das leben der straßenkinder in transsilvanien ist berührend und schockierend zugleich

Nachdem der niederländische Fotograf Joost Vandebrug fünf Jahre lang obdachlose Kinder in Bukarest fotografiert hat, dokumentiert er jetzt die Roma-Dörfer in Transsilvanien.

von Felix Petty
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28 Juni 2016, 10:30am

Joost Vandeburg

Die Bilder von Joost Vandebrug zeigen Kinder, die auf den Straßen der rumänischen Hauptstadt Bukarest leben. Sie sind verstörend, erschütternd und schockierend, aber gleichzeitig auch zart, schön und intim. Mit seiner Kamera fängt er die bewegende Welt der Jugend, die Zeitlosigkeit vom Erwachsenwerden ein, auch wenn diese Situationen brenzlig sein können. Er hat sie die verlorenen Jungen (Lost Boys) getauft: Sie sind das Ergebnis des Zusammenbruchs des kommunistischen Regimes in dem Land. Sie sind diejenigen, die vergessen wurden und alleine zurechtkommen müssen. Lost Boys ist mehr als ein Fotografieprojekt: Joost hat am Leben dieser Kinder teilgenommen, er war viel mehr ein Sozialarbeiter als ein Fotograf. Er hat eine Kinder-Modelinie gelauncht, um Geld für sie zu sammeln und arbeitet außerdem an einer Dokumentation über ihre Leben. Im ländlichen Transsilvanien ist er auf ein großes Roma-Dorf gestoßen, das geräumt wurde und die Menschen gezwungen worden, woanders hinzugehen.

Während er vor Ort war, hat er langsam das Vertrauen der Familien gewonnen und angefangen, sie zu fotografieren. Daraus ist ein weiteres wertvolles Dokument der Leben von Kindern entstanden. Er fotografiert die Leute, bei der die Welt gerne so tut, als würden sie nicht existieren. Joost Vandebrugs Fotos sind nie ausbeuterisch oder voyeuristisch, stattdessen fängt er mit seinem feinen Gespür die Universalität des Erwachsenwerdens ein. Wir wollten mehr wissen und haben mit ihm über die Situation der Roma in Rumänien, seinen neuen Film und wie Mode in dieser Situation helfen kann gesprochen.

Was hast du erwartet, als du das erste Mal im Dorf in Transsilvanien warst?
Das Einzige, was ich wusste, war, dass der Bürgermeister einer größeren Stadt in Transsilvanien eine Zwangsräumung angeordnet hat, um Platz für eine Kirche und einen Parkplatz zu schaffen. Diese Leute wurden auf eine Mülldeponie umgesiedelt, wo bereits eine kleine Roma-Community gewohnt hat. Jetzt leben dort 1.500 Menschen.

Wie war es am Anfang? Wie waren die Leute?
Das Dorf, inklusive der Deponie, umfasst mehr als 16 Hektar mit provisorischen Unterkünften, die sehr lose zusammengezimmert wurden. Die traurige Ironie besteht darin, dass diese Dörfer Dallas 1 und Dallas 2 genannt werden—nach der Fernsehserie. Die Leute sind sehr skeptisch, besonders gegenüber Kameras. Wie man vielleicht verstehen kann, sind sie nicht besonders stolz auf ihre Wohnsituation und haben es nicht gerne, wenn Ausländer davon Fotos machen. Ich habe dort erst mal Zeit verbracht, ein paar Familien kennengelernt und mit den Kindern Fußball gespielt. Dann habe ich sie gefragt, ob ich nicht Familienporträts von ihnen schießen soll, die ich ihnen gerahmt gegeben habe, damit sie die an der Wand aufhängen können. Das fanden sie toll. Und dann haben mir immer mehr Familien erlaubt, sie zu fotografieren.

Hat dich die Situation irgendwann abgestumpft?
Der Unterschied zur Fotoreihe The Lost Boys ist, dass die meisten dieser Kinder zur Schule gehen und von dem Dorf beschützt und erzogen werden. Das ist ein großer Unterschied zu den Kindern, die auf den Straßen von Bukarest leben, weil sie sich selbst überlassen sind und sich ihre eigenen Familien schaffen.

