from russia with love: wir haben gosha rubchinskiy und seine gang getroffen

Designer und Fotograf Gosha Rubchinskiy betont immer wieder, dass er keine politische Agenda verfolgt, sondern in seinen Arbeiten lediglich die Gegenwart reflektiert. Personifiziert durch seine Crew aus wunderschönen jungen russischen Künstlern und...

|
März 31 2017, 10:25am

Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Der kommunistische Aufruf war für sieben Jahrzehnte das Staatsmotto der Sowjetunion, gut gemeint, aber doch nicht von Dauer. Und falls Lenin heute noch leben würde und auf der Fashionshow von Gosha Rubchinskiy im verschneiten Kaliningrad an diesem Januartag im Jahr 2017 gewesen wäre, wäre ihm warm um sein marxistisches Herz geworden. In der entlegenen russischen Exklave, dem ehemaligen preußischen Königsberg, zwischen Polen und Litauen gelegen, hat der Kultdesigner seine Crew aus jungen Moskauern versammelt, die ihren bisher persönlichsten Auftritt hatten. „Wenn man an Russland denkt, denkt man an Politik. Ich finde es interessanter, euch hierher einzuladen und euch zu zeigen, was Russland ist, anstatt es in Paris zu zeigen", reflektiert der 32-Jährige bei einem Club Sandwich im Radisson Hotel, Stunden nach seiner Modenschau für Herbst/Winter 17. Weiter unten toasten sich die fünf jungen Russen, Goshas Crew, zu und feiern diesen Erfolg, an dem sie alle mitgearbeitet haben. Der bisherige Höhepunkt der kreativen Energie, die sich zwischen diesen jungen Männern in all den Jahren angesammelt hat. Gemeinsam haben sie eine Modebewegung gegründet, die ein nostalgisches Russlandbild ist, das sie lieben. Ein Russland, das in der Berichterstattung westlicher Medien über Russlands Politik oft übersehen wird.

Als wir auf Kaliningrads Retroflughafen ankommen, in dem einheimische Touristen Porträts von Präsident Putin als Mosaik kaufen können, wird gemeldet, dass die Nato Truppen nach Polen an die Grenze zur russischen Exklave verlegt wurden, nachdem Russland dort im November nukleare Trägerraketen stationiert hat. Die BBC-App meldet, dass Litauen ebenfalls einen Verteidigungswall an seiner Grenze zu Kaliningrad plant. „Gosha ist der einzige, der die positive Seite Russlands zeigt", sagt Valentin Fufaew, ein 17-jähriger Künstler aus Moskau mit Augen, in denen man sich verlieren kann. Er kennt den Designer seit zwei Jahren. Damals hat er ihn einfach auf Instagram angeschrieben und wurde eines seiner Models. Valentin selbst ist ein talentierter Maler, der letztes Jahr seine eigene Linie DOUBLECHEESEBURGERVF lanciert hat, erhältlich bei Dover Street Market. Der Mutterkonzern des Stores, Comme des Garçons, unterstützt Goshas Marke. „Es ist schon schmerzlich genug, Politik zu erwähnen, und wir sollten nicht darüber sprechen. Ich gucke kein CNN, BBC oder russische Nachrichten, weil Politik heutzutage die niedrigste Kunstform ist", sagt Valentin.

„Russische Teenager sind voller Energie. Sie wachsen mit Gosha auf, sie teilen die Stimmung und versuchen, davon Teil zu sein", fährt er fort. Valentin hat einen britischen Akzent, er hat die internationale Schule in Moskau besucht und macht diesen Sommer seinen Abschluss. Er freut sich darüber. Seine Mitschüler sind keine Gosha-Fans. „Sie denken, dass ich verrückt bin. Wir sind da unterschiedlicher Meinung. SIe interessieren sich für andere Sachen, die ich uncool finde", sagt er und möchte Kunst am Londoner Central Saint Martins studieren. Wie es scheint, steht Gosha nicht nur für ein romantisches Russland-Bild, sondern auch gleichzeitig für eine Flucht davon. Die jungen Männer an seiner Seite sind die wenigen Glücklichen, die er mit nach Kaliningrad gebracht hat, um dort seine vom Fußball inspirierte Fashionshow zu veranstalten, ein Vorgeschmack auf die nächste Fußball-WM, die 2018 in Russland stattfindet und die auch in Kaliningrad ausgetragen wird. „Ich mag Dinge, die Menschen zusammenbringen: Musik, Fußball und Mode", sagt Gosha. „Ich glaube, es ist gut, Orte mit seinem eigenen Auge zu sehen und nicht durch das Internet oder Zeitungen. Das ist mein Ziel. Ich bin russisch und ich habe eine Stimme. Ich kann über mein Land sprechen und meine Freunde der internationalen Presse hierher einladen."

