Foto: George Nebieridze

Das Magazin zum Sound: Borshch erkundet die elektronische Underground-Szene

Es brodelt und knistert, raschelt und schwebt in Berlin, Kiew und Kopenhagen. Das Printmagazin führt uns in die alten und neuen Metropolen des elektronischen Sounds. Wir haben die beiden Gründer zum Interview getroffen.

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Jan. 24 2018, 1:51pm

Foto: George Nebieridze

Borshch, oder auch Borschtsch, ist eigentlich der Name einer ukrainischen Suppe aus Fleisch, Roter Bete und anderem Gemüse, die eine Weile köcheln muss, um den Geschmack aller Zutaten aufzunehmen. BORSHCH ist aber auch ein Magazin über die elektronische Underground-Szene. Doch was hat ein traditionelles Gericht aus Osteuropa mit elektronischer Musik zu tun? Laut den beiden Gründern Tiago Biscaia und Mariana Berezovska eine Menge: "Als wir auf die Idee zum Magazin kamen, fiel der Name zuerst als Witz. Doch je länger wir darüber nachgedacht haben, desto mehr haben wir festgestellt, dass unsere Suppe aus elektronischen Beat-Roots bestehen soll." Wie das genau aussieht, haben der portugiesische Grafikdesigner und die ukrainische Autorin und Musikjournalistin bereits in ihrer ersten Ausgabe gezeigt, für die sie Namen wie Fatima Al Qadiri und Nina Kraviz begeistern konnten.

Doch auch die zweite Ausgabe von BORSHCH klingt vielversprechend: Interviews mit dem Berliner Techno-DJ Rødhåd und Ostgut-Artist Steffi zeigen uns die Vielfältigkeit der Szene, außerdem tauchen wir ein in die Musikszenen Kievs und Kopenhagens. Weil das Internet nicht gerade viel über das mysteriöse Printmagazin ausspuckt, haben wir die beiden Gründer zum Interview gebeten, um im Zuge des Launchs von BORSHCH #2 herauszufinden, was uns zwischen den Seiten erwartet. Im Gespräch sinnieren die zwei über die Zukunft der elektronischen Musik und die Berliner Szene und teilen mit uns erste Auszüge der neuen Ausgabe.


Auch auf i-D: Wir waren unterwegs in der ukrainischen Underground-Szene


Welche Geschichte steckt hinter BORSHCH?
Wir sind beide Fans von Printmagazinen, weil sie eine besonderen Art der Interaktion mit dem Leser und einen bleibenden Wert haben. Dass es dabei um elektronische Musik gehen sollte, hat zu unserer Leidenschaft und unseren Berufen gepasst. Indem wir unser Magazin nach einer traditionellen, ukrainischen Suppe benennen, machen wir aber auch deutlich, dass wir uns selbst nicht allzu ernst nehmen und für alles offen sind.

Ihr seid beide nach Berlin gezogen. Welchen Eindruck habt ihr von der elektronischen Musikszene hier?
Es ist kein großes Geheimnis, dass die elektronische Musik in Berlin blüht. Die Stadt ist extrem anregend. Hier kann man die Musik durch die unterschiedlichsten Medien erkunden, Produzenten und Kreative aus der lokalen und internationalen Szene kennenlernen und Teil des Netzwerks werden. Es heißt, dass Berlin vor zehn Jahren viel freier gewesen sei, aber für uns ist die Stadt immer noch ein Abenteuerspielplatz. Der Diskurs findet hier nicht nur in den Clubs statt, sondern auch außerhalb. Es fühlt sich so an, als würde elektronische Musik in den Adern dieser Stadt fließen. Als würde es an einem selbst liegen, ob man diese Energie nutzt, um etwas zu erschaffen, oder sich damit selbst zerstört. Oft passiert beides gleichzeitig.

