rei of light

Ihre Kollektionen für Comme des Garçons sind der Ausdruck ihrer Wahrnehmung der Welt und der Modeindustrie, von der sie ein wichtiger Teil ist. Nach vier, eher düsteren Kollektionen wagt Rei Kawakubo nun wieder einen optimistischeren Ausblick.

von Anders Christian Madsen
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08 März 2016, 9:05am

Im September 2013 sagte Rei Kawakubo den Gästen der Comme-des-Garçons-Show für Womenswear, dass sie sich diese Saison dagegen entschieden hätte, Kleidung zu entwerfen, und sie stattdessen einfach nur kreiere. Jeder Look war anders. Die Models präsentierten jeden Look zu einem anderen Soundtrack. Das Publikum versuchte derweil zu verstehen, was die Kreationen vor ihren Augen wohl bedeuten würden. Einige sahen wie Kleider aus, während andere überhaupt nicht nach Bekleidung aussahen. Rei Kawakubo hat sich von den Zwängen zeitgenössischer Mode befreit: weg von Tragbarkeit und Verkaufbarkeit und jedem anderen von Designern und Labels selbst verordneten Gedanken an Kommerzialität. Die Kollektion von März 2014 taufte sie „Monster". In dieser Kollektion ging es um Knitwear und Leggings und die fantastischen Silhouetten der vorangegangenen Saison wurden nun monströser: größer, dunkler und grotesker. Kawakubo beschrieb die Kollektion in einem ihrer seltenen Statements so: „Die Verrücktheit der Menschheit, diese Angst in uns allen, das Gefühl, über den gesunden Menschenverstand hinaus zu gehen; das Fehlen des Gewöhnlichen ausgedrückt durch etwas außergewöhnlich Großes; durch etwas, was hässlich und schön zugleich sein kann. Ich wollte mit anderen Worten die etablierten Schönheitsideale infrage stellen".

Im September 2014 präsentierte sie die „Roses and Blood"-Kollektion aus Rot und Schwarz. Die überdimensionalen Formen blieben, aber sie erschienen regelrecht wie in einem Blutbad abgemetzelt und wurden ab und zu mit Rosen verziert. Wenn die Schauen einen Zyklus gebildet hätten, dann wäre diese Kollektion der dramatische Höhepunkt gewesen—der Kampf zwischen Gut und Böse. Wie sieht dann das Ende aus? Im März 2015 zeigte Kawakubo ihre „Ceremony of Separation"-Kollektion und rührte damit das Publikum mit ihren Kreationen und dem emotionalen Soundtrack von Max Richter zu Tränen, wie ihre kolossalen Looks aus weißem Leinen nacheinander auf dem Laufsteg präsentiert wurden und sich auf dem engen Catwalk berührten. Was betrauerten wir? Wen trugen wir zu Grabe? Vier Kollektionen lang hatte Kawakubo mit ihren eigenen Designs Bestehendes herausgefordert, sie hat dem kommerziellen Imperativ ihrer Industrie widerstanden und ihre Entwürfen mit so viel menschlichen Gefühlen wie möglich beladen. Um sie herum wurde big business in der Industrie immer angesagter. Ihre Hingabe an die Reinheit der Gefühle und der Kreationen fungierte als Weckruf und sie schlug für zwei Jahre nonstop Alarm. Und dann wechselte ihre Stimmung.

Im September 2015 schwärmte Kawakubo backstage von der „Blue Witch", zuvor hat das Publikum eine optimistische Schau gesehen, die sich von den vier Vorgängern abgehoben hatte. Die Musik aus David Lynchs Blue Velvet sorgte für eine Ausgelassenheit, die durch rote Perücken charakterisiert wurde. Königliches Blau, majestätische Federn, dekadente Leopardenprints und lebhafte Rüschen verhüllten die prächtigen Titaninnen auf geheimnisvolle Art und Weise. Es waren Frauen, die Mut machten. Alle opulenten Elemente strebten dem Licht entgegen und spiegelten sich selbst. Vorbei war es mit dem Weltschmerz, an den wir uns in den vergangenen Saisons gewöhnt hatten. Ein vorsichtiger Optimismus, der an Wunder glaubt und durch starke Materialien zum Ausdruck gebracht wird. In der keltischen Tradition steht die „blaue Hexe" für Geduld und Frieden. Falls ihre Kollektionen eine Auseinandersetzung mit einer sich verändernden Modewelt sind, dann hat sie hier einen gemäßigteren Ton angeschlagen. Vielleicht hat sie auf die letzten vier Kollektion und ihre eigene Position zurückgeschaut und dachte dabei an die blauen Hexen—dramatisch, ja, aber ausschließlich dazu da, um Gutes zu tun.

Ein Teil der Erklärung, warum uns die Kollektionen von Comme des Garçons aus den letzten fünf Saisons fasziniert haben, liegt in der Rolle des Kunden begründet. Wer würde diese majestätischen und kolossalen Entwürfe auf der Straße tragen? In einer von Fast Fashion, Massenproduktion und Pre-Kollektionen geprägten Zeit stellt Kawakubos Weigerung etwas Besonderes dar. Wie Teenager, die nicht von ihrer Reality-TV-Serie loskommen, starrten wir auf den Laufsteg, um ihr kompromissloses Theater der Kreationen, Emotionen und des Geheimnisvollen zu bestaunen. Das ist Mode, die sich jeder Definition entzieht; die größer als Ready-to-Wear ist und die so komplex wie Haute Couture ist. Einiges spricht dafür, dass ihre Mode dazugehört. Aber Kawakubos Kleidung ist nicht ausschließlich dafür gemacht, auf dem Laufsteg gesehen zu werden. Es sind auch keine Pieces, wofür man ein individuelles Fitting in einem Pariser Atelier benötigt. Das ist Kleidung, die in Geschäften neben kommerzielleren Linien verkauft wird. Jeder, der sie kaufen möchte, kann sie kaufen. In einer Zeit, in der gute Mode oftmals nicht den Sprung vom Laufsteg in die Läden schafft, liegt darin vielleicht genau das Geheimnis von Comme des Garçons: aus dem Theater wird Realität.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Danko Steiner 
Fashion Director: Alastair McKimm 
Make-up: Francelle at Art and Commerce
Nägel: Natalie Pavloski / Bridge Artists verwendet Chanel
Fotoassistenz: Guario Rodriguez, Dave Mould
Digitaltechnik: Rob Dowsley
Stylingassistenz: Lauren Davis, Sydney Rose Thomas
Make-up-Assistenz: Takahiro Okada
Produktion: Helena Martel Seward
Casting: Angus Munro for AM Casting (Streeters NY)
Besonderen Dank an Daphne Seybold 
Model: Ruth Bell at The Society
Ruth trägt Comme des Garçons.