5 Tätowiererinnen, die es in einer männerdominierten Branche geschafft haben

Wir haben Sarah Carter, Rose Whittaker, Stanislava Pinchuk, Mina Aoki und Sera Helen gefragt, wie es sich als Frau in der Tattooszene wirklich anfühlt. Das haben sie uns geantwortet:

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Mai 22 2017, 3:15pm

Aktuell ist jeder sechste Tätowierer weiblich, doch diese Zahl dürfte sich bald ändern. In der nicht-ganz-so-entfernen Zukunft wird das Verhältnis bei 1 zu 3 liegen. Wir haben uns mit fünf Frauen – Sarah Carter, Rose Whittaker, Stanislava Pinchuk, Mina Aoki und Sera Helen – unterhalten, die es in der Tätowiererwelt geschafft haben und für andere Frauen in der Branche den Weg ebnen. Das hier sind ihre Erfahrungen und Meinungen, wie es als Frau in der Tätowiererszene ist.


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Sera Helen
"Ich habe mit dem Tätowieren angefangen, als ich in einem von Künstlern geführten Lagerhaus in Melbourne gelebt habe. Die Devise dort lautete: Do It Yourself, wenn es reingeregnet hat, um Pedale für das Schlagzeug zu bauen oder um Theater zu spielen. Mich haben meine Freunde ermutigt, die bereits tätowiert haben, es mal selbst auszuprobieren. Sie haben mir die Grundlagen gezeigt und ich habe ihnen schlechte Tattoos verpasst und viele Klinken geputzt, bis ich endlich in einem Tattoo Studio Erfolg hatte. In dieser Branche haben wir meiner Meinung nach die gleichen Probleme bei der Gleichstellung wie beim Rest der Gesellschaft. Wir leben damit, aber wir versuchen, das Patriarchat zurückzudrängen. Unsere Gesellschaft ist davon tief geprägt, natürlich müssen wir uns gegen sexistische Narrative in der Tätowierer-Industrie wehren, aber das Bewusstsein wächst und es ändert sich langsam. Es ist hart und frustrierend, dass ich aufgrund meines Geschlechts anders behandelt werde und es eine andere Erwartungshaltung gibt. Aber ich bin mir meiner Privilegien als nicht-behinderte Pakeha-Cis-Frau bewusst – Pakeha werden die Neuseeländer europäischer Abstammung genannt –, die mir meinen Alltag auf dieser Welt einfacher machen."

@serahelentattoo

Sarah Carter
"Ich habe das Tätowieren nur von männlichen Tätowierern gelernt. Für mich war das nicht schwierig, aber ich glaube auch, dass ich im Gegensatz zu den meisten Frauen von aufgeklärteren Zeitgenossen umgeben war. Auch wenn ich definitiv primitive männliche Tätowierer erlebt habe, die das weibliche Tätowieren sehr anders gesehen haben. Aber zum Glück hatte das keinen Einfluss auf meiner Karriere. Das sind Relikte aus einer anderen Zeit und über die kann man nur lachen. Meiner Meinung nach wird es am Arbeitsplatz immer Unterschiede aufgrund des Geschlechts geben, Tätowieren spielt da keine Ausnahme. Frauen haben für mehr Vielfalt gesorgt, wie in jeder anderen Situation, in der es mehr Variablen und Optionen gibt. Jeder Frau, die Tätowiererin werden will, gebe ich den gleichen Rat wie einem Mann: Respekt muss man sich erarbeiten."

@sarahcartertattoo

Rose Whittaker
"Ich habe 2010 bei Steve Baron in London mein Praktikum gemacht. Ich hatte viel Glück, so ein gutes und stabiles Praktikum haben zu können. Davor hatte ich zwei negative Erfahrungen, bei dem Versuch, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Der erste Typ, der mich genommen hat, hatte rechtsextreme Ansichten, das geht gar nicht. Das zweite Studio wollte 3000 Pfund für "Equipment" im Voraus. Sie sagten mir außerdem, dass ich den Jeansrock tragen soll, wenn ich wiederkomme. Ich bin nie wieder dort hingegangen. 2012 habe ich angefangen, als Vollzeit-Tätowierer zu arbeiten. Ich habe in so vielen Studios gearbeitet, in denen ich die einzige Frau war, aber ich habe mich nie eingeschüchtert gefühlt. Wenn dein Portfolio gut genug ist, du hart arbeitest und das Handwerk respektierst, dann sollte dein Geschlecht keine Rolle spielen. Die Leute stellen Tätowierer gerne als Branche da, die zu 100 Prozent aus sexistischen Creeps besteht, aber es ist nicht mehr als in jeder anderen Branche oder Job auch. Einige der progressivsten und offensten Menschen, die ich kenne, sind Tätowierer."

@britlle_wrists

Stanislava Pinchuk, aka Miso
"Ich habe mit dem Tätowieren angefangen, als mein bester Freund zum ersten Mal eine Tattoomaschine angefasst hat. Es war so inspirierend zu sehen, wie es jemand selbst lernt. Aus einer Ecke in einem Studio zu beobachten, wie er unsere Freunde tätowiert. Tätowieren ist für mich eine Subkultur und das ist nach wie vor auch das, was ich daran mag. Ich habe nie ein Praktikum gemacht, ich habe von Leuten in meiner Umgebung gelernt. Mich hat es ehrlicherweise nie in ein Studio gezogen, weil es so männerdominiert war. Das ist aber nur ein Faktor. Als ich vor sieben Jahren mit dem Tätowieren angefangen habe, herrschte bei den Männern noch die Ablehnung von DIY-Tätowieren vor. Das fand ich schon immer verrückt, weil es so vor 8000 Jahren begonnen hat und das Wissen weitergegeben wurde. Beim Tätowieren ging es für mich vor allem um Community, ich habe nur Freunde tätowiert und kein Geld dafür genommen. Ich mag es, wie innerhalb von Minuten etwas Bleibendes geschaffen wird und was Vertrauen eine Rolle spielt. Ich mag die Spannung und schiebe Zweifel beiseite."

@m_i_s_o_

Mina Aoki
"Mir 14 habe ich in einem Studio einen Job bekommen. Ich habe die Anrufe entgegengenommen und geputzt. Wenn ich Zeit hatte, habe ich gezeichnet, manchmal, weil ich wahrgenommen oder wertgeschätzt werden wollte. In meinem Kopf waren Tätowierer aber große, furchteinflößende Männer, die mich sowieso nie ernst nehmen würden. In den Magazinen wurde der normale Tätowierer als beinharter Kerl mit Lederklamotten dargestellt und das bin ich nicht. Ich kann auch etwas abgerockt aussehen und tough sein, aber ich bin eine Frau. Die Leute im Studio haben sich dann mit der Idee angefreundet, dass ich ein Praktikum mache, besonders Steve Pedone und Brad Stevens. Die haben mich als Gleichwertige gesehen und mich ständig dazu angespornt, eine bessere Tätowierin zu werden. Außerdem verdanke ich sehr viel meiner Mutter. Sie hat mir vermittelt, dass es kein Nachteil ist, eine Frau zu sein. Und wenn ich etwas haben wollte, dann bin ich die einzige, die das auch erreichen kann. Mit dieser Mentalität in ein Tattoo Studio zu gehen hat mir gelehrt, dass ich mir nicht nur Respekt verdienen muss, sondern ihn auch einfordern kann."

@minaaoki