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die neuerfindung von paul smith

Fast 50 Jahre nach der Gründung überarbeitete Paul Smith die Menswear seines gleichnamigen Labels gründlich und sorgte so unbemerkt für die umfassendste Neuausrichtung in der jüngeren Modegeschichte.

von Anders Christian Madsen
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11 September 2015, 7:55am

James wears all clothing Paul Smith. Shoes Model's Own.

In einer Branche, die vom Neuen besessen ist, stellt unsere Angst vor Veränderung das größte Paradox da. Die Menswear von Paul Smith hat die umfassendste Neuausrichtung eines Labels in der jüngeren Modegeschichte hinter sich. Seine düsteren, romantischen Kollektionen aus langen Mänteln, Schaffell-Pelzen und den berüchtigten Schnitten verpassten der 45 Jahre alten Marke Opulenz und eine Poesie, die sie jenseits von Streifen und floralen Prints in ein anderes Universum katapultierten. Diese Richtungsänderung und die gesteigerten Verkäufe fand in der Industrie anfangs wenig Beachtung. Tage nach seiner Spring-/Summer-16-Show in Paris sitzt Sir Paul in der Ecke eines Londoner Cafés und hat viel zu sagen. „Überall auf der Welt sagen mir die Leute jedes Mal ‚Ich habe in einem Ihrer Anzüge geheiratet'. Das Zweite, das sie zu mir sagen ‚Sie sind bekannt für ihre Streifen, oder?'. Das ist die vorgefasste Meinung. Ich habe auch handgemachte Schuhe, Kleider, Kitsch und schöne Dinge gemacht", pausiert er. „Weil die Öffentlichkeit ein Element der Kollektion immer wieder bemüht, sprechen die Leute nur über eins: die Streifen. Deshalb habe ich sie reduziert."

Damit meint er seine tollkühne Entscheidung vor vier Jahren, alle Produkte mit den Markenzeichen, den Streifen und dem Fotoprint - ihm wird zu geschrieben, diesen Print in den 80ern erfunden zu haben - vom Markt zu nehmen. „Über Nacht habe ich das Unternehmen um Millionenumsätze gebracht - einfach so. Jeder dachte, dass ich verrückt geworden bin, aber ich wusste einfach, dass sich das Unternehmen in die falsche Richtung entwickelt. Wir machen immer noch viel mit Streifen, aber halt nicht mehr mit den Streifen in den Primärfarben, was meiner Meinung nach zu populär wurde. Dadurch wurden wir definiert." Das war das erste Kapitel in der Neuausrichtung des Labels, das trotz stetig steigender Umsätze und weltweiter Expansion den Schwung aus den 70ern und 80ern verlor. Für Sir Paul, der immer wissbegierig auf Neues ist, war es eine Offenbarung, die ihn überraschte und die korrigiert werden musste, und fing beim Öffentlichsten an: seinen Fashionshows. „Eine radikale Veränderung musste her, weil ich die Auseinandersetzung, die ich gerade mit Ihnen führe, so nicht mehr hatte und sie aber brauchte."

