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Ihr habt immer noch nicht verstanden, was Transgender-sein bedeutet

Schauspielerin und Model Hari Nef klärt euch über die hartnäckigsten Missverständnisse über Transfrauen auf.

von Hari Nef; Fotos von Kathy Lo
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14 Dezember 2015, 1:10pm

Foto: Kathy Lo

In einem Interview wurde ich neulich gefragt, "ob ich immer Transgender" bleiben würde oder ob ich mich eines Tages "ganz als Frau" identifizieren würde. Ich habe gelacht, mein Gesicht verzogen und tief eingeatmet. Die Vorstellung, dass ich jemals etwas anderes als Transgender sein würde, war lächerlich und makaber.

Ich bin Trans! So heißt das, und ich bin stolz darauf.

Die Vorstellung, dass ich keine ganze Frau sei, weil ich Transgender bin, war ärgerlich und niederschmetternd. Nennt mich eine Optimistin, aber anders-als-die-anderen sollte nicht weniger-als-der-Standard bedeuten.


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Ich bin sichtbar, Trans und sichtbar Trans. Auch wenn ich momentan eine tolle Zeit habe, erlebe ich doch jeden Tag Transphobie. Ich kann nicht für alle Transgender und auch nicht für alle Transfrauen sprechen, aber es gibt ein paar Dinge, die ich klarstellen möchte.

Jill Soloways Transparent, die Golden-Globe- und Emmy-prämierte Dramedy auf Amazon Prime, thematisiert Trans-Sein, Queer-Sein und Feminismus. Staffel 2 feierte am Freitag Premiere und eine Szene aus der neunten Folge hat sich mir besonders eingeprägt. Maura – eine siebzigjährige Transfrau - begegnet auf einem Musikfestival, das von Frauen für Frauen veranstaltet wird, einer Gruppe radikaler Feministinnen. Eine dieser Frauen erklärt Maura, dass das Festival für "Menschen ist, die mit einer Vagina und einer Gebärmutter geboren wurden." Eine weitere aus dem Kreis erklärt, dass Penisse vielen Angst machen würde. Auf die Frage nach dem Warum erwidert eine: "Weil wir vergewaltigt wurden." Worauf eine weitere genervt erklärt: "Ist das nicht komisch? Das ganze Gespräch dreht sich nur noch um Sie, und wir tun alles, damit Sie sich wohlfühlen (...) Ihr Penis ist mir scheißegal. Mir geht es um das Privileg." Maura entgegnet der Feministin daraufhin: „Ich habe zu viel gelitten, um mich privilegiert zu fühlen."

Diese Szene schilderte eine schwierige, aber vermeidliche Debatte: Wie sollen Transfrauen in Diskurse um Feminismus und Frau-Sein integriert werden, wenn diese Diskurse bisher nur von Cisgender-Frauen geführt werden?

Ich habe keine perfekte Erklärung, aber ich habe eine Idee.

Transfrauen:

1. sind keine Cis-Frauen und das ist OK.

2. sind Frauen, und das ist ein Fakt.

1. WIR SIND KEINE CIS-FRAUEN

Einige Transfrauen beginnen mit ihrer Angleichung, bevor sie in der Pubertät sind, andere danach, wieder andere lange nach der Pubertät. Obwohl man die Körper und die Erfahrungen von Transfrauen nicht verallgemeinern kann, das Verbindende unter Transfrauen ist die Zuteilung einer männlichen Identität bei der Geburt.

"Es ist ein Junge!" ist ein Spruch, der Transfrauen in ein tiefes Loch schubst, aus dem sie schließlich wieder herauskommen müssen. Cis-Frauen starten ohne dieses Loch, sie sind ohne jeden Zweifel weiblich. Eine Frau zu sein, ist schwer. Aber Cisgender zu sein, ist ein Privileg.

Vor der Angleichung wird eine Transfrau nie wissen, was es bedeutet, als Mädchen erzogen zu werden; als Mädchen ausgebildet zu werden, und jawohl: als Frau unterdrückt zu werden. Eine Transfrau wird nie wissen, wie es ist, einmal im Monat die Regelblutung zu bekommen, und sie wird auch nie Kinder gebären. Ob ihr Mann-Sein nun vier Jahre, elf Jahre, zwanzig Jahre oder sechzig Jahre andauert, das Geschlecht einer Transfrau entsteht aus dem brutalen Bruch zwischen ihrem Ich und der Welt. Sie wählt das Frau-Sein über das Mann-Sein; ein Mann-Sein, das sie nicht wollte und was tiefe Narben bei ihr hinterlassen hat.

