Dieser Fotograf fängt den nostalgisch-schönen Prozess des Erwachsenwerdens ein

Mit seiner Serie "Sisters" schafft Dean Davies ein bewegendes Porträt seiner beiden Nichten. Wir haben mit ihm über die Faszination Kindheit und all ihren Facetten gesprochen.

von Juule Kay; Fotos von Dean Davies
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Mai 15 2017, 2:40pm

Erinnern wir uns nicht alle noch allzu gut an unsere eigene Kindheit? Als das höchste der Gefühle die Klingel des Eiswagens um die Ecke war und sich die runzeligen Hände nach zwei Stunden in der Badewanne wie das größte zu lösende Mysterium angefühlt haben? Damals konnte man sich noch stundenlang mit ein und derselben Sache beschäftigen, ohne den Gefallen daran innerhalb kürzester Zeit zu verlieren. Damals waren die kleinsten Dinge der größte Spielplatz.


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Genau diese kindliche Nostalgie hat der englische Fotograf Dean Davies versucht, mit seiner Kamera festzuhalten und seine beiden Nichten Marni-Lee und Amelia drei Jahre lang porträtiert. Seine besondere Mischung aus Dokumentar- und Modefotografie kreiert eine ganz eigene Stimmung, die uns einen etwas anderen Blick auf eine Zeit geben, die wir uns viel zu selten in Erinnerung rufen. Welche Faszination diese Jahre vor dem Erwachsenwerden tatsächlich für den Engländer ausüben und welche wichtige Rolle seine eigene Kindheit dabei spielt, verrät uns Dean im Interview.

Du hast dich von deinen eigenen Erinnerungen an die Kindheit und dem Erwachsenwerden inspirieren lassen. Was macht die Kindheit zu so einem interessanten Thema für dich?
Die Kindheit und das Erwachsenwerden sind die prägendsten Jahre im Leben und tragen letztlich dazu bei, wie wir die Welt sehen. Alle Fotografen – wenn vielleicht auch nur unterbewusst – ziehen sie sich ihre Inspiration aus diesem nostalgischen Pool an Verweisen und stützen sich auf ihre eigenen Erfahrungen und Erinnerungen aus der Vergangenheit. Meine Sisters-Serie ist eine Homage an die Mädchen, mit denen ich aufgewachsen bin. Mit Hilfe von Baggy-Hosen, Denim, Patches, Ketten mit den eigenen Initialen, Fußballtrikots und Scrunchies wurde außerdem eine eigene, moderne Interpretation uralter Modetrends erschaffen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, deine Nichten zu porträtieren?
Ich habe Marni-Lee und Amelia vor drei Jahren zuerst für ein komplett anderes Projekt fotografiert. Die Mädchen hatten ein unglaubliches Auftreten vor der Kamera. Es war wirklich faszinierend, den beiden dabei zuzuschauen, wie sie gegenseitig ihre Gedanken ausgetauscht, gelacht, gestritten und gekämpft haben – und das in einem Zeitraum von nur wenigen Minuten. Ich wusste, dass ich etwas Magisches festgehalten habe, und seitdem habe ich auch nie damit aufgehört, sie weiter zu fotografieren.

Wie hat deine eigene Kindheit ausgesehen?
Ich bin in einer Arbeiterstadt als das jüngste von vier Kindern aufgewachsen. Meine Geschwister sind drei, vier und sechs Jahre älter als ich und hatten nie die gleichen Interessen wie ich. Auf vielerlei Art und Weise hatte ich eine einsame Kindheit, in der ich oft lieber alleine gespielt habe als mit meinen Geschwistern oder Freunden. Ich habe ganz bestimmt nicht diese enge Bindung erfahren, die Marni-Lee und Amelia haben, was einer der Gründe ist, warum ich so einen Antrieb hatte, sie zu fotografieren.

Wie hat sich die Idee von Kindheit für dich verändert, seitdem du an diesem Projekt arbeitest?
Am meisten hat es mir die Augen geöffnet, wie reif Kinder für ihr Alter sein können. Die beiden scheinen und benehmen sich viel älter als sie eigentlich sind und haben diese Stärke und Entschlossenheit, die ich Kindern in diesem Alter zuvor nicht genug Anerkennung gezollt habe.

Wie haben beiden reagiert, als du angefangen hast, sie zu fotografieren?
Sie haben schon immer verstanden, was ich versuche, mit der Serie zu erreichen und waren immer komplett dabei. Ich fotografiere sie sehr sporadisch, also ist es für die Mädchen und für mich immer ein lustiger Tag, den wir zusammen verbringen.

Welche Unterschiede siehst du, wenn du die ersten Fotos mit den letzten vergleichst?
Ich habe mir erst letztens die Zeit genommen, um mir die ganzen Fotos anzusehen, die ich von den beiden in den letzten drei Jahren geschossen habe. Und es ist wirklich verrückt zu sehen, wie sehr sie sich entwickelt haben. Am Interessantesten ist tatsächlich, wie ihre individuellen Persönlichkeiten langsam sichtbar wurden. In den frühen Fotografien haben die Mädchen noch fast identisch ausgesehen, während sie jetzt gerade zu jungen Frauen heranwachsen, ihren eigenen Geschmack und ihre eigenen Werte entwickeln.

Deine Fotografie ist eine Mischung aus Mode und Dokumentation. Warum kombinierst du diese beiden Stilrichtungen?
Ich habe einen Modehintergrund und Design studiert, bevor ich die Fotografie für mich entdeckt habe. Dieser Hintergrund hat es mir ermöglicht, mit Hilfe von Mode und Styling das Geschichtenerzählen und die Persönlichkeitsbildung innerhalb einer Modeaufnahme zu realisieren. Außerdem erlaubt es mehr Kontrolle über das Ergebnis der Arbeit. Ich nutze Styling, um die Persönlichkeit des Motivs und die Erzählung des Fotos hervorzuheben – auch wenn Styling, Motiv und Ort immer in Bezug zueinander stehen müssen. Viele Leute waren überrascht, dass meine Fotografien gestylt wurden, was in vielerlei Hinsicht das beste Kompliment überhaupt ist.

Wie unterscheidet sich das heutige Erwachsenwerden im Vergleich zu deinem eigenen?
Es ist ziemlich unmöglich, seine eigenen Erfahrungen mit denen der jüngeren Generation zu vergleichen. Sie sind wirklich sehr unterschiedlich. Wir leben jetzt in einem digitalen Zeitalter, in dem wir sofort Zugang zu Communitys haben, der damals noch nicht möglich war – und das kann sowohl isolierend als auch inklusiv sein. Ich bin immer noch dabei das zu kapieren.

Was können wir von der jüngeren Generation lernen?
Furchtloser zu sein und das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen.

@deandavies