Foto: Max von Gumppenberg und Patrick Bienert

"Ich will mich nicht nur auf eine Sache reduzieren lassen"

Das Urgestein der Berliner Mode, Kostas Murkudis, hat uns erklärt, warum er nicht viel vom aktuellen Logo-Trend hält und sich selbst viel mehr als Gestalter statt Designer sieht.

von Juule Kay; Fotos von Max von Gumppenberg, und Patrick Bienert
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02 November 2017, 2:14pm

Foto: Max von Gumppenberg und Patrick Bienert

Eigentlich wollte Kostas Murkudis Kunst studieren, um später als Restaurator oder Architekt zu arbeiten. Doch wie es das Schicksal eben so will, kam alles ganz anders. Über Umwege – darunter auch ein zweijähriger Exkurs ins Chemielabor – landete er in der Mode, die ihn auch nach über dreißig Jahren im Geschäft wie sein eigener Schatten begleitet. "Ich konnte mir gar nicht vorstellen, den Rest meines Lebens in einer Küche Gramaturen von Produkten zusammenzuschmeißen, um zu schauen, was dabei herauskommt", erklärt Kostas über sein anfängliches Chemie-Studium. "Das war mir einfach zu nüchtern, zu unpoetisch und zu wenig frei von Gestaltungsmitteln." Die Poesie fand Kostas in der Mode – anfangs noch als rechte Hand Helmut Langs, bevor er sich dazu entschlossen hat, sein eigenes Label aufzubauen.

In seinen Kollektionen zeigt er seinen ganz eigenen Zugang zur Mode: Murkudis ist laut und leise zugleich, spielt mit Formen und Silhouetten in einem künstlerisch-ästhetischen, ja fast performativen Raum und bewegt sich zwischen verschiedenen Kunstgattungen: "Ich mag es, Dinge zu verstecken. Diejenigen, die es sehen wollen, werden es auch sehen." Wie das genau funktioniert und warum es sich lohnt, öfter mal zwischen den Zeilen zu lesen, hat uns Kostas Murkudis im Interview verraten.


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Du warst sieben Jahre lang die rechte Hand von Helmut Lang. Was hat dich damals dazu bewegt, dein eigenes Label zu gründen?
Das waren tatsächlich eher private Gründe. Ich bin Vater geworden und saß damals fast jede Woche im Flugzeug nach München. Irgendwann habe ich mich als Gast in meinem eigenen Haus gefühlt und dachte mir, dass es so nicht weitergehen kann. Es gab zwei Möglichkeiten: entweder nach Wien zu ziehen und sich im vollen Umfang auf den Job einzulassen oder aufzuhören. Ich habe mich für Letzteres entschieden und erst mal ein Jahr Pause gemacht, weil ich für eine Weile genug von der Mode hatte. Letztendlich waren es dann auch viele Gespräche, die ich mit Helmut geführt habe, der meinte: 'Hey du solltest das nicht einfach so wegwerfen und wieder den Weg zurückfinden'.

Warum hast du die Pause gebraucht?
Wenn man so eng zusammenarbeitet, braucht man eine Distanz. Ich musste für mich auch herausfinden, was ich machen wollte, schließlich habe ich dann kurz in einem Studio als Food- und Still-Life-Stylist gearbeitet [Lacht]. Das war ganz lustig zum Geld verdienen, aber nicht wirklich erfüllend.

Würdest du sagen, dass die Mode das ist, was dich erfüllt?
Ich glaube, dass diese Leidenschaft nie erloschen ist, aber Erfüllung ist ein großes Wort. Für mich ist das komplexer und hängt auch von den Bedingungen ab, die man sich um den Beruf herum schafft. Man muss diese Balance zwischen dem realen Leben mit all seinen Bedürfnissen finden und das in Einklang bringen. Denn sonst würde ich ausschließlich für die Arbeit leben und das wäre mir zu wenig.

Was hältst du von der Entwicklung, dass Streetwear gerade in ein Luxussegement gehoben wird, wie zum Beispiel Virgil Abloh mit Off-White?
Das ist ein natürlicher Prozess. Als Vetements aus der Versenkung auftauchte, hat sich niemand die ersten Kollektionen angeschaut. Das hat nur funktioniert, weil die Mode an einen Punkt kam, an dem sie sich den Spiegel vorhalten musste. Sie brauchte jemanden, der sie wachrüttelt, weil die meisten Kollektionen gleich aussahen. Das tat gut. Und dafür sind Journalisten und findige Einkäufer auch da: Dinge zu entdecken, die gegensteuern. Wenn dann noch jemand mit dem richtigen Produkt und der richtigen Idee reingeht, funktioniert das. Trotzdem kann ich persönlich nichts mit dem neuen Logo-Wahn anfangen, weil er meinem Ethos nicht entspricht. Wir werden an einen Punkt kommen, an dem es so viele Labels geben wird, dass sich die Leute nach etwas Neuem sehnen. Das sind alles Zyklen, die sich immer wieder wiederholen.

