Sigur Rós, Með suð í eyrum við spilum endalaust (2008), featuring Ryan McGinley's image Highway.

Diese 10 ikonischen Fotos sind als Albumcover in die Geschichte eingegangen

Was steckt wirklich hinter den Bildern von Nan Goldin, Deana Lawson, Peter Hujar, Diane Arbus und Ryan McGinley? Wir verraten es dir.

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10 November 2017, 2:21pm

Sigur Rós, Með suð í eyrum við spilum endalaust (2008), featuring Ryan McGinley's image Highway.

Das Recyclen alter Fotos findet sich überall: auf Buchdeckeln, in Modekampagnen und natürlich auch auf Albumcovern. Fotografie-Legenden arbeiten schon seit Jahrzehnten mit Musikern zusammen, um Kunstwerke entstehen zu lassen, die ihre Zeit überdauern. Doch erinnern wir uns am häufigsten nur noch an die Auftragsarbeiten wie Herb Ritts und Madonna (True Blue), Jean-Paul Goude und Grace Jones (Island Life), Robert Frank und The Rolling Stones (Exile on Main Street), Richard Avedon und Simon & Garfunkel (Bookends), Irving Penn und Miles Davis (Tutu), Ari Marcopoulos und Jay-Z (Magna Carta Holy Grail), Annie Leibovitz und Cyndi Lauper (She's So Unusual) – und natürlich an die vielleicht wichtigste Kollaboration zwischen dem damals noch unbekannten Robert Mapplethorpe und Patti Smith (Horses).

Merkwürdigerweise scheint es aber so, als würden wir Fotos, die für Albumcover wiederverwendet werden, seltener erkennen.


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Vor Kurzem bin ich auf ein Auktions-Listing für ein Foto gestoßen, das ich sofort erkannt habe. Das Bild von Nicholas Prior ziert das Cover von Brand News Album The Devil and God Are Raging Inside Me. Als es 2006 herauskam, hatte ich gerade meine Emo-Phase und verbrachte eindeutig zu viel Zeit damit, die Masken und Hausschlappen auf dem Cover anzustarren. Warum ist mir also nie in den Sinn gekommen, dass das Bild schon vor und unabhängig von Brand News melancholischen Album existierte?

Deswegen wollen wir dir zehn Fotografien vorstellen, die zu Albumcovern umfunktioniert wurden. Manche erkennt ihr vielleicht als Kunstwerk, andere erst auf den zweiten Blick.

Album cover for Brand New, The Devil and God Are Raging Inside Me (2006)

Brand New, The Devil and God Are Raging Inside Me
Brand News großes Debüt aus dem Jahr 2006 gilt immer noch als das Beste der Band und als eines der prägendsten Alben des Emo-Zeitalters. The Devil and God Are Raging Inside Me hat Brand News frechen Pop-Punk in eine ganz neue Richtung gelenkt – eine, in der sie sich Gedanken über Theologie, Tod und Depressionen machten. Der Titel stammt angeblich aus einem Gespräch zwischen Brand New-Frontmann Jesse Lacey und Daniel Johnston, einem gefeierten Songwriter, der an Schizophrenie leidet. Das Foto vom Cover wurde 2003 von Nicholas Prior aufgenommen.

Untitled #44 gehört zu Priors Serie Age of Man. Dieses Werk ist von Freuds Schriften über unheimliche Dinge inspiriert und von “der Vorstellung, dass Erwachsene nicht durch Kinderaugen auf ihre Kindheit zurückblicken können, wodurch eine geheimnisvolle und undurchdringliche Kluft zwischen Kindern und Erwachsenen entsteht”, erklärt Prior. Der Fotograf glaubt, dass die Band das Cover entdeckt hat, als es in der New Yorker Yossi Milo Gallery ausgestellt wurde. Als Interscope sich mit ihm wegen des Urheberrechts in Verbindung setzte, lehnte er zunächst ab. Aber da Brand New darauf beharrte (und Prior einige der Tracks hörte, die auf das neue Album sollten), gab er der Band schließlich seinen Segen.

Album cover for Layo & Bushwacka!, Night Works (2002)

Layo & Bushwacka!, Night Works
Das Londoner Tech-House Duo Layo & Bushwacka! hat sich für sein zweites Album Night Works aus dem Jahr 2002 eines Fotos von Nan Goldin bedient. Das Bild – Gigi in Blue Grotto with Light (Capri, 1997) – war zuvor in Ten Years After erschienen, einem Fotobuch von Goldin, das sie nach ihrer Whitney Museum Retrospektive 1996 veröffentlicht hatte. Sie war in den späten 80er Jahren mit ihrer Muse Cookie Mueller nach Italien gereist. Ein Jahrzehnt später, nach Muellers Tod, ging Goldin erneut nach Italien. Bis heute ist unklar, wie das Foto aufs Albumcover von Night Works gekommen ist. Zwar hat Goldin ihre ikonische Slideshow The Ballad of Sexual Dependency zur Musik laufen lassen, aber die kam von Künstlern wie The Velvet Underground oder The Creatures. Doch wer weiß, vielleicht ist sie ja ein heimlicher Fan von Breakbeat-House?

