Wie Zoë Kravitz zur heilsamsten Stimme Hollywoods wurde

Das Multitalent spricht mit i-D über Big Little Lies und ihr neuestes Projekt – eine Neuinterpretation von High Fidelity, in der sie die Hauptrolle spielt.

von Jess Cole; Fotos von Gus Van Sant
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06 September 2019, 1:15pm

Arbeit und Kultur sind unmittelbar mit dem menschlichen Dasein verbunden. Doch wie bewahrt man Ruhe in einer Welt, die nach konstanter Erneuerung schreit? "Manchmal müssen wir einen Schritt zurückgehen, uns daran erinnern, dass wir nur für den Moment hier sind und unsere Zeit begrenzt ist", sagt Zoë Kravitz. "Wenn du nur an die Arbeit denkst, dann verpasst du das Wesentliche." Für sie ist es wichtig, auch mal einen Gang runterzuschalten, um das Leben aufzusaugen. Diese Momente der Ruhe, in denen du tief Luft holst, sind unverzichtbar, um die Beziehung zu anderen und zu uns selbst zu begreifen.

Dabei steht ihr Terminplan eigentlich kurz vorm Platzen. Neben der Schauspielerei ist Zoë das Gesicht von YSL Beauty, sie singt, modelt, schreibt Drehbücher und produziert. Bis heute war sie in 28 Filmen zu sehen und hat erst kürzlich die zweite Staffel von Big Little Lies fertig gedreht. Doch in ihrer Energie liegt etwas Heilendes. Zoë lebt in einer einfachen Wohnung in Brooklyn, hat einen trockenen Humor, einen originellen Instagram Feed und schämt sich nicht, die Liebe zu ihren Eltern öffentlich zu zeigen. In diesem Jahr heiratete sie ihren Schauspielkollegen Karl Glusman im Haus ihres Vaters in Paris.

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Zoë trägt einen kompletten Look von Gucci Resort 2019. Bandana aus dem Studio des Stylisten. Ohrringe von Zoë.

Als wir sprechen, hat sie gerade eine Drehpause von ihrem neuesten Projekt, eine Adaption von Nick Hornbys Roman High Fidelity. Sie spielt die Hauptrolle und hat damit die männliche Perspektive des Buchs in eine weibliche gewandelt. Auch wenn Rob jetzt Robin heißt, bleibt der Rest gleich: Robin besitzt weiterhin einen Plattenladen, befindet sich irgendwo in ihren Dreißigern und versinkt in die Welt der Popkultur, unfähig wirklich in der Gegenwart zu leben.

Diese Serie dient als Schnittstelle zwischen Kultur und den menschlichen Beziehungen in unserer digitalen Welt. Heute leben wir inmitten von Algorithmen mit virtuellen Kuratoren, die uns zeigen, welchen Film wir als nächstes schauen sollen, welche Musik uns gefällt und welche Freunde wir haben sollen.

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Pulli und Hose Vetements. T-shirt Vintage von What Goes Around Comes Around NY. Kette von Zoë.

Um Ordnung in seine Welt zu bringen, versucht Rob alles in Top Five-Playlists zu sortieren (übrigens: Zoës Top Five Songs sind 22nd Century von Nina Simone, Atomic Bomb von William Onyeabo, Workin’ Together von Ike & Tina Turner und It Ain’t Easy von David Bowie). Die Art, wie wir Kultur konsumieren hat sich seit der Romanerscheinung drastisch gewandelt. Und trotzdem erinnert es daran, wie wir die Popkultur nutzen, um unsere Realitätswahrnehmung zu betäuben. "Kunst und Musik sind unsere besten Freunde", sagt Zoë, "aber es ist leicht, im immer gleichen Trott zu bleiben. Nach dem Motto: Ich habe nichts außer dieser Musiker oder dieser Kunst."

