unsere highlights der biennale in venedig

Nachdem wir uns gestern den Deutschland-Pavillon näher angeschaut haben, zeigen wir euch heute, was ihr sonst noch auf keinen Fall auf der Biennale in Venedig verpassen solltet.

von Rózsa Farkas
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12 Mai 2015, 7:50am

hito steyerl

Die Biennale ist eine internationale Kunstausstellung, die seit 1895 alle zwei Jahre in Venedig stattfindet. Die 56. Ausgabe eröffnete am Wochenende unter dem Titel „All the World's Futures", kuratiert von Okwui Enwezor. „All the World's Futures" ist ein passender und kohärenter Rahmen für so eine gigantische Kulturveranstaltung, die auf Länderpavillons einzelner Staaten beruht und oft als Form von Kultur-Standortmarketing endet. Der Titel verrät, dass diese Ausgabe versucht, mehr zu sein. Laut Enwezor behandelt das diesjährige Thema direkt die Brüche, die heutzutage allgegenwärtig sind. Wie kann die gegenwärtige Unruhe unserer Zeit begriffen, verständlich gemacht, bewertet und artikuliert werden?

Auf dem Ausstellungsgelände der Biennale auf der mittelalterlichen, industriellen Werft von Venedig, Arsenale, befindet sich das Kunstwerk, das wahrscheinlich die meisten Besucher bis zum Ende im November gesehen haben werden. „Out of Bound" des jungen ghanaischen Künstlers Ibrahim Mahoma besteht aus „Kohlesäcken, Metallzeichen und Juteseilen" und bedeckt die zwei Wände, die den am meisten genutzten Weg auf dem Arsenale-Gelände flankieren: den Weg der Besucher zu Toiletten, Restaurants und mehr Kunst. Das Kunstwerk erinnert an die Endzeit. Man hat das Gefühl, dass der Untergang begonnen hat, die Bedrohung durch etwas Kommendes, die Säcke erklimmen die Wände und schauen steil nach unten auf den Betrachter herab. Sie sind benutzt, sie sind feucht. Es riecht komisch und man weiß nicht, ob es von den Gebäuden kommt, die sie bedecken, von den Säcken selbst oder es der allgemeine Geruch dieser Lagunenstadt ist.

Ibrahim Mahama, Out of Bounds

Mahomas Arbeit hinterfragt das System von Angebot und Nachfrage afrikanischer Wirtschaften. Diese Säcke wurden ursprünglich für Kakao benutzt und dann für Kohle wieder verwendet. Sie sind mit dem Ursprungsland oder mit dem Eigentümer gekennzeichnet. Sie wurden geflickt und wieder geflickt, genauso wie der Künstler es selbst für diese Installation getan hat. Die Frage nach dem Wert schlägt sich auch in der Wahl des Ausstellungsortes innerhalb des Arsenale wieder: draußen und es ist wahrscheinlich, dass das Kunstwerk durch das Wetter im Laufe der nächsten Monate beschädigt wird. Was sagt der Ort über den Wert aus? Er hat seine Arbeit da ausgestellt, wo die Säcke herkamen. Er hat sie in Galerien gezeigt. Der Wert von bestimmten Dingen hängt immer von ihrem Kontext ab.

Diese Arbeit verkörpert die Stärke der diesjährigen Biennale. Die Tatsache, dass man dieses Jahr eine echte und kritische Schärfe spürt, ist ein wohltuender Kontrast zum nationalen Wettbewerb, den die Biennale fördert; ein kleinkarierter „Unsere-Kunst-ist-besser-als-eure-Kunst"-Wettbewerb, der nur noch durch die globale Milliardärs-Schickeria übertroffen wird, die jedes Jahr größer wird, die in immer vulgäreren, teureren Jachten einläuft.

Die alten Reiche haben die ältesten und größten Pavillons im Giardini, während viele Länder im Giardini überhaupt keine Pavillons haben und im kulturellen Exil auf dem Arsenale und über die Stadt verstreut ihre Arbeiten zeigen. Diese Hierarchien auf der Biennale spiegeln das Machtgefüge im globalen Kapitalismus wider und diese Materialität seines Kunstwerks symbolisiert die Güter, die auf afrikanischen Märkten zirkulieren. Eine Diskussion über die Machtungleichheit wird unweigerlich angeregt. 

Der Deutsche Pavilion 

Das Thema der Biennale wird im Deutschen Pavillon mit Hito Steyerls bemerkenswerter Video-installation auf auf komplett andere Weise attackiert. Die Gruppenausstellung „Fabrik" auf dem Giardini-Gelände der Deutschen mit Arbeiten von Olaf Nicolai, Tobias Zielony, Jasmina Metwaly/Philip Rizk und Hito Steyerl bildet den diesjährigen deutschen Beitrag. Steyerls Arbeit „Factory of the Sun" ist eine 23-minütige Videoinstallation, die uns in die nahe Zukunft katapultiert (teil Videospiel, teil Realität). Die Besucher verfolgen Photons oder „Waisen des Feindes" als Protagonisten Schrägstrich Revolutionäre, die von Dronen und der Deutschen Bank bedroht werden. Tanzen ist ihre letzte Form von Widerstand. Die Videoinstallation ist ein Mix aus Green-Screen-Acting und bemerkenswerter CGI-Technik. In dem verdunkelten Raum wirken Licht, Explosionen, Schüsse auf den Betrachter in Sonnenliegen.

Weitere Highlights auf dem Arsenale sind Helen Marten, Gedi Sibony, Harun Farocki, Sonia Boyce und Maja Bajevic und ein Video von Coco Fusco. In Fuscos Video geht es um Herbeto Padilla und die nach ihm benannte Padilla-Affäre. Padilla wurde 1971 vom Castro-Regime wegen seiner Kritik am System - oft in Gedichtform - verhaftet. Die internationale linken Intellektuellen, darunter Jean Paul Sartre, Susan Sontag und andere, antwortete mit einem Brief. Zwar wurde Padilla entlassen, aber letztendlich zum Schweigen gebracht. Was hat seine eigene literarische Community getan? Was Padilla selbst? Was wollen wir nicht sehen, was vor unseren Augen passiert? 

Coco Fusco

Sehenswertes außerhalb der Giardini- und Arsenale-Gelände ist der Forschungspavillon der Kunsthochschule Helsinki, Simon Dennys NSA-inspirierte Installation für Neuseeland „Secret Power" in der Marciana Bibliothek, die zweiteilige Ausstellung von Jonas Mekas' Arbeiten „The Internet Saga" und der Antarktische Pavillon. Der Antarktische Pavillon ist eine bewusste Provokation gegenüber der nach Staaten geordneten Biennale. Niemandem gehört offiziell die Antarktis, dennoch besetzen alle dominanten Staaten einen gewissen Teil davon, ob nun im Namen von Ausbeutung, Geschäftsinteressen oder der Forschung. Der Antarktische Pavillon geht zurück auf den Künstler Alexander Ponomarew, der damit nicht nur die Idee „Nation" hinterfragt, sondern auch die Zukunft von einem Gebiet, das die Zukunft es Planeten oder All The World's Futures entscheidend mitbestimmt.

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