Das ist der Mann hinter einigen der bekanntesten Musikfotografien der Welt

Wir haben uns vom legendären Neal Preston erklären lassen, wie viel Glamour wirklich in seinem Beruf steckt und an welche verrückten Geschichten er sich noch besonders gut erinnern kann.

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Okt. 24 2017, 1:17pm

Courtney Love sagt über ihn, er sei der beste Fotograf, den der Rock 'n' Roll je gesehen hat. Und mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da. Neal Preston hat alles und jeden fotografiert, der in der Musikerszene Rang und Namen hat: Led Zeppelin, The Who, Queen, The Eagles, Sly Stone, Donna Summer, Pearl Jam, Bruce Springsteen, Michael Jackson, Duran Duran, Billy Joel, Tracy Chapman, Peter Gabriel, Sting ... diese Liste nimmt noch lange kein Ende. Ihren Anfang nahm Neals außergewöhnliche Karriere am 9. Februar 1964, als der Fotograf sah, wie vier junge Männer aus Liverpool in der Ed Sullivan Show ihr amerikanisches TV-Debüt gaben. "Dieser Abend hat mein Leben verändert. Bislang hatte ich mit Stöcken im Wald gespielt oder Kumpels nach den jüngsten Baseballergebnissen gefragt", erinnert er sich. Ab dem nächsten Tag sei es nur noch um Gitarren, Musik und Beatle-Boots gegangen: "Wahrscheinlich kam ich an diesem Abend in nur einer Stunde in die Pubertät", verrät Neal lachend. Kurz darauf entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie. Und so kam eins zum anderen. Wir haben den Amerikaner getroffen, der hinter all' den bekannten Motiven steckt und herausgefunden, warum sein Leben nicht nur aus Rausch und Glamour besteht, sondern welche harte Arbeit hinter seinem Job wirklich steckt.


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Wie würdest du deinen Job einem Fremden in drei Sätzen erklären?
Jemandem, der absolute keine Ahnung hat, würde ich sagen: Ich verbringe ziemlich viel Zeit mit berühmten Musikern und dokumentiere mit der Kamera, was sie auf, hinter und abseits der Bühne tun.

Viele der Eindrücke können wir in deinem neuen Bildband Exhilarated and Exhausted sehen, der sich unbedingt von dem unterscheiden sollte, was es bislang auf dem Markt gibt.
Das stimmt. Bevor ich genau wusste, was das bedeutet, habe ich alle Rock 'n' Roll-Bildbände, die es derzeit gibt, auf meinem Schlafzimmerboden ausgebreitet und lange angeschaut. Dabei habe ich gemerkt, dass sie alle das gleiche Manko haben: Hier und da finden sich zwar gute Fotos, aber sie sind staubtrocken, was die Persönlichkeit des Buches angeht. Bis auf ein paar längere Bildunterschriften gibt es dort kaum Text. Ich wollte mit meinem Buch vielmehr die Geschichte meines Jobs als Musikfotograf erzählen — und nicht bloß ein paar Fotos aneinanderreihen.

Warum war dieser Ansatz so wichtig?
Jeder denkt, dass ich den glamourösesten Job der Welt habe und alles eine gigantische Party ist: ein Konzert nach dem anderen, hier und da ein paar Fotos und ansonsten permanent Backstage mit Robert [Plant], Freddie [Mercury] und Pete [Townsend] rumhängen. Doch die Menschen sehen nur das Endergebnis — das Foto. Und nicht, wie ich zwei Mal pro Woche um sechs Uhr morgens von Los Angeles nach Dallas fliege. Sie sehen nicht den Stress, die Deadlines, den Druck oder das kiloschwere Equipment, das ich jedes Mal mit mir herumschleppen muss. Dieses Buch ist meine Erklärung dafür, dass mein Job alles andere als eine gigantische Party ist.

Auf wen spielt der Titel [zu deutsch: Berauscht und am Ende] an — die Musiker, die Fans oder dich selbst?
Das bezieht sich auf mich und zeigt, wie ich mich täglich fühle. Das Buch soll dem Leser ein Gefühl für mein Leben geben. Als wären sie gerade ein Jahr mit Led Zeppelin getourt, direkt im Anschluss mit Bruce Springsteen und hätten danach noch ein paar unvergessliche Wochenend-Shows mit Guns n' Roses hingelegt — eben Exhilarated and Exhausted [Lacht].

Einer der wichtigsten Dinge in deinem Job ist es, überall hinzukommen und dabei möglichst unbeobachtet zu bleiben. Wie gelingt dir das?
Du musst Mäuschen spielen. Das Ironische dabei ist mir erst vor ein paar Tagen aufgefallen: Egal mit wem ich auf Tour bin, je mehr ich direkt vor ihrer Nase herumtanze — ob auf der Bühne, in der Umkleide oder im Tourbus — , desto unsichtbarer werde ich. Nur so bekomme ich diese großartigen Motive.