Mit einem sorgfältig ausgesuchten Design-Team und angesehenen Stylisten machte er sich an die Neuinterpretation von klassischen „Paul Smith"-Codes. Seinen makellos geschneiderten Anzüge verpasste er mutigere Schnitte, wurde gewagter bei der Fertigung und der Rock 'n' Roll-Spirit, in den sich seine Freunde David Bowie, Led Zeppelin und Patti Smith vor Jahrzehnten verliebt hatten, wurde mit grafischen Motiven und viel Leder verstärkt. Der Wandel war laut und sichtbar, doch viele schienen das vergessen zu haben. Für die Industrie, die sonst so besessen auf Innovationen ist, war Sir Paul immer noch good old' Sir Paul, auch wenn seine Mode eine 180-Grad-Drehung vollzog. Die Frustration damit war für jeden spürbar, besonders für diejenigen unter uns, die die neuen Kollektionen von Tag eins an liebten, und erst recht für den Designer, der weiß, welche Knöpfe er drücken muss, um seine Relevanz zu erhöhen. „Manchmal werde ich so traurig, wenn die viele Neuen - besonders die Leute in den Medien - voreingenommen sind", sagt er. „Am problematischsten finde ich es, wenn jemand oder etwas vorschnell beurteilt wird, und das passiert heutzutage sehr leichtfertig." Dafür könnte man Altersdiskriminierung verantwortlich machen - Sir Paul wird nächstes Jahr 70 -, aber das tut er interessanterweise nicht. „Ich glaube nicht, dass man mir so ein Verhalten vorwerfen kann. Sie sollten die Leute in meinem Umkreis fragen, ich bin an allem interessiert. Ich habe Freunde in meinem Alter und das sind alte Leute. Sie sind mental träge, weil es sie nicht interessiert, was um sie herum passiert. Mich interessiert es aber - und hat es immer." Auch sein Haus in Holland Park und sein Privatvermögen von umgerechnet etwa 400 Millionen Euro waren nie ein Problem. „Wenn man nicht aufpasst, sitzt man im Elfenbeinturm mit seinem Chauffeur und umgibt sich mit Untergebenen und ehe man sich versieht, verpasst man die Person, die die Miete bezahlt. Ich gehe immer noch in den Store - ich arbeite im Store - fast jede Woche - und ich gehe immer noch auf die Stoffmessen." Er mag Schnäppchen, fährt einen Mini, liest jeden Tag Zeitung und jeden Morgen beantwortet er Briefe von Fans aus der ganzen Welt.

 James trägt Kleidung von Paul Smith. Badge: the all seeing Eye Thanet.

Die neue Menswear-Wirklichkeit bei Paul Smith würdigt nun auch langsam das Menswear-Publikum, Sir Paul widmet sich aber auch „seiner größten Herausforderung", wie er es nennt: Der Womenswear mehr Leben einzuhauchen und sie auf Augenhöhe mit den Kollektionen der großen Modehäusern zu hieven. So wie die Dinge sich bei Paul Smith entwickeln, wieso auch nicht? Er ist der Erste, der zugibt, dass er sich nie besonders wohl in der Womenswear gefühlt hat, auch wenn es sie bereits seit 1993 gibt. „Die erste Damenkollektion bestand einfach nur aus Männermode für Frauen. Dann nahm der Druck zu: ‚Wir brauchen ein Kleid, wir brauchen einen Rock.' Für ein paar Jahre hatte ich das Gefühl, dass ich keine Ahnung davon habe, und dann habe ich begriffen, dass besonders die Presse glaubte, dass ich keine Kleidung für Frauen entwerfen kann, weil ich wahrscheinlich keine ausgeprägte feminine Seite habe. Womenswear lag mir einfach nicht. Aber jetzt habe ich dieses fantastische Team", sagte er und fügt hinzu, dass er noch nie eine Damenkollektion entworfen hätte, die sich nicht gut verkauft hätte.

Die neue Richtung in der Womenswear bei Paul Smith ruht auf seiner Frau - der adretten Intellektuellen Lady Pauline Denyer -, mit der er seit 1969 zusammen ist, und auf ihrem Haute Couture-Training vom Royal College of Art. „Als 21-Jähriger ging ich mit Pauline auf Haute Couture-Shows und wir sahen Salonshows von Saint Laurent, Chanel und Balenciaga mit vielleicht 12 Leuten im Publikum. Wir haben eine lange Beziehung mit echter Kleidung", erklärt er und deutet eine handwerklichere Zukunft von Paul Smith an. Mit dem 50-jährigen Jubiläum des Labels 2020 im Blick würde man es ihm verzeihen, wenn er sich auf seinen wohlverdienten Lorbeeren ausruhen würde, aber Sir Paul ist lebender Beweis, dass Mut die Antriebsfeder jedes Designers ist - ob jung oder alt, arm oder reich. Natürlich gehört es auch dazu, seiner Marke treu zu bleiben. „Ich drehe noch ein bisschen auf; auf meine eigene Art und Weise", sagt er zum Abschluss.

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Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Jason Evans
Styling: Max Clark
Fashionassistenz: Bojana Kozarevic, Marta Tagliabue
Models: James McDonald, James Gale