Die Roma sind eine Gruppe, die sehr marginalisiert wird. Sie werden diskriminiert, sie leiden unter der Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz der rumänischen Öffentlichkeit. Es ist doch letztlich so, dass sie illegal zwangsgeräumt und auf eine Mülldeponie umgesiedelt wurden, nationale und internationale Gesetze haben da keine Rolle gespielt. Das hat eine neue Qualität erreicht.

Du hast die Marginalisierung der Roma erwähnt. Wie äußert sich das in ihrem Alltag? Spüren sie das unmittelbar? Oder können sie das vermeiden?
Sie wissen das natürlich. Für sie ist es sehr schwer, irgendeinen Rechtsbeistand zu erhalten und sie wissen oft nicht um ihre eigenen Rechte. Vor Kurzem befand der rumänische Nationalrat für die Bekämpfung der Diskriminierung, dass die Zwangsräumung einer ethnischen Säuberung gleichkam. Diese Entscheidung wurde von einem Berufungsgericht aber wieder kassiert. Sie stecken wortwörtlich mit dem Hals in der Scheiße, können dagegen aber nichts tun. Ich kenne auch Geschichten von Leuten, die Jobs hatten, als sie noch in der Stadt gewohnt haben. Die haben sie aber dann verloren, als sie geräumt wurden, weil sie nur noch schwer von der Deponie in die Stadt gekommen sind. Wenn sie sich eine neue Arbeit suchen, dann geht im Bewerbungsgespräch alles gut, bis zu dem Punkt, an dem sie ihre aktuelle Adresse sagen müssen. Das war's dann und sie werden dann nicht eingestellt.

Wie sind die Kinder? Was denken sie?
Die Kinder sind echt toll, deswegen habe ich das Projekt überhaupt erst angefangen. Sie sind fröhlich, voller Energie, extrem freundlich und haben eine unbändigen Überlebenswillen. Sie versuchen einfach, erwachsen zu werden. Darum geht es in meiner Lost Boys-Serie hauptsächlich: Erwachsenwerden—in welcher Situation sie stecken und was auch immer politisch um sie herum passiert. Damit kann sich jeder identifizieren.

Welchen Ansatz verfolgst du beim Fotografieren? Die Bilder sind wunderbar und natürlich.
Die Kinder zu fotografieren, ist echt einfach. Ich hänge mit ihnen ab, lasse sie sie selbst sein und großartige Dinge kommen dabei raus. Alles bleibt natürlich, solange es eben natürlich bleibt. Kinder inszenieren ist so geschmacklos und von gestern, und es klappt nie.

Bald können wir auch den Film sehen. Wie läuft es?
Es geht echt gut voran. Bruce Lee and the Lost Boys ist eine moderne Adaption der Oliver-Twist-Geschichte auf den Straßen von Bukarest. Es geht um den kleinen, obdachlosen Nicu, der vom berüchtigten Bruce Lee, dem König der Tunnel, adoptiert wird und älter wird. Ich begleite Nicu schon über fünf Jahre lang (wir haben gerade seinen 18. Geburtstag gefeiert). Bruce wurde letzten Sommer verhaftet und Nicu lebt jetzt bei seiner Adoptivmutter. Wir sind gerade beim Schnitt und haben aus 120 Stunden Material bisher acht gemacht. Die Arbeit wird noch Monate dauern, aber ein Ende ist in Sicht.

Und du hast vor Kurzem erst eine Kinder-Modelinie gelauncht. Erzähle uns mehr darüber.
Die Linie haben wir entworfen, um Geld für diese verlorenen Jungs zu sammeln. Sie hat aber auch ihre eigene Markenidentität. Es gibt tolle T-Shirts, auf die man malen kann (mit wasserlöslicher Farbe). Alex Noble hat die entworfen. Daneben gibt es Jacken mit Flügeln und eine Baseball-Jacke mit verschiedenen Aufnähern. Alle Einnahmen gehen an die Lost Boys. Schaut doch mal rein: jumping-dog.co.uk.

Credits


Text: Felix Petty
Fotos: Joost Vandebrug

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