anxy ist das neue magazin, das unsere gefühle endlich ernst nimmt

Das Magazin traut sich an Themen wie Angst, Wut und Depression und will uns so weniger alleine fühlen lassen.

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Mai 23 2017, 9:15am

Als die amerikanische Designerin Indhira Rojas damit anfing, sich mit ihren Angstzuständen auseinanderzusetzen, fand sie kein ästhetisch ansprechendes Magazin zu diesem Thema — also gründete sie einfach selbst eins. Diesen Monat erscheint die erste Ausgabe von Anxy, einem Magazin, das sich sowohl in Text als auch in Bild ganz den menschlichen Emotionen und dem Thema der psychischen Gesundheit widmet. In Zukunft soll uns das Magazin zwei Mal jährlich mit vielschichtigen Reportagen, Berichten und Kunst zu Themen wie Angst, Depression, Wut und Trauma versorgen und uns so weniger alleine fühlen lassen.

Das ist auch Indhiras persönliches Anliegen. Sie selbst leidet seit Jahren an Angstzuständen, ausgelöst durch sexuellen Missbrauch, den sie als Kind erfahren musste. Darüber hat die Herausgeberin bereits für ihr eigenes Magazin geschrieben. Mit Anxy will sie jedoch vielmehr: eine Gemeinschaft, in der Leser einen Raum für ihre Gefühle finden können. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was passiert, wenn wir uns öffnen und warum sie sich für die erste Ausgabe ausgerechnet für das so unbeliebte Gefühl der Wut entschieden hat.

Auch auf i-D: Wir haben uns Londons Zine-Revolution näher angeschaut:

Für Anxy hast du einen Artikel über deine eigene Angststörung geschrieben, die sich aus einem sexuellen Missbrauch entwickelt hat, den du als Kind erfahren musstest. Das klingt wahnsinnig mutig.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das lange genug verarbeitet, um mich sicher zu fühlen, diese Geschichte zu teilen. Es gab mir außerdem die Möglichkeit zu zeigen, warum ich mich mit mentaler Gesundheit in einem Magazin auseinandersetzen wollte, denn ich glaube, den Menschen ist es bei diesem Thema wichtig, persönliche Geschichten zu lesen. Ein Hauptziel ist es ja schließlich auch, mehr Menschen dazu zu ermutigen, transparenter mit ihren Gefühlen umzugehen. Diesen Anspruch hatte ich auch an mich selbst. Ich hoffe, dass unser Magazin den Lesern das Gefühl geben kann, nicht alleine und isoliert zu sein. Dass es zeigt, dass sie mit so vielen anderen Menschen verbunden sind, die genauso fühlen.

Welche Erfahrungen hast du gemacht, nachdem du deine Geschichte geteilt hast?
Nachdem ich die Geschichte veröffentlicht hatte, habe ich lange und tiefe Unterhaltungen mit Freunden geführt, die mich seit Jahren gekannt hatten, ohne von meinen Ängsten zu wissen. Das war eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Ich würde jederzeit wieder darüber schreiben.

Das Magazin legt den Fokus nicht nur auf tiefe, persönliche Essays, sondern auch auf eine höchst visuelle Gestaltung. Wie wichtig ist dir diese Ästhetik für das Magazin?
Die Ästhetik ist genauso wichtig wie die Geschichten, die wir erzählen. So schaffen wir eine ganzheitliche Erfahrung für alle Sinne, in der wir starke Geschichten haben, die so designt und bebildert sind, dass man sie voll aufnehmen kann. In den USA wird oftmals unterschätzt, wie viel Macht Kunst und Design haben, und wie sehr sie uns auf tiefer, emotionaler Ebene berühren. Nur weil wir nicht genau verstehen, inwiefern uns Ästhetik beeinflusst, wird einfach angenommen, dass es keine Rolle spielt.