Gosha wie Mütterchen Russland finden in den Jungs seiner Crew keine besseren Botschafter. Sie sprechen über ihn mit einer Hingabe, die für Jungs und junge Männer Anfang 20 ungewöhnlich ist. „Kein Mann oder keine Frau hat so einen Einfluss auf mich wie Gosha. Alles, was er mir sagt, verstehe ich so, wie er es auch meint", sagt Artem Nanuschian, ein Künstler und Musiker mit rasiertem Kopf und rehbraunen Augen, der die Show in Kaliningrad mitorganisiert hat. Sie haben sich 2015 auf einem Rave in Moskau kennengelernt. „Nach zehn Minuten hat er mich fotografiert. Wir haben zwei Stunden über Gott und die Welt gesprochen und uns übers Leben und die Kunst ausgetauscht. Das war sehr deep", erinnert sich Artem. „Er sagte zu mir: ‚Ich freue mich so, ich bin so glücklich! Das ist die Generation, auf die ich gewartet habe." Iwan Schemiakln, ein 23-jähriger Skateboarder, der gerade seinen Wehrdienst in Sibirien abgeleistet hat, sagt: „Gosha kann alles anpacken und es wird immer schön." Das ist nicht das, was man sonst von Skaterboys hört, aber wie Gosha in seinem typischen Pluralis Majestatis sagt „Das sind nicht irgendwelche Teenager. Das ist Goshas Team." Ihre nachdenkliche und poetische Natur führt er auf die slawische Tradition zurück. „Vielleicht hat es mehr mit dem Russischsein zu tun, als es um diese Kids geht. Wenn man Dostojewski oder Tolstoi liest, denkt man automatisch an die eigene Wahrnehmung und empfindet eine romantische Nostalgie; man denkt an Gefühle und betrachtet das Leben philosophischer."

Im Raucherbereich auf der offiziellen Party am Abend, in Kaliningrads Hotspot dem Restaurant Atlantika, drehen sich die Gespräche nicht um heiße Girls oder Boys, Dinge, von denen man annehmen würde, das betrunkene junge Männer darüber reden, sondern über das Leben, über Liebe und die russische Situation. Das ist kein Smalltalk, hier finden richtige Gespräche statt. „Ja, ich spreche über Sex", sagt Artem achselzuckend im Hotel. „Ich habe vor zwei Jahren angefangen, über Sex zu sprechen, weil ich begriffen habe, dass ich ein Mann bin und über diese Sache mit meinen Bros sprechen muss. Die anderen und ich reden am liebsten über Gefühle und Kunst. Das sind Dinge, die echt sind und über die diskutiert werden muss." Für die Modenschau von Gosha hat er einen Soundtrack mit ihren Stimmen erstellt, Aufnahmen von den Models, die auf dem Catwalk selbst gelaufen sind. Darin haben sie Fragen über ihre Realität und Träume auf Russisch beantwortet. „Mein Name ist Valentin Fufaew, ich bin 17 und lebe in Moskau, wo ich geboren wurde. Ich studiere, ich male und ich kreiere. Ich existiere nicht nur einfach, ich lebe", war ein Track. „Mein Name ist Rodion, ich bin 17 Jahre alt und in Krasnojarsk in Sibirien geboren und lebe da. Ich schreibe Poesie und hoffe, dass ich eines Tages die Sicht der Leute auf die Welt verändern kann", war ein weiterer daraus. Der 16-jährige Leon teilt die Sorgen, mit der sich viele Teenager identifizieren können: „Ich bin ein Nichts und weiß nicht, ob ich mal ein Jemand werde. Mein Traum ist, dass ich nicht mit 25 sterben werde."