"Wir müssen in der Lage sein, über uns selbst zu lachen", führt sie fort. "Mehr Zeit damit verbringen, die Ironie unserer Existenz zu beobachten." Diese Haltung möchte sie in das Drehbuch von High Fidelity einfließen lassen. Die Version aus dem Jahr 2000 hat die Handlung nicht nur von London nach Chicago verlagert, sondern auch alle ursprünglichen Referenzen an Black American Music gestrichen. Und auch der Szene in Chicago wurde der Film nicht gerecht, da die lokale House- und Technokultur kein Mal erwähnt wurde. Es ist ein Warnschuss, dass die Nostalgie für Popkultur immer offen für die Herkunft und Authentizität der Narrative sein muss, an denen wir uns bedienen.

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Jacke Prada Resort 2019.

Dieses Mal spielt die Serie in New York und wird auch dank der federführenden Leitung von Frauen, eine sehr viel diversere Realität darstellen. "Zusammenarbeit und Kompromiss sind bereits eine Kunstform", meint Zoë. "Es ist wirklich schwer, doch es geht darum, die Balance zu finden. Zu wissen, wann man nachgibt und wann man die Kämpfe führt."

Kultur ist letztendlich unsere Beziehung zur Welt. Eine Möglichkeit verschiedene Perspektiven zu erzählen, eine alternative Gegenwart und mögliche Zukunft zu erforschen. Nur wenige haben die Macht von Kultur in der Art spüren können wie Zoë. Ihr Vater ist der Rock-Musiker Lenny Kravitz, ihre Mutter die Schauspielerin Lisa Bonet. Weniger bekannt ist allerdings, dass ihre Großmutter Roxie Roker war. Sie war die erste Schauspielerin, die eine interracial Beziehung im amerikanischen Fernsehen porträtierte; in den 70ern als Helen Willis in der Sitcom The Jeffersons. "Meine Familie ist sehr liebevoll", erzählt Zoë. "Schon seit meiner frühesten Kindheit haben sie mich stets gefragt, was für ein Mensch ich später sein wolle, welche Art Kunst ich machen möchte."

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Hemd und Hose Coach 1941 Resort 2019. Tanktop, Kette und Hut Saint Laurent by Anthony Vaccarello Resort 2019. Gürtel R13 resort 2019. Schuhe Prada Resort 2019.

Im letzten Jahrzehnt hat sich Zoës Arbeit darauf konzentriert, neue kulturelle Narrative für Frauen und Women of Colour im Film zu erschaffen. Trotz ihres berühmten Nachnamens ist das kein leichtes Unterfangen. Von den hundert umsatzstärksten Filmen des letzten Jahres waren nur 2,5 Prozent der sprechenden Rollen mit Schwarzen Schauspieler_innen besetzt.

"Ich werde von meiner Intuition geleitet", meint Zoë. Das zeigt sich auch in ihrer Kunst. Sie überlegt sich genau, wie sie eine wahrhaftige Darstellung weiblicher Perspektiven auf der Leinwand schaffen kann – seit ihrem Debüt im Jahr 2007 in No Reservation. Angefangen bei ihrer unwiderstehlichen Performance als Sweetness O'Hara im Indie-Streifen Yelling to the Sky, über Leta Lestrange, die größte Rolle, die eine Person of Colour jemals in den Harry Potter Filmen gespielt hat bis hin zur fesselnden Darstellung von Bonnie in Big Little Lies.

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Pulli MM6 Maison Margiela Resort 2019. Hut und Kette Saint Laurent by Anthony Vaccarello Resort 2019.

