„ich war nie ein nostalgischer typ“: ein gespräch mit modedesigner pablo lópez torres

​Das junge spanische Label SISYPHE gehört zu einer neuen Generation des Modedesigns. Der Designer Pablo López Torres kreiert Ready-to-wear wie sie sein sollte – ohne Trenddiktat, unabhängig von strikten saisonalen Konventionen und sofort verfügbar...

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Jan. 14 2016, 3:00pm

Die Grundidee des eigenen Labels als Manifest zu betiteln, ist nicht unbedingt sehr bescheiden, und auch nicht üblich, aber in diesem Fall durchaus passend: Neue Regeln, Jugend, Rebellion, Zukunft - die Vorstellungen einer neuen Perspektive von Mode, eines Widerstands gegen bestehende Konventionen. Rebellion bedeutet dabei nicht, sämtliche Vorstellungen von gutem Geschmack oder Stil ad absurdum zu führen, sondern eine eigene Vorstellung von Kleidung zu entwickeln - ohne die Vorgaben, die Industrie, Modediktat oder Gesellschaft einem ständig aufzwingen wollen. Der junge spanische Designer Pablo Sánchez Torres besinnt sich auf leise Art und Weise auf die Wurzeln von Modedesign: perfektionistisches Handwerk, beste Qualität, mehr Kleidung als Mode, die den Kern der Zeit und der Menschen, die in ihr leben, trifft.

SISYPHE, das Ende 2014 als Foto- und Stylingprojekt gestartet ist, hat vor kurzem seine vierte Kollektion mit dem Titel „An Infernal Affair" auf den Markt gebracht. Diese besteht aus Ready-to-wear-Basics wie Sweatshirts, Tracksuits, T-Shirts und Hosen und einigen Keypieces wie bestickte Caps, Hoodies und Uniform-Logo-Socken. Alle Teile sind mit kleinen, unverkennbaren Details versehen. Die handwerklichen Raffinessen wird vor allem im Schnitt und der Passform sichtbar. Die Farbpalette bewegt sich dabei von schwarz, über warme Bordeaux- und Erdtöne zu weiß, rosa und hellblau.

Was genau Rebellion, Jugend und Widerstand für Pablo López Torres bedeuten, erzählt er uns im Interview.

SISYPHE startete mit eher simplen, aber qualitativ hochwertig verarbeiteten Tops und Accessoires, betitelt mit „This is not a Fashion Project". Was war der Ursprungsgedanke zu SISYPHE?
Als Modestudent war ich ziemlich frustriert darüber, dass es im Modedesign immer nur darum ging, möglichst Avantgarde zu sein oder so viele Auszeichnungen und Preise wie möglich zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt sprachen alle meine Freunde über McQueen, Galliano und all diesen großen Designer, ich selbst war allerdings nie wirklich an Couture oder an der Theatralik dieser Mode interessiert. Ich liebe Ready-to-wear und ich war sehr interessiert daran, meine eigene Vorstellung von Männermode umzusetzen. So wie ich das sehe, besteht die Garderobe von Mann und Frau aus einer begrenzten Anzahl an Kleidungsstücken oder Silhouetten und es macht mir unheimlichen Spaß genau mit diesen vorhandenen Proportionen, Passformen und Materialien zu spielen.

Darüber hinaus möchte ich mit den Kleidungsstücken auch eine Geschichte erzählen und in meiner Arbeit den Fokus auf das Konzept von SISYPHE legen, den Bezug zu Einzelgängern und Underdogs, die gegen den Strom schwimmen.

Deine Drucke und Stickereien erinnern an einige Arbeiten von Raf Simons, Schriftarten und Accessoires wie beispielsweise weiße Tennissocken und Caps erinnern an Merchandising von Fußball-Clubs, die Idee von Jugendkultur, wie sie Gosha Rubchinskiy oder Vetements in ihren Kollektionen ausdrücken. Was inspiriert dich?
Ich finde es großartig, was Gosha und die Vetements-Crew derzeit machen, weil sie Kulturen aufrütteln und eine neue Vorstellung von Streetwear erzeugen, die sonst mittlerweile eher banal geworden ist. Mich inspirieren Albert Camus, DMX, Filme von Dario Argento, die südspanische Kultur, die die älteste Verbindung des alten Europas mit Afrika ist, die Hymnen von Tego Calderon. Das ist, was ich bin. Lokale Strömungen global zu machen, das ist der Schlüssel.

