Adut Akech im Gespräch mit Naomi Campbell

Das angesagte Model wird für die Icons and Idols-Ausgabe von i-D von ihrer “Mama”, Fashion-Ikone Naomie Campbell, interviewt.

von Felix Petty; Fotos von Daniel Jackson
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20 Februar 2020, 3:31pm

Dieses Gespräch erschien erstmals in der Icons and Idols-Ausgabe von i-D, Nr. 359, Frühjahr 2020. Bestell dein Exemplar hier.

Es ist Sonntagmorgen in Paris. Naomie Campbell ist gerade am Charles de Gaulle-Flughafen gelandet, auf einem kurzen Zwischenstopp en route von Los Angeles nach Lagos. Adut Akech befindet sich derweil am anderen Ende der Stadt. Sie war gerade für die Herrenmodenschau von Lanvin auf dem Laufsteg und bereitet sich auf die Pariser Fashion Week vor, die tags darauf beginnt.

Seit ihrem Debüt für Saint Laurent im Jahr 2016 hat Adut die Blicke der Modeindustrie auf sich gezogen, unsere Herzen gestohlen und mitgeholfen, eine neue Ära der Inklusivität, Vielfalt und Philantropie einzuläuten—ganz so, wie Naomie es seit Anbeginn ihrer Karriere getan hat. Die Wege der beiden kreuzten sich erstmals 2017, auf dem Set des Fotoshooting für den Pirelli-Kalender mit Tim Walker und Edward Enninful, und sie wurden rasch unzertrennlich—sofern ihre übervollen Terminkalender es erlauben. Sie nennen einander liebevoll Mama und Tochter, und Naomie steht dem jungen Model seit ihrer ersten Begegnung als Mentorin zur Seite.

Am ersten Weihnachtstag 2019 feierte Adut ihren zwanzigsten Geburtstag. Unmittelbar bevor sie ihr Teenagerdasein endgültig zurückließ, war sie von den Fashion Awards und models.com zum Model des Jahres gekürt worden—ein unglaubliches Jahr in einer bisher unglaublichen Laufbahn.

Wer wäre besser geeignet, Adut für ihr drittes i-D-Cover zu interviewen, als der 13-malige i-D-Coverstar Naomi Campbell? Einen Anruf quer durch Paris später, und...

Adut Akech i-D Spring 2020
Badeanzug Fendi. Strümpfe Calzedonia. Ohrringe und Gürtel Vintage von Albright Fashion Library. Schuhe Y/Project.

Naomi: Guten Morgen, Adut!
Adut: Hey Mama!

Wie geht es dir heute?
Ich bin in Paris und ein bisschen müde. Und dir?

Ich bin auch in Paris. Ich bin am Flughafen. Unterwegs nach Lagos.
Echt? Warst du hier? Da hab ich dich wohl verpasst.

Ich bin direkt von Los Angeles nach Paris gekommen. Dann bin ich für eine Nacht in Nigeria, und dann wieder in den Flieger und zurück nach LA.
Oh Gott!

Die Dior-Show gestern sah umwerfend aus. Eine Schande, dass ich sie verpasst habe. Aber lass uns anfangen. Als erstes wollte ich fragen, wie es sich anfühlt, im Dezember zwanzig zu werden? Du bist kein Teenager mehr!
Es fühlt sich komisch an. Vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mich exakt in dem Moment, als ich zwanzig wurde, verändert habe… An meinem Geburtstag hatte ich diesen Moment der Besinnung. Vielleicht habe ich jetzt eine neue Einstellung zum Leben? Ich fühle mich jedenfalls älter—es ist schon verrückt, dass ich gerade zwanzig geworden bin.

Du bist in vielerlei Hinsicht sehr reif, obwohl du noch jung bist. Du hast mir erzählt, dass deine Mutter dieses Jahr zu Weihnachten ihre Familie besuchen wird, und dass du in der Zwischenzeit auf deine Geschwister aufpassen wirst.
Ich habe mehr Pflichten als die meisten Menschen in meinem Alter. So vieles ist bereits geschehen in meinem Leben—privat und beruflich.

Adut Akech i-D Spring 2020
Top und Hosenschuhe Balenciaga. Gürtel Gucci. Ohrringe Vintage von Early Halloween.

