Die vergessene Geschichte der Latinx Rave-Szene in L.A.

Wir haben mit 'Map Pointz'-Gründerin Guadalupe Rosales über die Party Crews gesprochen, die Teenagern in den 90ern ein Gefühl von Zusammenhalt jenseits der Gang-Kultur gegeben haben.

von Marla Bahloul
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22 Januar 2019, 3:12pm

Guadalupe Rosales erinnert sich noch gut an die Party, die ihr Leben verändert hat: Sie war 12 Jahre alt und lauschte der ihr unbekannten Musik der Partygänger, die in dem Garten der Nachbarn herumlungerten. "Es war keine spanische Musik, sondern House", erinnert sich die Künstlerin. "Sie hatten einen DJ und die Leute haben sich gegenseitig zu Dance Battles herausgefordert." Es war das erste Mal, dass sie so gut wie ausschließlich Latino-Kids auf einer Party gesehen hatte.

Diese unerforschten Partykreise ließen Teeanger in ganz Südkalifornien in den 90ern aktiv werden. Verschiedenste Subkulturen trafen hier in Hinterhöfen aufeinander: Rebellen, Musikfreaks, House-Fans und sogenannte Mods. Zusammen haben sie den Grundstein für eine oft übersehene Latin-Dance-Subkultur gelegt.

Der Osten von L.A. wurde ein beliebtes Ziel für Chicanos, die die Bewegung dafür nutzten, ihre Identitäten zu erforschen. Party Crews wie die East Los Angeles Aztek Nation, mit der sich auch Rosales identifiziert, kreierten für die Teenager, die nichts mit dem Gang-Lifestyle zu tun haben wollten, ein Gefühl von Zusammenhalt. Im Jahr 1995 gab es schätzungsweise 500 verschiedene Party Crews ... und immer noch eine Menge Gewalt.

1996 wurde ihr Cousin, Ever Sanchez, mit einem Messer auf einer Party niedergestochen. Rosales wuchs in den 90ern zwischen Boyle Heights und East L.A. auf, das bedeutete auch, dass sie nicht nur der Gewalt von Gangs ausgesetzt war, sondern auch der Institutionalisierung öffentlicher Orte und dem Racial Profiling der Polizei. Gleichzeitig war es aber auch ein Ort, der massive kulturelle Innovation mit sich brachte.

Und Partys.

MAP POINTZ
Courtesy Guadalupe Rosales / Little Big Man Books

Die blühende Szene legte die Genialität der Chicano Jugend frei, die nach neuen und geheimen Wegen suchte, um inmitten der zunehmenden Polizeiüberwachung zu feiern. In einer Zeit, in der sich das Nachtleben übers Hörensagen und Flyer verbreitete, haben sie Pläne ausgeheckt, Polizeiräumungen zum Scheitern zu bringen.

"Neben der Gewalt, die ich erleben musste, wusste ich, dass meine Nachbarschaft so viel zu bieten hat", schreibt Rosales in Map Pointz, A Collective Memory, ein neues Buch, das auf ihren bekannten Instagram Fotos basiert, die die verschiedenen Szenen der Ära dokumentieren. "Ich hatte eine Community, die aus guten Freunden bestand, die ich als Familie angesehen habe", erklärt die Künstlerin. "Ich habe mich jeden Tag frei gefühlt. Los Angeles war eine ehrliche Stadt, ohne Zensur. Mein Zuhause."


