arab youth: das neue stilbewusstsein junger muslime

Dalia Ahmed

Dalia Ahmed

Die arabische Welt reicht von Afrika bis Asien und setzt sich aus einem Flickwerk aus Dialekten, Religionen und Kulturen zusammen. Es gibt nichts, das sich als monolithisch arabisch bezeichnen lässt. Viel mehr bilden unzählige Mosaikteile ein...

Mohammed Ali Jeetaria, 20

Wo liegen deine Wurzeln?
Ich bin im Irak geboren und in Syrien und dem Libanon aufgewachsen. Mein Vater ist aus dem Süden Iraks, aus einer sehr religiösen Gegend.

Wie war es, in einem stark konservativen und religiösen Umfeld aufzuwachsen?
Ich bin hauptsächlich in Bagdad groß geworden. Dort war es relativ entspannt und die Leute waren im Vergleich zum restlichen Irak sehr offen.

 Hast du in deiner Jugend einen der großen subkulturellen Trends mitgemacht, wie viele andere aus der Mittelschicht überall sonst auch?
Ich war Emo [Lacht]. Aber ich war ein eher zurückhaltender Jugendlicher. Ich habe Eindrücke gesammelt und die Zukunft abgewartet, weil ich mich noch nicht so ausleben konnte, wie ich wollte. So wie ich sein wollte, hat mit der Kultur nicht zusammengepasst. Viele Leute haben meine Outfits gesehen und gemeint: „Was zum Teufel machst du da und warum?". Und ich dachte mir, ich schaue halt einfach so aus. Hast du zu Hause drauf gewartet, endlich abhauen zu können?
Nein, es war eher graduell. Zuerst wollte ich mal nach Syrien, dann war ich dort und wollte in den noch aufgeschlosseneren Libanon und dann wollte ich hier her. Und jetzt bin ich hier. 

Wer oder was hat dich inspiriert, als du noch im arabischen Raum gelebt hast?
Vor allem Menschen um mich herum. Aber auch Lady Gaga und Christina [Aguilera]. Welche arabischen Elemente fließen in deinen alltäglichen Stil und dein Gefühl für Ästhetik mit ein?
Die Art, in der ich meine Augenbrauen style, ist sehr arabisch. Ich habe in meinem Kleiderschrank auch traditionelle Trachten. Große Roben und so, die ich auch mal beim Weggehen trage. 

Vor allem als rebellischer und queerer Teenager, der vom Großteil der konservativen Mehrheit nicht akzeptiert wird, kann es schwer sein, sich mit Elementen der Kultur, die einen ausschließt, zurechtzufinden.
Ich habe das nicht so eng gesehen. Als ich noch dort gelebt habe, hatten viele die arabischen Gewänder an, deswegen war es für mich nichts Besonderes, aber jetzt trägt so was niemand. Ich liebe es einfach, mich als meine Version eines arabischen Jungens auszudrücken. Das Arabische kam bei mir also erst, nachdem ich von dort weg war. Ich finde es auch schön, wenn Menschen einen schwulen Araber sehen und merken, dass es das auch gibt.

Wie ist es, schwul und arabisch zu sein?
Es ist schwer, weil es viel Verantwortung für mich heißt. Mir bleibt nichts anderes übrig. Aber ich mag es auch.

Du bist bildender Künstler. Wie spiegelt sich deine Geschichte in deiner Kunst wider?
Der Krieg ist der größte Einfluss, weil ich den Großteil meiner Kindheit und Jugend in und um Kriege herum verbracht habe. Ich war im Irak, als der Krieg dort ausbrach. Dann sind wir nach Syrien weitergezogen und dann in den Libanon. Deswegen habe ich so viele Erinnerungen, die sich nur um Krieg und Tod drehen. Aber es hat mich auch stärker gemacht und ich habe das Gefühl, dass ich bis zu einem gewissen Punkt auch vieles davon verarbeitet habe. Deswegen bin ich auch Künstler geworden. Für mich gab es zwei Optionen: Entweder ich gebe auf und bringe mich um oder ich drücke mich künstlerisch aus. Und da habe ich mir gedacht, wenn ich mich umbringe, ist es nach einem Jahr jedem egal, wenn ich produktiv bin, habe ich mehr Chancen, einen Eindruck zu hinterlassen und andere zu bereichern. Wie würdest du deinen Style allgemein beschreiben?
Der ändert sich ständig und ist von meiner Stimmung abhängig. Es kommt auch immer was Verrückteres dazu. Immer was Neues, das meinen Vater noch mehr in den Wahnsinn treibt. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, sagt er: „Oh mein Gott, Junge. Was ist los mit dir?" [Lacht].