Hat das auch mal nicht geklappt?
Vor etwa zehn Jahren sollte ich Barbara Streisand während einer Probe in Los Angeles fotografieren. Eigentlich will sie immer nur von einer Seite abgelichtet werden. Mir wurde ein Platz in der 30. Reihe zugewiesen, von der aus ich bei aller Mühe kein vernünftiges Foto machen konnte. Das habe ich ihr während der Pause auch gesagt und sie gebeten, mir zu vertrauen mit dem, was ich tue. Das kam bei ihr und ihrem Manager nicht so gut an. Seither habe ich nie wieder für sie gearbeitet [Lacht].

An welche verrückte Geschichte in deiner Karriere erinnerst du dich noch besonders gut?
Da gibt es Dutzende. Einmal war John Bonham von Led Zeppelin während des Rückflugs nach einer Show so betrunken, dass er die Security-Typen dazu gebracht hat, mich festzuhalten und mir die Klamotten vom Leib zu reißen. Jetzt kann ich drüber lachen, damals war es ziemlich verstörend. Ich werde auch nie vergessen, wie ich 1993 den Privatjet von Pearl Jam geflogen bin.

Du bist eine Fotografie-Legende. Ist Neal Preston also berühmt?
Ich gelte als bester Musikfotograf bei Konzerten, aber ich gehe damit nicht hausieren. Berühmt bin ich auch nicht. Einige meiner Bilder werden auf der ganzen Welt erkannt — Jimmy Page mit der Jack-Daniels-Flasche im Anschlag oder Freddy Mercury mit seiner unnachahmlichen Pose im Wembley-Stadion. Allerdings weiß kaum jemand, dass ich die Bilder gemacht habe.

Stört dich das?
Keineswegs. Ich bin Fotograf und nicht der Präsident meines eigenen Fanclubs. Dazu gibt's eine schöne Anekdote: Im Hard Rock Hotel hier in Las Vegas hängen etwa 18 Prints von mir, darunter auch das Bild von Freddy in Wembley. Einmal sah ich dieses japanische Ehepaar davor stehen. Er muss mindestens 90 gewesen sein und war so klapprig, dass er kaum stehen konnte. Trotzdem beugte er sich mit aller Kraft nach hinten und imitierte Freddy. Seine Frau hielt das Ganze mit dem Fotoapparat fest. Dieser Moment war einfach nur zauberhaft.

Wie hat sich die Musikfotografie verändert, seitdem du 1969 damit angefangen hast?
Die Kameras sind heute ganz andere als damals. Ich hasse diese digitalen Dinger — sie haben zu viel Schnickschnack, den man nicht braucht, aber bezahlen muss. Außerdem sind die Bilder so scharf, als würden sie jeden Augenblick zerspringen. Einzig für Situationen bei wenig Licht sind sie besser geworden. Früher haben wir mehrere Kontaktbögen erstellt, einzelne Bilder vergrößert und sie dann per Kurier an die Redaktion geschickt, alles hat seine Zeit gebraucht. Heute muss alles sofort und digital passieren. Durch das Internet verbreiten sich die Bilder zwar schneller, aber dir entgleitet die Kontrolle darüber, was mit ihnen geschieht.

Was macht ein gutes Musik-Foto zu einem großartigen?
Das Motiv muss sauber bleiben: kein unruhiger Hintergrund, eventuell viel Negativ-Raum, keine Mikros oder Verstärker — und die Musiker müssen natürlich gut zu sehen sein. Wenn etwas unscharf wird, ist es egal. Ich sage dann immer: Es geht nicht um die motion, sondern um die e-motion. Der Betrachter muss das Gefühl haben, dass eine halbe Sekunde, nachdem du den Auslöser gedrückt hast, etwas absolut Fantastisches passiert ist. Diese Spannung im Bild aufzubauen, kannst du nicht lernen. Das ist Instinkt.

Welchen Rat würdest du jungen Fotografen geben, die eine ähnliche Karriere wie du anstreben?
Sucht euch eine Band, die noch nicht bekannt ist, aber das Zeug dazu hat und heftet euch an sie wie eine Klette. Werdet zu ihrem Schatten und fotografiert sie so oft und gut, dass sie nicht mehr ohne euch können. Sobald sie ihren Durchbruch geschafft haben, seid ihr für sie Ansprechpartner Nummer eins.

Du hast weit über 1000 Konzerte und fast alle der wichtigsten Musiker unserer Zeit fotografiert. Wer fehlt noch auf deiner Bucket-List?
Jetzt bitte nicht lachen, aber Christina Aguilera. Sie ist nicht unbedingt die größte Rock-Persönlichkeit, aber ihr Talent, ihre Stimme und ihre Performance sind phänomenal.

"Neal Preston: Exhilarated and Exhausted" ist bei Reel Art Press erschienen. Alle Informationen findest du hier.