alexander fury über das genie hinter comme des garçons: rei kawakubo

Am Montag wurde Rei Kawakubo bei der alljährlichen Met Gala geehrt. Seit Yves Saint Laurent 1983 wurde kein lebender Designer mehr mit einer Retrospektive bedacht. Aus diesem Anlass zollt der Modekritiker Alexander Fury einer Frau Tribut, die...

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Mai 3 2017, 2:40pm

In den 80ern ist Rei Kawakubo mit Comme des Garçons ein interessantes, aber wenig erfolgreiches Wagnis eingegangen: In den Stores hat sie aus den Umkleiden alle Spiegel entfernen lassen. Die Absicht dahinter war es, die Aufmerksamkeit nicht aufs Aufsehen zu legen, sondern stattdessen darauf zu lenken, wie sich die Kleidung anfühlt. Ein radikaler Schritt.

Die Einstellung hinter dieser Entscheidung macht das Werk von Kawakubo, die mittlerweile 74 Jahre alt ist, aus. Rei ist die ultimative Nonkonformistin. Sie rebelliert immer noch und hat in über drei Jahrzehnten mit so ziemlich allem experimentiert: mit der Silhouette, mit der Passform, mit den Farben, mit der Wertigkeit und der Zurschaustellung von Reichtum. Heute ist das Label Comme des Garçons zum Synonym für die Kritik am Status quo geworden; mit Mode, die gegen Mode kämpft und ihrer standhaften Weigerung, irgendwelchen Regeln zu gehorchen. Ihr Ansatz hat Generationen von Designern inspiriert.

Wie revolutionär Reis Werk wirklich ist, zeigt die diesjährige Ausstellung im Metropolitan Museum of Art — die erste Ausstellung seit Yves Saint Laurent im Jahr 1983, die einem lebenden Designer gewidmet wurde. Die Retrospektive gibt ihrem Werk Kontext. Yves Saint Laurent hat den Style des späten 20. Jahrhunderts erfunden, Kawakubo hat ihn neu definiert. Ihre zweite Pariser Kollektion aus dem Jahr 1982 bestand aus mehreren Schichten gestricktem Stoff mit Löchern durchzogen. Die japanische Designerin hat diese Kollektion Lace genannt. Spitze war ein Stoff, der mehr wert war als Gold, es war ein wertvoller und mühevoller Stoff. Kawakubo hat den Begriff selbst verwendet, um ihre perforierten Kleidungsstücke zu beschreiben. Sie hat das Kaputte zur Kleidung erhoben. Die Kollektion war von vorne bis hinten durchdacht. Diese scheinbar so einfachen Pullover waren in Wahrheit ein komplexes System aus Widersprüchen und Herausforderungen.

Sie waren die Regel, nicht die Ausnahme. Die Pullover gab es anfangs nur in Schwarz und nur in einer Größe. Sie waren eine Sensation, wenn sie gezeigt wurden. Einige haben erklärt, dass sie so einflussreich werden würden wie Christian Diors New Look oder Cristobal Balenciagas Hemdkleider. Andere haben den Look kurzerhand „Bag Lady Chic" getauft. Es ging hier nicht nur um das Aussehen der Pullover. Diese Oberteile verkörperten Armut, ein Affront gegen die damals vorherrschenden Modekonventionen. Dass die Kleidungsstücke nicht gepasst haben, war revolutionär. Sie standen im Kontrast zu der komplexen und artikulierten Mode, die die Pariser Szene Anfang der 80er beherrscht hat. Tonangebend waren die körperbetonenden Pieces. Kawakubo hat mit ihren Schichten, die lose um den Körper drapiert wurden, an die fernöstliche Tradition angeknüpft. Die Ideologie dahinter war japanisch, nicht so sehr die Ästhetik an sich. Es ging ihr — wieder — nicht in erster Linie um den Look, sondern um das Gefühl beim Tragen der Kleidung.