Bonnie hat Tattoos, hüftlange Braids und ist die einzige junge Schwarze Mutter in der Gruppe, die in der Weißen, wohlhabenden Gegend von Monterey, Kalifornien lebt. Sie ist mit Nathan (James Tupper) verheiratet, der Weiße, wohlhabende Ex-Mann von Madeline (Reese Witherspoon), die Queen Bee der Nachbarschaft. Bonnie lebt so, wie es viele Schwarze Frauen in einer mehrheitsweißen Umgebung tun: Sie verströmt entspannte Vibes, um die Weiße Angst zu beschwichtigen, während sie von den anderen Weißen Ehemännern erotisiert wird. Zoë verleiht Bonnie eine makellose emotionale Tiefe und fesselnde Persönlichkeit, vielleicht weil sie aus ihren eigenen Erfahrungen schöpft.

Genau darin liegt Zoës Talent. Sie zeigt die Tiefe von weiblicher Performances. Sie erschafft Charaktere, die sie in neue, herausfordernde Räume führt und die mit Stereotypen brechen. Das Problem ist nur: Trotz der vielen Gesichter, die in der Popkultur vertreten sind, fehlt es doch häufig an spannenden, komplexen Narrativen in den Drehbüchern. "Für manche Menschen ist Diversity ein Trend", erklärt Zoë. "Doch für andere ist es eine gelebte Realität."

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T-shirt Vintage von What Goes Around Comes Around NY. Hose Gucci Resort 2019. Sonnenbrille Valentino. Schuhe Prada Resort 2019.

"Ich hatte immer das Gefühl, dass ich meine Haare verändern müsste, damit ich akzeptiert werde oder Jobs bekomme", sagt sie. In den letzten Jahren hat es das Natural Hair Movement geschafft, Jahrhunderte voller Stigma herauszufordern. Einer der größten Erfolge dieser Bewegung war die Gesetzesänderung in New York und Kalifornien, die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund von Haaren ächtet. "Es war großartig zu lernen, wie ich meine Haare lieben kann", meint Zoë. "Dass ich nicht mehr einen Haufen Chemikalien reinschmieren muss, um zu verstehen, dass ich tatsächlich so aussehen kann, wie ich aussehen möchte."

Obwohl schon viel erreicht wurde, liegt noch ein weiter Weg vor uns, bis wirklich alle Schwarzen Haartypen in gewissen sozialen Situationen "zulässig" sind. In den letzten Jahren ist Zoë auf dem Roten Teppich bereits mit den verschiedensten Styles aufgetreten – mit einem knapp 15 Zentimeter hohen, geflochtenen Bienenkorb, fließende Box Braids oder schlanke Faux Locks. Und mit jedem Mal geht sie einen weiteren Schritt, wenn es darum geht, die Existenz von Schwarzem Haar zu normalisieren. Sie ermutigt damit andere Schwarze Menschen, genauso stolz auf ihre Haare zu sein, wie Zoë es heute ist. “"ch denke, dass ich eine Verantwortung habe, ich selbst zu sein", meint Zoë. "Es soll die Menschen nicht dazu bringen, so zu sein wie ich, sondern sie dazu inspirieren, mehr zu sein wie sie."

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Kompletter Look Gucci.

Credits


Fotografie: Gus Van Sant
Styling: Alastair McKimm

Haare: Nikki Nelms // Impaq Beauty nutzt Maui Moisture und ghd
Make-up: Nina Park // Forward Artists nutzt YSL Beauté
Nägel: Casey Herman // The Wall Group nutzt Germanikure
Foto-Assistent: Roy Beeson, Ian Rutter und Alex Hopkins
Digital Technik: Andrew Katzowitz
Styling-Assistenz: Madison Matusich und Milton Dixon III
Schneider: Martin Keehn
Make-up-Assistenz: Naoko Kitano
Produktion: Iconoclast Image
Producer: Una Simone Harris
Produktions-Assistenz: Devon Davey and Ben Dobson
Retouching: 4C Imaging
Fotografiert bei den Red Hook Labs, danke an Digital Capture Solutions.
Casting Director: Samuel Ellis Scheinman // DMCASTING.

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der neuen i-D 'The Post Truth Truth Issue', no. 357, Autumn 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.

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