Ich erinnere mich gut, wie ich zum ersten Mal dein Gesicht sah und nur dachte, mein Gott! Es war wie… ein Knall! Hier ist ein Star, das hab ich gleich gesehen.
Ich erinnere mich daran, wie ich den Abschluss der Saint Laurent-Show unterm Eiffelturm machte. Du warst Backstage, und von da an war’s um mich geschehen. Wir waren einander schon früher begegnet, aber von da an waren wir Freundinnen. Wir haben Telefonnummern ausgetauscht. Du hast mir eine SMS geschickt, es fühlte sich sehr unterstützend an. Ich hatte das in dem Moment sehr nötig. Ich hätte nie gedacht, dass eine derartige Geste von Naomie Campbell kommen würde. Ich habe diese Liebe von dir empfunden, diese Verbundenheit.

Ich finde das sehr wichtig, weil ich selbst mit einer Gruppe von Models hochkam, die einander echt unterstützt haben, und—obwohl ich nicht denke, dass es je wieder so sein wird—diesen freundschaftlichen Umgang vermisse ich in den folgenden Generationen. Ich sorge mich um dein Wohlergehen, denn ganz ohne kannst du das alles nicht machen. Ich wollte dich zu deiner Erfahrung als schwarze Frau in unserem Metier befragen. Seit du angefangen hast als Model, welche Veränderungen hast du erlebt, was für Entwicklungen—wie geht es dir? Du weißt, du hast mitgeholfen, diese Entwicklungen und Veränderungen herbeizuführen.
Ich arbeite jetzt erst seit vier Jahren als Model, aber ich habe in dieser Zeit sehr viel Veränderung gesehen. Wir alle können bestätigen, dass die Modeindustrie vielfältiger wird. Als ich anfing—zur Zeit meines Debüts für Saint Laurent—gab es so wenige andere schwarze Frauen, heute sind es so viele. People of Colour aus allen Erdteilen arbeiten heute in der Industrie, und das ist unglaublich mitanzusehen. Es macht mich sehr glücklich.

Adut Akech i-D Spring 2020
Kleid Bottega Veneta. Gürtel (oben) Marc Jacobs Vintage von Albright Fashion Library. Gürtel (unten) und Taschen Chanel. Ohrringe Vintage von Early Halloween.

Mir ist nicht entgangen, dass du mitgeholfen hast, diesen Wandel zu bewirken. Du hast diesen Fortschritt mitgetragen—aber wie hat es sich für dich ganz am Anfang angefühlt?
Es war unglaublich, für Saint Laurent aufzutreten. Es ist ein Traum, ein Teil davon zu sein, die Gelegenheit zu bekommen, für diese Show am Laufsteg zu sein. Aber es brachte mich auch aus der Fassung, weil natürlich ist es toll im Modebusiness zu arbeiten, aber dann denkst du über die mangelnde Vielfalt nach, die das Geschäft damals noch bestimmte, und du weißt, das ist unrecht. Aber allmählich wurde es besser, und jetzt ist es um so viel besser! Es kann jedoch immer noch besser werden.

Eine Sache, die mich mit großem Stolz erfüllt, ist all die gemeinnützige Arbeit, die du gemacht hast. Du bist jetzt schon eine Weile dabei, in Zusammenarbeit mit dem UN-Flüchtlingskommissariat. Es ist kein Geheimnis, was dich dazu bewegt zurückzugeben. Ich finde, die Hoffnung, die du gibst, ist eine starke Sache.
Das ist etwas, das ich immer schon machen wollte, schon bevor ich anfing zu modeln, und jetzt ist es mir wichtiger denn je. Ich will meine eigene Stiftung gründen, meine eigene Organisation—das ist mir eine tiefe Herzensangelegenheit. Ich weiß nicht genau, was die nächsten Schritte sein werden, aber ich habe viel Unterstützung.

Du hast jetzt eine Riesenplattform. Viele Menschen sehen zu dir auf. Du hast so vielen Hoffnung gegeben.
Alle wissen, warum ich mit den Vereinten Nationen zusammenarbeite, warum ich mit Leidenschaft bei der Sache bin, etwas zurückgeben möchte. Ich will das UNHCR auf jede nur erdenkliche Weise unterstützen.

