'Man muss mit seiner Mode eine Geschichte erzählen'

Die Berliner Designerin Naomi Tarazi hat ihre Kollektion 'The Portrayal' in ein künstlerisches Totalerlebnis verwandelt. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

von Julika Reese; Fotos von Luisa Krautien
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28 Oktober 2021, 7:25am

Für ihre Kollektion The Portrayal hat Designerin Naomi Tarazi acht schillernde Figuren entworfen, die unterschiedlichen Archetypen nachempfunden sind. Entstanden sind Charaktere wie The RomanticThe MysteriousThe Fantasy und The Boss. Durch verschiedene Kollaborationen hat sich daraus eine interdisziplinäre Videoarbeit entwickelt, die Mode, Raum- und Lichtinstallationen, virtuose Körperperformance und Make-up miteinander verbindet. „Es gab von Anfang an ein gegenseitiges Vertrauen zwischen allen Beteiligten, was Grundvoraussetzung dafür war, dass sich jeder dem Projekt In full effect hingeben konnte“, erzählt Naomi. Die Darsteller:innen hat sie aus ihrem persönlichen Umfeld ausgewählt, ein paar weitere Protagonistinnen sind über ein Casting auf Instagram dazugekommen. Durch das Zusammenspiel aller künstlerischen Disziplinen ist eine überpersönliche Arbeit entstanden, von der uns Naomi im Interview erzählt.

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Wie hast du Mode für dich entdeckt, Naomi?
Früher bin ich fast jedes Wochenende mit meinen Freunden weggegangen und dafür haben wir unsere eigenen Outfits entworfen. Ich habe oft Referenzen aus Musikvideos verwendet, wie den weißen Jumpsuit aus Can’t get you out of my head von Kylie Minogue, der an der Seite aufgeschlitzt ist und oben mit einer Kapuze abschließt. Diese Idee von halbnackt, aber mit Cape, hat mir gefallen. Es ging nie darum, den Stil von anderen zu kopieren, sondern ihn für mich weiterzudenken und neu zu interpretieren. Am Anfang hatte ich zwar keinerlei Ahnung von Schnitten und Stoffen, war aber ambitioniert genug, mich trotzdem einfach an die Nähmaschine zu setzen.

Anscheinend ist das Ergebnis ja gut angekommen?
Es war ein charmantes Rantasten und Experimentieren, aber meine Outfits haben genug Aufmerksamkeit bekommen, um mich bestärkt genug für ein Modestudium zu fühlen. Wenn man das Ganze irgendwann mit einem gewissen Anspruch betreiben will, kommt man um die technischen Skills auch nicht herum. Alle Know-hows zu kennen, nimmt einem manchmal allerdings auch die Spontanität, einfach drauflos zu schneidern. Deshalb ist es irgendwie ganz schön, wie entspannt ich mit dem Designen angefangen habe. Ganz naiv. Ohne Druck. Nur für den Moment.

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Wie würdest du die DNA deines Labels beschreiben?
Mein Markenzeichnen, mein Trademark, wenn man so will, ist Stoffmanipulation. Dafür bin ich an den verrücktesten Orten Berlins auf Materialrecherche. Ich weiß eigentlich sofort, ob mich ein Stoff anspricht, dafür muss er aber nicht unbedingt klassisch schön sein. Manchmal ist sogar eher das Gegenteil der Fall. Ich liebe es, mit merkwürdigen Materialien, wie dickem Möbelstoff, zu arbeiten. Feine Stoffe wie Satin und Chiffon lasse ich fast nie unbearbeitet, sondern brenne sie mit Hilfe einer Heißluftpistole an bestimmten Stellen an. So entstehen Raffungen, mit denen ich meine Ästhetik kreiere. Was mich daran besonders reizt, ist der Überraschungseffekt, das Unerwartete, denn das genaue Ergebnis kann man nie voraussagen. Bei meinen Experimenten beschränke ich mich allerdings nicht nur auf Stoffe. Ich schmelze auch Plexiglas und forme daraus Taschen. Kein Material ist vor meiner Heißluftpistole und mir sicher. 

