5 Bücher vom Suchen und (sich) Finden

Für wenn wieder einmal alles scheiße ist.

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20 Oktober 2017, 2:14pm

Während die Tage kürzer werden, werden nicht nur die Pullis und Socken, sondern
gewohnheitsgemäß auch die Liste der Selbstzweifel länger. Dicht gewebt legt sich in der
düsteren Zeit des Jahres ein melancholischer Schleier über alles, was sonst als halb so
wild erachtet und mit dem Handrücken weggewischt wird. Da braucht es nicht nur eine
dicke Haut und einen heißen Tee, sondern auch Geschichten, die einem Mut machen und
einen Frühling am Horizont erkennen lassen – unabhängig von der Jahreszeit. Wir legen dir fünf Bücher ans Herz, die von jener Suche nach Erkenntnis und Sinn erzählen und deren Protagonisten diese zumeist in sich selbst verborgen finden.


Auch auf i-D: i-D meets Paloma Elsesser


Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen, Franziska Wilhelm
Milla wächst in einer Kneipe im überschaubaren Stottenheim auf. Das Café Enders wird
von ihrer Mutter Rosanna und ihrer Großmutter Lucia betrieben, wobei der Name der
Gaststätte an Zynismus grenzt, ist sie doch nahe an Bahngleisen gelegen und ein
beliebter Ort für Selbstmörder. Was niemand weiß: Milla führt eine Beziehung zu ihrem
kaum älteren Onkel Jano. Nachdem die beiden beim Tête-à-tête erwischt werden, macht
sich Jano in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Staub. Strottenheim,
ohnehin einengend, wird für Milla ohne Jano zur unerträglichen Einöde. Doch dann tritt der
lebensmüde Paketfahrer Kalle auf den Plan. Einer der vielen, die ihrem Leben an diesem
trostlosen Ort ein Ende machen und vorher noch ein letztes Bier im "Enders" zu sich
nehmen wollen. Milla folgt ihm zu den Gleisen, überzeugt ihn vom Gegenteil und macht
sich mit ihm und seinem Bulli auf die Suche nach Jano, auf die Suche nach einer wie auch
immer gearteten Zukunft und – das gilt auch für Kalle – auf einen Weg hinaus aus der
Vergangenheit. Voller Witz und Leichtfühigkeit erzählt Franziska Wilhelm von Millas Reise,
die gleichzeitig Flucht und Suche ist.

Hagard, Lukas Bärfuss
Das Leben des Immobilienmaklers Philipp verläuft in seinen Bahnen, die Parabeln kommen ohne größere Schwankungen aus. Aus einer unbestimmten Laune heraus, folgt er auf einem
menschenvollen Wiener Platz einer Frau, nein, vielmehr ihrer Ferse, die er durch das
Gedränge grauer Hosenbeine und plumper Waden hervorblitzt. Mit jeder
Straßengabelung, mit jeden reduzierten Strich seiner Akkuanzeige auf dem Smartphone,
mit jedem nicht angenommen Anruf und verpassten Termin begibt sich Philipp in eine
Spirale von Entscheidungen, die eine unsichtbare Kraft ihm abzunehmen scheint. Die
Frau, der er folgt, ist niemals wirklich zu sehen, erst recht nicht zu greifen. Sie ist ein
Sinnbild, eine Sirene, ein Nordlicht, ein Verlangen, welches nicht von ihr ausgelöst wird,
sondern von den Tiefen von Philipps Seelenleben selbst zu stammen scheint. Philipp
sucht, doch weiß nicht wonach. Lukas Bärfuss beschreibt voll Finesse und Zärtlichkeit die
Zerbrechlichkeit des Individuums auf der Schwelle einer neuen Epoche. Das Wort
Hagard kommt kein einziges Mal im Roman vor. Aus dem Französischen übersetzt
bedeutet es "von Sorgen gezeichnet", im Altdeutschen "Wildling, schwer zähmbares
Tier". Beides trifft wohl von Zeit zu Zeit auf jeden von uns zu.

