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Bringt es wirklich etwas, Brunei zu boykottieren?

Nachdem der Sultan von Brunei die Einführung der Scharia-Gesetze durchsetzte, möchte die internationale Community nun seine Hotels entmachten. Aber welche anderen, effektiven Alternativen gibt es?

von Jake Hall
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10 April 2019, 8:54am

Foto: Screenshot von Pride in London

Diese Woche war ein harter Schlag für die Menschenrechte. Für Frauen. Für die LGBTQ+-Community. Schockiert und wütend mussten wir zusehen, wie der Sultan von Brunei sein Versprechen aus dem Jahr 2013 hielt und die Scharia-Gesetze in 'seinem' Land implementierte. Diese legalisieren Folter: Dieben dürfen ihre Extremitäten amputiert werden, Frauen können für Abtreibungen brutal ausgepeitscht werden, begehen sie einen Ehebruch, dürfen sie getötet werden und LGBT-Menschen dürfen zu Tode gesteinigt werden – der "Grund" Sodomie.

Internationale Gegenreaktionen wurden schnell laut. Elton John und George Clooney riefen auf zum Boykott der zehn Dorchester Collection Hotels, welche im Besitz des Sultans sind. Aktivisten organisierten weltweite Proteste, eine digitale Petition hat über 80.000 Unterschriften gesammelt, diverse Reiseunternehmen und Urlaubsportale haben Maßnahmen eingeleitet. Ähnliche Aufrufe zum Boykott kamen bereits in den Jahren 2013 und 2014 auf, die tatsächlich verhindern konnten, dass damals noch extremere Gesetze eingeführt wurden. Manchmal bringt Druck von außen eben doch etwas. Trotzdem ist es schwer, sich nicht von einem Gefühl der Machtlosigkeit überrennen zu lassen.

Die meisten von uns sind mit dem Konzept der Allyship vertraut – die Idee, dass wir unser Privileg nutzen können, um Menschen zu helfen, die größere Marginalisierung erfahren als wir. Das Internet macht es leichter als jemals zuvor, zum Ally zu werden, indem wir Petitionen unterschreiben, Geld spenden und Arschlöcher öffentlich zur Rechenschaft ziehen.

Reflexartiger Aktivismus kann allerdings manchmal mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen. Und im Falle von Brunei gibt es einiges zu bedenken. "In einer Notfallsituation spüren wir alle den Drang, etwas zu machen, doch ist es wichtig, erst einmal den betroffenen Communitys zuzuhören und ihrem Input zu folgen", meint Mathias Wasik, Senior Campaign Manager bei All Out, eine internationale NGO, die sich mit LGBTQ+-Aktivisten zusammentut, welche Verfolgung und teils lebensbedrohlicher Gefahr ausgesetzt sind. "Was wir als eine förderliche Aktion ansehen – wie beispielsweise ein Boykott der Industrie – kann schnell zu negativen Folgen führen und den Menschen vor Ort schaden."

So fragt All Out Betroffene nach ihren Bedürfnissen und trifft dann Maßnahmen, um sie zu unterstützen. "Sobald diese Arbeit getan ist, können wir internationale Solidarität zeigen und Petitionen starten, die News online teilen und an Demonstrationen partizipieren", führt er fort.

Doch die Betroffenen ausfindig zu machen, ist nicht immer leicht. Die LGBTQ+-Community in Brunei ist dazu gezwungen, sich versteckt zu halten. Sie leben so sehr unter dem Radar, dass eine Forschungsstudie aus dem Jahr 2011 nur 29 Teilnehmende gewinnen konnte. Und auch in den wenigen Interviews, die Medien in den letzten Tagen führen konnten, wollten die Menschen aus offensichtlichen Gründen lieber anonym bleiben. Wir müssen den Betroffenen zuhören und vermeiden über ihre Köpfe hinweg zu sprechen, doch das bedeutet gleichzeitig auch, sie aus dem Schatten hervorzuholen und ungewollt zum Ziel zu machen.