Du wohnst seit zehn Jahren in Berlin. Gibt es etwas, das dir an der Modeszene in Berlin immer noch fehlt oder du besonders schätzt?
Ich tue mich mit dem Begriff Modeszene schwer, weil es sicherlich den ein oder anderen gibt, der sich meiner Ansicht nach wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt. Dann gibt es aber wiederum auch viele, die auf diesen Zug aufspringen und es ganz spannend finden, in der Mode zu arbeiten. Das ist für mich keine Modeszene, sondern das sind Labels, die ein Jahr existieren und dann wieder verschwinden. Davor waren es die Models, dann die DJs, jetzt sind es eben die Designer. Ich habe das Gefühl, dass jeder sein eigenes Label haben möchte und sich darüber profiliert, eines zu besitzen.

Die eigentliche deutsche Modeindustrie nennt sich Bekleidungsindustrie und sitzt dann meist nicht in Berlin. Mode ist mittlerweile nicht mehr nur Poesie, sondern auch ein Business. Und wenn hier kein Business stattfindet, ist es auch keine Mode. Die einzigen, die hier wirklich Business machen, sind Zalando und ein paar kleinere [Labels] wie Acronym – und das kann ich auch ernst nehmen.

Warum glaubst du, das "einfach nur Mode machen" heute nicht mehr funktioniert?
Kreativität entsteht nicht dadurch, dass man drei Stunden lang im Café sitzt, seinen Laptop auf- und zumacht und so tut, als ob man arbeitet. Ohne eine präzise Einstellung zur eigenen Arbeit, zum eigenen Leben und ohne eine starke Agenda kann man hier leicht scheitern. In der Mode sind heute mehr Fähigkeiten gefordert. Der moderne Modedesigner muss die ganze Palette von Marketing, PR und Kommunikation im weitesten Sinne verstehen. Es ist schon lange nicht mehr so wie in den 80ern und 90ern, wo man noch kreiert hat um des Kreierens willen.

In einem Interview hast du mal gesagt, dass du dich nicht als "minimalistischen Designer" bezeichnen würdest. Warum?
Ich finde das Wort Minimalismus sehr 90er, mittlerweile findet man Minimalismus ganz viel in Skandinavien und meine Arbeit betrachte ich dann doch anders. Wenn ich sie zerlege, ist es zwar ein Prozess des Weglassens, aber dahinter verbergen sich viel komplexere Ideen. Das ist auch nicht mein Wesen, etwas groß und plakativ irgendwo draufzuschreiben. Ich mag es, Dinge zu verstecken. Und diejenigen, die es sehen wollen, werden es auch sehen. Das macht es auch interessanter.

Als was würdest du dich dann betrachten?
Ich sehe mich eher als Gestalter, weil es mich nicht an diesen Begriff bindet, der mit dem Wort Designer verbunden wird. Ich will mich nicht nur auf eine Sache reduzieren lassen, weil mich das sehr schnell langweilt. Ich interessiere mich nicht nur für Textil, sondern auch für andere Materialien wie Keramik, Glas und Darstellungsformen wie Performance oder Film. Man kommt am einfachsten im Leben zurecht, wenn man etwas in eine Schublade steckt, aber ich versuche, offen zu bleiben und Dinge so anzugehen, die vorher noch nicht auf diese Art und Weise gemacht wurden. Vielleicht fange ich irgendwann an, mich mit Kalligrafie auseinanderzusetzen. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch.

Du bist bekannt dafür, mit deinen Kollektionen Geschichten zu erzählen. Welche steckt hinter der Saison Frühjahr-/Sommer 2018?
In den 90ern und Nullerjahren habe ich immer gerne viele Geschichte erzählt, mittlerweile funktioniert das für mich nicht mehr. Besonders die letzten Kollektionen waren eher von einem künstlerischen Ansatz geprägt oder tatsächlich durch einen Künstler selbst inspiriert. Dazu werde ich durch den DIY-Ethos und diese schöne Naivität angeregt, zum Teil wird auch das Fragmentarische angerissen. So liegt die Geschichte jetzt vielmehr irgendwo dazwischen.

@kostasmurkudis

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