Transfrauen stehen für vier, elf, zwanzig oder sechzig Jahre in Konflikt mit dem männlichen Privileg. Ob eine Transfrau männliche Privilegien akzeptiert, verinnerlicht und benutzt, ist eine ganz andere Geschichte. Trans-Weiblichkeit ist eine Krise von Männlichkeit: ein Versagen, ein Ablehnen oder ein Verzicht von und auf Mann-Sein und das männliche Privileg. Einige Transfrauen scheitern am Mann-Sein kläglich und wandeln sich so schnell sie können um; einige liefern atemberaubende und glaubwürdige Performances als Mann ab, während sie innerlich für Jahre leiden. Jede Transfrau hat ihr eigenes Verhältnis zum Mann-Sein, das sie bei der Geburt erbt. Sie wendet sich davon ab, wenn sie dazu bereit ist. Die Zuteilung des männlichen Geschlechts bei der Geburt macht aus keinem Menschen einen Mann, aber es formt und beeinflusst das Leben für eine Transfrau auf eine Art und Weise, wie es das für eine Cis-Frau nie tun würde.

Und ja: Männer misshandeln, unterdrücken, vergewaltigen und erniedrigen Frauen, und eine große Mehrheit dieser Männer hat Penisse. Ich behaupte hingegen, dass es nicht die Penisse sind, die Frauen vergewaltigen, sondern das Patriarchat: eine globale Geschlechterhierarchie, in der Weiblichkeit von Männlichkeit unterjocht und geplündert wird.

Nicht alle Männer haben Penisse und nicht alle Frauen haben Vaginen und Gebärmütter.

Wenn Feminismus gegen das Patriarchat kämpft, dann ist ein feministischer Diskurs, der die binäre Geschlechtsidentität an eine binäre Körperlichkeit knüpft, ein Widerspruch in sich. Das Patriarchat selbst beruht auf dieser Dialektik. Der Riss zwischen Transfrauen und bestimmten radikalen Feministinnen hat mich schon immer erstaunt, denn beide Seiten haben einen tiefen Einblick darin, was es heißt, unter dem Patriarchat zu leiden.

2. WIR SIND FRAUEN

Eine Frau danach zu definieren, welches Geschlecht ihr bei der Geburt zugeteilt wurde, ist problematisch. Wenn sich die Erfahrungen von Frau zu Frau so unterscheiden, dann versagen allgemeine Definitionen. Auch wenn ich keine Expertin auf dem Gebiet der Gender Studies bin - ich hoffe, dass ich noch viel lernen kann -, habe ich für mich eine Definition von Frau-Sein durch den Blick auf die Männer gefunden: was die machen, was die haben, und wen die vom Machen und Haben abhalten. Die Definition von Frau-Sein liegt für mich darin, wer darunter leidet, dass er oder sie sich nicht als männlich identifiziert oder darstellt, und wieso.

Alleine dieses Jahr gab es 30 Berichte über ermordete Transgender. 27 von diesen Opfern waren Transfrauen. Alle Verdächtigen oder verurteilten Mörder waren Männer.

In 32 US-Bundesstaaten ist es legal, Trans-Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität bei der Arbeitsplatz- oder Wohnungssuche zu diskriminieren. Die Arbeitslosigkeit unter Transgender in Amerika ist doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt und einer von fünf Transgender war schon mal obdachlos. Nur neun US-Bundesstaaten verlangen, dass die staatliche Krankenversicherung auch Behandlungen im Zusammenhang mit Transgender-Sein abdecken. Ungefähr 80 Prozent der Sitze im amerikanischen Kongress entfallen auf Männer und es gab noch nie eine US-Präsidentin.

Die oben genannten Zahlen sagen noch nicht viel über Frau-Sein aus, aber sie zeigen vielleicht den größeren Zusammenhang, dass Männer nicht nur Frauen, sondern Transfrauen im Besonderen diskriminieren.

Zwar bleiben Transfrauen von bestimmten Herausforderungen, vor denen Cis-Frauen stehen, verschont, aber ihre Kämpfe mit dem Patriarchat sind genauso heftig und einzigartig. Die meisten Transfrauen haben damit zu tun, die Form/Erscheinung ihrer Körper mit den Schönheitsidealen des Patriarchats in Einklang zu bringen, nicht weil diese Ideale gut oder berechtigt sind, sondern weil sie dadurch Würde bewahren können und sie sogar Leben retten. Transfrauen, die sich outen oder auf dem Weg der Angleichung sind, werden beschimpft und verspottet. Transfrauen, die akzeptiert werden, tun es den Frauen dieser Welt gleich und werden Bürger zweiter Klasse. Wenn zum Beispiel eine Transfrau, die bestimmte männliche Werte wie Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen während ihrer männlichen Kindheit und Jugend verinnerlicht hat, profitiert sie von diesem Privileg als Transfrau, die unsichtbar ist und ignoriert wird, nicht mehr.

Männer haben in dieser von Männern dominierten Welt lange definiert, was eine Frau ist. Meiner Meinung nach leiden Cis- und Transfrauen unter einer Definition von Frau-Sein, die sie nicht zu verantworten haben. Sie leiden darunter als Frauen - als Nicht-Männer - manchmal auf unterschiedliche Art und Weise, aber nichtsdestotrotz gemeinsam. Eine Debatte um nicht-zweigeschlechtliche Identitäten ist in absehbarer Zeit unvermeidlich. Bis dahin konzentriere ich mich auf die Zweigeschlechtigkeit, die weltweit vorherrscht.

Antworten auf das Frau-Sein gibt es nicht viele, dafür gibt es aber Fragen im Überfluss.

@harinef