Gegen was konnte sich Kawakubo sonst wenden? Die Bedeutung von Reichtum hat sich im Laufe der Jahre verändert: für einige haben diese zerrissenen Pullover Armut nachgeäfft, mit einem saftigen Preisschild versehen. Heute verwendet Kawakubo bewusst billige Stoffe für ihre Mode: Polyurethan statt Leder, Kunstpelz, Polyester und Nylon. Ihre Herbst-/Winterkollektion 2016 war durchsetzt mit Brokat, gemixt mit Vinyl. Es geht ihr dabei nicht um billige Imitate. Sie möchte die Qualität dieser synthetischen Stoffe zeigen und ihnen einen neuen Wert geben. Einen Wert, der viel mit dem überstrapazierten Wort „konzeptionell" zu tun hat. Und auch praktische Gründe spielen eine Rolle: diese Stoffe verhalten sich anders. Durch die Stoffauswahl seinen Reichtum zu zeigen, bedeutet letztlich gar nichts. Der Wert eines Kleidungsstücks liegt in der Idee, in dessen Design und eben nicht im verwendeten Stoff.

Was ist mit Farbe? Kawakubo ist ironischerweise für eines der bekanntesten modischen Bonmots der Modewelt verantwortlich. Sie erklärte verschiedene Farbtöne, von Braun bis Lemongrün, zum „neuen Schwarz". 1989 verwendete sie ihren Glaubenssatz in abgewandelter Form in Bezug auf Rot: „Rot ist Schwarz." Rei Kawakubo setzt die Sprache ganz gezielt als Mittel ein, um zu verwirren. Ihre Radikalität ist nicht laut. Damit ist nicht ihre Mode gemeint, die ist laut und schrill, sondern die Designerin selbst, die ihre Kollektionen meist nur mit einer Handvoll Worten beschreibt. Wenn man Glück hat, sagt sie einen Satz. „Unsichtbare Kleidung" war die große Idee für die Saison Frühjahr/Sommer 2017. Übersetzt hat sie das in laufende Wollwände, hinter denen die Körper verschwinden, und die nur wenig erkennbare Merkmale traditioneller Kleidung aufweisen. Für Herbst/Winter 2017 wurde sie „von der Zukunft der Silhouette" inspiriert. 

Im Laufe der letzten Jahre wurde Kawakubos Radikalismus immer intensiver. In der Vergangenheit hat sie sich durch ihre Kleidung ausgedrückt. Seit Frühjahr/Sommer 2014 hat sie auch diese Idee verworfen. Die Kollektion, die im September 2013 gezeigt wurde, trug den Titel „Objekte für den Körper". Die Kleidung bestand aus abstrakten Textilcollagen, die mehr mit den weichen Skulpturen von Claes Oldenburg zu tun hatten als Christian Dior. Nach Jahren der Ablehnung der Modekonventionen hat Kawakubo selbst Fashion abgelehnt. Das mag prätentiös klingen, aber es macht Sinn. Während der Rest der Modewelt im Massengedanken aufgeht, sich von kommerziellen Erwägungen übermannen lässt, lehnt Kawakubo die Zwänge von Bequemlichkeit, Praktikabilität und Produktion nicht nur ab, sondern auch gleich die Kleidung an sich. Die Entwürfe, die sie halbjährlich auf den Pariser Modenschauen präsentiert, sind unglaublich schwer zu tragen, ja, unglaublich schwer zu verstehen, wenn man sie anschaut. Das ist nicht nur Kleidung, das ist Mode. Die Entwürfe sind eine Aneinanderreihung von Ideen, von Konzepten, die in Stoffen verpackt werden. Ich habe sie schon früher als ortsgebundene Installation bezeichnet, der Ort ist eben zufällig der menschliche Körper. Das gilt nach wie vor.

