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Wir räumen mit den Mythen rund um Drag auf

Es gibt zwei grundlegende Missverständnisse über Drag: erstens, dass es ausschließlich Männern vorbehalten ist, und zweitens, dass es nur um die Verkörperung einer Frau geht.

Jake Hall

Foto über i-D UK

In unserer Themenwoche "Berlin's New Drag" erkunden wir, was und wer die Underground-Drag-Szene in der deutschen Hauptstadt so besonders macht. Alle Artikel findest du hier. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Drag wird immer beliebter. Das immer größer werdende Interesse geht sicherlich auch mit dem Erfolg von RuPaul's Drag Race einher, einer amerikanischen Reality-Fernsehserie, in der Drag Queens gegeneinander in Kategorien wie Kostümdesign, Comedy und Choreographie antreten. Die Show ist eine einzigartige Mischung aus herzzerreißenden Geschichten, messerscharfen Sprüchen und atemberaubender Kunst. Drag Race hat etwas geschafft, was vor noch nicht allzu langer Zeit so gut wie unmöglich schien: Drag – die subversive Kunst, Gender durch Performance und Ästhetik zu dekonstruieren – ins Mainstream-Fernsehen zu bringen. Mit zunehmendem Erfolg gibt es aber auch immer mehr Diskussionen rund um das Thema Drag, und folglich eine Reihe von Mythen, die einfach nicht aus dem Diskurs verschwinden wollen.

Die zwei gängigsten Missverständnisse sind, dass Drag ausschließlich Männern vorbehalten ist und dass es bei Drag nur um die Verkörperung einer Frau geht.


Auch auf i-D: Faux Real wird deine Vorstellung von Drag auf den Kopf stellen


Wenn man sich RuPaul's Drag Race so anschaut, könnte man das aber leicht glauben – die Juroren sind sehr auf die Fishiness (das Ausmaß der Weiblichkeit) fixiert und legen überdurchschnittlich hohen Wert auf Glamour. Die Teilnehmer selbst sind abgesehen von ein paar Trans-Performern größtenteils männlich. Drag wird meistens als übertriebene Darstellung von Gendernormen definiert – es geht darum, Gender zu performen, um zu zeigen, wie labil das Konstrukt eigentlich ist.

"Drag ist ein Gegenmittel gegen Homogenität; eine von Natur aus queere Kunstform, die die soziale Auferlegung der Geschlechterbinarität unterstreicht", erklärt die Drag-Hexe China Dethcrash, die durch ihre Tierschädel, Hirschgeweihe und alte Reliquien von einer ganz eigenen Aura umgeben ist. "Es geht darum, Gender selbst als Performance zu erkennen und den Mythos aufzulösen, dass die Verkörperung einer Frau die einzig wahre Form von Drag ist", sagt sie weiter. "Frauen sollten diese Kunst ebenfalls ausüben dürfen; jeder sollte eingeschlossen werden. Jedes Spiel mit Geschlechterrollen trägt dazu bei, den Turm aus kulturellen Konstrukten ins Wanken zu bringen."

Georgie Bee, die Gewinnerin des renommierten Miss Sink the Pink-Titels (gewissermaßen die Miss-Wahl der Drag-Szene in England), stimmt ihr zu: "Drag ist für alle da – jeder kann sich in der übertrieben Darstellung eines Geschlechts ausprobieren." Bee ist nur eine von vielen talentierten weiblichen Queens, die gerade in England zunehmend Anerkennung finden. Und trotz ihrer unglaublichen Kunstfertigkeit werden sie oft als 'Faux'- oder 'Bio'-Queens abgetan; Begriffe, mit denen ihnen ungewollt ihr Talent abgesprochen wird, indem man andeutet, dass sie aufgrund ihres biologischen Geschlechts keine echten Queens sein können. Amy Zing — Mitbegründerin von Sink the Pink — erinnert sich aber an einen Vorfall, der unterstreicht, dass viele Old-School-Drag-Queens sich weigern, weibliche Queens anzuerkennen: "Ich wurde von einer alten Drag-Queen fertig gemacht, die in den Umkleideraum kam und sagte 'Moment mal, was macht SIE denn hier?' Ich habe mir große Mühe gegeben, den ganzen Tag über besonders nett zu ihr zu sein und hoffe, dass unsere Show ihre Ansichten vielleicht ändern konnte."

"Das häufigste Missverständnis über Drag ist, dass der Performer das Geschlecht, das er performt, sein will, was überhaupt nicht stimmt."

"Das häufigste Missverständnis über Drag ist, dass der Performer das Geschlecht, das er performt, sein will, was überhaupt nicht stimmt", erklärt Adam All, ein Drag King aus London. "Drag ist eine Performance von Gender, die als soziale oder politische Kritik oder auch einfach nur auf witzige und provokante Weise eingesetzt werden kann, um über das soziale Geschlecht zu sprechen."

Im Endeffekt verfehlt man das Thema komplett, wenn man sagt, Drag sei nur Männern vorbehalten – Drag ist eine Performance, die die Zerbrechlichkeit von sowohl Weiblichkeit als auch Männlichkeit betont und bei der gesellschaftlichen Idealvorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit infrage gestellt werden. Es geht darum, seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen und gleichzeitig die Grenzen von Gender zu verwischen. Das biologische Geschlecht zu nutzen, um weibliche Queens schlechtzureden, verstößt gegen die Botschaft der Transgression, die Drag ursprünglich verbreiten wollte. Es überrascht nicht sonderlich, dass RuPaul selbst die übergreifende Botschaft von Drag in einem Interview zusammengefasst hat: "[Drag] wird nie Mainstream sein", sagte er. "Es ist die Antithese zum Mainstream und das genaue Gegenteil von allen Normen."