@fatamorganaaaaa

Hibat-Ullah Khelifi, 18

Wo liegen deine Wurzeln?
Meine Eltern kommen aus Tunesien. Mein Vater eher aus der Provinz, also der Wüste und meine Mutter aus einer Stadt. Was hat dich beeinflusst, als du aufgewachsen bist?
Eindeutig die Sprache, die mich umgeben hat. Mit meinen Eltern und Geschwistern habe ich ein Mischmasch aus Deutsch, Englisch und Arabisch gesprochen. Von zu Hause habe ich auch unbewusst eine Art arabische Mentalität mitbekommen. Was bedeutet das?
Es fängt schon beim Essen an und reicht bis zu der Art, wie ich mich verhalte. In meiner Familie zeigen wir alle sehr viele Emotionen, auch bei den alltäglichsten Dingen. Aber eben auch die Kleidung. Schon als Kinder wurden meine Geschwister und ich bei Festen in tunesischen Trachten eingehüllt.

Wehrt man sich als Kind dagegen, eine Tracht anzuziehen?
Vor allem, wenn die anderen Kinder in der Schule nur Dirndl und Trachtenanzug als urtümliche Kleidung identifizieren.

Unsere Eltern haben es uns halt angezogen und ich hatte nicht wirklich eine Meinung dazu. Wir haben uns aber zum Beispiel von selbst Fez-Hüte aufgesetzt und hatten diese nordafrikanischen Spitzenschuhe, die mit tausenden Pailletten besetzt, extrem bunt und bemustert sind. Aber mit der Zeit überlassen einem Eltern dann doch, wie man sich anzieht. Weil ich Muslima bin, muss ich meine Outfits jetzt eben selbst anpassen. Wie ist es, sich als Muslima stylisch zu kleiden?
Schwierig. In den Geschäften hier findet man selten etwas, das gut aussieht, aber auch die richtigen Stellen bedeckt. Man versucht sein Bestes und schaut einfach immer wieder, ob es doch mal was Passendes gibt. In den Jahren als Teenager formiert sich bei den meisten der persönliche Stil und der Sinn für Ästhetik. Wie hast du dich in dem Alter gekleidet?
Es war furchtbar. In der Unterstufe war ich ein Girly-Girl. Alles war Pink und in Pastelltönen, dann kam ein Bruch und ich wollte nur mehr Schwarz tragen. Das hält sich im Grunde bis jetzt. Mittlerweile trage ich schlichte, dunkle Sachen und versuche, nur mit einzelnen Elementen ein kleines bisschen Farbe oder arabischen Flair in meine Outfits reinzubringen. Welchen Stellenwert haben Religion und Spiritualität bei dir und wie lebt man als Muslima in einer westlichen Gesellschaft?
Religion ist mir sehr wichtig. Sie beeinflusst nicht nur die Art, wie ich mich kleide, sondern bereichert mich in allen Bereichen meines Lebens. Der Islam ist für mich eine Stütze, die mir Halt in meinem Leben gibt. Für viele scheint es unvorstellbar, religiös und gleichzeitig ein aufgeschlossener, junger Mensch zu sein. Aber das gibt's! Ich habe auch das Gefühl, dass es doch immer mehr Menschen verstehen. Ist es ein Widerspruch, sich auffällig, chic oder cool anzuziehen und Muslima zu sein?
Für mich nicht. Ich kann beides unter einen Hut bringen. Ich kann Sachen finden, die zu mir und meiner Identität passen, aber auch nicht gegen meine religiösen Regeln verstoßen. Manchmal ist es schon schwierig, weil man tolle Sachen findet, die man gerne anziehen würde, aber die einfach zu knapp sind. Das ist halt schade, aber da kann man nichts machen. Was ist für dich arabisch?
Arabisch verbinde ich immer mit etwas Traditionellem. Außerdem auch orientalisch, im Sinne von überbordenden Farben und Mustern. Und arabisch ist für mich auch die Sprache und Religion. Aus irgendeinem Grund ist eine meiner ersten Assoziationen ganz klischeehaft eine Wüste. Als Araber, vor allem wenn man woanders aufwächst, ist man irgendwo auch immer etwas schizophren. Du—als Tunesierin—bist eben Araberin, aber auch Afrikanerin, Muslima, Frau, und wahrscheinlich noch viele Dinge mehr. 


