der künstler lukas hofmann spielt in seinen performances mit emotionen

Wir haben uns von ihm erklären lassen, wie sein Arbeitsprozess bei intermedialen Projekten aussieht und warum er mit gerade mal 23 seine eigene Retrospektive organisiert hat.

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09 August 2017, 2:07pm

"Für mich ist es von großem Interesse, eine Situation zu erzeugen, in die man eintaucht und in der das Publikum geistig beteiligt ist. Wenn man jemanden dabei beobachtet, wie er den Atem anhält, beginnt man vielleicht unbewusst, das Gleiche zu tun", sagt der tschechische Künstler Lukas Hofmann auf seine Arbeit angesprochen. Die Betrachter sollen seinen Performances nicht nur beiwohnen, sondern werden auch ermutigt, aktiv teilzuhaben. Sie sollen aus ihrer eigenen Komfortzone gelockt werden, um an dem Austausch mitwirken zu können. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst, Mode — er hat zum Beispiel schon mit Ottolinger und Anne Sofie Madsen kollaboriert — und menschlichen Emotionen. Wir wollten mehr über Lukas Ansatz erfahren und haben den jungen Künstler zum Interview gebeten.


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Deine Arbeit in der Nationalgalerie in Prag war ein Mix aus Mode, Performance und Stillleben. Wie fängst du die Arbeit an solchen großen intermedialen Projekten an?
Dass ich mich mit Performativität näher beschäftige, liegt in meiner Kunstauffassung begründet. Ich sehe Kunst nicht als etwas Statisches, für mich passiert sie, statt einfach nur dazuliegen. Meine Werke sind auch das Ergebnis eines Versuchs der Kunstproduktion, die ohne viele Materialen auskommt. Dadurch kann ich auch viel mobiler sein und mich geschmeidiger zwischen Orten bewegen, an denen ich mich künstlerisch ausdrücke.

Für mich ist es außerdem von großem Interesse, eine Situation zu erzeugen, in die man eintaucht und in der das Publikum geistig beteiligt ist. Wenn man jemanden dabei beobachtet, wie er den Atem anhält, beginnt man vielleicht unbewusst, das Gleiche zu tun.

Für mich ist es deswegen nur natürlich, dass ich auch Mode und Objekte in meine Werke mit einbeziehe. Mich hat Mode schon fasziniert, und diese Tendenz ist immer größer geworden. Ich sehe mich in diesen intermedialen Projekten nicht allein in der Rolle eines Künstlers, sondern auch in der Rolle eines Creative Directors, der vor allem eine Atmosphäre schafft und Menschen involviert, deren Fähigkeiten und Absichten er vertraut. Deshalb kann ein solches Projekt manchmal sehr große Dimensionen annehmen — vor allem, weil meistens eine ganze Gruppe an Performern mitwirkt, aber auch, weil ich in der Regel mit Stylisten, einem Casting Director und einer Marke zusammenarbeite. Dieses Mal hat beispielsweise meine gute Freundin Anne Sofie Madsen Kleidung für die Performer zur Verfügung gestellt, und mit Ari Nielsson habe ich einen Autoren gefunden, der passend zu der Performance ein künstlerisches Schriftstück verfasst hat. Manchmal habe ich auch noch jemanden, der mir bei der Produktion hilft.

Auf der anderen Seite fühle ich mich nicht unbedingt auf diese Kategorien festgelegt und produziere auch gern mal eine Modenschau mit Kleidung, die ich bei IKEA gestohlen habe, oder organisiere — wie in diesem Fall — meine eigene Retrospektive.

Warum hast du mit 23 eine Retrospektive in der Nationalgalerie in Prag organisiert?
Offensichtlich steckt eine Menge Ironie dahinter, wenn man von einer der größten etablierten Kulturinstitutionen des Landes eingeladen wird und daraus seine eigene Retrospektive macht. Dieser kindische Wille, ein etablierter Künstler zu werden, spiegelt sich am deutlichsten in dieser Retrospektive wieder. Vor allem, weil ich erst seit zwei Jahren künstlerisch aktiv bin. Andererseits fand ich es auch spannend zu erforschen, wie man eine Retrospektive für einen Performancekünstler organisiert. Ein halb-anthologisches, immersives Projekt schien mir der richtige Ansatz.

