alles, was du über cybersex im jahr 2016 wissen musst

Sex online ist lange nicht mehr nur Dirty Talk in schmuddeligen Chatrooms. Wir fragen uns, wie URL unsere IRL-Erfahrungen erweitert oder hemmt.

von Paul Gregoire
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29 Januar 2016, 10:10am

Image via Flickr

Als das Internet noch ganz neu war, galt Cybersex als ein schmutziger Begriff, mit dem man in der Regel schmuddelige Konversationen in Chatportalen in Verbindung setzte. Doch die Technologie entwickelte sich weiter und so auch der Weg, wie Menschen online sexuell miteinander interagieren. Alles, was du mittlerweile brauchst, um einen Sex-Avatar zu erstellen, ist eine Internetverbindung und schon kann du auschecken, ob jemand in Reichweite ist, der dir gefällt und mit dem du nach Hause gehen kannst. Wenn nicht kannst du einfach deine sexuellen Fantasien mit jemanden am anderen Ende der Welt ausleben. 

Isabella Rose ist seit vier Jahren ein Camgirl und steht mit unendlich vielen anderen Camgirls im Zentrum dieser sexuellen Evolution. Für die, die nicht wissen, wie camen funktioniert: Eine Person zahlt, um sich live den Feed einer anderen Person anzuschauen. Man führt eventuell eine intime Unterhaltung, teilen seine sexuellen Fantasien miteinander oder befriedigt sich voreinander selbst. Isabella schätzt, dass circa 90 Prozent der privaten Shows Nacktheit beinhalten. Sie wirbt für ihren Cybersex-Service über soziale Netze wie Twitter und Instagram. Es ist eine simple Idee, mit der die Camming-Industrie mittlerweile über eine Billionen US Dollar verdient.

Brett McCann, Präsident der Australian Society of Sex Educators, Researchers and Therapists (NSW), erklärt, dass der Großteil der Menschen, die sexuell im Netz tätig sind, passiv ist und Befriedigung aus dem reinen Zuschauen von Camgirls wie Isabelle zieht. Als Cybersex gilt es, „sobald sich eine Person mittels eines Computers sexuell befriedigt". Demnach ist Pornos schauen auch eine Form des Cybersex.

McCann erklärt, dass der erweiterte Zugriff zu freiem Pornomaterial die Art beeinflusst, wie wir bestimmte Inhalte sehen, es verändert zudem auch was wir konsumieren. Er meint, dass aufgrund der Anonymität im Netz die User mehr Freiheiten haben und somit ihrer sexuellen Fantasie freien Lauf lassen können. „Sie können über so vieles fantasieren, über wen und was sie sein wollen," fügt McCann hinzu. Isabelle stimmt zu und beschreibt ihre gewöhnlichen Sitzungen als „sehr verführend, definitiv sehr verführend."

In den letzten Jahren löste sich die Grenze zwischen Cybersex und richtigem Sex immer weiter auf. 

Es nicht gerade überraschend, dass die Nutzer ihre Hemmungen verlieren. In den letzten Jahren löste sich die Grenze zwischen Cybersex und richtigem Sex immer mehr auf. „Es ist viel anspruchsvoller, als wir immer dachten," sagt Madison Missina. Sie arbeitet als Prostituierte, Sextherapeutin und Pornodarstellerin.

Während die Sexindustrie sich online über die letzten Jahrzehnte etablierte, beobachtete sie andere Aspekte der Entwicklung. Die sexuelle Begegnungen in den sozialen Netzwerken und Apps können für viele Prostituierte zu Jobs führen. Fantasie und Realität stoßen aufeinander, sobald Dirty Talk bei Twitter zu Treffen führt und man sich über Apps wie Tinder und Grindr quasi „Sex vor die Tür bestellen" kann, erklärt Madison. Obwohl die Evolution des Cybersex' mehr Freiheit schafft und es manchmal sogar Chancen auf echten Sex gibt, gibt es auch Schattenseiten.

Der klinische Psychologe Dr. Marcus Squirrell setzte 2012 den Fokus seiner Doktorarbeit über Sexsucht auf Cybersex. Er untersuchte 1325 Nutzer und es stellte sich heraus, dass die Mehrheit von ihnen entweder vergeben oder sogar verheiratet war. Zudem befanden sich die Nutzer, die über 12 Stunden Cybersex hatten, oftmals in einer tiefen Depression, Missstimmung und emotionaler Einsamkeit. „Meine Klinik ist voller Patienten, die eine problematische Beziehung zum Cybersex haben", erzählt Squirrell i-D. „Es kann ihnen sogar den Job kosten, aber am häufigsten kostet es ihnen ihre Beziehung - vor allem, wenn echte Treffen stattfinden." 

Die digitale Sexwelt ist am explodieren und viele sehen das als Bedrohung für die Erlebnisse im wahren Leben.

Zusätzlich kommt noch dazu, dass viele der Männer, mit denen er sprach, Probleme wie Erektionsstörungen oder Orgasmusschwierigkeiten entwickelt haben, da sie nicht mehr durch ihre echten Partner erregt werden können. Dass das Schauen von Pornos die sexuellen Erwartungen in eine unrealistische Dimension befördert, wird schon seit der Entstehung der Pornos diskutiert. Die digitale Sexwelt ist am explodieren und viele sehen das als Bedrohung für die IRL-Erlebnisse. 

Heide McConkey, die Direktorin von Sex Addiction Australia, erklärt i-D, dass Leute, die sich online Pornografie anschauen, „unvorbereitet sind". Sie denken, dass die Fantasiewelt des Pornos die Realität widerspiegelt und dass Sex genau so funktioniert. „Sexuelles Verhalten, gerade bei jungen Menschen, verändert sich meist, wenn sie sich Pornos anschauen", sie führt sie weiter aus. Das Gesehene wird dann oft auch vom Partner erwartet.

Als jemand, der in der Sexindustrie arbeitet, sei es online oder offline, versteht Madison, dass ihre Arbeit negative Auswirken mit sich bringen kann. Sie betont jedoch, dass viele Paare „Pornos und Cybersex verwenden, um ihr Liebesleben anzuheizen". Beide Welten werden sich immer gegenseitig beeinflussen, also sei es wichtig, Cybersex in die bereits bestehende sexuelle Beziehung zu wandeln.

Viel Paare erfahren durch interaktive Sex-Fragebogen wie Mojo Upgrade mehr über die sexuellen Vorlieben ihrer Partner. Durch einen Fragebogen werden die geheimen Fantasien ans Tageslicht gebracht. Geteilt werden dann aber nur die gemeinsamen Vorstellungen. „Das ist eine sehr gesunde Art, in der Paare das Internet verwenden können, um gemeinsam ihren sexuellen Horizont zu erweitern," erzählt Madison.

Am Ende des Tages ist das Internet immer noch das beste Medium, wenn es darum gehr, sich das Leben zu versüßen.

Credits


Text: Paul Gregoire
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