Heimlich aufgenommene Fotos aus den 70ern zeigen die schwulen Cruising-Orte von Bogotá

Nach vielen Jahrzehnten, in denen sie nicht beachtet wurden, werden die frühen Aufnahmen des kolumbianischen Künstlers Miguel Ángel endlich wiederentdeckt.

von Benoit Loiseau; Fotos von Miguel Ángel Rojas
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09 November 2016, 9:00am

Mit sieben Jahren hat Miguel Ángel Rojas zu seiner Kommunion seine erste Kamera bekommen. Es sollte aber noch ein paar Jahre dauern, als er in den 60ern die Kodak 1A seines Vaters entdeckte und anfing, mit der Fotografie zu experimentieren. "Das war so ein intensiver und kreativer Moment in meinem Leben, das war sehr emotional", erinnert sich der Künstler, als wir mit ihm in seinem dreistöckigen Studio in Chapinero, im Nordosten von Bogota, sprechen. "Ich war seitdem nicht mehr in der Lage, etwas Ähnliches zu produzieren", sagt er.


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Ein paar Jahre später hat er durch Freunde die Treffpunkte von Bogotás Schwulenszene kennengelernt. Meistens waren es leerstehende Kinos mit großen und dunklen Räumen und verwaisten Eingängen. „Es war eine Subkultur der Scham, es gab kein Gefühl von Stolz", erklärt uns der mittlerweile 70-Jährige über die damalige Zeit. "Das waren die einzigen Orte, an denen man solche Beziehungen und Sex haben konnte, und die Orte lagen im Verborgenen. Das war ein Schmelztiegel. Man hat ihnen angesehen, dass einige von den Männern während ihrer Mittagspause vorbeischauen."

Das Teatro Faenza, ein Art-déco-Kino im Herzen Bogotás, war der beliebteste Treffpunkt. Inspiriert durch die Architektur und die komplexe Funktion dieses Ortes hat Miguel 1973 angefangen, seine Besuche mit versteckter Kamera zu dokumentieren. Zwei Jahre lang hat der kolumbianische Künstler heimlich fotografiert und dabei Hunderte versteckte Fotos aufgenommen. Entstanden ist eine Milieustudie, deren Voyeurismus eine poetische Qualität hat. "In der ersten Fotoserie habe ich durch das Gloryhole den Penis eines Mannes fotografiert, er wusste nicht, dass ich eine Kamera dabeihabe!", erzählt mir Miguel Ángel sichtlich amüsiert. "Die Fotos sind sehr dunkel und unscharf, aber genau dieses Geheimnisvolle macht sie so schön."

Aber im konservativen Kolumbien Anfang der 70er Treffpunkte der Schwulenszene aufzusuchen, war riskant, genauso wie dort zu fotografieren. "Das waren gefährliche Orte", erinnert sich Miguel Ángel. "Die Leute hatten Angst vor der Polizei – Erpressungen waren gang und gäbe. Die Kamera hat er immer in einem Aktenkoffer mitgeführt. Dabei hat er geschätzt, wie weit die Männer entfernt stehen. Die Kamera hat er dann vorsichtig und in dunklen Stoff eingewickelt auf die Armlehne eines Sitzes gestellt und fotografiert. "Das war alles sehr improvisiert, das Licht, die Entfernung. Aber irgendwie waren Körper auf den Bildern zu sehen, es war einfach schön."

Nach dieser Serie erweckte das Gebäude gegenüber von seinem ehemaligen Studio sein Interesse, im Arbeiterviertel von Bogotá. "Das Haus stand leer und es war Zufluchtsort für Sexarbeiter und die Transgender-Community. Im Erdgeschoss gab es ein Geschäft", erzählt er.

Für dieses Fotoprojekt ist er ähnlich vorgegangen wie bei seinen Fotos aus dem ehemaligen Kino, dieses Mal jedoch mit einer Farbkamera und einem Zoom. Ein Jahr lang hat Miguel Ángel das Haus und seine Gäste fotografiert, mit seiner ihm eigenen Poesie und so die verschiedenen Protagonisten und ihre Geschichten erzählt. "Es gab einen schönen jungen Mann, der nach Sonnenuntergang zum Crossdresser wurde. Auf einem Bild sieht man ihn, wie er mit einem anderen Mann flirtet, die weiblichen Prostituierten im Hintergrund werfen beiden einen wissenden Blick zu", erklärt der Künstler und klickt sich durch die Bilder auf seinem Handy. "Auf einem anderen sieht man diese beiden Kids mit dunklerer Hautfarbe, die so aussehen, als ob sie vom Land kommen. Sie blicken auf den weißen Mann im Anzug und man spürt regelrecht die soziale Spannung zwischen diesen beiden Welten und ihrer Andersartigkeit."

