normales Leben führen kann.

Du hast die Gruppe Zero Hour mitgegründet. Was macht ihr?
Wir sind eine Jugendorganisation, die sich für den Klimaschutz einsetzt und konzentrieren uns darauf, wie Leute mit diversen Identitäten unterschiedlich vom Klimawandel betroffen sind. Rassistische, patriarchalische, kapitalistische und kolonialistische Strukturen haben alle dazu beigetragen, den Klimawandel zu beschleunigen. Der Klimawandel spaltet unsere Welt weiter.

Ihr setzt euch für Klimagerechtigkeit ein. Was ist das genau?
Durch Zero Hour habe ich viel darüber gelernt. In Bangladesch werden zum Beispiel Schulen nach einer Überschwemmung als Notunterkünfte genutzt. Und die kommen immer häufiger vor. Dadurch verlieren die Kinder ihren Zugang zur Bildung – wie sollen sie dann als Erwachsene Chancen ergreifen und ihre Träume verwirklichen?

Es ist toll, zu sehen, wie junge Leute sich für Klimagerechtigkeit einsetzen. Gleichzeitig scheint es unfair, dass sich nicht die Erwachsenen darum kümmern. Findest du das frustrierend?
Wir werden von ein paar tollen Erwachsenen unterstützt. Allerdings nehmen mich viele Erwachsene wegen meines Alters nicht ernst. Das ist Teil des Problems. Bisher wurden junge Leute von Diskussionen ausgeschlossen, obwohl Umweltthemen meine und die nachfolgenden Generationen am meisten betreffen. Es ist sehr schwer, Erwachsene zu überzeugen, darum rede ich mit so vielen wie möglich, um die Botschaft weiterzutragen.

Hier kannst du mehr über Zero Hour erfahren.

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Haven Coleman, 12, Denver

Was hast du unternommen, als dir klar wurde, wie schlimm es um unsere Umwelt steht
Zuerst machte ich mich über das Thema schlau, bevor ich mit den Problemen, die meine Community betreffen, zu den Lokalpolitikern ging. Dann organisierte ich Demos. Heute besteht ein Großteil meiner Aufgaben darin, andere Leute dazu zu motivieren, selbst etwas zu unternehmen.

Unterstützt dich deine Schule?
Meine Schule ist nicht gerade glücklich über meine Abwesenheit. Ich verpasse wegen meines Einsatzes für das Klima sowieso schon viel im Unterricht. Ich habe als Aktivistin aber schon viel mehr über die Welt gelernt, als ich es im Klassenzimmer jemals könnte.

An welchen positiven Moment aus deiner bisherigen Zeit als Aktivistin erinnerst du dich besonders gerne zurück?
Eigentlich ist es immer am schönsten, wenn ich anderen Schüler*innen etwas über den Klimawandel beibringe. Und wenn mir andere Jugendliche schreiben, dass ich ihnen bewusst gemacht habe, dass auch sie etwas tun können. Sie erzählen mir von ihren Ideen für eine bessere Welt. Genau das motiviert mich immer wieder.

Wie steht es um die Natur in deiner Heimat?
Ich lebe in den Rocky Mountains, wo wir im Sommer mit Waldbränden und schlechter Luft zu kämpfen haben. In den abgebrannten Berggebieten kommt es immer wieder zu Überschwemmungen, aber auch Dürreperioden. Das alles schadet den Wildtieren. Die steigenden Temperaturen führen außerdem dazu, dass es immer mehr Bergkiefernkäfer gibt.

Du bist noch jung, musst aber die Erwachsenen darauf aufmerksam machen, wie ernst die Lage ist. Wie gehst du mit diesem frustrierenden Aspekt deines Umweltaktivismus um?
Ich muss Erwachsene auf ihre Fehler aufmerksam machen und habe ständig das Gefühl, dass es an mir liegt, meine Zukunft wieder in Ordnung zu bringen. Manchmal wird mir das Thema Klimawandel auch zu viel. Wenn ich solche Tiefs erlebe und nur noch heulen könnte, machen mir die vielen Aktivist*innen aus der ganzen Welt wieder Hoffnung. Sie erinnern mich daran, dass ich nicht aufgeben darf und ich das Richtige tue!

Angenommen, jemand kann dem Unterricht nicht fernbleiben. Wie kann man die Klimabewegung anderweitig unterstützen?
Man kann immer noch bei der Organisation der Streiks mithelfen, auch wenn man selbst nicht daran teilnimmt. Wichtig ist die Begeisterung, mehr Leute zum Kampf gegen den Klimawandel zu inspirieren. Ansonsten kann man aber auch in den sozialen Medien über die Streiks schreiben.

Was entgegnest du Menschen, die nicht einsehen, dass wir etwas gegen den Klimawandel unternehmen müssen?
Mit solchen Leuten beschäftige ich mich erst gar nicht. Es ist wichtiger, die Menschen, die das Problem erkennen, zum Handeln zu bewegen.

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Lilly Platt, 10, Utrecht

Wie hast du angefangen, dich für die Umwelt einzusetzen?
Ich wollte schon immer mithelfen. 2015 nahm ich mich dem Plastikmüll an: Zusammen mit meinem Opa ging ich spazieren, dabei zählten wir ganze 91 Stücke Plastikmüll. Wir machten ein Foto davon und posteten es, um die Leute auf das Problem aufmerksam zu machen. Und schon war Lillys Plastic Pickup geboren.