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Die letzten vier Jahre verbrachte Rosales damit, ein riesiges Archiv zu erstellen, bei dem sie die Follower ihres zum Buch gewordenen Instagram-Projekts maßgeblich unterstützten. Von customized Crew-Hüten und Party Flyern bis zu Artikeln aus dem Street Beat, ein Jugendmagazin der Los Angeles Times. Die Künstlerin wurde des Öfteren dafür kritisiert, vermeintlich Gang Kultur in ihren Arbeiten zu verherrlichen. Doch eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall: Sie versucht, das Narrativ von Latinos, die oft stereotypisiert und als Gangster oder "Cholos" tituliert werden, in einen neuen Kontext zu setzen. "Chicano-Kultur ist so reich und deswegen auch so komplex", so Rosales weiter. "Du kennst nie wirklich die ganze Geschichte. Es ist eine Konstellation aus all den Dingen, die ständig passieren. So vieles wurde noch nicht von der Öffentlichkeit anerkannt, dazu gehört auch die Rave- und Party-Crew-Szene."

Doch warum das so ist, hat uns Rosales im Interview erklärt.

MAP POINTZ Buch
Courtesy Guadalupe Rosales / Little Big Man Books

Welche Inspiration steckt hinter deinem Projekt Map Pointz?
Ich wollte etwas erschaffen, das sehr spezifisch für die Partyszene und Rave-Subkultur in L.A. ist, und mich dabei immer noch spezifisch an Brown Folks und Chicanos richten. Auch wenn der Fokus auf Latinos lag, hat trotzdem jeder zusammen gefeiert, der Bock hatte. Wir haben nicht gesagt, "Du darfst hier nicht sein" oder etwas dergleichen. Trotzdem mussten wir die Türpolitik einigermaßen streng halten – schließlich herrschte in den 90ern viel Gang Gewalt und die Polizei verfolgte regelmäßig Teenager. Map Pointz ist auch dazu da, um diese Probleme zu thematisieren und darüber zu reden. Es ist nicht einfach nur eine ästhetische oder stilisierte Partyszene, sondern es geht auch darum, weshalb diese Orte damals so wichtig für uns waren.

Wir vergessen manchmal, wie wichtig Safe Spaces sind und machen uns nur wenig Gedanken darüber, dass Partys Menschen auch dabei helfen, ihre Identität auszuleben.
Ein Safe Space kann unterschiedliche Dinge bedeuten. Du kannst du selbst sein und dich mit anderen identifizieren. In L.A. gab es natürlich nicht nur eine Party pro Abend, sondern sicherlich zehn weitere. Aber wir wussten, dass diese Partys nicht für immer dauern werden, also sind wir von einer zur nächsten gegangen. Manche wurden von der Polizei gestürmt, aber wir hatten unsere Tricks und immer angefangen, "Happy Birthday" zu singen, damit sie dachten, es sei eine Geburtstagsparty.

Du hast die Gang Gewalt selbst miterlebt. Was blenden die meisten Leuten aus, wenn sie über die 90er in L.A. sprechen?
Wenn du Teil von etwas bist, wenn du damit aufwächst, scheint es normal für dich. Helikopter sind über unsere Köpfe geflogen und ständig hörte man Sirenen. Ich war Schusswechsel gewohnt. Jetzt denke ich mir, "Scheiße, wie abgefuckt war es eigentlich, dass ich so etwas sehen musste?" Ich habe miterlebt, wie dieser Typ vor mir erschossen wurde. Darin steckt so viel Trauma. Vielleicht war ich auch einfach jung und habe dem Ganzen nicht so viel Gewichtung gegeben, aber ich hatte wirklich Angst. Wenn ich so etwas heute sehen würde, würde es mich sicher ganz anders treffen.

Glaubst du, dass du mit deiner Arbeit deine Traumata konfrontierst?
Nicht wirklich konfrontieren, sondern sie eher nochmal besuchen und anerkennen. Ich will daran glauben, dass meine Arbeit eine heilende Wirkung hat, aber das hat sie nicht. Ich werde nie aufhören, darüber nachzudenken. Diese Erinnerungen werden für immer bei mir bleiben. Es geht eher darum, eine Geschichte zu erzählen, einen Teil meiner Geschichte zu teilen. In meiner Arbeit stelle ich Fragen, reflektiere. Ich interessiere mich nicht dafür, etwas zu zensieren. Ich stehe an einem Punkt im Leben, an dem ich über Traumata reden kann, aber das bedeutet im Umkehrschluss nicht unbedingt, dass andere bereit sind für diese Geschichten.

