Fotos: Sash Seurat Samson

Mayowa Osinubi kämpft für mehr Vielfalt in der Stand-up-Comedy

"Wenn ich nach einem Event kein Geld für ein Taxi habe und die Bahn nehmen muss, macht mich das zur Zielscheibe."

von Imke Rabiega
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19 November 2019, 10:13am

Fotos: Sash Seurat Samson

Mayowa Osinubi ist immer in Bewegung. Sie war bereits Model, hat Filme gedreht und Landschaftsarchitektur studiert. Zuletzt zog es die Aktivistin für ein politisches Stipendium von ihrer Heimat Atlanta nach Berlin. Ihr Antrieb? Die Menschen verstehen. Für Diskriminierung und Ungerechtigkeiten, die sie auf ihrem Weg erlebt, hat Mayowa Ventile gefunden. Auf ihrem Youtube Kanal Mayowas World spricht sie über persönliche Erfahrungen, Freeform Locks und Selbstliebe. Allem voran ist Mayowa jedoch eine Stand-up-Comedian, die sich für die Repräsentation von POC und LGBTQ+-Personen in der Szene einsetzt. Auf der Bühne verwandelt sie ihre angestaute Wut in Humor.


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Besonders wichtig für Mayowa ist ihre Community: "Ohne die Gemeinschaft sind wir nichts. Alles, was wir als Menschheit geschaffen haben, ist passiert, weil wir zusammengearbeitet haben." Um marginalisierten Personen einen Ort zu geben, an dem sie sich abseits verletzender Mainstream-Comedy sicher fühlen können, organisiert Mayowa ihre eigenen Events.

Im Gespräch mit i-D spricht sie über den Wert von Community und Gründe für die geringe Diversität auf Comedy-Bühnen.

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Foto: Sash Seurat Samson

Deine erste Solo-Show trägt den Titel Kween Kong. Was bedeutet der Name für dich?
Kween Kong ist abgeleitet von King Kong. Der Film handelt von einer Filmcrew, die auf eine fremde Insel fährt, ein wildes Tier fängt und es dann für eine Show mit nach New York nimmt. Doch King Kong bricht aus, die Menschen werden wütend und töten den riesigen Gorilla. Sie stellen sich als Helden des Films dar, obwohl das Tier niemals hätte dort sein sollen – das ist schockierend. Genau wie die Darstellung von King Kong selbst. Er wurde ohne eigene Gefühle und Tiefe konzipiert, seine einzige Rolle ist die des Monsters.

Kween Kong soll zeigen, dass auch ich mich manchmal fühle, als würden mich Menschen als eindimensionales Monster wahrnehmen – ich bin Schwarz und die Leute fragen sich 'Warum ist sie überhaupt hier?'. Mit der Bezeichnung möchte ich vor allem auf die Frage aufmerksam machen, warum Personen aufgrund von Äußerlichkeiten weniger Tiefgang zugestanden wird.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Auftritt als Comedian?
2016 habe ich den Film Acting White produziert; er handelt von dem Thema 'Race' in den USA. Der Film schaffte es in die offizielle Auswahl der Berlin Feminist Film Week. Ich wurde zu Talks eingeladen und wir haben sehr ernste Gespräche geführt. Klar, das Thema ist auch ernst. Ich bin zwar mit einem akademischen Background aufgewachsen, gehe manche Dinge aber lieber locker und humorvoll an. Früher wollte ich einmal im Leben eine Person daten, die Stand-up-Comedy macht. Und irgendwann dachte ich, warum eine Liste für andere Leute machen? Wieso stelle ich mich nicht selbst auf die Bühne? Ich habe nicht damit gerechnet, doch ich liebte es und nach meinem ersten Auftritt wollte ich die Bühne gar nicht mehr verlassen. Stand-up-Comedy ist – im Gegensatz zur akademischen Welt – eine Kunst ohne Klassen. Weil viele Shows kostenlos sind, kommen hier die unterschiedlichsten Leute zusammen.

