„zu jahresbeginn hatten wir nichts, jetzt hängen hier 80 teile.“

„Star-Wars"-Ketten, Alvar Aalto und zeitlose Mode, die sich nicht nach Trends richtet - Malaika Raiss hat sich in den letzten Jahren immer mehr zu einer festen Größe in der Berliner Modeszene entwickelt. Wir haben sie in ihrem Atelier zum Gespräch...

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03 Februar 2016, 12:05pm

In Zeiten von mobilem Internet und digitalen Ordnungsdiensten ist die Wahrscheinlichkeit, sich zu verlaufen, zugegeben sehr gering. Wie oft wir das an diesem Mittwochmorgen trotzdem gedacht haben, ist an dieser Stelle irrelevant. Relevant zu wissen aber ist die eher ungewöhnliche Adresse für das Atelier der Designerin Malaika Raiss. Inmitten von Berlin-Friedrichshain, zwischen besetzten Häusern und Krimskrams-Läden, hat sich Malaika Raiss einen Raum geschaffen, der kontrastreicher zur Umgebung nicht hätte sein können: weiße Wände, weiße Möbel, weiße Schreibtisch-Accessoires. Alles, was nicht weiß ist, passt sich farblich an. Zartes Rosa, hier ein bisschen Gold und Kupfer, dort ein dezentes Blau. In der einen Ecke des Raumes stehen einige Stoffrollen, in der anderen ein hübsches Blumenarrangement. 

Es herrscht eine faszinierende Stille, die Angestellten tippen unbeirrt auf ihrer Tastatur, oder verpacken Schmuckstücke in kleine weiße Kartons. Auch diese gehören mittlerweile zum festen Bestandteil des Labels, vor allem die aktuellen Star-Wars-Ketten verschicken sie bis ans andere Ende der Welt. Nur im Nebenzimmer wird gezeichnet und genäht, zwischendurch hört man jemanden Ösen in Leder einhämmern. Das Oberteil ist Teil der aktuellen Kollektion Second Nature, die Malaika vor einigen Tagen im Rahmen der Berliner Fashion Week gezeigt hat. Neben ihrem Schreibtisch hängt eine große weiße Pinnwand, auf der sich Zeitungsartikel, Fotos, Postkarten und kleine Aufmerksamkeiten in Form von Post-its und Zetteln finden. Hinter ihrem Schreibtisch hängen Fotos der aktuellen Kollektion. Weil sie während der Fashion Week wahrscheinlich viel zu viele Fragen geduldig beantwortet hat, sehen wir über ihre teilweise knappen Antworten hinweg, und kommen gleich zur ihren Kreationen. Und plötzlich sprudelt es nur so aus der Designerin heraus.

Während Malaika redet, streicht sie zwischendurch immer wieder gedankenverloren über das schwere Alvar-Aalto-Buch, das fast wie ein Manifest auf dem Regal vor ihr liegt. Sie reise jedes Jahr im Sommer mit ihrer Familie nach Finnland, sei schon immer fasziniert von Aaltos architektonischen Werken gewesen, und für die neue Kollektion habe sie sich an seinem Umgang mit organischen Formen und deren Transformation in pure Schlichtheit orientiert. Und sich von Kontrasten inspirieren lassen, hier das Weiß, dort das Schwarz, hier das Ledertop, dort der rosafarbene Fake-Fur-Kragen, hier das Regenmantel-Material, dort die feine Seide. Wie sie sich die typische Malaika-Raiss-Kundin vorstelle? „Eine starke Frau, die Spaß an Mode hat, die das trägt, was sie gerne möchte." Humor werde hier sowieso ganz groß geschrieben, alles bloß nicht so ernst nehmen. Den Überschuss an diesem Vorhaben spiegelt sich vor allem in ihrer Schmuckkollektion wider. Dinos, Eistütchen, jetzt also Star Wars.

Malaika zieht einen Bügel mit einer Art Bomberjacke von der Kleiderstange. „Dieser Blumenprint, der taucht immer wieder auf. Mal geprintet, mal gestickt auf der Jacke, mal etwas grafischer als Lenktikularprint. „Wie bei diesen 3D-Karten, die man so hin- und herbewegt", erklärt sie schmunzelt. Die Farben der Kollektion sind dezent, wie man es von Malaika kennt. Nur als kleiner Tupfer oder Accessoire tauchen kräftige Farben wie das Cyan-Blau auf. „Und rosé, immer rosé, auch in dieser Kollektion wieder, das passt sich einfach in jede Kollektion ein", erklärt sie. Sie halte sich nicht an Trends, noch nie. Ihre Kollektionen sollen zeitlos sein. Und nach anderen Designern schaue sie nur aus privatem Interesse. Denn an ihrem Grundgedanke, die Techniken von Kollektion zu Kollektion weiter zu entwickeln, halte sie weiterhin fest. Materialien, Prints, Einflüsse, Schnitte. Alles ist Teil der DNA des Labels, das sie aufgebaut hat. 

Während andere junge Designer in der Hauptstadt noch von Saison zu Saison zitternd Richtung Zukunft blicken, ist Malaika Raiss längst angekommen. Was denn ihre Pläne seien für dieses Jahr, oder noch weiter gedacht, für die nächsten Jahre? Noch weiter wachsen, internationlisieren, das betont sie immer wieder, die Shops, in denen es ihre Sachen zu kaufen gibt, weiter aufstocken. Hinter ihrem Schreibtisch, im linken Blickwinkel hängt ein weißes DIN A4-Blatt, auf dem mit schwarzem Fineliner „GOALS 2016" geschrieben steht. Punkt für Punkt will sie Schritt für Schritt ihre Pläne umsetzen. Malaika ist längst mehr als eine Designerin. Sie ist Arbeitgeberin und Unternehmerin. „Ich nähe nicht mehr selbst", sagt sie, und lässt sich in ihren großen schwarzen Ledersessel fallen, der dank seiner Größe auch als vorübergehender Schlafplatz genutzt werden kann. „Decke drüber und Augen zu, ist alles schon vorgekommen", gibt sie zu. „Zu Jahresbeginn hatten wir nichts, jetzt hängen hier 80 Teile." Da muss man kein Designer sein, um sich vorzustellen, wie anstrengend die letzten Wochen gewesen sein müssen. Und jetzt? Erst mal durchatmen? „Nach der Fashionweek ist vor der Fashionweek", sagt Malaika Raiss und lächelt erschöpft, aber zuversichtlich.

malaikaraiss.com

Credits


Text: Lisa Leine
Fotos: Moritz Freudenberg