Touko Laaksonen (Pekka Strang) © 2017 Josef Persson/ Helsinki Filmi Oy 

Über die Kunst, ein Leben ohne Scham zu leben

Ab dem 5. Oktober läuft der Film "Tom of Finland" über das Leben des Künstlers Touko Laaksonen im Kino. Im Gespräch verrät uns der Regisseur Dome Karukoski, warum Tom of Finland heute noch relevant ist und was Kunst von Pornografie unterscheidet.

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Sep. 27 2017, 9:59am

Touko Laaksonen (Pekka Strang) © 2017 Josef Persson/ Helsinki Filmi Oy 

Berlin in den 50ern. Der junge, finnische und schwule Grafikdesigner Touko Laaksonen reist in die Stadt, im Koffer mit dabei hat er seine Illustrationen: Zeichnungen von großen, muskulösen Männern mit übergroßen Penissen, die ungeniert Sex an öffentlichen Plätzen haben. Kunst, die ihn ins Gefängnis bringen kann – sowohl in Finnland als auch in Deutschland.

So passiert es auch: Nach der Nacht mit einem Fremden, den er in einer der vielen versteckten Berliner Schwulenbars kennenlernte, muss er feststellen, dass der nicht nur seine Zeichnungen geklaut hat, sondern auch seinen Pass. Touko muss zur Polizei, wird von ihr festgehalten und verhört. Homosexuelle gelten immer noch als Perverse und er wird von einem Polizisten verhöhnt, dass Leute wie er vor ein paar Jahren noch vergast worden wären.


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"Touko hat sich mit seinen Zeichnungen in Gefahr gebracht, weil Homosexualität damals verboten war und als Krankheit angesehen wurde", beschreibt Regisseur Dome Karukoski seine Bewunderung für den Protagonisten seines neuen Films. Am 5. Oktober startet mit Tom of Finland eine bewegend inszenierte Liebesgeschichte und liebevolle Hommage des noch viel zu wenig gewürdigten Touko Laaksonen in den deutschen Kinos. Es ist ein Spielfilm über das Leben des finnischen Künstlers, der vor allem durch seine homoerotischen Zeichnungen von muskulösen Männern bekannt wurde. Nur die Wenigsten wissen etwas über den Mann, der für einige der ikonischsten Werke für Schwule verantwortlich ist. Im Gespräch verrät uns der Regisseur, warum Tom of Finland heute noch relevant ist und was Kunst von Pornografie unterscheidet.

v.l. Jack (Jakob Oftebro) und Doug (Seumas Sargent) © 2017 Josef Persson/ Helsinki Filmi Oy

Wie unterscheidet sich Touko Laaksonen von seinem Künstler-Ego Tom of Finland?
Für mich ähnelt Toms Geschichte der von Clark Kent und Superman. Die USA waren Toukos geistiges Zuhause. Dort konnte er frei sein. Im konservativen Finnland arbeitete er in einer Werbeagentur und musste einen Anzug tragen, da war er der Clark Kent. In Amerika zog Touko seine Lederjacke an und wurde zu Superman – zu Tom of Finland.

Was ist das Besondere an Toukos Geschichte?
Touko hat sich mit seinen Zeichnungen in Gefahr gebracht, weil Homosexualität damals verboten war und als Krankheit angesehen wurde. Er musste darum kämpfen, dass seine Kunst veröffentlicht wird. Dieser Aspekt hat mich sehr beeindruckt, weil man heute als Kreativer nicht mehr um die Veröffentlichung seiner Kunst kämpfen muss. Und eines war ihm immer wichtig: ohne Scham man selbst zu sein. Für seine Fetische und Fantasien braucht man sich nicht zu schämen. Für mich ist es ein Film über die Freiheit, man selbst zu sein.

Ist Tom of Finland ein politischer Film?
Die Geschichte, die wir erzählen, ist sehr politisch. Und das macht den Film politisch.

Kunst von Tom of Finland © 2017 Josef Persson/ Helsinki Filmi Oy

Zeigt ihr im Film Originalzeichnungen?
Wir hatten einen Set Artist, der einige der Zeichnungen gemalt hat, die vor der Kamera entstehen. Wir haben dafür mit der Tom of Finland Foundation zusammengearbeitet, die uns mit den Informationen über seine Techniken versorgt hat.

Welche Rolle spielen die Farben im Film?
Wir haben uns sehr genau überlegt, wann und wie bestimmte Farben eingeführt werden. Sie sind mit bestimmten Orten verbunden, so wird Rot in Berlin eingeführt und violett in New York. Die helleren Farben wie Gelb oder Weiß sorgen für Kontraste zu den dunkleren Farben und stehen für eine femininere Homosexualität – das war etwas, dem Tom entfliehen wollte. Außerdem imitieren oder zitieren viele der Kameraeinstellungen und Bildkompositionen eine Tom-of-Finland-Zeichnung.