Stand-up-Comedy ist zumindest in Deutschland eine stark männlich dominierte Branche. Warum glaubst du, gibt es so wenig Diversität?
Alle wollen Diversität, aber es gibt keine Infrastruktur dafür. Ich spreche auf der Bühne über sehr persönliche Themen. Die Menschen im Publikum wissen danach viel über mich, ich aber nichts über sie. Wenn ich nach einem Event kein Geld für ein Taxi habe und die Bahn nehmen muss, macht mich das zur Zielscheibe. Comedy ist intim. Wenn du etwas sagst, musst du absolut dahinter stehen. Denn es kann Menschen angreifen. Versteht jemand nicht, was du sagst, musst du es persönlich erklären. Es sind nicht nur Zuschauer_innen, sondern auch Kolleg_innen, die mich beleidigt oder verfolgt haben. Anfangs konnte ich mich nicht dagegen wehren, heute habe ich eine starke Community und es traut sich niemand so schnell etwas Unüberlegtes zu sagen. Ich finde es super interessant, mehr weibliche, trans und nicht-binäre Stimmen zu hören. Ich möchte People of Colour sehen. Aber haben sie die Mittel, sich zu schützen, wenn sie ihre Meinung sagen? Viele Veranstaltungen sind schlecht organisiert und bieten zu wenig Schutz.

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Foto: Sash Seurat Samson

Wie fühlt es sich an für deine Community zu performen?
Ich liebe die Auftritte für meine Community! Die Witze über die sie lachen, würde die Masse nicht lustig finden. Ich fange die Energie ein, die zurück kommt. Manchmal merke ich, dass ich noch mehr Recherche und Wissen brauche, um über etwas zu scherzen. Das hat mir gezeigt, nur Themen anzusprechen, die ich wirklich verstehe. Jede_r Einzelne hat Erfahrungen in kleinen, spezifischen Bereichen – rede über das, was du lebst.

Wen möchtest du mit deiner Show erreichen?
Ich versuche alle Menschen zu inkludieren. Meine Erfahrungen sind die einer Schwarzen, weiblichen Person. Meine Eltern kommen aus Nigeria, das ist ein großer Teil meiner Identität. Menschen mit meiner Perspektive wird das, was ich zu erzählen habe, anders berühren. Ich möchte besonders denen Sichtbarkeit geben, die zuvor keine hatten – und meine Geschichte mit Menschen teilen, die bessere Allys werden wollen.

Humor wird häufig zum Selbstschutz verwendet, inwiefern trifft das auch bei dir zu?
Ich habe keine Kontrolle über meinen Humor! Viel meiner Stand-up-Comedy beginnt mit Wut. Mit Themen, die mich innerlich rasend machen. Sobald ich sie kommuniziere, kommen sie als Witz heraus. Das ist Katharsis für mich. Jede_r geht mit Negativität anders um, mir helfen Wut und Witz. Bevor ich mit Comedy anfing, habe ich mich häufig verstellt. Die Bühne wurde der Ort, an dem ich endlich mit allem aufräumen konnte. Es beruhigt mich und hilft mir, ehrlicher im echten Leben zu sein.

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Foto: Sash Seurat Samson

Neben der Wut, was treibt dich an?
Verständnis. In letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit mehrgewichtigen Menschen. Bis vor einem Jahr habe ich mich nie mit diesem Thema auseinandergesetzt und wusste nicht, wie viel Fat Shaming in unserer Gesellschaft existiert. Ich habe als dünne Person jahrelang unbewusst privilegiert gelebt. Ich möchte wissen, was ich übersehen habe und es mit meiner Community teilen, um betroffene Menschen künftig zu unterstützen.

Von Alltagsrassismus bis zur Vagina-Op: Du sprichst mit deiner Community offen über alles, was dich beschäftigt. Gibt es Dinge, die du bewusst nicht thematisierst?
Ehrlichkeit ist das Wichtigste für mich. Ich teile alles, wenn ich mich bereit dazu fühle. Es gibt einige Themen, die ich gerne adressieren würde, für die mir aber noch die richtigen Worte fehlen. Beispielsweise Colourismich bin noch zu wütend, um es in Humor zu kanalisieren. Wenn ich etwas im richtigen Moment teile, gibt es mir Kraft. War es zu früh, verunsichert es mich eher.

Welche Botschaft möchtest du an dein Publikum weitergeben?
Sei aufmerksam für dein Umfeld und weniger individualistisch. Wenn eine Person angegriffen wird, weil sie homosexuell ist, steh auf. Wenn deine Freunde so tun, als wäre alles OK, hake nach. Und wenn du selbst zum Ziel wirst, gib auf dich Acht. Es ist wichtig zu lernen, dich auf deine Community zu verlassen. Ich bin ein Produkt der Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet und unterstützt haben. Genauso bin ich ein Teil von ihnen. Ich reflektiere sie in meiner Arbeit. Und möchte ihnen damit etwas zurückgeben.

@mayowasworld

Am 23. November findet Mayowas erste Solo-Show 'Kween Kong' in Berlin statt. Mehr Informationen findest du hier.

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