„ich glaube, es ist schwierig, nach berlin noch mal in eine andere deutsche stadt zu gehen.“

Im Gespräch mit Fotograf und Filmemacher Lennart Brede.

von Jan Wehn
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25 März 2016, 7:50am

Wer in den späten 90er und frühen 2000er Jahren deutschen Rap verfolgt hat, dem dürfte Lenny aus Köln ein Begriff sein. Als Teil der Kölner HipHop-Szene veröffentlichte er bei dem legendären Label Put Da Needle To Da Records, und dann selbst seine Alben, ging mit Curse, DCS, Tefla & Jaleel und Pyranja als Swingerclub auf Tour durch ganz Deutschland uns steuerte später den Soundtrack zum Film Goldene Zeiten von Peter Thorwarth bei. Parallel dazu studierte Lennart Brede Kommunikationsdesign in Wuppertal und verfolgte dabei schon früh seine zweite Leidenschaft: das Fotografieren.

In den Jahren nach seiner Musikkarriere dreht er Videos für Gentleman und D-Flame, arbeitete für L'Oréal, Max Factor, Kaviar Gauche, OPM, Ünkut, Sony, Nike oder VW. Im letzten Monat hat sein neuer Kurzfilm Kokosnuss auf der Berlinale Premiere gefeiert. Außerdem arbeitet Brede zur Zeit an der Fertigstellung seiner Dokumentation Finding The Beauty, für die er in Gesprächen mit Walter Schreifels von Gorilla Biscuits, Augustin Teboul, Flake von Rammstein, Amir Kassaei, Jaybo Monk und weiteren den Wandel der Kreativszene von den 90er Jahren ins Jetzt ergründet. Und dann ist da noch das Projekt „15 YRS - A Love Affair", für das Lennart Brede sein analoges Fotoarchiv der späten Neunziger mit Aufnahmen von Ice-T oder einem jungen Kool Savas im Jahr 1998 sichtet und für eine Ausstellung aufbereitet. Zeit für ein Gespräch. 

Kool Savas 

Wie ging das bei dir mit der Fotografie eigentlich los?
Als ich 17 war, wollte mein Vater seine alte Spiegelreflexkamera, die nicht mehr richtig funktioniert hat, wegschmeißen. Ich habe mir die dann geschnappt und angefangen, Analogfotos zu machen. Zur gleichen Zeit ging es bei mir aber mit der Musik auch langsam etwas los und ich wollte daher unbedingt in Köln bleiben. Ich habe mich dann pro forma an der Uni eingeschrieben, damit ich versichert bin, habe im Skateshop gearbeitet, Fotos gemacht und gerappt. Und ich bin viel Snowboarden gegangen, das hat mich auch sehr geprägt. Grüße an Yama!

Was hast du denn am Anfang fotografiert?
Zu Beginn habe ich mich nicht getraut, Menschen zu fotografieren und erst mal nur Architektur abgelichtet. Ich bin im Ruhrgebiet durch die ganzen alten Fabriken von Krupp Stahl geschlendert und war froh, dass keine Menschen um mich rum waren. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht adäquat ist, Menschen zu fotografieren, weil ich ihnen mit meinen Porträts nicht gerecht werden könnte. Ich habe die Porträtfotografie echt nur mit Samthandschuhen angefasst. Nach gut einem Jahr hatte ich aber das Gefühl, dass die Zeit reif ist, habe mir meine ganzen Freunde geschnappt und sie nacheinander porträtiert. Ich habe dann auch sehr früh mit Nudes angefangen—die sind sehr gut angekommen und haben die Runde gemacht.