Kake (Niklas Hogner) © 2017 Josef Persson/ Helsinki Filmi Oy

Du hast in Berlin gedreht und in Schwulenbars nach Statisten gesucht. Warum hier?
Touko war in Berlin. Es ist dokumentiert, dass er in den 50ern hier einen neuen Reisepass beantragen musste und von der Berliner Polizei festgehalten wurde. Und Berlin hat Charakter und das gewisse Extra, besonders für Ausländer. Deswegen wollten wir auch in Berlin die Berlin-Szene drehen. Wir wollten viele Männer aus der Schwulencommunity selbst im Film haben. Deshalb spielen sie in kleineren Rollen mit. Uns war es wichtig, dass wir am Set das Gefühl haben, dass wir eine große Familie sind. Das ging so weit, dass uns viele von ihnen an die unterschiedlichen Drehorte gefolgt sind, weil sie Teil des Films sein wollten und große Fans sind. Die Unterstützung war wirklich toll.

Warum erlebt Tom of Finlands Kunst gerade eine Renaissance?
Ich kann die Frage nur aus der Sicht eines Finnen beantworten. Das gilt analog aber wahrscheinlich für die ganze Welt. In kleineren Ländern fragen sich die Leute ständig: Was denken die anderen über uns? Für viele Konservative in Finnland war Touko kein Künstler und sie haben sich dafür geschämt, dass er aus Finnland kommt. Die öffentliche Wahrnehmung von ihm hat sich in Finnland in den letzten Jahren enorm gedreht. Das hängt damit zusammen, dass er zum einen als Künstler wiederentdeckt wird und zum anderen setzte sich die Erkenntnis durch, dass Touko etwas zu sagen hatte. Dass es nicht nur handwerklich gut gemachte Zeichnungen sind und dass es nicht nur um den Künstler selbst geht, sondern dass seine Kunst eine historische Bedeutung hat. Diese Erkenntnisse haben zu einer Neubewertung von Tom of Finland in Finnland selbst geführt. Den Konservativen fiel das schwer, weil sie das nicht akzeptieren konnten. Touko hat den Kampf letztendlich gewonnen. Und das hat das Interesse an ihm und seiner Kunst neu entfacht. Deswegen gab es neue Ausstellungen, sogar T-Shirts und so weiter.

Dass Tom in seinem Heimatland heute wie ein Nationalheld gefeiert wird, ist überraschend. Das Land ehrt ihn mit einer Briefmarke oder bringt Apps mit Emojis im Tom-of-Finland-Style auf den Markt. Aber wie du in deinem Film zeigst, war das ja nicht immer der Fall. Die finnischen Behörden haben Touko damals nicht geholfen.
Genau darum geht es. Als wir 2011 angefangen haben, war das auch noch nicht so. Ein großer Teil der finnischen Gesellschaft stand ihm ablehnend gegenüber, gerade auch seinen Zeichnungen, die so direkt sind. Das ist auch kein Film über die Zeichnungen, sondern über den Künstler Touko Laaksonen. Als Künstler war er von den historischen Zuständen abhängig. Bis 1971 war Homosexualität in Finnland illegal und galt als Krankheit. Selbst in den 90ern war es in Finnland schwierig, sich öffentlich als offen schwuler Mann zu zeigen. Das verdeutlicht die historische Dimension.

Warum ist Tom of Finland noch heute relevant?
Viele Leute haben sein Kunst damals als Homo-Propaganda abgetan. Richtig viel hat sich heute nicht verändert. Man muss sich doch nur mal den Zustand von LGBT-Rechten auf der Welt anschauen. Nicht nur was in Tschetschenien abläuft, sondern auch in den USA wird auf LGBT-Rechten herumgetrampelt. Konservative Kräfte schlagen immer zurück und deswegen ist es so wichtig, dass wir solche Geschichten erzählen und dass es diese Zeichnungen gibt. Denn auch heute ist es für einen 16-Jährigen auf dem Land schwer, sich als nicht-heterosexuell zu outen.

Tom wurde ja immer in die Schmuddelecke gestellt. Wo hört Kunst auf und wo beginnt Pornografie? Und gibt es da überhaupt einen Unterschied?
Das kann man nicht voneinander trennen. Gerade bei Toukos Werken. Es kommt vom Künstler selbst und hängt damit zusammen, wie dessen Kunst bewertet wird. Er hat leidenschaftlich gerne gezeichnet und das sieht man ihnen an. Ihm ging es nicht um den Sex an sich, sondern um den Spaß an Sex und den Spaß daran, man selbst zu sein. Darin steht auch eine politische Botschaft, auch wenn Touko mehrfach gesagt hat, dass er kein politischer Künstler sei. Aber in seiner Haltung war er politisch. Und das ist ein Unterschied zur Pornografie.

Was sollen die Zuschauer mitnehmen, wenn sie das Kino verlassen?
Die Leute sollen mit einem guten Gefühl aus dem Kino gehen. Sie sollen das Gefühl haben, dass sie etwas trinken wollen, und vielleicht Lust auf Sex haben. Sie sollen sich nicht durch ihre Schamgefühle einengen lassen. Und sie sollen die Botschaft von Tom mitnehmen: Du brauchst dich für deine Neigungen nicht schämen und habe Spaß. Das ist meiner Meinung nach auch Toms wichtigstes Vermächtnis.

Tom of Finland läuft ab dem 5. Oktober in den deutschen Kinos.