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wie das graue wetter islands vöks elektronisch-melancholische sounds beeinflusst

Wir haben die vier Isländer vor ihrem Auftritt im Botanischen Garten Berlin getroffen, um dem bewölkt düsteren Wetter zu entfliehen und mehr über ihre eisige Heimat, dem Phänomen der Eintagsdepression und ihrer Musikszene zu erfahren.

von Catherina Kaiser
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10 Mai 2017, 1:35pm

Allein ein paar wenige Lichter sind auf die isländische Band Vök gerichtet, als Leadsängerin und Keyboarderin Margrét Rán Magnúsdóttir die ersten Töne des Songs "Don't Let Me Go" singt — und so die rund 300 Menschen im Badehaus in Berlin mit in eine andere Welt nimmt. Es ist schwer, sich nicht zu verlieren in dieser fast überirdisch schönen, elektronischen Musik, die sie mit ihrem langjährigen guten Freund, dem Saxophonisten Andri Már Enoksson, dem Bassisten Ólafur Alexander Ólafsson und dem Schlagzeuger Einar Hrafn Stefánsson geschrieben hat. Figure heißt ihr kürzlich erschienenes Debütalbum, in dem der Einfluss ihres Heimatlands — in dem der Sommer nie zu kommen scheint — nicht zu bestreiten ist: Hier treffen organische Beats auf schwebende, elektronische Sounds in melancholischem Grau-blau. Drei Jahre nach ihrem Durchbruch bei dem bekannten isländischen Bandcontest Músíktilraunir, treffen wir die vier vor ihrem Auftritt im Botanischen Garten in Berlin, um dem bewölkt düsteren Wetter zu entfliehen. Darauf angesprochen, lacht Sängerin Margrét nur und sagt: "In Island ist es gerade viel schlimmer". Wie sehr die isländischen Temperaturen die Sounds der Band tatsächlich beeinflussen und warum ihr Debütalbum so heißt, wie es heißt, verrät uns Vök im Interview. 

Vök ist ein isländisches Wort und bedeutet übersetzt "Eisloch". Fühlt ihr euch in der Kälte zu Hause?
Andri: Ich würde auf jeden Fall jederzeit einen Tag auf dem Snowboard in den Bergen, einem Tag am Strand vorziehen.
Margrét: Das geht mir auch so. Ich bin so an die Kälte gewöhnt, dass ich manchmal das Gefühl habe, mein Körper kann Hitze gar nicht richtig verarbeiten [Lacht].

Ich war zwar noch nie in eurer Heimat, aber wenn ich eure Musik höre, habe ich das Gefühl, dass ich eine Vorstellung davon bekomme. Wie hat die isländische Landschaft euren Sound beeinflusst?
Andri: Die Natur in Island hat uns definitiv stark beeinflusst, sie hat uns ja ständig umgeben. Das ist aber nichts, was wir bewusst wahrnehmen und aktiv in Musik übersetzt haben.
Margrét: Ja, wir gehen nicht einfach raus in die Natur und warten darauf, dass uns ein Song einfällt. Das ist eher ein natürlicher Prozess. Mehr noch als die Natur hat uns aber das Wetter in Island stark beeinflusst.

Inwiefern?
Margrét: Das Wetter hier ist oft wirklich schlecht, also verbringt man viel Zeit drinnen [Lacht]. Diese haben wir genutzt, um Musik zuschreiben und diese Grautöne des Wetters darin mit aufzunehmen. 
Ólafur: Dazu muss man wissen: Am dunkelsten Tag des Jahres haben wir in Island lediglich vier Stunden Sonnenlicht. Das ist ein verbreitetes Phänomen, eine Art Eintagsdepression. Wir haben diesem Tag auch einen Song auf dem Album gewidmet, "Lightening Storm". 
Andri: Im Prinzip haben wir generell neun Monate Winter und Dunkelheit in Island. Unserer Musik hört man diese Dunkelheit definitiv an. Ich glaube, dass unser Klang in keinem anderem Land hätte entstehen können.

