wenn armut zum modetrend gemacht wird

Wir schauen uns genauer an, was es mit der Obsession für Workwear auf sich hat und was die Mode zum Thema Klassengesellschaft zu sagen hat.

von Melisa Gray-Ward
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29 Juni 2017, 10:45am

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D AU/NZ.

Der amerikanische Macy's-Konkurrent Nordstrom hat die "Barracude Straight Leg" des Denim-Labels Prps auf seiner Website als "amerikanische Workwear, der man die harte Arbeit durch den eingetrockneten Schlamm ansieht" beworben. Die Hose zeige, dass man keine Angst davor habe, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Der Preis von stolzen 425 US-Dollar hat die Leute nicht abgeschreckt — die schmutzige Jeans war innerhalb kürzester Zeit online ausverkauft. Für alle, die es verpasst haben sollten: das New Yorker Luxuslabel hatte außerdem Jogginghosen mit Farbkleksen für schlappe 300 US-Dollar im Angebot. Um es mit den Worten von Prps zu sagen: "Wer diese Hose trägt, wird so wirken, als ob er direkt aus einem Atelier kommt."

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Natürlich ist bearbeiteter Denim nichts Neues, und trotzdem sind diese beiden Beispiele extrem. Der Gründer von Prps, Donwan Harrell, hat zugegeben, dass sich sein Herstellungsprozess an den Jeans von echten Arbeitern anlehnt. Das wirft die Frage auf: Warum wollen Kunden, die 400 Dollar für eine Jeans ausgeben können, wie Bauarbeiter aussehen? 

1967 hat Roland Barthes geschrieben, dass Kleidung eine Form von Sprache ist: ein Zeichensystem, zusammengestellt vom Tragenden, der dadurch sein Selbstbild kommuniziert. Was wir tragen verrät weniger darüber, wer wir sind, sondern vielmehr darüber, wie wir wollen, dass uns andere wahrnehmen. Die Kleidung ermöglicht es, uns zwischen den Klassen zu bewegen, oder wenigstens so zu tun als ob. Im England des 18. Jahrhunderts haben sich reiche junge Männer unter ihrem Stand angezogen, um gegen ein System zu rebellieren, das sie begünstigt hat. Ein ähnliches Bild ergibt sich auch ein paar Jahrzehnte später, Anfang der 2000er: Die junge aufstrebende Elite kombiniert Luxus-Labels mit Fast-Fashion-Kleidung. Wenn wir einen Blick in die Gegenwart werfen, dann ist das Verlangen der jungen Elite nach prahlerischer Mode abgeebbt, nicht zu einem geringen Teil ausgelöst durch die globale Finanzkrise.

AdWeek hat gezeigt, wie traditionelle Workwear-Marken wie Carhartt oder Dickies die Konsumenten mit ihrer Vorliebe für praktische Cuts und Styles bedienen. Doch diese Used-Looks sind weniger das Ergebnis von harter Arbeit durch den Träger als vielmehr das Ergebnis des unermüdlichen Schuftens der Textilarbeiter, die diese Produkte herstellen. Wie Al Jazeera 2015 berichtet hat, werden chinesische Fabrikmitarbeiter immer noch dazu gezwungen, Jeans mit der verbotenen Sandstrahltechnik zu behandeln — ein chemischer Prozess, der im Verdacht steht, Lungenkrebs auszulösen. Die wahren Kosten des Dress-Poor-Trends werden von den ausgebeuteten Fabrikmitarbeitern gezahlt, nicht von den Konsumenten.

The 874: an iconic workpant built for any worker. #DickiesWorkwear

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Natürlich hat die steigende Beliebtheit von Heritage- und Workwear-Brands auch etwas mit Funktionalität zu tun. Neben der Botschaft, die diese Kleidungsstücke aussenden können, existiert auch ein neuer, moderner Pragmatismus, was Overalls und den Stoff Kattun angeht. Die vielen Taschen, die einmal dafür entworfen wurden, die Werkzeuge von Arbeitern zu halten, werden heutzutage für Smartphones und Brieftaschen genutzt. Dass diese Kleidungsstücke auf den Laufstegen und auf den Straßen ihr Comeback feiern, spricht eher für ihre langlebige Funktionalität. Und wenn sie nicht als Teil einer konstruierten Arbeiter-Fantasie präsentiert werden (zum Beispiel mit getrocknetem Schlamm), dann ist der Subtext auch nicht so problematisch.

Modekritiker haben schon länger auf die Gefahren hingewiesen, die Arbeiterklasse zu einer Szene oder Subkultur zu verwässern, gerade wenn sich der Austausch durch den Tragenden nur auf eine finanzielle Geste beschränkt. Doch wann wird aus diesem Trend also ein Problem? Wann ist es nicht mehr Inspiration, sondern ein Fetisch, der den Kleidungsstil von Arbeitern nachäfft? Wenn die Mode eine stille Sprache ist, wie Barthes es sagt, dann sollten diejenigen, die es sich leisten können, sich ihre Kleidung auszuwählen, ehrlicher darüber sprechen, wer sie wirklich sind.

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Text: Melisa Gray-Ward
Foto: Jason Lloyd Evans über i-D UK

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