Denkst du, dass Kunst heilen kann? 
Dazu habe ich eine Anekdote: In meiner Therapiegruppe hat uns die Therapeutin regelmäßig mit verschiedenen Bildern konfrontiert. Mit den Bildern sollten wir dann ausdrücken, wie wir uns heute fühlen. Es war wahnsinnig spannend, wie viel ich über die Bilder, die ich intuitiv ausgewählt hatte, über meine Gefühle lernen konnte. Dabei kamen Dinge zum Vorschein, die ich so nicht hätte ausdrücken können, wenn mich jemand direkt danach gefragt hätte. Das gleiche passiert ja auch, wenn wir in ein Museum gehen und uns Kunst ansehen. Sie bewegt etwas in uns, auch wenn wir nicht genau sagen können was. Deshalb glaube ich auch, dass Kunst im Kontext der psychischen Gesundheit unheimlich wichtig ist!

In der Populärkultur sind starke Gefühle erlaubt, im echten Leben sieht das allerdings anders aus. Warum sind echte Menschen mit starken und komplexen Gefühlen in der Gesellschaft noch so verpönt?
Ich frage mich oft, ob das ein Resultat unserer Erziehung ist. Ob es daran liegt, dass die Generationen vor uns konservativer waren, was ihre Emotionen angeht und diese Tendenz noch einmal weitergegeben wurde. Wenn man sich in der heutigen Welt umsieht, sieht man, dass es viele Menschen gibt, die das Gefühl haben, dass sie in ihren Gemeinschaften nicht gehört oder gesehen wollen werden, weil es dort keinen Raum für sie gibt, um vollkommen sie selbst sein zu können. So entsteht ein Umfeld, in dem die Menschen nicht offen darüber sprechen können, was ihnen passiert und wie es ihnen wirklich geht. In der Dominikanischen Republik, wo ich herkomme, haben meine Großeltern jahrelang unter der Diktatur gelitten. Meine Großmutter hat gelernt, über Jahrzehnte alles für sich zu behalten — und das konnte sie auch nach dem Ende der Diktatur nicht loslassen. 

Du hast in einem Interview gesagt, dass in Traurigkeit auch Schönheit liegen kann. Was meinst du damit?
Ich denke, die Schönheit liegt darin, was man im Prozess der Verarbeitung findet. Während ich mich durch mein Trauma gearbeitet habe, habe ich viel über mich selbst gelernt: über meine Kapazitäten, meine Ressourcen, wie mein Körper arbeitet, wie mein Geist arbeitet und wie ich mich selbst in der Welt positioniere. Ich bin als Mensch daran gewachsen und habe gemerkt, dass ich die Kraft habe, das durchzustehen. Das ist der schöne Teil der Herausforderungen, die das Leben uns zuwirft.

Eure erste Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Wut. Das finde ich spannend, weil es eine Emotion ist, die recht unbeliebt ist. Warum habt ihr euch gerade für dieses Gefühl entschieden?
Wut ist eine zutiefst missverstandene und vielschichtige Emotion. Für die einen ist Wut eine schlechte Emotion, für die man sich schämen sollte. Und am anderen Ende des Spektrums sind diejenigen, die sich ausschließlich über Wut auszudrücken scheinen und glauben, das Recht zu haben, konstant wütend zu sein. Ich persönlich war an der Emotion interessiert, weil ich durch meine Missbrauchserfahrung eine sehr innige Beziehung mit der Wut hatte.

Was macht dich im Moment wütend?
Da gibt es vieles, aber was heraussticht, ist die aktuelle Einwanderungspolitik der USA. Das Schmerzhafte daran ist, dass man einen Zusammenhang zwischen dem Kollektiv und den Individuen sehen kann. Wir führen Menschen Leid zu und das hat Auswirkungen. Umso wichtiger ist es, dass wir darüber sprechen können. Diesen Raum wollen wir in Anxy schaffen.

@anxy

Credits


Text: Catherina Kaiser
Fotos: Anxy