die fotografie-talente von morgen

Die diesjährigen Gewinner der Ausstellungsreihe Talents von C/O Berlin stehen fest. Wir wollten mehr über die Personen hinter der Linse wissen und haben den Fotografie-Newcomern deshalb ein paar Fragen gestellt.

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Juni 16 2015, 10:30am

Sasha Kurmaz, Porträt

Die Entdeckung und Förderung von außergewöhnlichem Talent gehört seit 35 Jahren zur festen Identität von i-D. Jungen Menschen die Chance zu geben, sich auszuprobieren und ihre Arbeiten einem großen Publikum zu präsentieren, gehört zur DNA von i-D. Deshalb ist es immer spannend zu sehen, wenn große Institutionen genau dasselbe tun - so wie C/O Berlin, die mit ihrer Ausstellungsreihe Talents junge und wegweisende Fotografen finden und fördern. Dieses Jahr haben sich Carolin Back, Sasha Kurmaz, Bianca Pedrina und Maja Wirkus gegen die zahlreichen Bewerber durchgesetzt und werden im Laufe des Jahres ihre Fotografien in Einzelausstellungen sowie einer Publikation präsentieren.

Das diesjährige Thema lautete Extended Photography. Wo steht die Fotografie heutzutage? Ist Fotografie nur ein reines Abbild der Realität oder wagt sie sich auf das Gebiet der Kunst vor? Immer mehr junge Fotografen setzten sich genau mit diesen Fragen auseinander, überschreiten Genregrenzen und formen so unser Verständnis von Fotografie. 

Wir haben den vier Gewinnern kurz nach der öffentlichen Bekanntgabe der Gewinner ein paar Fragen gestellt. Ihre Arbeiten sind im Laufe des kommenden Jahres bei C/O Berlin zu bestaunen. 

Sasha Kurmaz

Woher kommst du?
Ich lebe und arbeite in Kiew.

Was bedeutet der Sieg für dich?
Ich bin einfach froh, dass meine experimentelle Arbeit öffentliche Aufmerksamkeit bekommt.

Erzähle uns etwas über die Arbeit, die du eingereicht hast.
Ich werde eine Sammlung von verschiedenen Arbeiten präsentieren, die in ihrem Konzept und ihrer Umsetzung verschieden sind, aber genau eine Sache gemeinsam haben: Jede Arbeit zeigt eine spezielle Art, wie mit Fotografie im öffentlichen Raum gearbeitet wird. Es kann um die Entwicklung des öffentlichen Raums gehen, den öffentlichen Raum an sich oder um den entstehenden Dialog mit dem Publikum.

Worum geht es in deiner Fotografie?
Meine Arbeit besteht aus mehreren Teilen. Erstens eine Raumstudie in Bezug auf die Fotografie, Video und deren Interaktion, als auch eine Studie über den Einfluss des Kunstwerks auf einen größeren sozialen Kontext. Zusätzlich suche ich nach alternativen Möglichkeiten, Kunst außerhalb von künstlerischen Institutionen zu präsentieren.

Hast du Pläne für die Zukunft?
Der Plan ist es, mehr zu arbeiten und mich weiterzuentwickeln.

sashakurmaz.com

Karolin Back

Karoline Back, Matterhorn

Wer bist du und woher kommst du?
Wer ich bin, ist ein weites Feld. Geprägt bin ich von ganz unterschiedlichen Dingen und Stationen. Unter anderem von Auslandsaufenthalten, einer Schreinerlehre in Stuttgart und meinem Studium in Offenbach. Schwerpunkt des Studiums war Fotografie und der Versuch, die Reflexion der Alltagswelt zu professionalisieren. Aktuell lebe ich in Stuttgart und verfolge ein neues Projekt. Mein Atelier ist in Frankfurt.

Was bedeutet der Sieg für dich?
Sieg ist ein komisches Wort. Mein Herz hat ein wenig schneller geschlagen und ich hoffe, dass durch den Preis auch neue Inspirationen kommen.

Erzähle uns etwas über die Arbeit, die du eingereicht hast.
Ich habe mehrere Arbeiten eingereicht, die alle in Verbindung stehen. Der Favorit der Jury war „Was ist eine Sekunde, wenn neben ihr die Welt steht?". Das ist eine 3,4 Meter hohe Doppelprojektion des Matterhorns. Der Prototyp eines Berges sozusagen, oder auch ein gefährliches Kliff klischeebeladener Nichtfotog­rafierbarkeit. Der Berg wird in meiner Installation zur Projektionsfläche. Die beiden Beamer sind von oben an einer Traverse befestigt, die schwebend von der Decke hängt. Ähnlich einer Waage mit gleich schweren Gewichten auf beiden Seiten. 