Gab es Vorbilder für dich? Neulich hast du auf deinem Instagram-Account für Peter Lindbergh geschwärmt.
Ja, Peter Lindbergh ist einer der Fotografen, mit denen ich aufgewachsen bin. Seine Bildsprache hat mich in meiner Jugend sehr geprägt und tut das auch weiterhin. Mir hat immer gut gefallen, wie er on location gearbeitet hat, wobei ich seine Studioarbeiten später auch immer sehr mochte. Ich habe ihn bei einer gemeinsamen Ausstellung im NRW-Forum in Düsseldorf kennenlernen dürfen. Er hatte dort eine riesen Retrospektive und eine Handvoll Fotostudenten war auserkoren im Keller vom Forum mit auszustellen. Und so kam es, dass er uns seine Ausstellung vor seiner Vernissage gezeigt hat und sich dann auch unsere Arbeiten angesehen hat. Und ich muss sagen, dass er wirklich ein herzensguter Ruhrpott-Mensch ist, den man einfach mögen muss. Die Kombination aus dieser sehr bodenständigen Art und High-Class-Fotografie mit Supermodels ist einfach sehr interessant. Schau dir seine Vogue-Cover an!

Wie ging es dann weiter?
Ich wollte unbedingt an der KHM studieren, aber wurde nicht genommen. So bin ich dann in Wuppertal gelandet, wo ich Design mit Schwerpunkt Fotografie studiert habe, später zu Film gewechselt bin und immer weiter Musik gemacht und auch meine eigenen Videos gedreht habe. Rap war zu der Zeit mein Leben, aber richtig Kohle, um sich etwas aufzubauen, kam damit auch nicht rein. Dann habe ich irgendwann nicht mehr nur meine eigenen Videos gedreht, sondern auch angefangen für andere Leute zu drehen. Ich habe mich da weiter reingekniet und dann auch im Spielfilm und in der Werbung viel am Set gearbeitet. Weil ich nicht von der Filmschule kam, musste ich mich dann richtig hocharbeiten. Ich war Fahrer und Runner, war Aufnahmeleitungsassistent, habe den Beleuchtern geholfen und bin in die Regie-Assistenz gegangen, habe nebenher aber immer noch gerappt. 2006 haben wir mit unserem Label Mutant Musik einen Soundtrack zum Peter-Torwarth-Film Goldene Zeiten gemacht und davon 30.000 Stück verkauft, was für damalige Verhältnisse richtig gut war. Aber Rap ging für mich trotzdem den Bach runter. Zu der Zeit habe ich als Regisseur selbst schon viele Musikvideos gedreht—für Gentleman eine Kollabo mit Constantin Film und solche Dinge. Auf einmal habe ich mit Filmproduzenten zusammengearbeitet, die ganz andere Budgets hatten als ich als Musikvideoregisseur. Plötzlich gab es Geld, Respekt und Anerkennung für das, was ich gemacht habe. In der Musik gab es währenddessen eigentlich nur Hate von 12-jährigen Jungs, die gern Ghetto wären. Da habe ich dann für mich selber gesagt: „Okay, let's go, ich ziehe weiter!" Direkt im Anschluss bin ich mit D-Flame nach Jamaica geflogen und wir haben dort zwischen Montego Bay und Kingston Town das Video zum Song „Burning Nonstop" mit Wayne Marshall gedreht. Das war sehr nice, gleichzeitig auch ein fließender Übergang ins Filmbusiness und überhaupt ein großer Schritt für mich, weil ich der Musik bis dahin so eine große Bedeutung beigemessen habe und immer dachte, ich würde eine Psychose bekommen, wenn ich nicht jeden Tag im Studio bin um Beats zu machen und Songs aufzunehmen.

Unkut

Aber wie bist du dann in Berlin gelandet?
2007 war ich dann in Berlin, um Akquise zu machen und habe mein neues Fotobuch und mein Showreel mit Filmen gezeigt. Der Regisseur Ralf Schmerberg hat mich dann hier festgehalten, weil er wollte, dass ich ihm für drei Wochen bei einem Projekt helfe. Daraus wurde dann ein gutes Jahr, in dem ich sein Personal Assistant war und er mein Mentor, irgendwie auch großer Bruder. In der Zeit haben wir sehr dicke Sachen gemacht und ich habe ihm zum Beispiel assistiert, als er für die Olympiade 2008 in Beijing und Shanghai die weltweite Kampagne für Nike gefilmt hat. Das war eine enorm krasse und lehrreiche Zeit, weil Ralf wirklich ein renommierter Werberegisseur ist, von dem ich viel gelernt habe. Zusammen mit der Agentur Wieden + Kennedy und Radical Media, die neben Commercials auch Dokumentationen über Metallica und Jay Z gemacht haben. Die Leute, mit denen ich da mitlaufen durfte, waren alle sehr gut und ich habe echt von der Pieke auf gelernt. Nach dieser Erfahrung ging es irgendwie nicht mehr zurück, weil ich mittlerweile so sehr in Berlin verankert war. Ich glaube, es ist schwierig, nach Berlin noch mal in eine andere deutsche Stadt zu gehen.

