Diese Hotline beantwortet dir alle Fragen zur Bundestagswahl

Jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr kannst du Ali Cans “Hotline für besorgte Bürger” anrufen.

von Stefanie Schneider
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22 September 2017, 11:24am

Ali Can, Foto: Manfred Esser

Am Sonntag stimmen wir in Deutschland bei den Bundestagswahlen über unsere Zukunft ab. Während die Parteien versuchen, die letzten Wähler für sich zu überzeugen, macht es einen doch immer wieder stutzig, wie viele mit der AfD sympathisieren. Mit einer Partei, die die bestehenden Ängste nur bedient, als deren Ursachen wirklich bekämpfen zu wollen. Ali Can, ein gebürtiger Türke, der als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland kam, hat sich genau das gefragt – und kurzerhand eine Hotline für besorgte Bürger errichtet. Jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr klingelt sein Handy. Dann kann es schon einmal vorkommen, dass er mit denjenigen telefoniert, die ihn mitunter als Problem sehen. Wir haben mit Ali genau darüber gesprochen.

Du hast eine Hotline für besorgte Bürger eingerichtet. Was sind das für Menschen, die dich anrufen?
Das sind zum Teil Menschen, die zur Zielgruppe gehören. Jene, die Ängste und Zweifel im Hinblick auf Muslime, Migranten oder geflüchtete Menschen haben. Es rufen zum großen Teil aber auch Menschen an, die aufgeschlossen und tolerant sind, sich im Umgang mit Flüchtlingen allerdings Fragen stellen oder nicht weiter wissen.


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Du redest also gelegentlich mit denjenigen, denen du möglicherweise ein Dorn im Auge bist. Wie oft kommt es vor, dass du beschimpft wirst?
Es sind nur ein paar Leute, denen ich ein Dorn im Auge bin. Die meisten, die mich anrufen, nehmen das Angebot an, weil sie wertschätzen, was ich da anbiete.

Sigmar Gabriel bezeichnete die Rechtsradikalen, die 2015 vor der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau randaliert haben, als Pack. Was hältst du davon?
Es bringt absolut nichts, Menschen derartig zu beleidigen. Gabriel als Bundespolitiker sollte mit gutem Beispiel vorangehen und sich – trotz Anfeindungen – nicht auf die gleiche Ebene begeben.

Angela Merkel ruft bei deiner Hotline an. Du hebst ab. Was würdest du ihr gerne sagen?
Ich würde sie fragen, wie es ihr geht, was sie gerade so macht und ob ich ihr in interkulturellen Angelegenheiten helfen könne. Und ich würde sie darin bestärken, aus humanistischen Werten heraus Politik zu machen. Im Grunde würde ich mit ihr ganz normal reden – wie mit einer Tante von mir.

Warum ist die AfD so stark?
Das hat zum einen ganz objektive Gründe. Die Partei hängt sich sehr an dem Flüchtlingsthema auf. Schließlich weiß keiner so recht, wie es weitergehen soll. Der AfD gelingt es nämlich, Menschen glauben zu lassen, dass viel Schlechtes von den Geflüchteten ausgeht. Sie sind zum Sündenbock geworden – für Vieles, was grundsätzlich falsch läuft.

Eine Frau hat dich einmal gefragt, ob sie eine Mauer um ihr Grundstück bauen muss, weil nebenan ein Flüchtlingsheim entsteht. Was hast du ihr geantwortet?
Die Person war zutiefst verunsichert, damit habe ich mich auseinandergesetzt. Ich habe ihr zugehört, weil es nicht darum geht, sich als Experte aufzuspielen und eine Pauschalantwort zu haben. Man muss sich mit den individuellen Fällen auseinandersetzen und auch überlegen, ob die Frau vielleicht an manchen Stellen Recht hat und es vielleicht logistische Probleme gibt. Und dann gilt es zu überlegen, wie man diese lösen kann.

1995 bist du mit deinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Keiner in deiner Familie hat studiert, deine Eltern sprechen gebrochen Deutsch, du bist am Ende deines Lehramtsstudiums. Wie hast du all das geschafft?
Es hat etwas mit Eigenmotivation zu tun. Ich wollte immer so sein, wie meine deutschen Freunde und Bekannten. Und dann habe ich mir natürlich Mühe gegeben, so zu sprechen, so zu denken. Ich mag Sprache im Allgemeinen und hatte glücklicherweise die Möglichkeit, Deutsch zu lernen – anders als meine Eltern, die immer an Orten, wo ausschließlich Menschen waren, die kein Deutsch sprechen, gearbeitet haben.

In deinem kürzlich erschienenen Buch Hotline für besorgte Bürger stellst du klare Forderungen. Was muss sich in der Politik und der Gesellschaft ändern, damit Integration gelingen kann?
Freiwilligenzentren und das Ehrenamt als solches müssen stärker unterstützt werden. Und ganz wichtig ist, dass die Politik deutlich mehr wertungsfreie Räume schaffen muss, in denen man sich austauschen, begegnen und debattieren kann. Die Gesellschaft muss sich überlegen: wie können wir uns besser kennenlernen? Worauf sind wir neugierig? Nachbarschaftsfeste können da helfen. Schule ist ein sehr wichtiger Punkt. Auch dort gibt es besorgte Lehrkräfte, die in sogenannten Willkommens- oder Flüchtlingsklassen überfordert sind, weil die Kulturvermittlung fehlt oder die Schüler teilweise psychosoziale Betreuung benötigen. Ein Fach, was sich auf Kommunikation und Interkulturelles bezieht, wäre womöglich echt hilfreich.

Wie sieht das Deutschland deiner Träume aus?
Fast so wie jetzt, würde ich sagen. Deutschland macht schon sehr vieles sehr gut. Diskretion, Bürokratie – Dinge, die man mit Deutschland verbindet, haben letztendlich auch ihren Zweck. Vieles ist perfekt, weniger Hass wäre dennoch schön.

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