Stefan Cooke / Foto: Estelle Hanania und Gary David Mooru

Warum wir aufhören müssen, Jungdesigner als Ware anzusehen

Wir leben in einer Kultur, die die Jugend glorifiziert, anstatt zu unterstützen. Unsere Autorin fragt sich, was junge Design-Talente wirklich brauchen und was die Modeindustrie dabei für sie tun kann.

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Jan. 24 2018, 12:32pm

Stefan Cooke / Foto: Estelle Hanania und Gary David Mooru

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Vor fünf Jahren haben wir die Website 1 Granary gestartet. Wir wollten auf unserem Blog die spannendsten Arbeiten der Modestudenten zeigen. Im Laufe der Zeit kam ein Printmagazin und ein Showroom dazu. Alles diente einem Zweck: Talente zu pushen, an die wir so sehr glauben. Während wir immer größer wurden, stieg auch der Hunger der Modeindustrie nach den jungen Kreativen. Es gibt heute so viele Preise für Jungdesigner wie noch nie zuvor und auch in den Mainstream-Medien wird über die Fashionshows der Abschlussklassen berichtet. Allerdings fragen wir uns mittlerweile, ob wir nicht einen Fehler begangen haben, die Designer am Anfang ihrer Karriere schon so sehr ins Rampenlicht zu rücken.

Charlotte Knowles / Foto: Danielle Neu und Emma Wyman

Es gab noch nie viele so Optionen, um ein eigenes Modelabel zu gründen. Soziale Netzwerke und neue Technologien bieten jungen Designern ungeahnte Möglichkeiten, um die eigenen Kreationen zu promoten. Sie sind nicht mehr auf die traditionellen Gatekeeper wie Einkäufer und Journalisten angewiesen, sondern können ihre Entwürfe global mit all ihren Fans teilen – und direkt an sie verkaufen. Dienstleistungen an junge Firmen zu verkaufen, ist ein profitables Business. Aber wie oft und in welchem Umfang bringt es den Designern eigentlich selbst etwas? Jungdesigner wurden zu einer Ware.

Richard Quinn / Foto: Marie Déhé und Camille Bidault-Waddington

Eine große Mitschuld haben daran die Medien. Die Presse, immer gierig nach dem nächsten großen Ding, hat die Angewohnheit, junge Designer hochzujubeln und in die Öffentlichkeit zu zerren, ohne dass sie reifen konnten. Das Internet mit seinem Hang zur Überspitzung lässt mit seinen Artikeln über "die Besten, die Coolsten, die Angesagtesten" nur wenig Raum für nuancierte Analysen. Genauso wie Anti-Aging-Cremes ewige Jugend in einer Flasche versprechen, promoten die verantwortlichen Moderedakteure das nächste große Ding in ihren Magazinen, damit wir uns alle ein wenig jünger und cooler fühlen können. Weil viele Jungdesigner Teil dieser Promotion sein wollen, werden die Absolventen von den Modeschulen gehypt und zur Gründung ihres eigenen Labels angestachelt, bevor sie überhaupt mit der Rückzahlung ihrer Studienkredite beginnen können.


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Doch ein Modelabel bietet keinen Raum für Fehler. In der Modeindustrie herrscht ein harter Konkurrenzkampf und viel Missgunst. Einen einzigen Fehler zu begehen, kann der eigenen Karriere für immer schaden. Und diejenigen, die einem beim Erfolg noch zu jubeln, gehören nicht unbedingt zum Sicherheitsnetz, wenn etwas schiefgeht und der Erfolg ausbleibt. In dieser Branche existiert kein langfristiges Vertrauen. Die Designer werden so schnell fallengelassen, wie sie entdeckt wurden.

Chopova Lowena / Foto: Chris Rhodes und Lyson Marchessault

Um eins klarzustellen: Die große Aufmerksamkeit für junge Kreative ist nicht das Problem an sich hier. Problematisch wird es, wenn sich unerfahrene Kreative nicht ihres Wertes bewusst sind und blind Teil eines Systems werden, das ihnen auf dem Silbertablett serviert wird. Man würde eigentlich erwarten, dass die größere Präsenz von neuen Talenten zu einer vielfältigeren Industrie führen würde, doch das Gegenteil ist der Fall. Die meisten Newcomer kopieren einfach nur die etablierten – und teilweise fehlerhaften – Strukturen. So gibt es nur wenig Raum für alternative Ansätze was Produktion, Präsentation und Verkauf von Mode betrifft. Wir umgeben uns alle gerne mit jungen Talenten, aber wir erwarten von ihnen auch, dass sie sich wie das Mode-Establishment benehmen, das von großen Brands und erfahrenen Designern dominiert wird.

Eftychia Karamolegkou / Foto: Pascal Gambarte und Anna Pesonen

Exemplarisch für dieses Problem steht die Art und Weise, wie wir über Catwalk-Shows denken: Sie sind der ultimative Weg, um eine Kollektion zu präsentieren. Modeschauen sind nach wie vor ein guter Weg für Brands, ihre Ideen der Industrie und den Konsumenten näher zu bringen. Aber von jedem Jungdesigner zu verlangen, dass er etwas vorbereitet, das Catwalk-ready ist und diese Kreationen nach Paris zu schicken, bevor er überhaupt den Unterschied zwischen Chaussettes und Chaussures kennt, ist nicht nur einengend, sondern auch destruktiv. Nur weil man weiß, wo man hinmöchte, heißt das noch lange nicht, dass die eigene Karriere derer gleichen muss, die schon da sind.

Wir müssen junge Talente in einer Art und Weise fördern, die Experimente und Fehler zulässt. Jungdesigner sollten die Möglichkeit haben, ihre Handschrift zu ändern, auch nachdem sie ihren Abschluss in der Tasche haben. Es geht nicht so sehr darum, die Jüngeren zu supporten, sondern ihnen die Freiheit einzuräumen, sich auszuprobieren. Wie können sich die Designer als Künstler weiterentwickeln, wenn ihnen nur vorgekaute Anleitungen zum vermeintlichen Erfolg angeboten werden?

Gabriele Skucas / Foto: Tom Ordoyno und Ellie Grace Cumming

Das Problem betrifft nicht nur Jungdesigner, die ihr eigenes Label starten. In-house-Designer sollten auch Teil dieser Debatte sein. Diejenigen, die für andere arbeiten möchten, oder vielleicht davon träumen, eines Tages der Creative Director einer Marken zu werden, sind für die Industrie mindestens genauso wichtig. Die Modewelt wird nie aus Einzelkämpfern bestehen. Es geht um Teamwork: Die besten Arbeiten entstehen, wenn sich mehrere Kreative zusammentun. Deshalb brauchen wir Räume für Kreative in der Modewelt, in denen sie Fehler machen und alternative Systeme entwickeln können. Ein Anfang kann zum Beispiel sein, Jungdesigner mit etablierten Stylisten und Fotografen zusammenzubringen. So können fruchtbare Arbeitsbeziehungen entstehen, die ein Leben lang halten können. So können die Jungdesigner lernen, ihre Visionen mit anderen Mitteln auszudrücken. Sie bekommen mehr Zeit, sich zu entwickeln, bevor sie in das schnelle Modehamsterrad treten.

Laura Newton / Foto: Hiu Zhi Wei und Katie Burnett

1Granary.com