im gespräch mit björk

Wir trafen die Sängerin im Rahmen des „Iceland Airwaves“-Musikfestivals und sprachen mit ihr über ihr neues Album und wieso sie deine Unterstützung braucht.

|
Nov. 13 2015, 12:10pm

Photography Timothée Lambrecq

Der fünfmalige i-D-Cover-Star und die Musiklegende Björk Guðmundsdóttir widmet ihr Leben der Natur, kosmischen Fragen und menschlichen Gefühlen. Ihre bevorzugten Mittel dafür sind pagane Gedichte und experimentelle Musik. Doch die Isländerin sucht sich immer neue Betätigungsfelder. So hat sie sich mit David Attenborough für die audio-visuelle Erkundung des Universums - Biophilia - zusammengetan und entwickelte eine App, in der Musik, Natur und Technologie verschmelzen. Mittlerweile wird die App in vielen Schulen verwendet.

Die Musikerin hielt im Rahmen des Iceland Airwaves-Musikfestivals eine Pressekonferenz vor 20 Journalisten ab, in der sie uns vor den Gefahren der geplanten Stromtrasse über die Insel, die die isländische Regierung plant, warnt. Das Projekt umfasst 50 Staudämme und Kraftwerke, um in den Stromhandel mit Großbritannien einzusteigen. Der Umweltschützer und Schriftsteller Andri Snær Magnason unterstützte Björk dabei. Die besagte Energieart werde zwar als nachhaltig angepriesen, aber das Projekt werde zweifellos mit irreparablen Eingriffen in die Natur einhergehen. Die Isländer können in einem Referendum erst einmal selbst über die Pläne abstimmen. Um das größte Gebiet unberührter Natur in Europa zu schützen, will Björk dafür sogar bis vors Gericht zu ziehen und aus dem Isländischen Hochland letztlich einen Nationalpark zu machen.

Wir sprachen nach der Konferenz mit Björk über ihr neues Album, die Band ihres Sohns und wieso wir ihr bei der Rettung ihres Heimatlandes helfen müssen. 

Wie können dich Leute außerhalb Islands im Kampf gegen das Projekt unterstützen?
Die Leute sollen unsere Facebook-Seite liken, dann können wir ihnen Nachrichten mit genaueren Informationen darüber schicken, wie sie uns helfen können, und welche Petitionen sie unterschreiben sollen, damit wir Druck gegenüber der Regierung aufbauen können. Ich habe Jonsi von Sigur Rós gestern eine E-Mail geschrieben und sie werden die Sachen auch auf ihrer Facebook-Seite posten. Wir arbeiten an einem lokalen und internationalen Netzwerk und schauen dann, wie groß es wird, um über die nächsten Schritte entscheiden zu können. Eine Idee ist, ein T-Shirt zu verkaufen, weil wir Anwälte bezahlen werden müssen. Man kann so viel Medienarbeiten leisten wie man will und nichts ändert sich. Nur mit Anwälten erreicht man die Verwaltung und erreicht wirklich etwas.

Wieso müssen wir helfen?
Es ist das größte zusammenhängende, unberührte Naturgebiet in Europa, deshalb geht es nicht nur Isländer, sondern alle Europäer an. Jedes Jahr kommen Millionen Touristen ins Land. 80 Prozent von ihnen kommen wegen der Natur und die Hälfte davon sucht die Ruhe und das spirituelle Gefühl dieser Unberührtheit. Falls die Stromtrasse über die Insel Realität wird, wird dieses spirituelle Unberührtheit verloren gehen. Das Projekt befindet sich noch Diskussionsphase. Die besten Wissenschaftler Islands arbeiten für die Regierung. Das gesamte isländische Hochland wurde vermessen und in Raster eingeteilt. Die Wissenschaftler haben bis Februar Zeit, um Daten über diese 54 Gebiete zu sammeln. Die Regierung steht quasi auf dem Standpunkt ‚Wir wollen überall Wasserstaudämme errichten, also sagt uns, welche Gebiete besser geeignet sind als andere.' Geologen und Biologen versuchen momentan, einen Weg zu finden, wie man so etwas überhaupt messen kann. Herauskam ein Fragenkatalog, der an einen Multiple-Choice-Abschlusstest erinnert, mit 100 Fragen wie zum Beispiel ‚Gibt es dort Gänse? Gibt es dort Tourismus?'.