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster, Kat Kaufmann
Allein mit dem Titel werden sich viele von uns identifizieren können. Jonas, ein Berliner in seinen Mittzwanzigern ist nicht gerade das, was man eine Spaßkanone nennt. Nihilismus und Zynismus geben sich die Hand, der Ton ist stets derb und zeugt von einer tiefen, schwer ergründbaren Unzufriedenheit. Seine einzig wirkliche Bezugsperson ist sein Großvater Ernst, der seinem Enkel 5000 Euro und eine ominöse Botschaft hinterlässt: "Finde Butzukin". Jonas, der nie seinen Vater kannte, vermutet ebenjenen hinter der mysteriösen Person, die sein Opa ihm aufgetragen hat, zu
finden. Gemeinsam mit den wirsch wirkend, doch sympathischen Kleinkriminellen Juri
und Stas begibt er sich auf eine turbulente Reise ins tiefste Russland, um eine
Vergangenheit zu ergründen, die vielleicht das Tor in eine Zukunft öffnet. Denn letztlich
muss sich Jonas nicht die Frage stellen "Wer ist Butzukin?", sondern vielmehr "Wer bin
eigentlich ich?". Ein lautes Buch, ein finsteres Buch, doch stets ein Buch, dass uns im
Wirrwarr der Identitätsfindung einen Lichtblick erahnen lässt.

Johnny & Jean, Teresa Präauer
Johnny und Jean, das sind zwei junge Männer, auf der Schwelle zum Erwachsensein.
Beide brennen für die Kunst, den Pathos, die Melancholie. Doch während Johnny für
Jean brennt, brennt Jean in erster Linie für sich selbst. Wer war noch nicht in der
Situation gerne jemand anderes sein zu wollen? Jemand aus der nächsten Nähe, jemand,
der imponiert und so voller Charisma steckt, dass es fast wehtut, dass man sich
unweigerlich die Frage stellt: "Ja schön und gut, und was habe ich zu bieten?" Man sucht
so sehr in der Reflexion der bewunderten Person nach sich und seiner eigenen
Persönlichkeit, dass man daran verzweifelt. Aber natürlich sucht man einfach
an der falschen Stelle. Auch dies wird Johnny irgendwann begreifen. Der Weg dorthin ist
ein heißer Ritt durch die Adoleszenz, voller Witz und Melancholie, viel Pastis und der
herrlich erfrischenden, kunstvollen Sprache Teresa Präauers. Ein Buch, in dem man sich
wiederfindet und gleichzeitig kaum aufhören kann zu schmunzeln. Denn das gehört halt
auch dazu: Man nehme sich auf der Suche nach sich selbst bitte nicht immer allzu ernst.
Danke.

Sieben Nächte, Simon Strauß
Jemand sitzt an einem Tisch und schreibt. Um sein Leben wäre wohl zu viel gesagt, aber zumindest um der Angst, die sich in ihm ausbreitet entgegen zu treten. Welche Angst? Die, die uns alle umtreibt. Die Angst für nichts mehr brennen zu können. Die Angst davor, sich mit dem kleineren Übel zufriedenzugeben. Die Angst davor, in einem Büro zu sitzen, mit Blick in den Garten, doch das Fenster lässt sich nur auf kipp stellen. Eine Person jenseits der angsteinflößenden 30, im weiteren Verlauf nur T. genannt, gibt der Hauptperson folgenden Auftrag: In sieben Nächten soll der Protagonist in den verschiedensten Situationen auf die sieben Todsünden treffen und nun auf jemals sieben Seiten von jenen Begebenheiten berichten. Dies soll der Weg sein, auf dem der Autor zur (temporären) Erleuchtung findet. Sieben Nächte ist kein Roman, aber auch kein Tagebuch des Simon Strauß, genau so wenig eine essayistische Abhandlung über die um sich selbst drehenden Ängste der Generation Y. Es ist ein Versuch, ein soziales Projekt von innen nach außen und von außen nach innen. Ein kleines Büchlein, das eine große abstrakte Wahrheit in sich trägt. Am liebsten würde man jeden Satz unterstrichen und in jede Seite ein Eselsohr machen.