Wie würdet ihr die Musikszene in Island beschreiben? 
Andri: Es gibt eine riesige kulturelle Szene für Musiker und viele Möglichkeiten für junge Künstler zu wachsen. Wir hatten früh die Möglichkeit mit Künstlern zusammenzuarbeiten, die wir lange bewundert hatten. An unserer ersten EP konnten wir zum Beispiel mit Biggi Veira von GusGus zusammenarbeiten — das war echt irre. 
Margrét: Bevor wir in die ganze Musikszene gekommen sind, war er so etwas wie ein Gott für uns! 
Ólafur: Es gibt so viele Plattformen und Sprungbretter in Island. Man muss sich nur ansehen, wie diese Band angefangen hat: Mit einem Bandwettbewerb, der in Island seit über dreißig Jahren Tradition hat. Große Namen wie Of Monsters and Men haben auch so angefangen.

Ihr seid alle mit Rockeinflüssen aufgewachsen. Was hat euch zur elektronischen Musik gebracht?
Margrét: Elektronische Musik ist so schön mit all ihren seltsamen Tönen. Man kann so vieles ausprobieren!
Andri: Zugänglichkeit ist auch ein Grund. Elektronische Musik hat es Margrét und mir ermöglicht, auch zu zweit als Band performen zu können, ohne Bassist oder Schlagzeuger.
Einar: Im Rock hat man eine Gitarre, einen Bass, ein Schlagzeug, manchmal noch ein Keyboard — das limitiert. Elektronische Musik erlaubt es uns, eine unglaubliche Vielfalt an Sounds zu kreieren, sogar ein Mangel an Tönen wie im Minimalism.
Andri: Es gibt keine Regeln. Du kannst einen Ton komplett zerreißen und dabei etwas Neues entstehen lassen.

Euer erstes Album heißt Figure. Was bedeutet dieser Titel für euch?
Olafur: Das Wort kann im Englischen so viel bedeuten: Eine Nummer, ein Körpertyp oder der Umriss einer Person. Das hat uns gefallen!
Andri: Viele unserer Lieder haben diese gewisse Dualität. Wir wollten, dass man als Zuhörer seine eigene Perspektive in diesen Songs finden kann.
Margrét: Das ganze Album war ein riesiges Experiment für uns. Als wir ins Studio gegangen sind, waren die meisten Songs noch nicht mal ansatzweise fertig. Jetzt sehe ich das Album als eine Art Figur, die aus den einzelnen Songs zusammengesetzt ist, die alle jeweils aus unterschiedlichen menschlichen Gefühlen bestehen.

In dem Song "Polar" geht es um einen Streit zwischen dir, Margrét, und deinem Vater. Wie persönlich sind eure Lyrics wirklich?
Margrét: Die meisten unserer Lieder entstehen damit, dass ich zunächst einen Beat kreiere und darauf in meiner eigenen, sinnlosen Sprache singe. Und dann ist es Andri, der ihnen Sinn gibt und sein Herz ausschüttet [Lacht].
Andri: Wenn ich Margrét zuhöre, verliere ich mich in Geschichten, die sich aus ihrer Sprache in meinem Kopf entwickeln. Ich halte mich dann an einem Wort fest, dass ich denke zu hören und schreibe dazu einen Songtext, an dem wir dann oft nochmal zusammen feilen.

Welche Träume habt ihr noch für die nächsten drei Jahre?
Margrét: Wir wollen noch ein Album aufnehmen. Es wäre schön, vom Musikmachen leben zu können, mehr zu touren und mehr zu reisen.
Olafur: Darüber haben wir erst auf dem Weg hierher im Tourbus gesprochen. Lasst uns dieses Jahr ein neues Album aufnehmen!
Andri: Im Prinzip wollen wir einfach weiter machen, größer werden. Ich glaube an uns!

@Vök

Credits


Text: Catherina Kaiser
Foto: Tereza Mundilová

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