Was hast du dann als selbstständiger Fotograf und Filmemacher in den letzten Jahren für kommerzielle und auch nicht kommerzielle Projekte gemacht?
Kommerziell viel Beautysachen wie L'Oréal und Max Factor. Bis hin zu Fashion mit Kaviar Gauche, aber auch Street-lastigere Themen wie meine Homies von OPM. Viel mit Ünkut, dem Pariser Label von Booba. Mit ihm hab ich in Paris viel geschossen, dann in Miami und Thailand. Aber auch Sony, Nike und Autofilme für VW und so weiter. Mittlerweile mache ich gerne auch Arbeiten, die mehr auf der Inszenierung von Cast basieren. Und nebenher eben die eigenen, meist unkommerziellen Sachen, die alle Geld kosten—und das hole ich durch die kommerziellen Projekte wieder rein. Anders geht's nicht. Es sei denn, du hast reiche Eltern. [Lacht]

Was sind das denn für eigene Sachen?
Ich habe seit 2008 ein Langzeitprojekt verfolgt, dass sich jetzt gerade in der Endfertigung befindet. Der Arbeitstitel ist Finding The Beauty. Als ich aus der Assistenz für Ralf rausgegangen bin, habe ich das starke Gefühl gehabt, etwas ganz eigenes entwickeln zu wollen. Also habe ich mir Menschen gesucht, die im kreativ-künstlerischen Bereich arbeiten und habe angefangen sie zu porträtieren. Wenn das zeitlich hinhaut, wollen wir die Doku jetzt bald auf Festivals einreichen. Die Doku beginnt in den 90er Jahren, wo das kreative Geschäft und die Budgets noch ganz anders waren. Genau damit konfrontiere ich die Leute und lasse sie erzählen, wie sich diese Dinge auf ihre Kunst ausgewirkt haben. Sie sind zehn bis 30 Jahre älter als ich und dementsprechend länger dabei, was das ganze sehr spannend macht. Da sind Leute wie Walter Schreifels von Gorilla Biscuits, Augustin Teboul, Flake von Rammstein, Amir Kassaei, Jaybo Monk und einige mehr bei. Eine sehr spannende Mischung von sehr guten Leuten. Dann arbeite ich gerade noch an einer Fotoserie mit dem Namen 15 YRS - A Love Affair. Ich bin in Sachen Fotografie immer mehr in den Fashion-Bereich gegangen und mache das auch sehr gerne. Aber richtig angefangen habe ich mit analoger Porträtfotografie. Ich habe dann letztes Jahr damit angefangen, mein Archiv wieder aufzumachen, einen Scanner geschnappt und alte Analogarbeiten aus den letzten Jahren digitalisiert. Da sind Aufnahmen von Musikern wie Ice-T mit Body Count oder Kool Savas 1998 in Berlin-Kreuzberg dabei. Ich hätte große Lust, ein Buch und eine Ausstellung daraus zu machen. Mal sehen, was sich ergibt!

Mit Kokosnuss hast du gerade aber auch einen Kurzfilm gemacht, richtig?
Ja. Da sind wir gerade in der Auswertung. Der Film hatte seine Premiere beim Berlin Independent Film Festival am 16. Februar. Ich hatte nach Musikvideos und Werbung in den letzten Jahren wieder Lust auf einen Film, weil szenisch arbeiten und Menschen inszenieren noch mal etwas ganz anderes ist, als einfach nur schöne Bilder zu machen. Ich wollte aber nicht full-length gehen und da ich früher schon immer mal wieder Kurzfilme gedreht habe, habe ich mich für dieses Format entschieden.