Was war es für ein Gefühl, als du im Dezember bei den Fashion Awards zum Model des Jahres gekürt wurdest?
Ich war unglaublich stolz, dass einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben anwesend waren—du und Edward und Pierpaolo [Piccioli]. Ich liebe Pierpaolo, er ist ein sehr besonderer Mensch. Ihr alle habt einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich habe das in meiner Dankesrede gesagt: Ihr seid meine Familie. Ich bin nicht gut im Reden-Schreiben und kann schlecht vom Skript lesen: Ich stottere und vermassel es. Für diese Rede habe ich stattdessen mein Herz sprechen lassen. Der Preis war wichtiger als meine Person. Es war ein Preis für jeden kleinen Jungen und jedes Mädchen, jede Frau und jeden Mann, alle, die sich durch meine Arbeit repräsentiert und bestätigt fühlen. Wenn kleine Mädchen mich auf den sozialen Medien sehen und sich davon inspirieren lassen, dann ist dieser Preis auch für sie. Ich will andere schwarze Girls inspirieren, es mir gleichzutun.

Es freut mich ungemein, wenn mir Leute sagen, “du hast größere Akzeptanz für unsere Hautfarbe erwirkt”. Das ist auch der Grund, warum ich zum Beispiel jetzt gerade nach Lagos unterwegs bin. Es ist so wichtig, mit unserem Kontinent in Verbindung zu bleiben, ihn zu promoten, denn Afrika ist im Kommen und das ist wunderbar.
Das stimmt, obwohl der Kontinent oft schlecht dargestellt wird. Aber ich bin froh, dass Leute wie du die Wahrnehmung Afrikas verändern.

Auch du verwendest deine Plattform, um Dinge zu verändern.
Ich tu mein Bestes. Ich habe großes Glück, mich in dieser Position zu befinden, diese Plattform zu haben, eine Botschaft verbreiten zu können, die richtig ist und gehört werden muss. Ich möchte Bewusstsein schaffen für Dinge, die ansonsten übersehen oder ignoriert werden. Wenn’s jemandem nicht gefällt? Nicht mein Problem. Ich lerne, meine Wahrheit zu sprechen und meine Frau zu stehen. Du musst für das kämpfen, woran du glaubst.

Du hast das Recht, die Wahrheit zu sagen, und die Plattform dafür. Du weißt, dass ich immer dachte, ich würde es nie lernen, soziale Medien zu nutzen, aber jetzt liebe ich sie. Zugegeben, wir alle genießen es, andere ausspionieren und zu sehen, was sie so treiben. Aber soziale Medien sind auch ein Mittel, um einander zu unterstützen und Gemeinschaften zu bilden. Und wenn ich jemanden zur Rede stellen will, dann logge ich mich ein und stelle ihn zu Rede.
Ich finde es ganz toll, mich auf sozialen Medien auszudrücken. Es kann so schön sein, und du hast solche Freiheit, du kannst machen, was du willst! Niemand kann nein zu dir sagen.

Adut Akech i-D Spring 2020
Top und Rock Jeremy Scott. Ohrringe Vintage von Early Halloween. Schuhe Jimmy Choo.

Du hast sehr viel erreicht in den vergangenen vier Jahren. Ich möchte dich gerne fragen, was sind deine weiteren Ziele? Was bleibt noch zu erreichen? Persönlich und beruflich. Was für ein Vorbild willst du diesen jungen Mädchen sein?
Um ehrlich zu sein: Ich will mich nur wohl fühlen, glücklich und zufrieden… Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, aber ich würde liebend gern eine Familie gründen. Karriere-mäßig will ich alles machen, was ich mir vorgenommen habe—und mehr. Ich will nicht nur als Model bekannt sein—ich will als jemand erinnert werden, die etwas getan hat, die große Veränderungen bewirkt hat.

Ich mach mir da keine Sorgen, weil alles, was du anfasst, einen großen Eindruck hinterlässt. Du sprichst frei vom Herzen. Du bist aufrichtig. Kein Bullshit. Darum liebe ich dich so!
Alles, was ich mache, mache ich für uns alle, weil nur zusammen können wir etwas bewegen. Ohne deine Unterstützung hätte ich es nie so weit gebracht.

Okay, eine Frage noch, dann muss ich meinen Flieger erwischen.
Ich will mit dir mitkommen ins Land meiner Mütter!

Absolut.
Lass uns das machen! Dieses Jahr muss ich nach Hause. Ich muss endlich wieder einen Fuß ins Mutterland setzen. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit es auch wirklich passiert.

Du kommst! Okay, die letzte Frage. Ich will wissen, was dich antreibt und begeistert in diesem Business.
Aber ich will doch wissen, was dich antreibt!