Dazwischen steht in der Mitte hochkant die Leinwand. Von der einen Seite wird eine Fotografie auf die Leinwand geworfen - ein Standbild. Von der anderen Seite wird zeitgleich ein Video auf die Leinwand projiziert. Beide Projektionen zusammen ergeben ein neues Bild/Video. Teile heben sich gegenseitig auf, während andere sichtbar werden. In dem Moment, wenn jemand in den Projektionsstrahl tritt, löscht sich im Bereich des Schattens die jeweilige Seite aus und übrig bleibt das Gegenbild. Dazu gibt es vier am Rand verteilte Fotografien. Farbskalen, die sich wiederum auf die Projektion beziehen.

Worum geht es in deiner Fotografie?
Bei der Auswahl meiner Motive ist es mir wichtig, eine Sensationslust am Gezeigtem auszuschließen. Es geht mir nie um ein Es ist so gewesen - der dokumentarische Anteil in meinen fotografischen Arbeiten spielt eine untergeordnete Rolle und gehört nicht zu meinem Interesse. Im Vordergrund steht die Bildgestaltung. Ich verwende die Wirklichkeit als Ausgangsmaterial, um sie in andere Sinnzusammenhänge zu führen. Dazu arbeite ich oft in Serien, die über einen vorher bestimmten zeitlichen Abstand entstehen. Überhaupt spielt Zeit immer wieder eine wichtige Rolle. Die Fotografie ist dabei mein Werkzeug. 

In den letzten zwei Jahren habe ich mich vornehmlich mit Landschaftsdarstellungen auseinandergesetzt. Es geht mir um Motive, die immer wieder aufs Neue in der Fotografie oder Kunst aufgegriffen wurden. Jeder verbindet seine eigene, persönliche Geschichte mit diesen Motiven. Das Meer ist das Meer und dann eben doch nicht einfach nur das Meer. Es bietet eine Projektionsfläche. Man muss sich Zeit nehmen für die Betrachtung. Oder wie ein Bekannter neulich über meine Arbeit sagte: „Wahrscheinlich gibt es wohl kaum eine größere Antithese zum täglichen rat race als die Betrachtung von Wellen und Wolken". 

Wenn man davon ausgeht, dass die Fotografie der ständigen Bewegung und Veränderung um uns herum als statischer Moment quasi gegenüber gesetzt ist, ist also die Betrachtung eben solcher Bilder ein Gegenpol zum Tempo unserer Umgebung und Zeit. Das finde ich spannend. Was passiert aber nun, wenn man mit den Mitteln der Fotografie genau diese ständige Veränderung und Bewegung abbildet und dabei in ein Grenzgebiet gelangt? Eine andere Zeitlichkeit sucht? Gewohntes neu betrachten? Die Augen öffnet für das, was da ist, ohne dass es sofort ersichtlich wird. Bewegung und Veränderung interessieren mich. Mit Fotografie das zeigen, was normalerweise gerade durch sie verborgen bleibt. Zwischenräume und Grenzgebiete sind spannend. Meine Fotografien sollen demnach weniger Ereignisse dokumentieren, als vielmehr diese erzeugen und gestalten. Ich versuche, immer Information und Bildgestaltung miteinander zu verweben.

Hast du Pläne für die Zukunft?
Echter Erfolg liegt in Gelassenheit. Wer dem „Sieg" hinterherrennt, lebt in Gefahr. Mein Plan ist es, gelassen zu bleiben. Dann bin ich am besten und produktivsten.

karolinback.de

Bianca Pedrina

Bianca Pedrina

Wer bist du und woher kommst du?
Ich wohne in Wien und in Basel und war vor zehn Jahren für ein Praktikum in Berlin. Schön, wie sich der Kreis wieder schließt!

