packt eure koffer – wir ziehen jetzt nach asien

Eine ganze Reihe junger, kreativer Menschen aus dem Westen packen ihre Sachen und ziehen auf die andere Seite der Welt, um dort ihre Spuren zu hinterlassen. Amelia Abraham hat sie gefragt, wie es ist, in Asien zu leben, zu arbeiten und Spaß zu haben.

von Amelia Abraham
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10 September 2015, 11:50am

Rharha

Vor ein paar Monaten saß ich allein in einem fensterlosen Hotelzimmer in Bangkok. Was waren meine Optionen? Ich kannte mich im Nachtleben der Stadt null aus. Die schwere Luft und der Verkehrsstau draußen schnürten mir förmlich die Kehle zu. „Hier könnte ich niemals leben", dachte ich. Dann fasste ich mir aber doch ein Herz und traf mich mit meiner Freundin Rharha in einer Bar namens ‚Bad Motel'. Dort angekommen, war weniger rotes Neonlicht zu sehen als ich erwartet hatte, dafür fand aber ein geheimes Treffen statt.

Rharha und ein Promoter namens JoJo diskutierten gerade darüber, ob sie den Rapper Mykki Blanco für ein Konzert nach Bangkok holen sollten. Rharha hat in der Stadt bereits Konzerte mit Total Freedom, ein Teil von Fade To Mind aus Los Angeles, veranstaltet und hoffte, dass Trasher - eine von Joey organisierte Party in Bangkok mit 90er-Jahre-Pop und Drag-Dresscode - die richtige Plattform für Mykkis Set sein würde. Es sei allerdings nicht unbedingt einfach, Leute anzuziehen. „Hier so etwas wie eine Szene aus der Taufe zu heben ist sehr schwierig, weil du komplett bei Null anfängst", erzählte mir Rharha. „Die Leute hier stehen total auf Popmusik und Techno. Diese Musik mag ich auch, aber ich will den Leuten neue Wege zeigen, wie man sich ausdrücken kann. Hier nicht-kommerzielle Musik oder HipHop herzubringen heißt, etwas völlig Neues zu schaffen. Du bist Vorreiter und machst etwas zum Trend, und die Leute pegeln sich langsam auf der neuen Welle ein. Echt aufregend."

Rharha ist 23 und hat britisch-jamaikanische Wurzeln. Eine Zeit lang hat sie in London gelebt, ist größtenteils aber in Johannesburg aufgewachsen. Nach ihrer Rückkehr dorthin war sie Mitbegründerin des Capital of Cool-Blogs, hatte mit Drone ihre eigene Schmucklinie und arbeitete eng mit dem Musiker Petit Noir zusammen. Bevor sie nach Bangkok gezogen ist, hatte sie noch nie auch nur einen Fuß auf den asiatischen Kontinent gesetzt. Was waren also ihre Beweggründe? „Um ehrlich zu sein, ich hatte gar keinen Plan. Ich war 19 und wollte einfach raus und über meine Grenzen hinaus gehen; ich wollte niemanden kennen und mich nicht auf eine mir bekannte Sprache oder Kultur verlassen können." Sie bewarb sich an einer Modeschule und machte sich auf den Weg.

Tikinis Geschichte ist ähnlich. Geboren und aufgewachsen in Kings Cross, ziehte sie nach Tokio, um einen neuen Start irgendwo Neues hinzulegen. „Eines Tages war ich an der Universität und ein Typ hat mich nach einem Feuerzeug gefragt. Wir hatten angefangen zu reden und es ergab sich er kam aus Fukuoka, Japan. Nach dem wir uns gegenseitig, nach unseren Kulturen, ausgefragt hatten, wurde er mein sensei (nicht ganz im Sinne von Herrn Miyagi). Ich landete zum ersten Mal in Japan in 2005. Damals blieb ich zwei Wochen da und nichts konnte mich auf den kulturellen Shock vorbereiten. Ich hatte mir damals geschwört, dass ich wieder zurückkehren würde, um meine Freiheit zu entdecken und um zu sehen wie weit ich an meine Grenzen stossen könnte."

Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass Leute aus dem Westen nach Fernost ziehen, vor allem wenn man bedenkt, wie viele junge Asiaten jedes Jahr zum Studieren und Arbeiten in westliche Städte kommen. Im Studienjahr 2012-2013 waren über 186.000 Studenten aus Asien an englischen Hochschulen und Universitäten eingeschrieben. Natürlich gibt es auch viele junge Leute, die mit Freude ihren Rucksack schultern und vier Monaten in Thailand auf Sauf- und Sightseeing-Tour gehen, aber nur wenige ziehen komplett hin, um dort ein neues Leben zu beginnen. Was sind die Folgen, wenn du dich und deinen kreativen Output langfristig im Herzen einer asiatischen Stadt niederlässt?

Ich rief Gita an, eine in Oakland geborene Rapperin und Songwriterin. Sie ist gerade erst von Harlem nach Shanghai gezogen. Ich wollte sie fragen, was sie dazu bewogen hat. „New York ist so ein Ort, der ständig mit Leuten vollgepackt ist, die irgendwer oder irgendwas sein wollen. Sie wollen ganz oben stehen und es zu Einfluss bringen, sei es nun durch Fotografie, Tanz oder Musik. Es kann für Kreative schnell eine übersättigte und überfüllte Umgebung werden. Ich habe bei der Entscheidung, nach China zu ziehen, keine Sekunde gezögert. Nach Los Angeles zu fliegen und zu sagen ‚Ich hänge hier mit Odd Future ab, lad schnell ein Foto bei Instagram hoch!' ist keine Herausforderung. Aber hier ging es darum, ausgetretene Pfade zu verlassen und sein eigenes Ding durchzuziehen. Das ist eine Herausforderung. Das bedeutet was."

Hat es Gita bei ihrer Arbeit geholfen? „Ich wusste, dass ich so mehr Freiräume haben würde und es einen kreativ pusht, was auch wirklich gleich der Fall war. In New York hatte ich meine Schreibblockade, aber in Asien habe ich die ganze Zeit aufgenommen, Songs geschrieben, Produzenten getroffen und das Konzept für mein erstes Album festgezurrt. Wenn sie in China wissen, dass du etwas tust, was Spaß macht, dann wollen sie dich anderen Leuten vorstellen. In Asien bist du dazu gezwungen, dich mehr einzubringen - in den Staaten lebt jeder so ein seiner eigenen Welt."

Rharha stimmt zu. „Im Westen sind die Märkte übersättigt. Du lebst an einem bestimmten Ort, nur um dann sagen zu können ‚Ich wohne in London' oder ‚Ich wohne in New York'. In diesen Städten bist du nur ein kleines Rädchen im System und wirst nie wirklich mehr sein. in Asien und Afrika kreative Geschäftsmöglichkeiten auszuloten und die Reise an einen Ort zu wagen, wo niemand das macht, was du machst … so kannst du wirklich deinen Fußabdruck hinterlassen." In ihrem jetzt schon fünften Jahr in Bangkok ist Rharha gerade damit beschäftigt, ihr neues Modelabel Matriarch aufzubauen und einer sich entwickelnden Musikszene in Thailands Hauptstadt beim Ausbau zu helfen. Sie sagt, dass das Internet von unschätzbarem Wert ist, wenn du neu in der Stadt bist und Gleichgesinnte treffen willst. Sie hat Gitas Musik zum ersten Mal online gehört, sie dann über die üblichen Social-Media-Kanäle kontaktiert und holt sie jetzt für ein Konzert nach Bangkok.