Was bedeutet Jugendkultur für dich?
Jeder spricht von Jugendkultur als ein aktuelles Thema, dabei gab es sie immer, ohne dass immer Bezug darauf genommen wurde. Als ich festgestellt habe, dass meine Modeschule mir nicht beibringen oder zeigen konnte, wie ich meine Geschichte in meiner Mode ausdrücken soll, bin ich zu Nähkursen von älteren Damen gegangen, um zu lernen, wie ich meine eigenen Stoffe mache. Ich habe sicherlich viele kulturelle Referenzen und schaue mir gerne alte Punk-Bücher und Margiela-Kataloge an. Da sieht man, dass alles scheinbar schon hundert Mal gemacht wurde. Aber wenn ich dann etwas neu kreiere will, kann ich Teile meines Lebens hinzufügen, eigene Referenzen und Bezüge, eigene Dämonen, die dem Ganzen etwas Neues verleihen.

Wenn du an deine eigene Jugend denkst und an die Trends, die während der 90er Jahre existiert haben, wie wichtig sind diese für deine Arbeit?
Ich erinnere mich an viele verrückte Dinge aus der Zeit: Baggy-Hosen, OG Bape, die glorreichen Tage von Nike SB, Nike Tracksuits, Goldketten, dann silberne, dann wieder golden... das ist alles Teil meiner DNA, aber ich war noch nie ein nostalgischer Typ. Aber diese Zeit ist vorbei, deshalb lebe ich im Jetzt und wache morgen wieder auf, wenn möglich - das ist mein Motto. Wenn ich etwas in einem Film sehe, das mich an etwas erinnert oder einfach cool aussieht, mache ich mir eine Sprachnotiz auf meinem iPhone wie: „Eddie Murphys Outfit in Berverly Hills Cop, die Silhouette der Jeans zusammen mit den weißen Adidas ist es. Später checken". Am Ende geht es aber doch immer irgendwie um den persönlichen Geschmack.

Deine Kleidung ist unisex. Welche Rolle spielt Gender, wenn du entwirfst?
Ich glaube, dass es ein Lernprozess ist. Die neue Generation ist viel offener, wenn es darum geht, dass Mode mehr kann, als dich nach bestimmten Mustern zu definieren. Es geht um Spaß, um die Entdeckung neuer Proportionen, neuer Schichte, neuer Stoffe. Ich selbst lerne immer weiter, wie ich solche neuen Ideen und Vorstellungen entdecken und weiterentwickeln kann. Ich unterscheide selbst nicht, während ich entwerfe. Es ist letztendlich die Entscheidung des Konsumenten, es zu mögen oder nicht. Egal ob Mann oder Frau. 

Was hältst du von der Schnelligkeit unsere Zeit und dem Trendgedanken? 
Ich möchte auf keinen Fall immer dieselbe Silhouette oder dasselbe Design wiederholen. Ich sehe SISYPHE als eine Leinwand, auf die ich nach und nach all die Dinge packe, die mich begeistern oder die mich interessieren, als ein kontinuierlich wachsendes Bild. Letztendlich ist SISYPHE ein großes Bild von mir, nicht als Selbstverherrlichung, aber es representiert meinen Geschmack in Bezug auf unterschiedliche Dinge.

Welcher Gedanke wird auf deine nächsten Arbeiten den meisten Einfluss haben? Jugend, Rebellion oder die Zukunft?
Das kann ich nicht vorhersagen. SISYPHE hält sich nicht an einen Kalender oder an Regeln. Ich höre viel, nahezu täglich, Diego el Cigala und Romeo Santos, vielleicht sind sie sogar der größte Einfluss.

@SISYPHE

iamsisyphe.com

Credits


Text: Sebastian Schwarz 
Fotos: Adriana Roslin für SISYPHE