MAP POINTZ Buch
Courtesy Guadalupe Rosales / Little Big Man Books

Wie wichtig war es für dich, Teil einer Crew zu sein?
Wir hatten alle unterschiedliche Erfahrungen in Crews. Ich war Teil der Aztek Nation Crew. Es hat sich gut angefühlt, nicht alleine, sondern mit zehn anderen Leuten zu einer Party zu gehen. Ich habe meine Crew-Jacke mit Stolz getragen. Es hat sich wie eine Familie angefühlt.

Erzähle uns von deiner unvergesslichsten Party.
Ich wünschte, ich könnte mich noch an Orte erinnern, aber da sind nur bestimmte Szenen von Partys in meinem Kopf. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in einer dunklen Ecke im Hinterhof stand und diese Go-Go-Box sah, auf der die Leute getanzt haben. Da muss ich vielleicht zwölf gewesen sein. Mein Nachbar hatte eine Hausparty geschmissen und ich habe der Musik gelauscht. Es war keine spanische Musik, sondern House. Sie hatten einen DJ und die Leute haben einander zu Dance Battle aufgefordert. Dort waren nur Teenager ... Tagger und Musikfreaks in viel zu großen Hosen und T-Shirts, aber ich dachte nie, dass sie Gangster sind. Gangster sahen anders aus.

MAP POINTZ Buch
Courtesy Guadalupe Rosales / Little Big Man Books

Ist es auch schon vorgekommen, dass du dich auf einer Party nicht sicher gefühlt hast?
Meine Schwester hat eine Party bei mir geschmissen und die Gang aus der Nachbarschaft ist aufgetaucht. Sie haben angefangen, die Leute zu belästigen. In einer anderen Nacht habe ich Schüsse gehört, mein Cousin und ich sind nach draußen gerannt und haben diesen Kerl auf dem Boden liegen sehen. Und wir dachten uns nur "Scheiße, wir müssen hier weg." Die schaurigsten Momente waren trotzdem die, in denen ich alleine oder mit einer Freundin auf den Straßen unterwegs und niemand um uns herum war. Auch wenn es Gewalt auf den Partys gab, hat es sich auf den Straßen noch schlimmer angefühlt.

An wen richtet sich Map Pointz?
An viele verschiedene Menschen. Es ist sehr universell, weil sich die Leute mit dem Feiern identifizieren können – nicht nur in L.A., sondern auch in Europa, New York oder Chicago. Die Menschen wussten erst nicht, worüber wir da sprechen. Wir fahren nicht nur Low Riders und hören Oldies. Wir hören auch House, ziehen uns verrückt und bunt an. Teenager machen Flyer, sind einzigartig, kreativ und organisieren Partys. Ich fühle mich in vielerlei Hinsicht immer noch wie eine von ihnen. Einmal Teenager, immer Teenager.

MAP POINTZ Buch
Courtesy Guadalupe Rosales / Little Big Man Books

Welche Geschichte möchtest du mit deinem Archiv erzählen?
Die Leute sollen ihre eigene Geschichte nochmal überdenken. Sie sollen verstehen, dass ihre eigenen Erlebnisse in dieser Jugendkultur wertvoll sind. Wenn sie selbst noch diese alten Fotos haben, wird das nämlich einen Grund haben. Darin liegt etwas Einzigartiges. Ich glaube, dass sich viele mit meinen Erfahrungen identifizieren können, auch wenn sie es gar nicht wissen. Ich weiß auch erst jetzt, warum ich mein eigenes Archiv aufgehoben habe. Es ist Teil von mir. Und das werden viele andere auch verstehen.

@map_pointz

Alle Informationen zum Buch findest du hier. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Noisey-Kollegen aus der amerikanischen Redaktion.