Es dreht sich bei Goshas Bewegung auch viel um ein erwecktes russisches Bewusstsein. „Ich träume von einer Gesellschaft ohne Gewalt und Unterdrückung", sagt der 22-jährige Tioma aus Wologda. „Wenn ich mir die Leute auf den Fotos auf meinem Computer angucke", reflektiert der 19-jährige Fotografiestudent Iwan aus Moskau, „sehe ich meistens Menschen, die vom Leben müde sind. Ich möchte eines Tages Russen sehen, die glücklich und frei sind." Die Gosha-Fans, die meisten von ihnen sind in den 90ern geboren worden, kennen das schwierige Jahrzehnt nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 nur aus Erzählungen. „Ich erinnere mich nicht an die schlechten Dinge, weil ich noch ein Kind war, meine Mutter und meine Oma haben mir Geschichten erzählt; dass die Menschen immer hungrig waren; dass sie kein Geld hatten und dass die Lebensmittel rationiert wurden", sagt der Skateboarder Iwan Schemiakin, der Gosha vor drei Jahren kennengelernt hat und jetzt Teil der Crew PACCEBT ist — die Skateboardlinie von Rubchinskiy und dem Profiskateboarder Tolia Titaew. „Diese Generation — Goshas Crew — stammt aus den 90ern, das war eine schwierige Zeit für Russen", erklärt er. „Vielleicht hilft uns das gerade jetzt, die Welt zu verstehen. Wir haben einen anderen Blickwinkel. Gosha selbst ist 32 und älter als die meisten seiner Freunde. Er erinnert sich noch genau an die 90er, an seine Kindheit und Jugend. Die schwierige wirtschaftliche Situation in diesen Jahren wurde zu seiner größten Inspiration: eine Nostalgie für eine Zeit, in der man wenig hatte und damit etwas anfangen musste. Das hat zu dem sportiven Streetstyle geführt, der so prominent für die Jugend aus Moskau in den 90ern steht.

In seinen Kollektionen und Fotografien verwischt, verdreht und romantisiert er Erinnerungen an eine frühere Zeit. (Gosha bezeichnet sich selbst als „Image-Maker" und nicht als Designer.) „Ich möchte einfach meinen Standpunkt vermitteln und die Leute nicht belehren, sondern ihnen nur zeigen, was ich mag. Wenn andere das auch gut finden, dann können wir das teilen", sagt er und versucht damit die Fixierung auf Russland zu erklären. Er betont immer wieder, dass er keine politische Agenda verfolgt, sondern in seinen Arbeiten lediglich die Gegenwart reflektiert. Als er im Juni 2016 seine Fashionshow nach Florenz brachte, hat er eine verlassene Fabrikhalle gewählt, die zu Zeiten Mussolinis erbaut wurde. Der faschistische Monumentalismus habe ihn an die Architektur aus der gleichen Zeit in Russland und Deutschland erinnert. „Als ich da zum ersten Mal ankam, habe ich mich zu Hause gefühlt. Das war für meine Augen und meinen Geist eine Wohltat", sagte er damals. „Aber gleichzeitig ist es wichtig, dass man sich erinnert, wie es zu Zeiten des Faschismus war. Man muss sich an die Geschichte erinnern." Er vergleicht seine Motive mit denen des 1975 ermordeten italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini und dessen kontroversen Film Saló oder Die 120 Tage von Sodom. „Ich frage mich einfach: Was ist Europa heutzutage? Was ist Italien heute? Was ist Russland? Ich werde die Fragen nicht beantworten. Ich werfe nur die Fragen auf. Das sind lose Ideen und ich konzentriere mich nur auf das Jetzt. Darauf, was in der Luft liegt. Die Menschen sollen selbst entscheiden, was sie mögen und was nicht."

In Kaliningrad, einer Stadt, in der die Geschichte Europas immer noch greifbar ist, beantworten sich diese Fragen von selbst. Die ehemalige preußische Stadt Königsberg ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg russisch geworden, nachdem sie von Sowjets besetzt wurde. Gegründet wurde sie im 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden. Auch wenn sie im Zweiten Weltkrieg unter heftigen Beschuss stand, erkennt man die preußischen Ursprünge des heutigen Kaliningrad immer noch, auch wenn natürlich der sowjetische Einfluss mit seinen monumentalen Bauten eher einen 80er Vibe vermittelt. Die Modenschau findet in der 1875 eröffneten ehemaligen Königsberger Börse statt und durch die Fenster fällt die eisige Wintersonne, das Gebäude steht direkt am Ufer des Flusses Pregel. In der Luft hängt der jugendliche Geist, aus wenig etwas zu machen, eine Einstellung, die so typisch für Gosha Rubchinskiy ist: Granddad-Looks, die auch aus einem postsowjetischen Second-Hand-Laden stammen könnten, Fußballschals mit dem kyrillischen Гоша Рубчинский und die Adidas-Kollaboration zur Fußball-WM. „Ich wollte einen Mix aus englischen Fußballfans, deutscher Sportswear und russischen Skateboardern", erklärt er die Zusammenarbeit mit den Deutschen. „Das ist die perfekte Stadt, um eine Kollaboration zwischen einer deutschen und russischen Marke zu präsentieren." Diese crosskulturelle Mischung macht seine Arbeiten aus. Gosha ist im Moskau in den schwierigen 90ern aufgewachsen und war auf der Suche nach globalen Einflüssen und Zugang dazu. 1996 fiel dem damals 14-Jährigen ein russisches Magazin mit Modestrecken und Übersetzungen von Artikeln aus i-D und The Face in die Hände.