Das Schicksal von Island beruht auf einer einzigen statistischen Erhebung?
Ja, auch wenn am Ende herauskommen sollte, dass nur jedes zweite dieser Gebiete verschmutzt werden kann, ist es genauso schlimm, als ob alle betroffen wären. Wenn man das Hochland zur Energiegewinnung verschmutzt, dann zerstört man die unberührte Heiligkeit des Gebietes.

Es scheint fast so, als ob sich die Regierung hinter den Wissenschaftlern versteckt.
Die Wissenschaftler stecken in einer schwierigen Lage. Sie sollen mit Zahlen belegen, welche Gebiete verschmutzt werden sollen und welche nicht. Im Laufe der letzten 100 Jahre wurden Zweidrittel der Fläche Islands bebaut - das ist also schon verloren. Wir sind nicht gegen Wasserkraftwerke oder geothermale Energie, denn diese Formen sind ökologisch. Wenn man in Island den Wasserhahn aufdreht, kommt praktisch immer geothermales Wasser aus der Leitung. Dieses Wasser ist billig und befindet sich im öffentlichen Besitz. Wir sagen nur: Es reicht. Hören wir hier auf, weil wir bereits so viel von der Landschaft verändert haben. Für unsere Leute ist mehr als genug vorhanden. Man muss sich nur die Wirtschaftsdaten anschauen. Laut Schätzungen wird die Tourismusbranche nächstes Jahr mehr Geld in die Kassen Islands spülen als Fischerei und die großen Industrien zusammen genommen. Deshalb ist es so lächerlich, dass die Regierung noch mehr Energie gewinnen und das Hochland zerstören will. Sie schießen sich selbst ins Bein. Das Gebiet ist nicht nur spirituell und emotional das Wertvollste, was wir haben, sondern es wird auch finanzielle Auswirkungen haben. Die Touristen kommen nach Island, um diese Unberührtheit der Natur zu erleben.

Was ist das Mutigste, was Leute heutzutage machen können?
Für mich sind die Leute, die an der kommenden UN-Klimakonferenz in Paris teilnehmen, mutig. Jeder muss sich aber gegen den Klimawandel engagieren. Mittlerweile ist es zur einer Frage über Leben und Tod geworden. Seit über 15 Jahren thematisiere ich schon in Island die Folgen der globalen Erderwärmung. Auf gewisse Weise hatte Island Glück, da wir für 600 Jahre eine Kolonie waren und nicht industrialisiert wurden. Es ist einfach nur verrückt, dass das jetzt nachgeholt werden soll. Wir sollten stattdessen direkt den Sprung von einer mittelalterlichen Agrargesellschaft zu einer High-Tech-Gesellschaft machen und die Industrialisierung einfach überspringen. Wir sollten unterschiedliche grüne Branchen fördern. Das ist für Island die bessere Option, als mit der Schwerindustrie anzufangen. Darin liegt das Problem mit diesen Hinterwäldlern - sorry für den Begriff -, die Island regieren. Sie verfolgen eine Politik, die über einhundert Jahre alt ist. Keiner in Europa baut mehr Staudämme, weil es nicht mehr rentabel ist. Das ist nicht die Zukunft.

Ein Schritt zurück?
Auf jeden Fall.

Du trägst ein Iceland Airwaves-Armband. Hast du dir schon Auftritte anschauen können?
Nein. In den letzten Jahren war es immer so, dass ich mir auf der Website das Line-up angeschaut und mir dann die Songs jeder einzelnen Band angehört habe. Dadurch habe ich neue Musik entdeckt. Dieses Jahr war ich aber mit den Vorbereitungen für diese Konferenz und den Aufnahmen zu meinem neuen Album zu beschäftigt.

Dein Sohn tritt auch auf dem Festival auf.
Schon seit Jahren tritt er mit seiner Band beim Festival auf, On-Venue- und Off-Venue-Gigs. Ihre Musik ist sehr emotional und gefühlvoll, eben wie eine Indie-Band. Natürlich bin ich voreingenommen, aber ich mag seine Musik wirklich.

