sind subkulturen heutzutage noch relevant?

Was steckt hinter dem Phänomen des Neutribalismus? Wie funktioniert er und warum sollten wir uns über die Thematik überhaupt Gedanken machen? Heute Abend eröffnet die Ausstellung „How to Neo-tribe?" der Modedesignerin Anne Sofie Madsen und des...

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02 Juni 2016, 3:18pm

SOUVENIRby

Auf der ständigen Suche nach der ultimativen Einzigartigkeit und Differenz entsteht oft das Phänomen des Neutribalismus - der Ideologie, in einer Stammesgesellschaft zusammenzuleben. Anderssein, zusammen.

Aber welche Subkulturen sind bei der heutigen Jugend noch relevant? Wie sehen sie aus? Und was passiert, wenn man ihre Symbole und Synonyme kombiniert? Für die künstlerische Auseinandersetzung und Untersuchung der Thematik des Neutribalismus haben der Künstler und Musiker Esben Weile Kjaer und die Modedesignerin Anne Sofie Madsen (zum wiederholten Mal) zusammengearbeitet. Für die Darstellung ihrer Erkenntnisse, die sie innerhalb von Video-, Skulptur- und Installationskunst auslegen, haben die beiden Dänen außerdem mit SOUVENIRby kollaboriert. 


Wir haben die Gründer der Galerie und des Shops sowie das kreative Duo zum Interview getroffen.

Im Gespräch mit den Gründern von SOUVENIRby


Was erwartet den Besucher bei der How to Neo-Tribe?-
Ausstellung?
Der Besucher taucht durch Video, Skulpturen und Installationen ein in die Neo-Tribe-Symbolik. Kjær und Madsen gehen soziologisch und räumlich vor. Einmal angeeignet, wird aus einem Hoodie, einem Festivalgelände und einer Fahne ein mit Bedeutung aufgeladenes Symbol und dadurch zu einer potenziellen Ursache für Konflikte und Verhandlungen. Besonders da die Künstler provokativ die Fahnen und Symbole der Neotribes miteinander mixen und sich damit ihre eigenen Neotribes schaffen, die eine neue Bedeutung haben.

Was war das Grundkonzept des Shops und Eurer Galerie. Warum hat es Bedarf gegeben an so einem Ort und eurer Marke? 
SOUVENIRby ist ein unabhängiges Kreativ-Label. Die Idee dahinter ist, eine Plattform für Produkte mit einer Bedeutung und einem Wert jenseits von Geld zu schaffen—eben wie ein Souvenir. Wir hatten das Gefühl, dass das fehlt. Außerdem war es uns wichtig, ein Konzept mit drei verschiedenen Dimensionen zu entwickeln, sowohl online wie offline:

1. In unseren Ausstellungen gibt es kostenlose Erinnerungen
2. In unserem Onlineshop kannst du dir ein Produkt besorgen
3. In unserer Galerie kannst du dir ein Kunstwerk besorgen 

Nach welchen Kriterien sucht ihr die Künstler und Souvenirs aus, die ihr zeigt?
Bei jedem Souvenir-Projekt/Produkt sind wir kreativ involviert und übernehmen die Produktion von sowohl den Souvenir-Produkten als auch den Galerieprojekten. Wir laden Leute ein, exklusiv für uns ein Souvenir zu gestalten. Aber wir kreieren selbst auch Produkte.

Wir such die Künstler unter den Leuten, die uns inspirieren, aus. Das kann jede Form annehmen und ist sehr interdisziplinär. Das kann ein international bekannter Künstler sein oder ein junger Kreativer, der gerade im Kommen ist.


Im Gespräch mit Anne Sofie Madsen und Esben Weile Kjaer

Seit wann arbeitet ihr zusammen und wie habt ihr euch getroffen?
Wir haben uns kennengelernt, als Esben zusammen mit Karen Marie Ørsted (MØ) als DJ bei der Afterparty nach der AW-14-Show aufgelegt hat. Seitdem tauschen wir uns aus, sowohl visuell als auch theoretisch. Unsere Arbeiten entstehen oft durch Gespräche. Wir reden viel, wir lesen viel und sprechen danach darüber, was wir gelesen haben. Wir arbeiten mit Performances, Installationen, Videokunst und Textilien. Für uns sind unsere Installationen szenografisch für performative Situationen. Wir verarbeiten unsere Gespräche zu etwas Materiellem und Konkretem, wenn wir mit dieser Art von Ausstellungen und Performances arbeiten.

Wie passen eure Interessen und künstlerische Ansätze zusammen?
Unsere  Arbeiten basieren auf unserem gemeinsamen Interesse an verwunschenen Guerilla-Waffen, Ritualen okkulter Revolutionen und dem Verhältnis von Popkultur und Subkulturen. Wir denken nicht in Mode/Kunst/Event-Schubladen. Die Sachen, die wir machen, werden am Ende immer Kunst. Das sagt vielleicht mehr über die Modeindustrie aus als über die Kunstwelt.

Gab es einen bestimmten Moment/Begebenheit, warum ihr mit dem Thema Neutribalismus angefangen habt oder hat sich das so entwickelt?
Unsere erste Kollaboration hieß Consume Me, bei der es um Kapitalismus und dessen Verhältnis zu Jugendkulturen ging, die Verkörperung von Konsumismus. In The Meaning of Style geht es darum, wie die Mainstream-Kultur die Subkulturen aufsaugt, in seine Hegemonie einbaut und sie letztendlich auflöst.

Ist Einzigartigkeit und Tribalismus nicht ein Widerspruch?
Das Konzept, was wir in dem Kontext meinen, beruht auf der Theorie, dass wir in kleineren Stämmen zusammenleben—physisch und digital. Innerhalb dieser kleineren Stämme positionieren wir uns gemäß der in diesem Stamm geltenden, übergeordneten Codes, und zusätzlich interpretieren wir diese Codes. So schaffen wir eine individuelle Ausdrucksform. Akzeptanz beruht in diesen Konstellationen auf der Fähigkeit, die Codes des Stammes lesen und interpretieren zu können sowie sie sich zu eigen zu machen. Diese Denkschule unterscheidet sich von früheren Subkultur-Theorien, bei denen der Solidaritätsaspekt und der Zusammenschluss in kleinen Gruppen im Vordergrund stand—und nicht das individuelle Ergebnis. In der Ausstellung geht es um dieses Konzept von neo tribes und wie es unsere Meinung über das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum formt.

How to Neo-Tribe? eröffnet heute um 20 Uhr bei SOUVENIRby und läuft bis Sonntag. Mehr Informationen gibt es auf Facebook.  

souvenirby.com
annesofiemadsen.com
esbenweile.com

Neo-tribe, Hoodie: Esben Weile Kjær und Anne Sofie Madsen

Credits


Interview: Zsuzsanna Toth
Fotos via SOUVENIRby