Aus deiner Kollektion, die du während des Lockdowns entworfen hast, ist eine Videoarbeit entstanden. Erzähl uns mal davon.
Die Idee war, inspiriert von verschiedenen Archetypen, acht Charaktere zu entwickeln, für die ich dann einen jeweils passenden Look entworfen habe. Sie sind zwar niemandem nachempfunden, trotzdem habe ich mich von meinem Umfeld inspirieren lassen. Bei manchen Charakteren wusste ich daher auch sofort, wer sie verkörpern soll, andere habe ich über Instagram dazu gecastet.

The Portrayal ist eine Kollaboration mit dem Videografen Viet Duc Nguyen, der Make-up Artistin Samuel Does  sowie Tänzer:in und Movement Artist Steph Quinci, wodurch du verschiedene künstlerische Disziplinen miteinander verbunden hast. Wie ist das Video konkret entstanden?
Das Gebäude, in dem wir gefilmt haben, liegt gleich neben meiner Uni und ich hatte schon länger die Idee, dort ein Projekt umzusetzen. Schlussendlich haben wir das gesamte Gebäude eingenommen, von der Eingangshalle, über die Treppenhäuser, von den Officeräumen bis zum Paternosteraufzug - sogar auf dem Dach wurde gefilmt. Wir wollten für jeden Charakter ein anderes Set inszenieren und haben uns dafür während des Drehs zwei Tage lang eine eigene Fantasiewelt geschaffen, in die wir eingetaucht sind. Es war wie ein kleines Camp, alles lief sehr harmonisch ab. Viet Duc hat mit den originellsten Hilfsmitteln gearbeitet, um die Räume dem jeweiligen Vibe anzupassen. Für den Fantasy-Charakter hat er beispielsweise ein Aquarium mit Wasser auf einen Projektor gestellt, wodurch sich das Licht an der Wand gebrochen hat und eine mystische Stimmung entstanden ist. Andere Räume wurden hingegen mit kaltem Licht geflutet, um für The Boss eine büroähnliche Atmosphäre zu kreieren. Um jede Figur bestmöglich darzustellen, hat Steph unsere Visionen dann zusätzlich in individuelle Choreographien übersetzt.

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Dir geht es also darum, durch Kleidung eine Story zu erzählen?
Es macht mir Spaß, um ein Kleidungsstück herum Figuren zu entwickeln und in deren Charaktere einzutauchen. Darin kann man sich natürlich leicht verlieren, aber irgendwie ist das ja auch die Idee und reizt mich. Natürlich wollte ich, dass bei The Portrayal ein stimmiges Gesamtbild entsteht, trotzdem soll jeder Look für sich alleine stehen und ist in sich abgeschlossen. Deshalb gibt es auch keine Gruppenshoots. Für The Sculpture habe ich metallisch glänzenden Chiffon verwendet, der an Granit erinnert. Ein anderer Look ist The Boss, wofür ich mit einem klassischen Stoff gearbeitet habe, den man mit einem seriösen Business-Kostüm oder braven Hosenanzug assoziieren könnte. Dynamik entsteht durch den scharfen Schnitt und den tiefen Ausschnitt, die roten Akzente und die überzeichneten Schultern. Richtig zum Leben erweckt wurde der Anzug dann durch Steph, denn beim Powerdressing geht es ja nicht nur um akzentuierte Schultern, sondern vor allem um die Attitüde, mit der man einen Look verkörpert. Es geht um eine Mischung aus Pose und Authentizität, darum gleichzeitig sexy und tough zu sein und Souveränität mit seiner ganz persönlichen Art auszustrahlen.

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Emeli ist 'The Sculpture'
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Steph ist 'The Boss'

Welche Charaktere gibt es noch?
Es gibt noch eine Fantasy-Figur, eine Art düster-glamouröse Maleficent, die geheimnisvoll, ma­jes­tä­tisch und fast übermenschlich wirkt. Ihr Look sollte verführerisch sein und trotzdem Stärke demonstrieren. Viel Spaß gemacht hat es auch, mir den Kosmos um Trash Queen herum zu überlegen. Ich wusste sofort, dass sie im Video strippen soll, deshalb habe ich für den Tiger-Bodysuit ein Material gewählt, das den Körper umschmeichelt und jede Verrenkung gut aussehen lässt. Überkniehohe Lackstiefel waren natürlich obligatorisch. Ich mag es mit Symbolen zu spielen, die nach konventionellen Vorstellungen nicht unbedingt als geschmackvoll gelten. Im Kontrast dazu steht The Romantic, ein nostalgischer Charakter, ein Feingeist, der fast märchenhaft wirkt.

