Foto: Screenshot Instagram

Tilila: Das marokkanische Model will nicht dein Fetisch sein

Die 22-Jährige wurde durch eine plötzliche Hautveränderung zur Muse einheimischer Designer und Fotografen – sie selbst musste sich jedoch erst neu lieben lernen.

von Chaima El Haddaoui
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22 März 2019, 11:08am

Foto: Screenshot Instagram

Seit vielen Jahren war ich nicht mehr in Marokko, im Herkunftsland meiner Eltern. Daher war ich umso überraschter, zu sehen, wie sich die Kreativszene dort entwickelt hat. Bestes Beispiel: Goldzähne. Lange wurden sie nur von Großmüttern getragen, jetzt entdeckt die Jugend sie für sich. So wie die 22-jährige Meryem Tilila aus Marrakech, die auf Instagram stolz ihre goldenen Grillz präsentiert. Das Model wurde von Maison ARTC entdeckt – ein Duo, das sich auf Fotografie und Art Direction spezialisiert. Im Handumdrehen wurde sie zu ihrer Muse. Seitdem arbeitete sie mit zahlreichen marokkanischen Fotografen, Musikern und Designern zusammen, die sich in ihren Look verliebt haben. Sie selbst sieht sich als eine moderne Version der Amazigh-Frauen.

Neben ihrer Leidenschaft für Hiphop zeichnet sich Talila durch die dutzenden, nahezu künstlerisch angeordneten Sommersprossen auf ihrem Gesicht aus – verursacht durch eine Hautveränderung vor drei Jahren. Doch erst vor einem Jahr fing sie an, ihr neues Aussehen zu akzeptieren. Jetzt möchte sie auch andere dazu inspirieren, sich so zu lieben, wie sie sind.

Wir haben mit Meryem Talila über die Model-Industrie gesprochen, über Vorurteile und die Entwicklung der marokkanischen Kreativszene, die ihrer Meinung nach noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Ich habe auf Instagram gelesen, dass deine Hauterkrankung vor drei Jahren plötzlich aufgetaucht ist. Wie nennt sich diese Veränderung und wie bist du damit umgegangen?
Es ist eine Hauterkrankung, die als medikamenteninduzierte Hyperpigmentierung bezeichnet wird, womit auch eine erhöhte Lichtempfindlichkeit einhergeht. Anfangs war es schwierig, diese "neue" Haut zu akzeptieren – ich habe das Haus nicht ohne mehrere Make-up-Schichten verlassen. Erst vor etwa einem Jahr änderte sich das, als ich online plötzlich mehr Mädchen und Jungen mit ähnlichen Hautproblemen sah. Das gab mir das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Es war ein wirklich langsamer Prozess. Ich brauchte Mut und Unterstützung von Familie und Freunden, um ohne "Maske" durch die Straßen zu gehen. Ich hatte das Gefühl, ständig angestarrt zu werden, manche berührten mein Gesicht sogar ohne Erlaubnis. Täglich wurde ich mit Reaktionen wie "Was ist das?" und "wie hässlich" konfrontiert. Es gibt auch ein paar verrückte Leute, die denken, mein Hautzustand sei unecht, weil er sich in den letzten drei Jahren schrittweise entwickelte und ich viel Make-up trug. Glücklicherweise konnte ich all meine Ängste und Unsicherheiten in Mut und Selbstakzeptanz umwandeln.

Wie hat deine Model-Karriere angefangen?
Meine Freunde und ich wollten den Maison ARTC-Showroom besuchen und uns ihre Arbeit anschauen. Die Besitzer waren zufälligerweise auch da und fragten, ob sie Fotos von mir machen könnten. Plötzlich war ich inmitten meines ersten Fotoshooting – der Beginn meiner Modelkarriere.

Wie ist es, in Marokko als Model zu arbeiten?
Bisher hat es sich gelohnt. Ich habe das Gefühl, dass ich der Welt durch meine Arbeit ein besseres Bild der aktuellen marokkanischen Kultur vermitteln kann. Ich habe an der Cadi Ayyad Universität in Marrakesch Angewandte Linguistik studiert und habe keinerlei Hintergrundwissen, was Mode angeht. Jetzt habe ich mir allerdings ein Jahr Auszeit genommen, damit ich mich mehr auf das Modeln konzentrieren kann. Diese Entscheidung hat bei meiner Familie viele Fragen aufgeworfen. Für sie ist alles, was mit Kreativität zu tun hat, kein "echter" Beruf. Aber das ist mir egal, ich konzentriere mich auf Wichtigeres: die Transformation der Kreativbranche in Marokko.

Was ist die größte Herausforderung für dich als kreative Person in Marokko?
Eine der größten Herausforderungen sind die Klischees, mit denen die junge, kreative Community in Marokko konfrontiert wird. Zum Beispiel, dass alle Marokkaner traditionell und konservativ sind. Oder dass die marokkanische Kultur nur aus dekorativen Teppichen besteht. Viele Leute, die selbst noch nie in Marokko waren, haben solche Bilder im Kopf. Doch gemeinsam mit lokalen Designern und Fotografen möchte ich diese Stereotype aus ihren Köpfen verbannen und für mehr positive Sichtbarkeit sorgen.

Welche Stereotype nerven oder verletzen dich besonders?
Solche, mit denen sich fast jede junge Marokkanerin auseinandersetzen muss: Orientalismus und Fetischisierung. Dann kommen Kommentare wie: "Wie kann dein Englisch so gut sein?", "Marokko ist ein muslimisches Land, musst du keinen Hijab tragen?" oder "Wieso bist du Model und keine Hausfrau?". Solche Äußerungen kommen fast ausschließlich von Menschen, die nicht verstehen, dass Kreativität in Marokko mehr umfasst, als das Bemalen von traditionellem Teegeschirr oder Tagine-Gefäßen.

Und zum Thema Fetisch: Mir ist aufgefallen, dass die Art, wie ich mich präsentiere, grenzwertige Reaktionen im Internet auslöst. Letztens nannte mich eine komplett fremde Person "seine kleine, braune, marokkanische Prinzessin". Diese Bemerkung zeigt, wie stark liberale, junge Frauen aus Marokko sexualisiert und entmündigt werden – und wie viel Unwissen über meine Kultur und die Kreativszene des Landes herrscht. Ich hoffe, diese Missstände aus der Welt schaffen zu können.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Momentan versuche ich, mich in allen interessanten, kreativen Bereichen weiterzubilden. Inzwischen forsche ich sogar in akademischen Projekten, ob Themen wie beispielsweise Mode im marokkanischen Schulsystem einbezogen werden können. In Zukunft hoffe ich, meine Reichweite zu vergrößern und eine Plattform zu erschaffen, mit der ich hoffentlich viele andere Menschen auf der ganzen Welt mit meiner Geschichte inspirieren kann.

@tadxrfit

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der niederländischen Redaktion.