Die Performance fasst zusammen, welche unterschiedliche Gefühle, Aktivitäten und Atmosphären ich im vergangenen Jahr erlebt habe. Ich hatte das Bedürfnis, über die Sachen, die ich im letzten Jahr geschaffen habe, nachzudenken und sie einzuordnen. Deshalb ist auch der Stoff, den ich zusammen mit Dan Bodan bei unserer Performance im Schinkel-Pavillion benutzt habe und den ich mit Nils Lange für unsere Manifesta-Performance in Zürich neu eingefärbt habe, auch in dieser Arbeit erneut, aber in einem anderen Kontext, zu sehen. Die Verwendung von rotem Faden scheint auch ein wiederkehrendes Thema zu sein. Das Fehlen des Atmens, der angehalten wird, wird multipliziert.

In deinen Auftritten bist du ein Künstler unter vielen. Was ist deine Hauptrolle in deinen eigenen Performances?
Menschen, die performativ in meine Situationen involviert sind, sind keine professionellen Schauspieler oder Tänzer. In der Regel ist mir das lieber so. Es sind vielmehr Menschen, die mir nahe sind und die das Gefühl verstehen, das ich vermitteln möchte. Es ist nicht so wichtig, dass man sich an die einzelnen Schritte erinnert, sondern eher, dass man ihre Emotionalität verinnerlicht und begreift, warum welche Atmosphäre erzeugt wird.

Wenn ich die Wahl habe, wähle ich Leute aus, die mir von ihrer Aura her nahe sind und strebe nach Diversität innerhalb der Gruppe. Ich versuche, mit den anderen Darstellern so weit wie möglich zu verschmelzen, anstatt sie merklich zu lenken. Es herrscht definitiv eine dynamische Spannung: ich will auf der einen Seite, dass die Leute sie selbst sind, auf der anderen Seite möchte ich sie aber auch führen.

Wie wichtig ist für dich die Übermittlung von Emotionen und Gefühlen?
Meine Arbeit wird immer therapeutischer und bezieht dabei auch immer mehr den Körper ein. In letzter Zeit werden die Schläfen des Publikums mit Kräuterbalsam behandelt, die Menschen werden zum Weinen gebracht, indem ihnen eine mentholhaltige Flüssigkeit unter den Augen aufgetragen wird. In ihnen soll gleichzeitig ein Gefühl der Angst, Desensibilisierung und Hoffnung geweckt werden. Es passiert also hoffentlich mehr, als dass man sich meine Arbeit einfach nur anschaut.

Du beschreibst dich selbst als professioneller CO2- und Staub-Produzent. Was meinst du damit?
Dieses Zitat ist ziemlich symptomatisch für meine Arbeit. Wir alle atmen CO2 aus, und abgestorbene Hautzellen sind der Hauptbestandteil unseres Hausstaubs. Ein Teil meiner Praxis ist sehr simpel und beinhaltet Handlungen, zu denen wir alle fähig sind — jeder von uns kann versuchen, den Atem anzuhalten, den Anderen hochzuheben, eine Skulptur in einer Galerie zu umschließen, ohne sie zu berühren. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass das Publikum die mentale Ebene der stattfindenden Handlungen besser versteht, wenn es diese auch körperlich nachvollziehen kann.

Wenn man sich deine Arbeiten ansieht, scheinen die Natur und die Reinheit des Menschen eine große Rolle zu spielen. Stimmt das?
Ja, definitiv. Oft grenzt meine Arbeit am Kindischen oder Naiven, und das gefällt mir. Auf der anderen Seite denke ich, dass sie auch das komplette Gegenteil beinhaltet: Angst, Bitterkeit, die Tatsache, dass niemand mehr eine wirkliche Kindheit hat, Babys, die von Geburt an die Last der menschlichen Schuld auf ihren Schultern tragen. Es gibt aber auch Hoffnung. Und der gemeinschaftliche Aspekt der Performancepraxis hilft, diese Hoffnung neu zu beleben.

@ssaalliivvaa

Credits


Text: i-D Germany mit der Hilfe von Moritz Gaudlitz
Fotos: India Ray und Johana Posova
Video: Ivan Svoboda
Kleidung: Anne Sofie Madsen
Performing: Coco Kate, Eva Che, Thiago Dias, Katrice Dustin, Elizabeth Hinojos, Lukáš Hofmann / Saliva,
Scott Hopper, Kateřina Konvalinová, Roman Ole, Markéta Strnadelová, Bianca Tanchay