Anzeige

"Wenn wir, die junge Generation, nicht im Stande sind, Dinge zu ändern, wer dann?"

Wir haben David Koma während der Berlin Fashion Week zum Gespräch getroffen.

von Alexandra Bondi de Antoni
|
08 Juli 2016, 11:10am

David Koma ist einer dieser Designer, die irgendwie schon immer da waren, bei dessen Namensnennung vielen Leuten in Deutschland aber trotzdem noch Fragenzeichen ins Gesicht steigen. Seine Designs stehen für sexy Frauen, die wissen, was sie wollen und sich ihrer Weiblichkeit und Stärke bewusst sind. Zu seinen Fans zählen Musikerinnen wie Beyoncé, Schauspielerinnen wie Blake Lively und Model Gigi Hadid. Neben seinem eigenen Label entwirft der Georgier seit ein paar Jahren auch schon für Mugler und dürfte nun endlich durch seine Arbeit an den Outfits für den neuesten Imagefilm von Mercedes-Benz, der letzte Woche offiziell während der Fashion Week in Berlin vorgestellt wurde, auch der breiteren Masse jenseits der Modeblase ein Begriff werden.

Am letzten Tag der Fashion Week treffen wir ihn bei Cola und Burger zum Interview. Obwohl er einen Interviewmarathon hinter sich hat, wirkt Koma involviert und offen, erzählt locker von Roadtrips mit seiner Frau durch Kalifornien, bei denen sie Adeles „Rolling in the Deep" auf und abgehört haben, und seine Besessenheit von Fernsehserien wie Orange is the New Black, weil Serien anzuschauen der einzige Weg für ihn sei, wirklich zu entspannen. Diese Entspanntheit bestätigt auch Lucie von Alten, die zusammen mit ihrer Freundin Eliot Sumner das Gesicht der Kampagne ist, die unter der Regie von Christian Larson entstanden ist: „Er ist ein cooler Typ und auch total easy. Bei den Dreharbeiten waren wir immer gemeinsam essen und es war wirklich lustig." Diese Lustigkeit kommt während unseres Gesprächs immer wieder durch. Gelacht wird viel, auch über die ernsteren Themen wie den Brexit und die sich immer weiter verändernde Modebranche. Aber eins nach dem anderen.

Zuerst würde ich gerne wissen, wie Kooperationen wie diese deine Arbeit beeinflussen? Was bringen sie dir als Designer? Geben sie dir eine andere Sicht auf Dinge, wenn du in einem anderen Kontext mit deiner Kleidung arbeitest?
Eigentlich ja. Es ist das Wichtigste für mich, dass ich etwas tue, das wirklich mit dem Konzept funktioniert, ohne dass ich meine eigene Identität dabei verliere. Einfach um sicher zu gehen, dass die Mädchen gut aussehen und sich in ihren Outfits wohlfühlen. Das war eine wirklich wichtige Herausforderung für mich. Wenn man in einer kollaborativen Art und Weise zusammenarbeitet und Ideen miteinander teilt, dann entsteht etwas Großartiges.

Kanntest du Eliott Sumner und Lucie von Alten schon davor?
Nein, ich habe sie davor noch nicht gekannt, aber wir haben uns alle per Skype getroffen. Es war ein ziemlich internationales Team, aber wir haben es geschafft, uns irgendwie kennenzulernen. Zumindest so gut es ging. Es war wichtig, um etwas Spezielles zu designen, das ihren Charakteren entspricht. Die Hose, die wir für Elliot gemacht haben, ist dann auch Teil meiner neuen Ressort-Kollektion geworden.

War das davor schon geplant?
Nein, wir haben die Hosen gemacht, weil Elliot etwas sehr Maskulines tragen wollte. Daran habe ich dann gedacht, als ich den Look für sie entworfen habe. Ich fand ihn super cool und wollte ihn benutzen. Warte, ich zeige dir diese Hosen mal. [Koma holt sein Handy heraus und zeigt mir auf seinem Instagram-Account den Look.]

Waren die beiden sehr in die ganze Sache involviert? Waren sie sehr fordernd oder haben sie dir einfach vertraut?
Sie haben mir wirklich sehr vertraut. Aber sie haben mir eben erzählt, wer sie sind. Es ist eine andere Art zu arbeiten. Bei solchen Projekten geht es nicht nur um eine Story, sondern um die Personen. Wer sie sind, war mir wichtig. Ich wollte eben keinen Charakter kreieren, weil sie bereits Künstlerinnen sind.

