Intime Einblicke in die immer größer werdende HipHop-Szene Russlands

Die russische Fotografin Sony Kydeeva zeigt in ihren Aufnahmen junge Russen, die ihre Identität in einer pulsierenden Szene suchen. Zu sehen sind Freunde, aber auch völlig Fremde.

von J.L. Sirisuk; Fotos von Sonya Kydeeva
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23 November 2016, 10:10am

Von Moskau bis zu kleinen russischen Städten und Dörfern: Die russische Fotografin Sonya Kydeeva dokumentiert die jungen Menschen um sie herum, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität in einem Land sind, dessen politisches System sich wie kein anderes in den letzten Jahrzehnten so grundlegend verändert hat. Sie ist 1988 geboren und Teil einer Generation, die die diese großen Umwälzungen miterlebt hat. Ihre Fotos haben dokumentarische Qualität und waren bereits im Buch Graffiti Artist Sochi und vielen Independent-Magazinen zu sehen. In ihren Arbeiten stellt sie die Frage, was es heutzutage bedeutet, Russe zu sein. Im Fokus stehen dabei besonders die jungen Männer, die sich von geltenden Normen befreien und sich ihre eigenen kreativen Freiräume schaffen. "Ich dokumentiere spontane Momente des Alltags", erklärt uns Sony Kydeeva im Interview. Im Sommer hat sie die wachsende HipHop-Szene Moskaus und deren wichtigsten Protagonisten begleitet und fotografiert.


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Den Schnappschüssen von Autos, Graffiti, Tattoos und Waffen werden Porträts der Männer gegenübergestellt, die in dieser Welt zu Hause sind, so entstehen intime Aufnahmen der Moskowiter Rapszene. Zu sehen sind Freunde, aber auch völlig Fremde sowie mit Sharp (TrueStar) und Scriptonite Schlüsselfiguren der russischen HipHop-Szene.

Bist du geborene Moskowiterin?
Ich bin in Moskau geboren und auch aufgewachsen. Ich habe für unterschiedliche Unternehmen in verschiedenen Gegenden gearbeitet. Das Stadtzentrum und die Vororte sind zwei verschiedene Gegenden, jede mit ihrer eigenen Architektur, Mentalität und Regeln.

Was hat dich beeinflusst, als du erwachsen geworden bist?
Mich haben die Menschen in meiner Umgebung beeinflusst. Jede Person bringt etwas Neues auf radikale Art und Weise ins eigene Leben. Deshalb ist es so schwierig, die Einflüsse genau zu benennen.

Erzähle uns mehr über den Sommer. Wie bist du zur HipHop-Szene gekommen?
Mit der HipHop-Szene habe ich nichts zu tun. Ich höre mir nur die Musik an. Ich interessiere mich als Fotografin für Männlichkeit, Fragen der Identitätsbildung und damit einhergehende Probleme. Das ist mein Forschungsfeld sozusagen. Ich interessiere mich für das urbane Leben, für diese Mischung aus Rap, Graffiti, Kriminalität und anderen verwandten Aspekten. Rap bildet dafür mehr den Hintergrund, mit einer eigenen Sprache und eigenen visuellen Codes.

Wie hast du das Vertrauen der Männer gewonnen?
Ich war aus ganz unterschiedlichen Gründen bei ihnen und habe einfach auf den Auslöser gedrückt. Das war ein kontinuierlicher und natürlicher Prozess. Das funktioniert wie ein Magnet. Ich habe eine Person immer wieder getroffen. Nach einer Weile habe ich festgestellt, dass sie auch auf der Straße unterwegs ist, eine Waffe im Auto hat und rappt. Na klar haben die Jungs es gemocht, fotografiert zu werden, und dass die Fotos veröffentlicht werden. Ich frage immer wieder nach neuen Prints für die Jungs. Was wichtig ist: Wenn mich jemand darum bittet, dass sein Gesicht nicht fotografiert wird, dann respektiere ich das. Sie helfen mir auf unterschiedliche Art und Weise. Sie sorgen immer wieder für neue Inspirationen und Ideen und wenn ich Probleme habe, beschützen sie mich.

Die Jungs auf den Fotos sind bei unterschiedlichen Musiklabels gesignt.
Rap in Russland ist noch jung und hinkt 20 Jahre hinterher. Jedes Moskauer Label war mal ein Majorlabel, bis ein anderes Label um die Ecke kam und das wiederum von einem anderen verdrängt wurde. Alles basiert auf einer Hierarchie und jeder Rapper hat seine eigene Nische. Es geht zwei kommerziell erfolgreiche Labels in Moskau: Gazgolder und Black Star. Dann gibt es noch Respect Productions. Die authentischsten sind 100 PRO und CAP Records, die Underground-HipHop und New-School produzieren.

Worüber wird gerappt?
Ich glaube nicht, dass sich die Themen in Russland von denen anderswo unterscheiden: Menschen, Erfahrungen, der Alltag und so weiter. Wichtig ist, dass man Verantwortung dafür übernimmt, worüber man rappt, gerade für die Millionen Fans, die die Musik hören. Wir haben Gangsterrap, in dem es um Gefängnisse geht, aber der natürlich ganz anders. Es gibt in Russland kein HipHop-Netzwerk und auch kein Konzept einer HipHop-Bruderschaft. Es herrscht eher Krieg zwischen den einzelnen Musiklabeln. Die Rapkultur hat ihre eigene direkte Sprache, sie ist ein Testament. Die Songs sind wie Lehrbücher fürs Leben.

Was hat sich kulturell in den letzten Jahren geändert?
In den letzten fünf Jahren hat sich eine Menge geändert. Die Massenmedien und der Kommerz werden immer präsenter. Subkulturelle Trennlinien wurden eingerissen und es gibt keine Alternativen mehr. Früher gab es im Rap Grabenkämpfe und Schlägereien, heute nicht mehr. Heute geht es um Mode: die Kleidung, Tattoos, Accessoires oder das Verhalten. Man kopiert die Straße und den Westen, und oft fühlen sich diese Kopien als fake an. Es ist nur ein Abbild. Die früheren Generationen haben die Subkultur geprägt, jetzt kommt alles von außen.

Es gibt ein Foto, auf dem einer ein Gewehr festhält. Was war das Verrückteste, dass du mit dieser Crew im Sommer erlebt hast?
Alle Geschichten haben mit krimineller Energie zu tun, das ist nicht gestellt. In Russland darf man nur die Wahrheit zeigen. Wenn man über etwas Kriminelles singt oder spricht, kann man dafür im Gefängnis landen. Ohne die Kriminalität und die Regelverstöße wäre die Geschichte nicht so verrückt.