Die daraus entstandene Fotoserie La Esquina Rosada (auf dt. etwa "Die rosa Ecke") wurde zum ersten Mal auf Kolumbiens führender Kunstmesse für zeitgenössische Kunst, der ARTBO, ausgestellt. Die Fotos waren ein wichtiges Element in der Sektion Referentes, die von Pablo Léon de la Barra und Erika Florez kuratiert wurde. Hier wurde Kunst, die bisher nicht im Fokus des Interesses der Kunstwelt stand, präsentiert. Miguel Ángels Fotos wurden von Galerien nicht immer so beachtet wie heute. "Ich habe sie meinen Freunden zum Geburtstags geschenkt, weil ich mir etwas anderes nicht leisten konnte!", erzählt er lachend. Heute arbeiten mehrere Assistenten für ihn. "Erst vor ein paar Jahren hat sich ein Sammler von Vintage-Fotografien für die Fotos interessiert. Er hat ein paar davon zu einem Preis gekauft, der einfach unglaublich war!", so Miguel. Seitdem wurden die Fotos auf großen Kunstmessen wie der Saõ Paulo Kunstbiennale gezeigt, wo sie neben Arbeiten von Nan Goldin und Miguel Rio Branci zu sehen waren.

Mit anderen Werken hatte der kolumbianische Künstler, der auch mit Skulpturen, Video und Installationen arbeitet, anfangs mehr Erfolg. Das Foto mit dem Titel "David", das mittlerweile von der Kunstkritik gefeiert wird, zeigt einen nackten jungen Mann, der so posiert wie das Vorbild aus der Renaissance. "Als ich ihn gefragt habe, ob er für mich wie David posieren würde, hat er mich gefragt: "'Welcher David?'", erinnert sich Miguel. "Er wusste nicht, wen ich meine." Der Blick wird direkt auf das amputierte Bein des hübschen Models gelenkt. Eine Mine hat seinen Fuß abgetrennt. Das Bild ist ein komplexer Kommentar zu Krieg und Kolumbiens Kultur der Ungleichheit.

Durch ein schlecht entworfenes, fast schon karikaturenhaftes, im griechischen Stil erbautes Monument im Norden Bogotás hat er begonnen, über die Wirkung fehlender Bildung in seinem Land nachzudenken, und wie das unsere Wahrnehmung von kulturellem Erbe beeinflusst. Deswegen hat er sich dafür entschieden, mit einem ehemaligen Soldaten, den er in einem Militärkrankenhaus kennengelernt hat, an einem Fotografieprojekt zusammenzuarbeiten. Bei diesem Projekt sollte es um die Beziehung zwischen der Weitergabe von Wissen und dem politischen Klima in dem südamerikanischen Land gehen. "Das Problem Kolumbiens ist Bildung", erklärt er mir. "Er wurde Soldat, weil er keine Bildung hatte, auch wenn er weiß ist und europäische Wurzeln hat. Meine Wurzeln gehen auf die Ureinwohner zurück. Die Unterschiede hier sind kultureller Natur, deshalb können Leute aus der Unterschicht nicht aufsteigen, weil ihnen die Bildung fehlt."

Der starke Regen hört plötzlich auf, die Sonne kommt heraus und strahlt durch die Fenster seines Studios. Der Künstler fragt einen seiner Assistenten nach einem Hut. "Wir müssen die Verhandlungen aufrechterhalten", sagt er und meint damit den kürzlich von der Bevölkerung in einem Referendum abgelehnten Friedensvertrag mit der FARC. "Wir müssen den radikal linken Parteien einen demokratischen Rahmen geben und Platz für Toleranz zwischen uns zulassen. Aber in dem Land wird sich nichts ändern, wenn wir nicht unsere Drogenpolitik ändern", führt er weiter aus. In seinen künstlerischen Arbeiten behandelt er regelmäßig das Thema des illegalen Drogenhandels. "Das ist ein globales Problem, in dem Kolumbien als Opfer gefangen ist und in den Fängen der Länder ist, in denen die Drogen konsumiert werden. Die USA müssen Drogen legalisieren, dann werden andere Staaten folgen. Nur durch die Legalisierung können wir die Sache kontrollieren, sie verhindern und Leute aufklären."