Das sollte seine Ästhetik und Karriere für immer beeinflussen: ein Russland mit einer jungen Skateboardszene zu zeigen, die für die westliche Modepresse mit ihren Hochglanzmagazinen unbekannt war. Das führte schließlich 2008 zur Gründung seines eigenen Labels. Adrian Joffe, Chef von Comme des Garçons und Dover Street Market, unterstützt die Marke Gosha Rubchinskiy genauso wie die Linien, die Goshas Crewmitglieder unter dem Schirm seiner Marke gegründet haben. Dazu gehört PACCBET von Tolia Titaew, ein 22-jähriger Profiskateboarder, den wir auch in Kaliningrad treffen. Er hat Gosha beim Casting für dessen Debütshow kennengelernt, als er 13 war. Seitdem ist er in fast allen Fashionsshows des Designers gelaufen. Er hat die Entwicklung der Marke und ihre steigende Beliebtheit der russischen Skateboardkultur, die sie inspiriert hat, hautnah miterlebt. „Davor sind nicht viele aus der Skateboardszene nach Russland gekommen. Jetzt will jeder hierher", sagt Tolia. „Jeder versucht, es zu kopieren, wie die Cutouts in den Jeans und die Schuhe zu bemalen, das war unser Ding." Kaliningrad ist entrückt und verfügt nicht über den gleichen Street Cred wie Moskau, auch wenn Gosha seinen typischen Touristenguide für seine Gäste mit den Sehenswürdigkeiten und der brutalistischen Fotografie erstellt hat.

„Die Architektur ist echt gut, aber die Stadt wurde nach dem Krieg komplett zerstört, es gibt kaum noch alte Gebäude. Die Russen machen hier keinen Urlaub", erklärt Pawel Miyakow, der für Gosha an Prints und Soundtracks arbeitet. Aufgewachsen ist er in Moskau, lebt aber mittlerweile in Berlin und Barcelona. „Viele meiner Freunde, die Designer oder Musiker sind, sind nach Berlin gezogen, weil das Leben da einfacher ist. Es gibt mehr Chancen, Geld zu verdienen und mehr Möglichkeiten. In Moskau ist das schwieriger. Aber ich kann nicht einfach woanders leben. Ich kann ohne dieses russische Gefühl nicht leben: den vielen Schnee und so. Dieses Gefühl macht mich stärker. Moskau hat das beschissenste Wetter und all diese grauen Plattenbauten. Die gibt es zwar auch in Berlin, aber in Moskau ist das Gefühl härter", sagt Pawel, pausiert und hält inne. „Vielleicht fühle ich einfach viel. Diese Ästhetik führt er wie alle von Goshas Freunden auf den Zeitgeist in den 90ern zurück. Pawel nennt es einen sowjetischen „Käfig aus Regeln" bis die Freiheit kam. Während Gosha das Thema mit politischer Ungenauigkeit angeht, ist der romantische Russlandblick der Gruppe nicht übersehbar. „Wir leben jetzt in einer Zeit, in der wir neu darüber nachdenken sollten, was die Sowjetunion war", sagt Iwan.

„Ende der 90er dachten wir, dass alles schlecht war: der Kommunismus, die Führer, die Ideologie. Aber wir vergessen, was gut daran war. Es gab eine wunderschöne Kultur, schöne Menschen, es war einfach ein schönes Gebilde. Wir sollten neu darüber nachdenken, sie aus einem neuen Blickwinkel wertschätzen." Das sind große Worte für einen 23-jährigen Skateboarder, aber genau das ist jene neue, junge Maskulinität, die Gosha mit seinem Lifestyle verkörpert. Wie es Artem zusammenfasst: „Es gibt viele alte und dumme Menschen auf dieser Welt. Und dann gibt es ein paar Leute, die so klug und interessant sind und die sind erst 15 Jahre alt." Im Backstagebereich von Goshas Fashionshow stehen diese jungen russischen Skateboarder, mit ihren großen Nasen, geraden Kinnlinien, rasierten Köpfen und Hundewelpenaugen — die modelhafte Schönheit der Bewegung ist nicht zu übersehen. Gefragt nach dem Auswahlprozess für die Boys, die auf dem Laufsteg zu sehen sind und oft zu Freunden wie Artem, Iwan, Tolia und Valentin werden, antwortet Gosha: „ Wenn ich etwas Besonderes an der Person entdecke, dann wähle ich sie aus. Es geht nicht um Schönheit. Man braucht etwas anderes, um Teil von Goshas Show zu werden."

Hier findest du alles aus unserer The Family Values Issue.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Gosha Rubchinsky