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Was die "Playboy"-Anzeigen der letzten 40 Jahre über Männlichkeit verraten

Mit ihrem visuellen Essay "Boy" blickt die französische Künstlerin Sarah Vadé durch eine feministische Linse auf die ikonische Zeitschrift.

von Malou Briand Rautenberg
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19 Februar 2018, 3:54pm

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Rückschrittlich oder revolutionär – der Playboy ist und bleibt eine Ikone unter den Zeitschriften. Gründer Hugh Hefner, der letzten September verstorben ist, hat ein kontroverses Erbe hinterlassen. Er war der Schöpfer der "Playmates" und in den 90ern einer der Ersten, der transsexuellen Menschen geholfen hat, in Hollywood sichtbar zu werden. Eines der Playboy-Cover durfte damals das Trans-Model Caroline Tulla Cossey schmücken. Was auch immer man von der Zeitschrift halten mag, sie übt bis heute einfe Faszination auf die neuen Generationen aus.


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Eine von ihnen ist Sarah Vadé. Die 27-jährige Absolventin der Akademie der Bildenden Künste Lyon ist zum Playboy-Archiv gefahren, um Hunderte von Anzeigen herauszusuchen, die zwischen 1960 und 2003 veröffentlicht wurden. Daraus entstanden ist ihr visueller Essay Boy, in dem sie uns eine neue Lesart des Männermagazins bietet: Es ist ein Kommentar aus der Sicht einer Frau, was im 20. Jahrhundert als heterosexuell anziehend befunden wurde.

Was hat dich zu deinem visuellen Essay über den Playboy inspiriert?
Das war eigentlich ein Zufall. Ich war gerade im letzten Semester meines Studiums, und habe mich mit der Bildsprache von Stereotypen auseinandergesetzt. In einem meiner Projekte ging es um Madame Bovary, einen der am öftesten übersetzten französischen Romane aller Zeiten. Ich habe die Cover-Illustrationen der unterschiedlichen Sprachversionen gesammelt und festgestellt, dass Flauberts Heldin in jedem Land als archetypisch weibliche Figur dargestellt wurde. Immer wieder wurde sie als unschuldige oder Verführerin gezeigt – ein wahres Covergirl im Stil des 19. Jahrhunderts. Einer der heißesten Szenen aus dem Buch wurde tatsächlich vor acht Jahren im Playboy abgedruckt, was mich irgendwie dazu gebracht hat, mehr über diese Zeitschrift herausfinden zu wollen.

Wie hast du Zugang zu all den Bildern aus den Playboy-Ausgaben bekommen?
Das habe ich alles "Tavery80" zu verdanken, einer anonymen Person, die sorgfältig seine Playboy-Ausgaben aus den Jahren 1960 bis 2003 Seite für Seite eingescannt hatte. Dank seiner virtuellen Sammlung hatte ich Zugriff auf mehr als 150 GB Bildmaterial. Mir wurde schnell klar, dass Werbung einen wichtigen Teil zum Überleben der Zeitschrift beigetragen hatte – 1973 war die Hälfte der 400 Seiten mit Anzeigen gefüllt. Ich blieb vor allem bei den doppelseitigen Anzeigen hängen, alle ohne Text.

Warum hast du dich nur auf die Anzeigen konzentriert?
Bevor ich angefangen habe, Bildende Künste zu studieren, habe ich visuelle Kommunikation studiert und viel mit Bildern gearbeitet. Mir hat es schon damals gefallen, Collagen daraus zu machen. Jedes Bild beinhaltet ein Rätsel, eine Bedeutung, versteckte Anspielungen. Bilder reisen durch die Zeit und tauchen plötzlich wieder auf. Je mehr ich recherchiere, desto mehr verschmelzen unterschiedliche Themen miteinander und beeinflussen sich gegenseitig. Oft passiert das ganz von alleine. Für mich waren Bilder schon immer wie ein Text, den jeder für sich interpretieren muss, daher auch die Bezeichnung "visueller Essay" und meine Entscheidung keinen Text in Boy zu verwenden. Ich wollte die Bilder für sich selbst sprechen lassen und Interpretationsspielraum bieten. Mir gefällt die Vorstellung, dass man mit ein und demselben Bild Tausende unterschiedlicher Geschichten erzählen kann.

Hat sich die Darstellung der männlichen Lust in Anzeigen über die Jahre hinweg verändert?
Man merkt schnell, dass Jahr für Jahr die gleichen Ikonen und Symbole der Lust zu sehen sind: Motorräder, Autos, Alkohol, Zigaretten, noch mehr Motorräder … und natürlich ein paar Frauen. Lediglich die Qualität der Fotos hat sich verändert. Die Figur des Cowboys zieht sich wie ein roter Faden durch meinen visuellen Essay, daran hat sich aber auch im Jahr 2018 nicht wirklich viel verändert.

Wie siehst du als Frau die stereotypischen Darstellungen der männlichen Lust?
Ich finde sie lustig. Ich denke, dass Boy ganz anders aussehen würde, wenn es ein heterosexueller Mann erstellt hätte. Trotzdem glaube ich nicht wirklich, dass ich eine besonders feministische Lesart des Playboys zeige. Mir ging es eher darum, die wiederkehrenden Symbole und Themen zu beleuchten. Für meine Generation steht der Playboy für nackte Playmates mit Hasenohren-Haarreif, doch im Kern war die Zeitschrift revolutionär. Als Hugh Hefner das Magazin in den 50ern ins Leben gerufen hatte, waren die Parameter des männlichen Glücks sehr streng: ein fester Job, eine gute Ehe, ein Haus, eine Familie und ein Hund. Der Playboy zeigte hingegen seit der ersten Ausgabe die Figur des unabhängigen Single-Mannes, der gute Musik mag, stilvoll ist und einen Drink genießt, während er hübsche Frauen beobachtet. Heute erscheint einem dieser Gedanke elitär, damals war er nonkonformistisch.

Woran arbeitest du zur Zeit?
Eine Freundin und ich arbeiten zusammen an einem Projekt über Emmanuelle, einer der bekanntesten französischen Porno-Filme aus den 70ern. Wir wollen visuelle und inhaltliche Verbindungen zwischen der Bildsprache und den Anzeigen aus der damaligen Zeit ziehen, die an Frauen gerichtet waren. Als wir dafür Anzeigen für Unterwäsche, Geräte und Kosmetikprodukte aus der Zeit zwischen 1972 und 1976 rausgesucht haben, ist uns aufgefallen, dass sie ebenso erotisch – vielleicht sogar erotischer – als das Filmposter für Emmanuelle waren. Die Models von damals wurde wie Playmates präsentiert.

"Boy" von Sarah Vadé wird von Les Presses du Réel herausgegeben.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der FR-Redaktion.

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