Habt ihr jemals zusammen gespielt?
Zu Weihnachten im Kreis der Familie, aber nichts Ernsthaftes.

Ihr solltet gemeinsam einen Song für dein Album aufnehmen.
Wir werden sehen.

Was rätst du deinen Kindern? Und welche Ratschläge befolgst du selbst?
Das ändert sich jede Woche. Die ersten sechs Monate in diesem Jahr hatte ich wirklich viel zu tun und musste tausend Dinge auf einmal erledigen. Jetzt möchte ich nur ein paar ausgewählte Dinge tun, dafür aber umso besser. Ich kann mich für viele Sachen gleichzeitig begeistern, was dazu führt, dass ich zu viele Verpflichtungen eingehe und ehe ich mich versehe, stehen zehn Sachen an. Das fühlt sich dann eher als eine To-Do-Liste als Spaß an. Daran arbeite ich im Moment am meisten. Ich möchte morgens aufwachen und vielleicht nur den halben Tag verplant sein, oder sogar noch weniger. Ich arbeite gerade an meinem neuen Album und möchte deswegen zurückgezogen leben und von meinen Impulsen gesteuert werden. Nicht zu hart mit sich selbst zu sein, ist glaube ich, der Ratschlag, den ich am meisten befolge und dem ich anderen gebe. Wir verlangen oft zu viel von uns selbst und machen zu viele Dinge gleichzeitig. Genauso wichtig ist es aber auch, dass ich mich dann wieder ins Leben stürze. Enthusiasmus ist per se nichts Schlimmes. Man muss sich dabei nur auf ein paar Dinge konzentrieren und die dann gut machen. Dabei sollte man sich aber auch die nötige Freiheit bewahren, damit aus dem Spaß keine Last wird. Diese Balance zu finden, ist etwas, woran wir alle arbeiten müssen. Es gibt dafür nicht den einen Weg. Jeder Tag und jede Woche ist anders. Man sollte sich mindestens die Hälfte seiner Zeit nehmen, um äußere Einflüsse aufzunehmen, ob es sich dabei um Partner, Freunde, Familie, Kollaborateure oder Fremde handelt. So entsteht ein ständiger Fluss, den man nur am fließen halten und überall Zugänge haben muss.

Du hast die Aufnahmen zu deinem nächsten Album erwähnt. Wo finden die statt?
Die Songs schreibe ich meistens in meinem Haus. Daneben habe ich noch eine kleine Hütte in den Bergen, in die ich mich zurückziehe, wenn ich eine Auszeit brauche. Mein Haus steht an der Küste und es ist schön, gleichzeitig in der Stadt und am Strand zu sein - das beste aus zwei Welten sozusagen. Wie schon bereits erwähnt, bin ich gerne spontan. Ich wache dann auf und miete mir eine Hütte auf der anderen Seite der Insel, um mich selbst zu überraschen und mich auf Trab zu halten. Außerdem besuchen mich Leute, mit denen ich zusammenarbeite, und es jedes Mal wieder toll.

Was hat dich besonders zum neuen Album inspiriert?
Es ist noch zu früh, um diese Frage zu beantworten. Sehr oft ist es so, dass das neueste Album anfangs als Gegenstück zum letzten entsteht, weil ich vom alten Sound durch die Konzerte erst einmal gelangweilt bin. Gerade erst ist das Akustik- sowie das Live-Album erschienen. Ich möchte etwas komplett Anderes machen. Dann gibt es aber einen roten Faden, der sich durch alle Arbeiten eines Künstlers zieht, ob man das nun gut findet oder nicht, ist egal. Wenn ich neunzig bin, werde ich wahrscheinlich zurückblicken und das Verbindende zwischen meinen Alben entdecken.

Hier geht's zur Facebook-Seite des Projekts und hier zur Petition.

@björk

Das könnte dich auch interessieren:

  • Lies hier unser Interview mit dem Björk-Mitarbeiter James Merry, der für die wunderschönen Stickereien verantwortlich ist.
  • Hier stellen wir dir 10 Bands vor, die wir beim dänischen Spot Festival entdeckt haben.
  • Auf Liebestrip durch Island: Hier geht's zu den Bildern. 

Credits


Text: Fransesca Dunn
Foto: Timothée Lambrecq