Foto: über i-D UK / Getty images

Ist Paris Hilton die größte Performance-Künstlerin unserer Zeit?

Das Leben der Amerikanerin kommt einem vor wie eine postmoderne Satire.

von Philippa Snow
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20 Juni 2019, 1:21pm

Foto: über i-D UK / Getty images

Sie heißt wie die europäische Stadt der Liebe und eine Hotelkette: Laut acht oder neun Millionen Google-Treffern ist Paris Hilton DJ, Geschäftsfrau, Reality-TV-Star, aber vor allem eines, nämlich eine selbsternannte "Slut". Mit ihrem extravaganten Erscheinungsbild spaltet sie seit jeher die Meinungen der Medien. Mit ihrem leicht verschlafenen Blick erweckt sie nicht nur den Eindruck, sie sei stoned, sondern nutzt die Aufmerksamkeit auch dafür, sich gekonnt selbst zu vermarkten.

Dieses Jahr wurde Paris 38 Jahre alt und sieht dabei immer noch aus wie einer der Charaktere von Mean Girls. Sie behauptet von sich, das Selfie erfunden zu haben – zu Hause in Beverly Hills hängt ein riesiges Selbstporträt an der Wand, das sich aus Hunderten von Paris-Bildern zusammensetzt. Nicht zu vergessen, ist auch ihr kleines Äffchen Brigitte Bardot, das nachts gemeinsam mit Paris in einem Bett schläft.

"Paris Hilton war 2002 genauso zeitlos und bedeutungsvoll wie Voltaire’s Vorstellung von Gott. Hätte es sie nicht gegeben, müsste man sie erfinden."

Das Leben von Paris Hilton kommt einem vor wie eine postmoderne Satire. Mit ihrem unermesslichen Reichtum und der immer wiederkehrenden Catch-Phrase "That’s hot" wurde sie für ihre Generation zur schillernden Queen of Dumb. Im Jahr 2002 war sie genauso zeitlos und bedeutungsvoll wie Voltaires Vorstellung von Gott. Hätte es sie nicht gegeben, müsste man sie erfinden. Denn: Paris Whitney Hilton, geboren 1981, ist eine der besten und beständigsten Performance-Künstlerinnen dieser Zeit. Ihre künstlerische Praxis ist die einer Marina Abramovic, in dessen Zentrum die amerikanische Inhaltslosigkeit steht. "Es gibt niemanden auf der Welt wie mich", sagte Paris einst im Fernsehen, klassisch mit Babystimme, die sie im Privatleben als "sehr tief" beschreibt. "Jedes Jahrzehnt hat eine ikonische Blondine wie Marilyn Monroe oder Princess Diana. Und heute bin das ich, ich bin diese Ikone." Paris bewundert die Blondinen der Geschichte wie eine Ikonographie weiblicher Berühmtheiten.

"[Ihr selbstbezogener Einrichtungsstil] ist viel zu überspitzt, um real zu sein", erklärt das W Magazine, nachdem sie Paris 2017 zu Hause besuchten. "Die Ironie dahinter wird mit ausgewählten Für Dummies-Büchern unterstrichen (Ernährung, Pilates, Poker und die Bibel), die neben einer Kopie des amerikanischen Dramas Valley of the Dolls im Regal stehen." Die Rolle der Paris Hilton ist das personifizierte Amerika: reich, weiß, puppenhaft und genauso einfach zu konsumieren wie ein Hamburger. Ein Kommentar auf unsere Zeit. Als sie sagte "Das ist die Erde, ist sie nicht 'hot'?", hat sie sich nicht ausschließlich über den Klimawandel geäußert. Aber so wie bei allen großen Künstlern und Künstlerinnen gibt es immer genug Interpretationsspielraum.

In ihrer neuen Single singt sie: "Fuckboys everywhere trying to make a pass – but I can’t stop looking at my best friend’s ass". Es ist nicht nur eine Hymne an das Hinterteil, sondern erinnert auch an Künstlerin Amalia Ulman, die sich in ihrer Performance Excellences & Perfections auf Instagram monatelang als vermeintliches Dummchen inszenierte oder Pop-Enigma Naomi Elizabeth, die in selbst aufgenommenen Videos leicht bekleidet und unrythmisch zu außerirdischer Musik tanzt. Ein Sound, der an einen gemeinsamen Mix von Rihanna mit The Residents erinnert. Beide Performances verkörpern ein Narrativ, das unsere von Bildern besessene Kultur verzerren soll. Im Gegensatz zu Paris Hilton, die sich selbst als "sexy, aber nicht sexuell" beschreibt, ist Naomi Elizabeth sexuell, aber nicht sexy – ihre Songs sind schrill wie die Tracks von Lana Del Rey, aber auch gruselig, weil sie klingen, als wären sie über einen Algorithmus geschrieben. "The Topic is Ass" handelt beispielsweise – statt vom hübschen Po ihrer besten Freundin – davon, dass amerikanische Hinterteile nun ihren selbst gewählten Präsidenten haben, den "President of Ass".

Bisher sind sich Reddit-User uneinig, ob Naomi Elizabeth "verdammt brillant", "eine verwöhnte Göre", "alberne Popmusikerin" oder "Kult-Künstlerin" ist. Wahrscheinlich ist sie ein Genie. Aber auch die Single "Drunk Text" von Paris Hilton aus dem Jahr 2012 ist ein kleiner Geniestreich. Die Lyrics gehen ungefähr so: "To take the world sex, and mix it with texting – It’s called sexting – When you add drunk sexting – The words just don't make sense." Auch in der Dokumentation The American Meme aus dem Jahr 2018 spricht sie über den Sinn oder die Sinnlosigkeit des Lebens: "Meine größte Angst ist es, zu sterben, weil ich keine Ahnung habe, was danach passiert. Ich habe die Sorge, dass da nichts ist und das wäre einfach nur langweilig." Sagte Hamlet nicht etwas Ähnliches?

Es wäre falsch, zu glauben, dass Paris Hilton eine verwöhnte, kindische Erbin ist, die nichts zu bieten hat, außer einer Cartoon-Stimme – es wäre genauso absurd, wie anzunehmen, dass eine Frau, die ein Foto auf Twitter teilt, auf dem sie ein Hochzeitskleid mit der Aufschrift "REST IN PEACE, BITCH" (“ein Tribut an meine Freundin, die gestorben ist”), "hohl" und "nichtssagend" ist. Dabei ignoriert man den Fakt, dass die Imitation einer "leeren" Frau, einer Kapitalistin, die von Geld und ihrem guten Aussehen besessen ist. Eine Frau, die gleichermaßen verspottet als auch begehrt wird, in unserer Zeit die ehrlichste, einschneidendste Form der Satire ist. Die Absicht dahinter ist unwichtig, viel entscheidender ist, was das alles über uns, unser Leben und die Regeln, nach denen unsere Welt funktioniert, aussagt. Vor einigen Wochen postete Paris ein Bild, auf dem sie einen Bikini mit Alien-Print trägt und schrieb: "Ich habe mich immer gefühlt, als wäre ich von einem anderen Planeten". Damit produziert sie etwas doppelt Surreales. Es ist verrückt anzunehmen, dass Paris Hilton aus einer anderen Welt oder Zeitdimension kommen könnte, wenn sie doch eigentlich die Künstlerin ist, die den Zeitgeist unserer Generation einfängt wie keine andere.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.