Woher kommt denn das Faible für Kurzfilme? Ich habe gelesen, dass du vor ewigen Zeiten schon mal einen Kurzfilm über eine Katze gedreht hast, die ihren Besitzer umbringen wollte.
[Lacht] Ja, der basierte tatsächlich auf wahren Begebenheiten. Ein Freund von mir (Sebastian Schivv Möllmann, Anm. d. Red.) hatte damals eine fette schwarze Katze, die immer auf das Regal hinter seinem Bett geklettert ist und von dort aus eine Wasserflasche in Richtung seines Kopfes geschoben hat, wenn er schlafend darunter lag—und das tatsächlich ganz bewusst! Ich fand das ein spannendes Thema, hatte damals aber noch nicht die Möglichkeit mit der Kamera zu filmen und habe stattdessen meinen Fotoapparat genommen, viele Filme verschossen und einen Stop-Motion-Film daraus gemacht. Davor hatte ich schon einen anderen Film gemacht, der Juanita hieß, und von einer schizophrenen weißen Frau handelte, die denkt, sie sei schwarz.

Worum geht es in Kokosnuss?
Wenn ich in meinem Freundeskreis nach links und recht schaue, gibt es da vielleicht noch drei Paare, die zusammen sind, seit das Kind am Start ist—der Rest fuckt sich komplett ab und geht getrennte Wege. Das war für mich die Initialzündung einen Film darüber zu machen.

Gibt es in Sachen Film auch Menschen, die dich beeinflusst haben?
Wie beim Foto lande ich hier auch ganz schnell bei den Klassikern. Wir haben jetzt ja viel über Musikvideos geredet und da muss ich definitiv Mark Romanek nennen, der zum Beispiel „Hurt" von Johnny Cash oder „99 Problems" von Jay Z gedreht hat. Sein Perfektionismus ist wirklich beeindruckend. Jemand anderes, den ich sehr prägend fand, ist Spike Jonze. Seine Sachen mochte ich vermutlich wegen dem Skateboard-Background gerne. Im Spielfilm mag ich ganz unterschiedliche Ansätze: Sachen wie Wes Anderson, bin aber auch mit Quentin Tarantino aufgewachsen und mag David Fincher. In aller Munde ist jetzt auch natürlich Alejandro González Iñárritu. Durch die Uni habe ich aber natürlich auch noch mal andere Sachen mitbekommen, weil ich da morgens gezwungen wurde, drei Film-Noir-Dinger am Stück oder Panzerkreuzer Potemkin anzuschauen. Teilweise war das wirklich Folter, aber manchmal habe ich Jahre später erst gecheckt, wie gut die waren.

Was machst du lieber: Fotos oder Film?
Haha, ich hasse diese Frage. Nein, Spaß—ich mag beides sehr und auch wenn beides sehr nah beieinander liegt, ist es eine andere Herangehensweise. Beim Film musst du die Menschen anders öffnen und sie führen, mit ihnen in die Charaktere hereingehen. Mehr als bei Fotos. Auch ist das technische Set Up und die Vielzahl an Menschen in Crew, Cast und Client viel mehr. Aber ich mag beides gerne und möchte auch, dass beides als eigenständige Kunst angesehen wird. Für mich hatten Foto und Film schon immer den gleichen Stellenwert und ich habe nicht erst damit angefangen, weil es jetzt die Cams gibt, mit denen jeder Fotograf irgendwelche endlangweiligen Fashion-Filme dreht oder Fotos totretuschiert.

Wie beurteilst du denn billigeres Equipment und die damit einhergehende Flut an Werbe- und Musikvideos?
Segen und Fluch zugleich. Zum einen ist es gut, dass Leute, die sich das vorher nicht leisten konnten, jetzt geile Sachen machen können. Vor 15 Jahren hätte nicht der Junge aus dem Hood Musikvideos für irgendwelche Musiker drehen können. Dieses Elitäre wurde dadurch sicher aufgebrochen—einerseits. Andererseits kommen auf einen guten neuen eben auch 2000, die scheiße sind. Jeder kann heute mit seinem Handy Ärsche fotografieren und sie dann auf Instagram packen. Aber langfristig wird sich da auch wieder die Spreu vom Weizen trennen.

@lennartbrede

Credits


Text: Jan Wehn
Fotos: Lennart Brede

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