Du lebst schon seit Jahren in London. Wie hast du den Brexit erlebt? Wie wird das Out die Modeindustrie beeinflussen?
Generell denke ich, dass es besser gewesen wäre, wenn Großbritannien in der EU geblieben wäre. Dinge werden sich ändern, aber niemand weiß wirklich, was genau passieren wird. Egal wie traurig es ist. Ich habe nichtsdestotrotz eine positive Hoffnung. Ich versuche, immer die guten Seiten zu sehen.

Warum glaubst du, dass es überhaupt so weit gekommen ist?
Ich weiß nicht genau. Alle, mit denen ich davor gesprochen haben, waren sehr entspannt und hatten keine große Angst und nun ist es einfach passiert. Ich glaube auch, dass manche, die für out gewählt haben, im Nachhinein selbst geschockt waren, dass es wirklich durchgegangen ist.

Wenn wir schon bei Veränderungen sind: Wie siehst du die momentanen Entwicklungen in der Mode?
Alles verändert sich. Dennoch glaube ich, dass es immer Raum für Visionen von jedem geben wird, egal was gerade Trend ist. Du kannst deinen eigenen Weg finden. Natürlich ist Mode mittlerweile super schnell geworden und jeder produziert immer mehr Kollektionen. Es ist ein bisschen ermüdend, da ich auch Teil des Systems bin. Ich bin ein bisschen nostalgisch, wie es früher war. Gleichzeitig finde ich es super spannend, weil man sich immer selber herausfordern muss und schneller werden muss.

Wie hast du dich an diese Schnelligkeit angepasst?
Es steht und fällt mit einem starken Team und Zeit-Management. Du musst dein Team inspirieren und motivieren. Wirklich gute Leute um dich herum zu haben, die gleich denken wie du, ist das einzig Wichtige. Man muss die Veränderungen als Herausforderung annehmen. Auch wenn du manchmal denkst, warum du das überhaupt machst und aufgeben willst.

Warst du schon mal an dem Punkt? Oder bist du die Sorte Mensch, die einfach durchzieht?
Ich glaube daran, dass alles möglich ist.

Du bist so positiv.
Wenn du anfängst, negativ zu denken und anfängst dich zu beschweren, hilft dir das auch nicht wirklich weiter. Als ich klein war, hatte ich gewisse Ziele, nie Träume. Ich bin kein Träumer. Wenn es mir möglich ist, einen Traum zu definieren, dann wird er zu einer Mission, die ich dann erfolgreich erledigen werde. Mit harter Arbeit und positivem Denken kann man alles erreichen. Wenn du mir vor zehn Jahren erzählt hättest, was ich alles mal so machen werde, hätte ich dich gefragt, ob du mich verarschst. Heute weiß ich, dass alles möglich ist. Ich sage immer, ich bin jung und mache das, was ich immer machen wollte. Anstatt mich zu beschweren, wertschätze und genieße ich es solange, wie ich eben kann. Und wenn wir, die junge Generation, nicht dazu im Stande sind, Dinge zu ändern, wer dann?

Wenn man viel arbeitet, merkt man, dass die Kreativität zwar nicht verloren geht, aber alles geht so schnell, dass man manchmal gar nicht bis zu Ende denken kann ...
Manchmal, wenn alles zu schnell geht und alles zu intensiv wird, bleibt nicht genug Zeit übrig, um gewisse Gedanken ausführlicher zu Ende zu denken. Aber genauso ist es manchmal besser, schnell zu arbeiten, weil die Ideen frischer und nicht totgedacht sind. Ich habe mich an diese neue Art des Arbeitens gewöhnt, aber wenn es wie damals nur zwei Kollektionen pro Jahr gäbe, hätte ich mehr Freizeit, was auch nicht schlecht wäre. [Lacht]

Wie schaffst du es, dir neben deiner Arbeit für dein eigenes Label und Mugler Zeit für solche Projekte einzuräumen?
Ich werde immer selektiver und nehme nur Projekte an, an die ich wirklich glaube. Ich bin ein Perfektionist und will alles immer perfekt machen. Ich bin auf alles, was ich bis jetzt in meiner Karriere gemacht habe, stolz.

Du hast nie Gedanken wie „Das hätte ich noch besser machen können"?
Ich weiß, dass ich immer mein Bestes gegeben habe. Natürlich hätte ich manchmal vielleicht besser sein können, aber eben nicht zu diesem Zeitpunkt. Deswegen bin ich die meiste Zeit glücklich darüber, was ich getan habe. Ich arbeite hart und geben immer alles. Schau dir Karl Lagerfeld an: Wenn er es kann, kann ich es auch. Er beschwert sich nicht, warum sollte ich mich dann beschweren.

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: via Mercedes-Benz

Tagged:
Fashion
Interview
Karl Lagerfeld
Brexit
Mode
BFW
Berlin Fashion Week
David Koma
alexandra bondi de antoni
mercedez benz