Ich finde es immer noch toll, vor einer Kamera zu stehen, mich in eine andere zu verwandeln, diese Kunstfigur zu werden.
Ich liebe das Erzählerische von Mode. Im Endeffekt liebe ich einfach, was ich tue— inzwischen sogar Fotoshootings. Anfangs war ich vor allem auf Shows abonniert, aber gerade habe ich das Gefühl, dass es mich mehr und mehr stimuliert, vor einer Kamera zu stehen, und dass ich mit jedem Mal besser werde. Ich denke, ich habe nach und nach die Kunst erlernt, mich zu verändern, eine Figur zu werden—abhängig vom Outfit, dem Setting, den Vorstellungen des Fotografen.

Adut Akech i-D Spring 2020
Jacke Dior. Slip Araks. Gürtel (oben) Vintage Phi, Gürtel (unten) Vintage Yves Saint Laurent und Ohrringe Vintage von Albright Fashion Library. Schuhe The Attico.

Kleidung ist so wichtig. Sie gibt den Ton an. Was du trägst, verwandelt dich. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich am Set verhalten werde, weil alles davon abhängt, was ich trage. Ein Heidenspaß, nicht?
Ich genieße es mit jedem Tag mehr.

Es ist der Anfang eines neuen Jahrzehnts? Wie meinst du wird sich unser Gewerbe verändern? Wo willst du im Jahr 2030 sein?
Ich habe so viel Hoffnung und so viel Vertrauen, ich bin also optimistisch, wie weit wir in den nächsten zehn Jahren gehen können. Ich denke, wir wollen mehr Vielfalt sehen, mehr Inklusion. Wir wollen an einen Punkt kommen, wo wir erst gar nicht darüber reden müssen. Wo es nicht aufgezwungen ist.

Alle sprechen über Vielfalt, aber lasst uns aufhören, nur darüber zu sprechen. Machen wir Vielfalt Wirklichkeit.
Das ist unsere Aufgabe für das kommende Jahrzehnt. Ich will auf dieses Gespräch nochmal zurückkommen in zehn Jahren, um zu sehen, was sich verändert hat. Und lass uns ein ganz anderes Gespräch führen im Jahr 2030, darüber was wir in diesem Jahrzehnt wollen. Ich will einfach nur hinreißende schwarze Models feiern.

Ich bin so stolz auf dich! Hab eine fantastische Zeit auf der Fashion Week in Paris. Trink genug Wasser, schlaf ausreichend, bleib gesund, geh nicht auf zu viele Partys. Obwohl, wenn du hart arbeitest, musst du auch hart feiern—hab Spaß, darum geht’s doch.
Dankeschön!

Hab dich lieb!
Ich dich noch mehr. Hab einen guten Flug.

Adut Akech i-D Spring 2020
Badeanzug Jeremy Scott. Badeanzug (darunter) Norma Kamali. Ohrringe Nina Ricci.
Adut Akech i-D Spring 2020
Kleid Saint Laurent von Anthony Vaccarello. Ohrringe Vintage von Albright Fashion Library. Uhr Cartier.
Adut Akech i-D Spring 2020
Kleid Versace. Gürtel Vintage von Resurrection. Ohrringe Vintage von Early Halloween. Schuhe Christian Louboutin.
Adut Akech i-D Spring 2020
Kleid Moschino. Ohrringe Vintage von Albright Fashion Library.
Adut Akech i-D Spring 2020
Top Stella McCartney. Shorts Jacquemus. Ohrringe Vintage von Early Halloween. Schuhe The Attico.
Adut Akech i-D cover Spring 2020
Badeanzug Jeremy Scott. Badeanzug (darunter) Norma Kamali. Ohrringe Nina Ricci.

Credits


Fotos Daniel Jackson
Styling Julia Sarr-Jamois

Haare Esther Langham / Art + Commerce (R+Co “High Dive” Moisture and Shine Cream).
Make-up Frank B / The Wall Group.
Nägel Yuko Tsuchihashi / Susan Price NYC.
Foto-Assistenz Jeffrey Pearson und Jeremy Hall.
Styling-Assistenz Christina Smith, Nick Centofanti und Lily Zhang.
Haar-Assistenz Gabe Jenkins.
Make-up-Assistenz Elle Haein Kim.
Produktion Rebekah Mikale.
Casting-Direktor Samuel Ellis Scheinman für DMCASTING.

Model Adut Akech / The Society.

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Fashion
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