Ein unverklärter Blick auf die Berliner Jugend

"Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als ein Bild, das gestellt ist." Carolin Hirt setzt bei ihren Bildern nicht auf konventionelle Schönheiten, sondern kreiert mit ihrem Blick ihre ganz eigene Definition von schön.

von Tereza Mundilová; Fotos von Carolin Hirt
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15 Juni 2016, 10:15am

Die Perfektion in der Anti-Perfektion. Carolin Hirt setzt bei ihren Bildern nicht auf konventionelle Schönheiten, sondern kreiert mit ihrem Blick ihre ganz eigene Definition von schön. Die gebürtige Wienerin hat es vor ein paar Jahren nach Berlin verschlagen, wo sie nun ihren Alltag mit einer analogen Kamera festhält.


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Für 100for10 hat sie private Bilder in ihrem visuellen Tagebuch "The Unbearable Perfection Of Life" zusammengeführt und damit einen intimen Einblick in ihren Alltag, Freundschaften, sommerliche Abenteuer und durchzechte Nächte eröffnet. Uns hat sie erzählt, wieso die Authentizität des Moments auf Fotos bei ihr an vorderster Stelle steht.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich war vor einem Jahr in Wien und habe dort im Keller bei meinen Eltern eine quietschgelbe Kamera gefunden. Ich habe meine Mutter überredet, dass sie mir diese mitgibt. Ab dem Zeitpunkt hatte ich die Kamera immer dabei. Die Fotos habe ich dabei immer für mich gemacht, ich habe sie nie wirklich jemanden gezeigt. Ein paar Freunde von mir haben dann irgendwann gesagt, dass ich mit den Fotos etwas machen sollte. Nach genau einem Jahr habe ich angefangen, die Fotos zu sortieren. Mir war sehr wichtig, dass die Fotos nicht perfekt waren. Heutzutage sehen wir so viel Perfektion auf allen Social Media Kanälen – mir ist es besonders wichtig, das genau das nicht der Fall ist. Es soll genau den Moment widerspiegeln, wie er auch wirklich passiert ist. Ich sage den Menschen nie, dass ich ein Foto mache. Da kann es schon passieren, dass die Leute unvorteilhaft aussehen. Wenn ich dann das Fotoanschaue, dann weiß ich aber, dass es genau so in dem Moment auch gewesen ist.

Wie entscheidest du für dich, dass ein Moment fotogen ist?
Das ist eine Gefühlssache. Wenn mich ein Moment berührt, dann entscheide ich, dass er ein Foto wert ist. Oft sind es Kleinigkeiten. Ich laufe durch Berlin und sehe zum Beispiel irgendwo einen Busch mit ein bisschen Schnee drauf. In dem Moment erinnert es mich an meine Kindheit und ich mache ein Foto davon. Es gibt also nichts, von dem ich sage: "Wow, das ist jetzt super schön", sondern mir geht es eher darum, dass es gefühlsmäßig passt. Ob es den Leuten gefällt, oder nicht, ist mir egal.

Es geht dir also nicht darum, Schönes zu fotografieren.
Eigentlich ist es schon die Schönheit, um die es geht, aber nicht die im weit verbreiteten Stil. Heute wird dir ja vorgelegt, was schön ist. Im Endeffekt sind aber in Wahrheit ganz andere Sachen schön, der Anti-Perfektionismus quasi. Schönheit ist für mich in dem Moment die Wahrheit dahinter. Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als ein Bild, bei dem du siehst, dass es total gestellt ist. Ein Bild ist mehr, als was du anschaust – da ist ja ein Gefühl dahinter.