Gita, Rharha und Tikini sind sich alle einig, dass wenn du es als Expat schaffen willst, du sowohl deinen eigenen Platz in einer Kultur erkämpfen, aber auch gleichzeitig in sie investieren musst. Unterhalte dich mit den Menschen, lern die Sprache, arbeite mit den Leuten und schaffe Neues. „Wenn du nichts an die Gesellschaft zurückgibst, dann hast du keine Chance", sagt Tikini. Da er vor allem als DJ tätig ist, arbeitet er ständig mit japanischen Clubpromotern und Musikern zusammen. Er war bei Konzerten von A$AP Ferg und Bok Bok in Tokio on stage und produziert Musik auf seinem eigenen Label - Osiris. Mit seiner Arbeit baut er darauf, Tokio mit neuer Musik zu versorgen, aber ihm ist bewusst, dass die kulturellen Unterschiede auch eine Herausforderung sein können. „Ich bin den Leuten hier vielleicht manchmal etwas zu anstrengend. Wie sagt man hier so schön: Der herausstehende Nagel wird wieder reingeschlagen. Das starre Denken hier sorgt manchmal schon für echten Frust."

Nachdem er jetzt aber schon sieben Jahre in Tokio ist, kann sich Tikini nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. „Hier fühlst du dich so sicher. In keiner anderen Großstadt dieser Welt kann sich ein Typ, der gut verdient, komplett abschießen, auf der Straße einschlafen, dabei seinen Laptop und Aktenkoffer umklammern und alle lassen ihn in Ruhe." Er liebt die gebotene Vielfalt der Subkulturen, wenn es um Mode und Clubs geht. „Du hast so eine Riesenauswahl", sagt er, „und denk nur mal an die Größe von Tokio, an die Bevölkerung und an die Tatsache, dass die Läden erst um 5 Uhr morgens dicht machen (und dann gibt's ja noch die Afterhours …). Dich zu ‚langweilen' ist hier echt nicht einfach, du musst einfach nur wissen, wo du das findest, was du suchst."

Für Rharha ist Bangkoks Vielfalt eben auch eine nicht versiegende Quelle der Inspiration, sowohl für sie persönlich als auch als aufkommende Designerin. „Hier gibt es all diese verschiedenen Religionen: Buddhismus, Hinduismus, Sikhismus. Du merkst, dass die Welt nicht so ist, wie du sie dir vorgestellt hast, und wenn du andere Kulturen kennenlernst, dann realisierst du, dass du eigentlich gar nichts weißt. So höre ich nie auf zu lernen. Meine Drone-Schmuckkollektion hatte viele Hindu-Einflüsse und meine neue Kollektion für Matriarch ist von vielen fernöstlichen Religionen inspiriert, auf den Modedesigns ist viel Sanskrit zu lesen." Im Allgemeinen glaubt Rharha, dass ihr Leben in Asien einen massiven Einfluss sowohl auf ihren persönlichen Style als auch auf ihre Arbeit hatte. „Ich mag es, die afrikanische und asiatische Kultur zu vermischen, zum Beispiel superlang geflochtene Zöpfe nach äthiopischem Vorbild zusammen mit großen Anime-Augen."

Gita weiß nicht, ob sie für immer in China bleiben wird, aber sie genießt es, das Leben dort neu kennenzulernen. Shanghai empfand sie als konservativ und streng und Hongkong als zu beschäftigt mit den It-Kids und Canto-Popstars. Aber sie hatte auch die Möglichkeit, abgefahrene Szenen in anderen Städten wie Macau zu erleben. Sie beschreibt die Stadt als „Las Vegas auf Steroiden". Es ist eine abenteuerliche Reise. „Hier in Asien musst du sehr stark und belastbar sein, um dich durchzuschlagen. Hier ist alles irgendwie echter als in New York. New York ist sicher, eine Attraktion für Touristen. Asien ist mehr underground als New York und London. Wenn du dich in Asien durchsetzt, dann kannst du dich überall durchsetzen."

@MillyAbraham

Credits


Text: Amelia Abraham
Foto: Rharha

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