Mit welchen Worten würdest du beschreiben, wer du bist? 
Ich finde es schwierig, da genaue Bezeichnungen zu finden. Meine Eltern sind Tunesier, ich bin aber hier aufgewachsen. Ich fühle mich weder hier noch dort zu hundert Prozent zugehörig. Man hängt da ein wenig zwischen den Kulturen. Ich würde mich am ehesten als Weltmenschen bezeichnen. Ich versuche, mir aus allen Kulturen etwas herauszunehmen, ohne mich aber auf eine bestimmte Klassifizierung einzulassen. Vielleicht kommt das ja noch mit den Jahren.

Zaid Salah Almukhtar, 25

Wo liegen deine Wurzeln?
Ich wurde in Tunesien geboren. Mein Vater war zu der Zeit als UNO-Botschafter dort stationiert. Später zogen wir in den Irak. 1999 wurde mein Vater zur irakischen Botschaft in Indien berufen, später Nepal und dann Vietnam. Nachdem der Krieg ausbrach, ging er in Pension und ich zog als Teenager mit meiner Familie in den Jemen, wo ich neun Jahre gelebt habe.

Wie war es, an so vielen unterschiedlichen Orten zu leben?
An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war zwar im Irak, als einer der Kriege ausbrach, aber als Kind dachte ich, dass das Feuerwerkskörper waren. Indien war eine schöne Erfahrung. Es gab extrem viel zu sehen und  zu erleben. Es war eine absolut andere Kultur, als ich es gewohnt war. Ich erinnere mich immer noch gerne an die Menschen, die mit ihren bunt bemalten Kühen auf den Straßen spaziert sind. 

Wann, wo und wie hast du deinen persönlichen Stil und Geschmack entwickelt? Ist das zwischen deinen unterschiedlichen Lebensstationen oder innerhalb einer Station passiert?
Jemen war die Station, an der ich am ehesten zu der Person geworden bin, die ich jetzt bin. Der Jemen ist ein sehr konservatives Land. Das erste westliche Restaurant gab es dort erst 2007. Deswegen musste ich eine eigene Welt für mich erschaffen. Nicht um mich von den Einheimischen zu distanzieren, aber um eine Situation zu erschaffen, in der ich mich wohlfühlen und ausdrücken konnte. Im Jemen ist das Rauschgift Khat sehr beliebt und gleichzeitig ein großes gesellschaftliches Problem, aber auch ein riesiger Wirtschaftsfaktor. Hat sich das auch auf die Jugendkultur ausgewirkt?
Ja, es unterdrückt jeden kreativen Funken. Es kommt nichts Gutes beim Konsum dieser Droge raus. Aber weil auch schon die Jugendlichen an den Blättern kauen und den ganzen Tag nichts tun, mussten meine Freunde und ich was Eigenes finden. Als dann ein Freund in den USA war und mit Skateboards zurückkam, fingen wir mit dem Skaten an.

Wie bist du im Jemen an die Skaterklamotten herangekommen?
Jedes Mal, wenn jemand in den USA oder Europa war, hat er einen Koffer voller Kleidung mitgebracht und die Sachen unter seinen Freunden verteilt. So wurden die, die viel gereist sind, ob sie es wollten oder nicht, zu den Tastemakern unserer Gruppe geworden. Du kleidest dich sehr schlicht und trägst viel Schwarz. Hast du dir das angewöhnt, um an jedem neuen Ort schnell reinpassen zu können?
Ich glaube nicht. So blöd es sich anhört, ich glaube meine Hauptinspiration war Neo aus den Matrixfilmen. Als ich die Filme zum ersten Mal gesehen habe, waren sie für mich das Coolste überhaupt. Hast du das Gefühl, dass du hier im Westen jetzt mehr darauf Wert legst, Arabisches zu tragen oder als Araber aufzutreten?
Ich bin hier sehr vorsichtig, weil ich die Leute nicht erschrecken will. Ich habe meinen Rucksack immer dabei und wenn ich in die U-Bahn einsteige und dann auch noch eine arabische Kopfbedeckung hätte, dann würde ich vielleicht auch irgendwo verstehen, dass jemand sich irrationalerweise unwohl fühlt. Ich würde gerne meinen arabischen Style mehr raushängen lassen, aber ich habe das Gefühl, das würde hier zu unnötigem Stress führen.