Was bedeutet der Sieg für dich?
Die Chance, meine Arbeit im Rahmen eines Ausstellungshauses für Fotografie zu zeigen, wirft eine neue und konzentrierte Sicht auf sie. Ich bin auf die Auseinandersetzungen in diesem Kontext gespannt und freue mich sehr über die Nomination! Der von C/O Berlin definierte Leitgedanke einer medienübergreifenden Interpretation von Fotografie trifft ins Zentrum meiner Interessen und ich freue mich schon auf interessante Auseinandersetzungen und auf neue Inputs.

Erzähle uns etwas über die Arbeit, die du eingereicht hast.
Mein Dossier beinhaltet gesammelte Arbeiten aus den letzten sechs Jahren. Darunter sind Fotografien, die als Bilder funktionieren, beispielsweise die Arbeit Intime Architekturfotografie, welche sich dem Genre der Architekturfotografie mit einem Augenzwinkern nähert. Aber auch Werke, die in ihrer Materialität eine Verlängerung der reinen Abbildung evozieren.

Worum geht es in deiner Fotografie?
Ich beschäftige mich mit den medienspezifischen Bedingungen von Fotografie und untersuche die urbanen Sphären, in denen ich mich bewege. Architektur ist dabei meist ein Ausgangspunkt für meine Recherchen und die Art und Weise, wie man etwas zeigen kann.
Wie sich die Abläufe der visuellen Wahrnehmung zusammen mit einer fotografischen Bildproduktion verhalten, ist ein zentraler Punkt meiner Arbeit.

Pläne für die Zukunft?
Groß und stark werden.

biancapedrina.com

Maja Wirkus

Maja Wirkus, Praesens

Wer bist du und woher kommst du?
Mein Name ist Maja Wirkus und ich bin Fotografin. Bisher bin ich alle 10 Jahre umgezogen. Im Moment lebe ich in Warschau.

Was bedeutet der Sieg für dich?
Das setzt immer einen Wettbewerb voraus, in dem die Leistungen vergleichbar sind und einen alleinigen Besten. Ich bin mir nicht sicher, ob man das aufgrund der heutigen Vielseitigkeit in der Fotografie sagen kann. Der ausgeschriebene Titel des Wettbewerbs Extended Photography trägt das programmatisch in sich. Meine fotografische Arbeit ist eine von vier Arbeiten, die für die Ausstellungsreihe Talents im C/O Berlin ausgewählt wurden.

Selbstverständlich ist das ein Erfolg der künstlerischen Idee, der man nachgeht und eine Anerkennung intensiver Arbeit. Ich bin gespannt auf die Auseinandersetzung mit dem mir heute noch unbekannten Partner/in aus der Kunstkritik, freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit dem Ausstellungshaus C/O Berlin und über die große Öffentlichkeit, die diese Plattform erreicht.

Erzähle uns etwas über die Arbeit, die du eingereicht hast. Worum geht es in deiner Fotografie?
Die eingereichten Arbeiten habe ich beinahe gleichzeitig realisiert. Sie bauen aufeinander auf und sind dennoch formal sehr unterschiedlich. Ausgangspunkt ist ein fotografisches Forschungsprojekt zum Warschauer Modernismus, welches ich in den letzten zwei Jahren intensiv verfolgt habe. Die eigene Fotografie ebenso wie die Arbeit in Archiven haben zu einer großen Sammlung von Bildmaterial geführt, die mich über typisch fotografische Fragen hat nachdenken lassen: Bild/Bildgedächtnis, Archiv/Utopie, Position/Standpunkt, Raum/Raumrepräsentation.

Als Reaktion darauf habe ich die Ausstellung gemacht, die keine Fotografien zeigte. Eine reine Installation aus fragmentarischen Architekturelementen, einem Messingobjekt und ein Mittel, das ich sehr gerne verwende, die Abscheinigkeit farbiger, verdeckter Flächen.

Für die zweite Arbeit habe ich aus meinem Archiv und den Fotografien dieser Ausstellung Bildfragmente herausgearbeitet und in einem mehrfachen Prozess der Collage und Decollage räumliche Installationen gebaut, deren Abfotografien die Grundlage der Arbeit Praesens || Präsens sind.

Hast du Pläne für die Zukunft?
Ich werde in diesem Jahr noch zwei Ausstellungen machen, 2016 soll eine Publikation folgen und die Talents-Ausstellung in Berlin. Und ich möchte meine Arbeit als Architekturfotografin voranbringen und meine künstlerischen Projekte entwickeln.

maja-wirkus.com

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Credits


Text und Interview: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos via C/O Berlin.