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Samja ist 'The Fantasy'
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Suki ist 'The Trash Queen'

Schulterbetonte Silhouetten, überlange Ärmel und üppige Raffungen. Du spielst aber nicht nur mit Formen, sondern auch mit Texturen. Wie genau würdest du deine Designästhetik beschreiben?
Ich mag es, Gegensätzliches zusammenzuführen, sodass es in einem ungewohnten Kontext neu wahrgenommen wird. Das Material für den Bodysuit The Hybrid habe ich aus einem türkischen Bekleidungsgeschäft und erinnert an einen Gardinenstoff. Damit der Body trotzdem Sexappeal bekommt, habe ich mich für einen körperbetonten Schnitt entschieden und auch die Hände in das Design integriert. Es ist mir wichtig, mit Brüchen und Kontrasten zu arbeiten, die schlussendlich trotzdem ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

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Viktoria ist 'The Hybrid'
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Theresa ist 'The Romantic'
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Sorelle ist 'The Mysterious'

Das erzwungene Innehalten während des Lockdowns scheint bei dir ja zu einem richtigen Kreativschub geführt zu haben, oder?
Ehrlich gesagt: ja. Ich habe von der Pandemie lange überhaupt nichts mitbekommen, weil ich in der Zeit alle Outfits entworfen und geschneidert habe. Ich war wie im Tunnel. Außerdem gab es ja kaum Ablenkung von außen. Als es dann zur Videoproduktion kam, war ich positiv erfreut, dass alle Talents, die ich angefragt habe, sofort zugesagt und sich mit mir in das Projekt gestürzt haben. Samuel, die Make-up Artistin, kam sogar extra aus Amsterdam angereist. Ich hatte das Gefühl, dass es bei jedem ein Bedürfnis danach gab, etwas kreativ zu gestalten. Die Arbeit hat uns in dieser trostlosen und wenig sinnlichen Zeit Kraft gegeben, deshalb waren alle wirklich mit dem Herzen dabei.

Wie geht es jetzt bei dir weiter?
Ich will auf jeden Fall meinen eigenen Weg gehen, denn ich habe eine klare Vision davon, was ich entwerfen und künstlerisch umsetzen möchte. Mich interessiert der Prozess, von der ersten Stoffrecherche, über das Skizzieren von Ideen und natürlich ist es immer ein besonderer Moment, Entwürfe an Personen zu sehen, die man speziell für ein Projekt ausgewählt hat. Es gibt nichts Aufregenderes. Ich liebe diesen Weg zu einem perfekten Foto oder Video, denn es fließen so viele Überlegungen ein. Ob ich nun aber mein eigenes Label gründe oder Kostüme für Film oder Theater entwerfe? Mal schauen. Ich bin für alles offen, aber auf nichts festgelegt.

Und was ist das schönste Kompliment, das du für deine Mode bekommen kannst?
Ich wünsche mir, dass Leute et­was füh­len, wenn sie mei­ne Klei­der se­hen.

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Fotos:
Costume design: Naomi Tarazi
Photography: Luisa Krautien 
Hair & Make-up: Samuel Does 
Movement direction: Steph Quinci
Production assistant: Saga Peterson 
Cast: 
Yasmin Momodu
Suki
Viktoria Tchibor
Sorelle McGill
Steph Quinci
Theresa Gmachl
Emeli Miyake
Samja Saranovic

Videos:
Executive producer/ costume design/
set design/ cast: Naomi Tarazi
Director: Viet Duc Nguyen 
DOP: Max Meissner 
Edit: David Brosius 
Sound design: Daniel Chernets 
Gaffer: Vinh Tony Do 
Maximilian Nierade
Video operator: Alexander Neumann 
Light department: Karim Merchand
Daniel Taveras de Oliveira
Richard Wellershoff 
Unit Manager: Emil Viezenz
Hair & Make-up: Samuel Does 
Movement direction: Steph Quinci
Production assistant: Saga Peterson 
Luisa Krautien 
Best boy: Samuel Filker 
Cast: 
Yasmin Momodu
Suki
Viktoria Tchibor
Sorelle McGill
Steph Quinci
Theresa Gmachl
Emeli Miyake
Samja Saranovic