Die Authentizität der Bilder ist dir sehr wichtig. Warum hast du dich für das analoge Medium entschieden, das oft eine gefilterte und somit verzerrte Version der Realität wiedergibt?
Genau aus diesem Grund. Mittlerweile habe ich zwei, drei Kameras, mit denen ich fotografiere. Leider ging eine verloren, beim Feiern. Wenn du analog fotografierst, ist die Kamera auch ein Teil davon. Sie ist nicht nur ein Werkzeug, sondern sie fügt auch etwas hinzu. Wenn man verschiedene Kameras hat, bleiben die Momente zwar gleich, aber die Motive bekommen einen ganz anderen Touch. Wenn ich mir die Bilder im Nachhinein anschaue, dann passt es immer genau so, wie es ist. Wenn es in dem Moment passt, ich dann ein Foto mache und dieses unscharf ist, dann weiß ich, ich bin nicht alleine. Das Foto macht meine Kamera und ich. Das ist auch der spannende Teil – verschiedene Kameras zu haben und herum zu probieren.

Die Zeitspanne bei deinem Projekt 100for10, in der du fotografiert hast, beschränkt sich genau auf ein Jahr. War das für dich eine besondere Phase in deinem Leben? Siehst du das nun als ein abgeschlossenes Kapitel?
Es hat sich schon einiges geändert, aber ich sage noch nicht, dass es schon vorbei ist. Es geht anders weiter. Ich fahre jetzt nach Portugal. Meine Kamera nehme ich natürlich mit. Ich gehe da nicht mit einem Konzept ran, ich schaue einfach, was so passiert und wie es passt. Immer, wenn ich das Gefühl habe, dass eine Situation, ein Mensch sich verstellt, habe ich keine Lust mehr. Ich würde nicht sagen, dass diese Phase in dem Buch schon vorbei ist. Es ist aber trotzdem anders.

Die Fotos sind der Stand deines jetzigen Lebens. Was wird in 20 Jahren auf deinen Fotos zu sehen sein?
Das wüsste ich selber gerne. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich meine Kamera dabei haben werde, oder eine Staffelei, Bild und Farbe. Aber mehr kann ich nicht sagen.

Das wäre meine nächste Frage gewesen: Auf deinem Instagram-Profil verbindest du Fotografie und Illustration—inwiefern stehen diese zwei Medien für dich in Verbindung zueinander?
Ich habe schon immer gemalt. Ich mag beide Medien sehr gerne, genauso wie ihre Unterschiede. Fotografie passiert sehr schnell, beim Malen setze ich mich hin und drehe die Musik ganz laut. Dann schalte ich meinen Kopf ab und denke an Nichts. Ich möchte auf jeden Fall sehr gerne noch viel mehr malen. Es gibt ein paar Selbstportraits von mir auf Instagram. Es ist ein guter Ausgleich, vor allem, weil es so unterschiedlich ist.

Wer sind die Menschen auf deinen Fotos? Wie kommt die Intimität zustande?
Die Menschen, die ich fotografiere, kenne ich alle, also zumindest die auf den intimen Bildern. Das sind meine beste Freundin und mein Freund. Wenn du wen fotografierst, muss ein Vertrauen da sein. Wenn es mal da ist, wird es schwierig, es wieder weg zu bekommen.

Du kommst eigentlich aus Wien. Denkst du, deine Fotos hätten eine andere Atmosphäre, wenn sie nicht in Berlin entstanden wären?
Ja, auf jeden Fall. Das Leben hier beeinflusst einen einfach. Die Leichtigkeit, die man sonst nicht so oft verspüren kann. Die Freiheit. Das ist in keiner anderen Stadt möglich. Dieses Verruchte, alles ist ein bisschen dirty. Die Ehrlichkeit. In Wien wären die Fotos vermutlich um einiges steriler gewesen. Wer weiß, ob ich sie dort überhaupt gemacht hätte. Dort hätte ich vermutlich mehr auf konventionellere Schönheiten gesetzt. Ich kann nicht genau sagen, wie anders sie wären, aber auf jeden Fall wäre etwas anderes drauf zu sehen. Berlin erlaubt dir, dich selbst zu entfalten, ohne, dass es dich in eine Richtung drängt.

@carolinhirt