Foto: Lesha Berezovskiy,

Eure Leser bekommen in der neuen Ausgabe nicht nur einen Einblick in die Berliner Musikszene, sondern auch in die von Kopenhagen und Kiew.
Es gibt so viele tolle Produzenten und Musik-Süchtige auf der Welt, deren Geschichten es verdient haben, auf eine Weise erzählt zu werden, die zum Nachdenken anregt. Das Feature über die elektronische Musikszene Kiews steht zum Beispiel im Gegensatz zu den üblichen Insider-Berichten. Autorin Maya Baklanova hatte genug davon, dass das Narrativ über die Clubkultur der Stadt vom politischen Kontext geprägt war und wollte eine neue Perspektive für das Verständnis der lokalen Szene ermöglichen. Das ist wahrscheinlich das Schönste daran, eine zweimal jährlich erscheinende Publikation zu machen: Man hat die Möglichkeit, bekannte Themen aus neuen Perspektiven zu betrachten und kann sich mehr Zeit für die Artikel nehmen.

Foto (links): Sean Schermerhorn; Coverfoto: George Nebieridze

Nach welchen Kriterien habt ihr die Inhalte für BORSHCH #2 gewählt?
Wir haben nach neuen Herangehensweisen gesucht, um über Veranstaltungen, Veröffentlichungen und neu aufgelegte Alben im Bereich der elektronischen Musik zu berichten, die unsere Zeit spiegeln, aber auch in der Zukunft relevant bleiben würden. Volruptus und Rødhåd haben zum Beispiel beide über ihre Visionen für die Zukunft gesprochen; dabei stellte sich heraus, dass diese ziemlich gegensätzlich sind. Volruptus, den jüngsten und wahrscheinlich unbekanntesten Produzenten in der Ausgabe, auf das Cover zu setzen, war für uns gewissermaßen ein Statement. Wir hatten einfach das Gefühl, dass seine futuristischen Vorstellungen von der Interaktion der Musiker mit der Technologie unseren eigenen Visionen von der Zukunft der elektronischen Musik sehr ähnlich sind.

Wie wird eurer Meinung nach die Zukunft der elektronischen Musik aussehen?
Wie Volruptus in der neuen Ausgabe gesagt hat: Durch den technologischen Wandel wird sich in naher Zukunft auch die Entstehung von Musik verändern. Es wird möglich sein, über einen Song nachzudenken. Er wird zur Realität werden. Vielleicht wird es bald auch möglich sein, Musik neurologisch zu übersetzen.

Foto: George Nebieridze

Komponist Mark Ayres hat in einem der Interviews etwas sehr Interessantes gesagt: "Wenn ein Musikstück aus einem Sound entstanden ist, der nur schwer zu erkennen ist, wird es sofort magisch. Es wird 'anders'." Wann habt ihr zuletzt so empfunden?
Das ist wirklich ein sehr interessanter Gedanke von einem der Wegbereiter elektronischer Musik. Da merkt man erst, dass sich die elektronische Musik vor noch nicht allzu langer Zeit erkämpfen musste, Musik genannt zu werden. Heutzutage ist der elektronische Sound so tief in unserem Leben verwurzelt, dass wir ihn nur selten als anders wahrnehmen. Trotzdem ist er ganz klar von einer magischen Aura umgeben, vor allem wenn die Umgebung für einen ganz besonderen Sound sorgt, man Gänsehaut bekommt und das Ganze zu einer fast außerkörperlichen Erfahrung wird. Die erste Installation bei MONOM, dem Berliner Zentrum zur Erfahrung von räumlichem Sound, war zum Beispiel so ein magischer Moment für uns.

Foto: Daan Dam

Wenn BORSHCH #2 einen Soundtrack hätte, welcher wäre es?
Es wäre eine Reise aus Ambient und Acid, manchmal geschmeidig und schwebend, dann wieder rau und abrupt. In der Ferne wären Kinderstimmen zu hören, die im Garten mit Cyborgs spielen, und Krankenwagensirenen und der Lärm von Bauarbeiten. Helena Hauff und Brian Eno haben sich zusammengetan, um einen Soundtrack für BORSHCH zu komponieren, und haben all diese Geräusche aufgenommen, während wir damit beschäftigt waren, für euch BORSHCH zuzubereiten. Denn so klingt es, wenn in Berlin ein Magazin für elektronische Musik entsteht.

Am 27. Januar findet die Release-Party von BORSHCH #2 statt. Alle Informationen dazu findest du hier.