Bestrebungen anderer Staaten, besonders der von Großbritannien, Anti-LGBTQ+-Gesetze aufzuheben, treffen häufig auf Skepsis und Anschuldigungen des "Neo-Kolonialismus". Bevor die neuen Strafen eingeführt wurden, konnte Sodomie aufgrund von Gesetzen legal verfolgt werden, die zurückdatiert werden auf Bruneis Vergangenheit als Britisches Protektorat. Es ist eines von insgesamt 36 Commonwealth-Ländern, die bestimmte diskriminierende Gesetze beibehalten haben, die zuerst von britischen Kolonial-Offizieren eingeführt wurden.

Ein Sprecher von Amnesty International erläutert, dass es bereits etwas bewirken kann, die jeweiligen Botschaften von Brunei zu kontaktieren. So wie All Out, meint auch Amnesty, dass "gewisse Arten öffentlicher Aufmerksamkeit Aktivist*innen und Communitys in Brunei in Gefahr bringen können" und dass die beste Herangehensweise sei, "respektvoll die Bedenken bezüglich des Strafgesetzbuchs und der gefährlichen Auswirkungen auf Frauen, Kinder, LGBTQI Personen und religiösen Minderheiten auszudrücken". Politik ist kompliziert und wir müssen bedacht vorgehen.

Twitter wurde dagegen förmlich geflutet mit Witzen über den Boykott der Dorchester Hotels. Eine recht naheliegende Frage stand im Zentrum: Wer zur Hölle kann sich eine 5.000€ Suite leisten? Und ist es wirklich die effektivste Art des Aktivismus, seine obszön teuren Hotel-Vorlieben zu ändern? Manche haben zum kompletten Boykott von Ländern aufgerufen, die LGBTQ+-Menschen verfolgen. Das macht aber nur dann Sinn, wenn diese Länder Urlaubsziele sind. Einige Twitter-User stellten heraus, dass queere Personen, die Familie in diesen Ländern haben, die Verbindung nicht so einfach kappen können.

Das Argument, die Stornierungen einiger Hollywood-Stars könnten den Sultan in den Bankrott führen, hält nicht stand – Öl ist sehr viel lukrativer als die Hotelindustrie. Außerdem kam der berechtigte Einwand auf, dass ein kompletter Rückzug darin resultieren könnte, dass unschuldige Menschen ihre Arbeit verlieren. Auch wenn das aus verschiedenen Gründen recht abwegig erscheint, so wird doch klar, dass unsere Aktionen immer Konsequenzen mit sich bringen. Und manchmal sind es eben nicht die, die wir uns vorstellen.

Was wir hingegen wissen, ist, dass Proteste in der Vergangenheit den Sultan bereits hingehalten haben und es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass das nicht ein weiteres Mal der Fall sein könnte. "Es ist unglaublich wichtig, dass dieser Aufschrei auf der ganzen Welt gehört wird", meint Phil Robertson von Human Rights Watch. "Menschen, die Gefahr laufen, Opfer dieser Bestrafungen zu werden, müssen wissen, dass sie nicht nach Brunei fahren oder sich zur Durchreise dort aufhalten sollten – und der Druck wird helfen, dass Geflüchteten aus Brunei politisches Asyl gegeben wird." Je mehr wir darüber sprechen, desto wahrscheinlicher wird es, dass Autoritäten uns zuhören.

Es fällt jedoch schwer, sich von der Situation nicht überfordert zu fühlen. Besonders, da Brunei bei weitem nicht das einzige Land ist, das grausame Strafen ausübt. Doch wir dürfen niemals die Hoffnung verlieren. Wir können uns definitiv nicht zurücklehnen und herausnehmen, uns über die Leute lustig zu machen, die tatsächlich versuchen, etwas zu bewegen. Es gibt immer Dinge, die wir alle tun können: Laute Konversationen führen, selbst dann noch, wenn die Zeitungen nicht mehr darüber berichten. Petitionen unterzeichnen. Auf die Straßen gehen. An Organisationen wie All Out oder Amnesty spenden, die den Betroffenen helfen. Den Druck aufrecht erhalten. Dann kann auch Veränderung passieren.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.