Rei Kawakubos Kollektionen haben meistens einen Bezug untereinander, auch wenn sie, zumindest ästhetisch, wie eine radikale Abkehr voneinander aussehen. Die neueste Entwicklung der „Comme des Garçons"-Kollektion ist Mode, die mehr als Kleidung ist. Es gibt nur noch flache Entwürfe. „Die Zukunft liegt in zwei Dimensionen", war ihr Statement dazu. Die Kleidung war so zweidimensional wie es in drei Dimensionen eben geht, der Körper zwischen einfachen Lagen aus dickem Filz und Samt. Die Farbauswahl bestand aus kräftigen Farben: Gelb, Rot, Shocking Pink, International Klein Blue, das an Jean Baudrillards Le Systeme Des Objets erinnert: „Der Fakt, dass es die Kostüme für Frauen in kräftigen Farben gibt, spiegelt den sozialen Status dieser als Objekte wider." Kawakubo wollte Frauen natürlich nicht objektivieren. Ihr Fokus auf Schwarz am Anfang ihrer Karriere und ihre Ablehnung, den Körper einer Frau zu definieren, lassen vermuten, dass sie von dieser Objektivierung des weiblichen Körpers weg möchte. Das war ihr Kommentar, dass Fashion ständig Frauen objektiviert, als zweidimensionale, kopflosen Wesen. Die Zukunft ist zweidimensional, die Mode wird nur noch durch Bilder konsumiert, anstatt in der Realität. Außer bei Comme des Garçons.

Das bringt uns zurück zu den Spiegeln und dem experimentellen Element, das in der DNA von Comme des Garçons verankert ist. Rei Kawakubo spielt in ihren Arbeiten mit den Dimensionen und dem Ort. Von ihr stammen nicht nur die Kleidungsstücke in der Retrospektive im Metropolitan Museum of Art, sondern auch die Räume und Gegenstände, mit denen sie gezeigt werden. Das ist eine radikale Neuinterpretation eines traditionellen Ausstellungsraumes. Ihre Mode macht genau das Gleiche: Ich habe oft das Gefühl, dass Comme des Garçons im Modebereich wie eine vierte Dimension ist, die innere Dimension. Äußere Stoffhüllen, die nur begriffen werden können, wenn man hineinblickt. Worte können Kawakubos Entwürfe nur unzureichend beschreiben. Wie nennt man Kleidung, die keine Kleidung ist? Wie kann etwas passen, das kaum den Körper berührt und keine Größe hat?

Der Couturier Cristobal Balenciaga, ein weiterer, wichtiger Radikaler der Mode, hat sich für den Raum zwischen Körper und Kleidungsstück interessiert. Mode, die um den Körper fließt; Röcke, die im Gehen nach vorne drängen. Rei Kawakubos Designs sind ähnlich. Es geht um die Interaktion zwischen dem Kleidungsstück und dem Körper, dem Gefühl der Kleidung — sowohl körperlich als auch psychologisch. Ihre Frühjahr-/Sommerkollektion 1997 wurde als „Lumpen"-Kollektion verspottet, ihr eigener Titel lautete hingegen „Body Meets Dress, Dress meets Body". Das interessiert sie. Dieses Thema geht sie immer wieder wie eine Philosophin an: die scheinbar einfache Idee, einen Körper einzukleiden. Und sie tut das auf eine Art und Weise, durch die man etwas fühlt.

Hier findest du alles aus unserer The Creativity Issue.

Credits


Text: Alexander Fury
Foto: Tim Walker

Fashion Director: Alastair McKimm
Haar: Malcolm Edwards / Art Partner.
Make-up: Sam Bryant / Bryant Artists.
Fotoassistenz: Sarah Lloyd, Tony Ivanov und James Stopforth.
Stylingassistenz: Lauren Davis, Sydney Rose Thomas.
Haarassistenz: Sophie Anderson, Naomi Regan.
Make-up-Assistenz:  Claudia Savage.
Produktion: Jeffrey Delich.
Productionassistenz: Eddie Blagbrough, Keir Laird.
Models: Wilson Oreyma. Nyaueth Riam at Milk. Emmanuel at AMCK. King at Nii.

Kleidung: Comme des Garçons.