berlin, was machst du mit deiner kunstszene?

Nachdem viele Galerien ins Ausland abgewandert sind, fragen wir uns, wie es so weit kommen konnte.

von Stefanie Schneider
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07 Dezember 2016, 10:30am

Man kann sich David Bowie regelrecht vorstellen: Wie er durch die Straßen Berlins streift, in besetzten Häusern hockt und den Morgen im „Dschungel" begrüßt. Damals, als den kleinen, schmächtigen Mann Drogen und Trübsinn aus der Bahn warfen—und er in Berlin Ruhe im Chaos fand. „Berlin, die größte, kulturelle Extravaganz, die man sich vorstellen kann", schwärmte Bowie in den Siebzigern. Kann man das heute auch noch behaupten?

In den Achtzigern flüchtete West-Berlin nach vorn. Die Mauer, so absurd es klingt, generierte einen Kosmos grenzenloser Freiheit. Dort, so scheint es, tümmelten sie sich irgendwann alle: Künstler, Musiker, Punks und Freaks. Dann fiel die Mauer, das exzentrische Berlin wirkte wie ein Magnet. Die gehypten Galerien in Köln packten ihre Koffer und ließen sich in der Mitte der unfertigen Stadt, am richtigen Ort, nieder. Denn: Mitte der Neunziger gab es zwar keinen Markt, nur eine Handvoll Galerien mit internationalem Ansatz, aber—um zu verstehen, wer sie ist, brauchte die Stadt die Kunst. Genau so, wie die Kunst den Berliner Raum und seinen Rahmen brauchte.

Heute gilt Berlin (immer noch) als ein Zentrum für Gegenwartskunst. Die Frage ist jedoch, wie lang das noch so sein wird. Denn immer mehr Kunsträume verschwinden. Jüngste Beispiele: Die Galerie Croy Nielsen hat vor einigen Wochen die Bilder verstaut und ist nach Wien umgesiedelt. Dabei betont Kuratorin Henrikke Nielsen, die Entscheidung habe „mit den Perspektiven zu tun, die die Stadt Wien mit ihren Institutionen und Sammlern der Galerie bietet." Dass die Mehrwehrtsteuer bei Kunstverkäufen in der österreichischen Hauptstadt nur 10 Prozent—statt den 19 Prozent in Deutschland—beträgt, wird die Entscheidung ganz sicher mehr als beeinflusst haben. VeneKlasen Werner, die seit 2009 in der Hauptstadt war, will sich nun auf die Dependancen in New York und London konzentrieren und auch die Galerie Gebrüder Lehmann macht dicht. Neue Ausstellungen sind zukünftig in der Dresdner Hauptgalerie zu sehen. Damit verlassen drei bedeutende Galerien Berlin—das Galeriensterben, eine verhasste Krankheit, die der Berliner Szene seit einigen Jahren attestiert wird, ist eben verdammt hartnäckig.

„Der Kunst fehlt die Zugkraft", schrieb der New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz vor einiger Zeit, als er den Tod der Galerieausstellung beklagte. Er treibt sich gern in Galerien—überall auf der Welt herum—, bemerkte aber, dass er, egal in welcher Stadt, immer öfter allein vor den Werken steht. Der Gedankenaustausch nehme ab, so Saltz. Die Zeit fragte sich, als das Sterben in der deutschen Kulturstadt immer krasser wurde, ob es den Berlinern an Wertschätzung fehlt: Der gemeine Berliner freue sich über die täglichen Vernissagen, tatsächlich blicken lasse er sich aber nur, um Bier mit Freunden zu trinken—„eine inhaltliche Auseinandersetzung wäre zu viel verlangt". Und für den noch amtierenden Kulturstaatssekretär Tim Renner wird „Kultur überall an die Seiten gedrängt".

Man kann ignorant sein und die „Ignoranz des gemeinen Berliners" für den vermeintlichen Tod verantwortlich machen—oder aber einfach nachdenken. Klar ist: Berlin hat sich verändert—und die Anforderungen an einen Galeristen auch. Zwar war zeitgenössische Kunst niemals so gefragt wie heute, 860.000 Menschen wollten die letzte Documenta in Kassel sehen, das Gallery Weekend und der Kunstherbst in Berlin sind immer gut besucht, doch Galeristen stehen heute unter massiverem Druck: Die Mehrwertsteuer bei Kunstverkäufen wurde von 7 auf 19 Prozent erhöht, das Geschäft wird zudem zunehmend von Spekulationen bestimmt, gekauft wird immer häufiger über JPEG-Dateien und Sammler-Apps. Neben dem guten Riecher brauchen sie also einen funktionierenden Business-Plan. Sie müssen Unternehmer, Händler, Agenten und Berater sein—und dürfen sich nicht nur innerhalb ihrer weißen Wände bewegen. Messepräsenz, Marketing, Branding, die Globalisierung gibt den Ton an. Klar ist aber auch: Die Stadt ist arm. Es fehlt an Kaufkraft, irgendwann geht dann auch dem enthusiastischsten Galeristen die Luft aus. Übrig bleiben die großen Megagalerien und sonst nicht mehr viel.

Klar, es gibt gute Projekträume, wie das Gewächshaus für zeitgenössische Kunst in Mitte, das Art-Lab in Moabit, auch rund um die Potsdamer Straße ist ein ganz neues Kunstzentrum entstanden. Und mit der vom DIS Kollektiv kuratierten Biennale hatte man kurz den Eindruck, dass die kulturelle Extravaganz in Berlin wieder lebendig ist. Doch seitdem internationale Immobilienfonds den Marktwert der Stadt in die Höhe treiben, treibt es die Künstler, die, die Stadt zu dem gemacht haben, was sie ist, an die Peripherie von Berlin. Die Mieten für die Ateliers sind zu hoch, die Subkultur, die Berlin auszeichnete, scheint niedergewalzt. Die Illusion der Biennale löste sich schnell wieder in Luft auf. Was passiert mit Berlin, wenn ihre Künstler wegziehen?

Zeitgenössische Kunst passiert in Berlin, die Künstler der Stadt bestimmen die Diskurse mit, werden auf Biennalen gezeigt und stellen auf der Documenta aus—das sind jedoch oftmals nicht die Künstler, die von großen Megagalerien vertreten werden. Berlin muss Mut zum Risiko und Experiment haben und aus der Not, dem Mangel an Geld und dem Überangebot an Kreativität, endlich einen Vorteil schmieden. Schließlich sorgt die Kultur nicht nur für das Selbstverständnis der Stadt, sondern auch für Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Und man darf eines nicht vergessen: Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Neukölln—diese gehypten Flächen—verdanken ihr Wachstum gerade der Kultur, die sie zu verdrängen drohen.

„In dieser Stadt kann man sich leicht verlieren, aber sich auch selbst finden", hat der verliebte Bowie über Berlin einmal gesagt. Dass Kunst einer Stadt helfen kann, sich selbst zu finden, das hat die Kunst Berlin schon einmal bewiesen. 

Credits


Text: Stefanie Schneider
Foto: Alexandra Bondi de Antoni