Shahad Kashef, 24 

Was sind deine Wurzeln?
Ich bin im Irak geboren. Ich würde sagen, dass meine Familie hauptsächlich persische Wurzeln hat, aber auch türkische und mongolische. Und wenn man den Stammbaum entlang noch weiter rauf schaut, kommt man bis in den Jemen und findet auch jüdische Vorfahren. Wie und wo bist du aufgewachsen?
Ich bin immer viel gereist. Ich wurde im Irak geboren, dann waren wir im Jemen, Syrien und Jordanien. Vor allem an den Jemen kann ich mich gut erinnern. Dort waren die Menschen sehr traditionell gekleidet. Die Männer haben fast alle Djellabia und dazu den Jambia-Dolch getragen. In den alten Märkten konnte man viele Silbergeschäfte finden, die voll mit Schmuck waren. Das ist eine meiner liebsten Erinnerungen: die großen Silberketten und Armreifen in den Auslagen. Meine Großmutter meinte dann immer, ich sollte lieber den teureren und schöneren Goldschmuck statt dem aus Silber tragen. Du hast den arabischen Raum also aus mehreren Perspektiven kennengelernt. Welche Erkenntnisse eröffnen sich einem, wenn man die arabische Halbinsel aus unterschiedlichen Perspektiven sehen kann? 
Es gibt große Unterschiede von Land zu Land. Ich habe dadurch, dass ich an unterschiedlichen Orten gelebt habe, gelernt, dass es viele unterschiedliche arabische Kulturen unter einem großen Dach gibt. Es war beispielsweise auch spannend zu sehen, wie im Jemen die Frauen auf der Straße verhüllt sind, aber dann—wenn sie im Salon, bei einer Shisha unter sich sind—die modischsten, teuersten Kleider zum Vorschein kommen. In Syrien ist es wiederum ganz anders. Da gab es zwar viele Frauen mit Kopftuch, aber auch genauso viele ohne. Die Frauen waren dort auch öfter stark geschminkt. Das Einzige, das mir als universell arabisch aufgefallen ist, ist, dass die Frauen viel Wert auf Weiblichkeit legen. Make-up, Haare—alles muss perfekt sitzen.

Gibt es etwas, das man in jedem arabischen Land findet?
Henna. Als Kind im Irak habe ich meine Haare immer damit eingefärbt. Da gibt es in jedem Land und in jeder Region auch unterschiedliche Rituale und Mischungen, die zur Verschönerung angewendet werden.

Nach all den Stationen und Einflüssen—als was siehst du dich jetzt? Zu was für einem Menschen bist du geworden?

Ich sehe mich als Global Citizen. Das ist ein großer Teil meines Lebens und meines Charakters, wobei das auch nicht alles ist. Aber ich glaube, das viele Reisen und Umziehen hat mich flexibler gemacht. Ich hatte zwar eine Zeit, in der es schwer war, Araberin zu sein, weil es für mich zu sehr mit Terror, Krieg und Tod behaftet war. Aber ich finde jetzt wieder den Weg zu meinen Wurzeln zurück und versuche, es in meinen Alltag einfließen zu lassen. Sei es meine Bekleidung, oder wenn ich mir etwas Arabisches koche, oder arabische Literatur lese. Welche arabischen Elemente fließen in deinen Kleidungsstil mit ein?
Ich trage gerne arabischen Schmuck. Obwohl ich nicht religiös bin, habe ich zum Beispiel auch vor, wieder öfter meine Allah-Kette zu tragen. Was heißt arabisch für dich?
Arabisch ist ein Teil von meinem Zuhause. Für mich ist das kein Ort, sondern ein Gefühl.

Credits


Text: Dalia Ahmed
Fotos: Eva Zar 
Die Fotos sind im Aux Gazelles entstanden.