Warum streikst du für das Klima?
Letzten September sah ich das Video von Greta Thunberg, in dem sie über das Pariser Abkommen redet. Da war für mich klar, dass auch ich etwas unternehmen muss. Direkt am Freitag danach weigerte ich mich zum ersten Mal, zur Schule zu gehen. Einmal waren wir sogar 25 Demonstrierende, das kommt immer auf das Wetter an.

Was bedeutet Fridays for Future für dich?
Warum sollte ich etwas lernen, wenn die älteren Generationen die Zukunft der Kinder zerstören? Auch wir jungen Menschen müssen eine Stimme haben. Wir streiken für unsere Zukunft, die Umwelt und für unseren Planeten.

Youth Strike for Climate

Vanessa Nakate, 22, Kampala

Seit wann machst du dir Sorgen um den Klimawandel?
Im Dezember 2018 erklärte mir mein Onkel, wie die Wettermuster in Uganda vor 20 Jahren aussahen – seitdem hat sich alles drastisch geändert. Damals regnete es den Januar durch, inzwischen wird es bei uns extrem heiß. Durch das Gespräch wurde mir klar, dass der Klimawandel ein Problem ist.

Wie bist du bisher aktiv geworden?
Indem ich meine Geschwister mobilisierte. Wir malten Schilder und gingen am nächsten Tag protestieren. Das war an einem Sonntag. Nur weil Freitag ein wichtiger Aktionstag ist, braucht man nicht warten. Wir wollten lieber gleich etwas tun.

Die Jugendstreiks gehen um die Welt. Warum bekommt dieses Format so viel Zuspruch?
Weil die Jugendlichen genau wissen, was sie wollen. Wir setzen uns für eine bessere Zukunft ein. Wir wissen, dass wir den Klimawandel nicht überleben werden, wenn niemand etwas unternimmt. Wir lieben die Erde und sehen sie als unsere Verantwortung.

Youth strike for climate

Jean Hinchliffe, 15, Sydney

Wie kamst du zu den Schulstreiks?
Damals war nur ein Event in Melbourne geplant. Ich war frustriert, wie wenig Australien gegen den Klimawandel unternimmt, also meldete ich mich sofort an. Ich organisiere weiterhin den Streik in Sydney mit, aber helfe inzwischen auch unseren Verbündeten in anderen Ländern. Ich werde dieses Schuljahr jeden Freitag einen halben Tag lang streiken. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

Welche Veränderung wollt ihr bewirken?
Im Moment sieht es bei uns im Bezug auf den Klimawandel wirklich düster aus. Wir haben nicht nur die schlimmste Hitzewelle der Geschichte hinter uns, im Land brennen auch überall Buschfeuer. Unsere Regierung scheint das nicht zu kümmern. Unser Ziel ist es, dass Australien bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien umsteigt und keine neuen Quellen für fossile Brennstoffe zulässt. Deswegen versuchen wir auch, den Bau eines neues Kohlebergwerks zu verhindern.

Du bist 15 Jahre alt und musst einen Teil deiner Schulzeit opfern, damit etwas gegen den Klimawandel geschieht. Das ist doch verrückt.
Ich finde es irrsinnig, dass Staatsoberhäupter die Klimakrise so leicht abtun. Meiner Meinung nach ist das die größte Krise in der Geschichte der Menschheit. Trotzdem schaffen es einige Leute, sie einfach unter den Teppich zu kehren. Ich sollte nicht fordern müssen, dass sich Politikerinnen für meine Zukunft einsetzen.

Glaubst du, dass deine Generation echte positive Veränderungen umsetzen wird?
Ich glaube fest, dass der Klimawandel nicht annähernd so dramatisch wäre, wenn meine Generation das Sagen hätte. Obwohl wir nicht wählen dürfen, beeinflussen wir weltweit die Politik. Die Gen Z setzt bereits positive Veränderung um, von der #NeverAgain-Bewegung bis hin zu diesem riesigen Streik. Ich denke, das wird in nächster Zeit so weitergehen. Wir können nicht warten, bis wir an der Macht sind, wir müssen jetzt etwas verändern.

Youth strike for climate

Holly Gillibrand, 13, Fort William

Wann hast du angefangen, dich für das Klima zu engagieren?
Das entwickelte sich langsam, ich habe mich aber schon von klein auf für die Umwelt interessiert. Zu Hause fingen wir an, Blumen und Bäume zu pflanzen und kleine Teiche auszuheben. Zum ersten Mal richtig aktiv wurde ich, als ich in verschiedenen lokalen Geschäften und Restaurants darum bat, keine Plastikstrohhalme mehr zu verwenden. Jetzt engagiere ich mich in der "Extinction Rebellion"-Bewegung und streike für das Klima. Außerdem setze ich mich für die Tierschutzorganisation One Kind ein.

Glaubst du, dass die Schulstreiks etwas verändern werden?
Meiner Meinung nach ist das eine starke Aktion. Vor allem in Großbritannien hört man uns jungen Menschen noch nicht wirklich zu. Je mehr Leute hier mitmachen, desto schneller wird sich das ändern. Die Regierenden müssen sich irgendwann mit den streikenden Kindern auseinandersetzen. Sie können nicht einfach so weitermachen, weil die Proteste sonst nie aufhören.

Was bedeutet Fridays for Future für dich?
Die Regierung muss die Klimakrise endlich als ernstzunehmenden Notfall ansehen. Wir haben keine Zeit mehr, nur faul rumzusitzen.

Unter den Hashtags #FridaysForFuture, #YouthStrike4Climate, #Youth4Climate und #WhateverItTakes kannst du diesen und vielen anderen Aktivisten und Aktivistinnen folgen. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.