Album cover for Blood Orange, Freetown Sound (2016)

Blood Orange, Freetown Sound
Jedes der drei Blood Orange-Alben von Devonté Hynes ist auf seine ganz eigene Art fantastisch. Und sie haben noch etwas gemeinsam: recycelte Fotos für die Albumcover. Auf dem Cover von Hynes’ Blood Orange Debut Coastal Grooves aus dem Jahr 2011 prangt ein Foto von Brian Lantelme, der in den 90ern vor dem Club Sally's Hideaway die Trans-Performerin Exotica fotografiert hatte. Auch das Foto des Covers für Cupid Deluxe wurde am Times Square aufgenommen, dieses Mal von Bill Butterworth.

Auf Hynes neuestem Album, Freetown Sound, sehen wir ein Porträt von Deana Lawson, das sie 2009 in ihrer Wohnung in New York gemacht hatte. Das Foto begann mit der Idee, die Liebe eines jungen Paars zu zeigen”. Die Fotografin erklärt, dass Hynes sie kontaktiert und in sein Studio eingeladen hat. “Wir kannten einander nicht, und es ging voll und ganz um sein Projekt. Er war sehr produktiv und seine Musik wunderschön.”

Album cover for Father Father, We Are All So Very Happy (1991)

Father Father, We Are All So Very Happy
Über dieses Album findet man online nur wenige Informationen. Es wurde 1991 von dem schwedischen Label Metronome Records herausgegeben. Laut Discogs ist We Are All So Very Happy ein HipHop-Projekt mit EInflüssen aus Soul, Funk und R&B. Die einzige Single, die wir finden konnten, war "What is a Soul?", in dem – wen wundert es – Soulgesang und Saiteninstrumente zu hören sind. Eins ist sicher: auf dem Albumcover ist ein Porträt von Bruce Davidson zu sehen, das während der Selma-nach-Montgomery-Märsche im Jahr 1965 aufgenommen wurde. Davidson hat die Proteste dokumentiert, die innerhalb von drei Tagen von 300 auf fast 25.000 Teilnehmer gestiegen sind. Angeführt von Dr. Martin Luther King Jr. haben die Demonstrationen für das Wahlrecht für Schwarze, die Verabschiedung des Voting Right Acts maßgeblich beeinflusst – ein Meilenstein der Bürgerrechts-Gesetzgebung. Es ist nicht bekannt, warum Father Father das Bild benutzt hat, aber hier ist eine Vermutung: In “What is a Soul?” heißt es an einer Stelle “Look at our brothers in South Africa." Die Single kam 1990 raus, also zu der Zeit, in der ein Land gegen die Apartheid kämpfte.

Album cover for George Michael, Listen Without Prejudice Vol 1. (1990)

George Michael, Listen Without Prejudice Vol. 1
Das zweite Soloalbum der letztes Jahr verstorbenen Pop-Ikone ist vor Kurzem in Form einer Neuauflage erschienen. Damals folgte Listen Without Prejudice Vol. 1 auf sein Erfolgsalbum Faith von 1987. Dieser Übergang zu instrumentaler Begleitung und Bossa-Nova-Sound kam nicht bei allen Fans und Kritikern so gut an.

Das Cover ist eine zugeschnittene Version eines Fotos von Weegee, das er 1940 auf Coney Island gemacht hatte. Der ukrainische Fotograf gilt heute als einer der einflussreichsten New Yorker Straßenfotografen. Seine direkten und düsteren Schnappschüsse des Alltags in der Lower East Side haben später besonders Diane Airbus inspiriert. Auf dem Zuschnitt von Listen Without Prejudices ist weder das Riesenrad noch die Promenade zu sehen, stattdessen wirkt es wie ein flaches, dicht gedrängtes Bild voller lachender, glücklicher Sonnenanbeter.

Album cover for Big Star, Radio City (1974)

Big Star, Radio City
Der ikonische Fotograf William Eggleston wird überall für seine bahnbrechende Nutzung stark gesättigter Farben auf Bildern und für seine Fähigkeit, die Schönheit der alltäglichen Dinge einzufangen, gefeiert. Eggleston hat unter anderem Spoon, Primal Scream, David Byrne, Cat Power, Joanna Newsom und Jimmy Eat World erlaubt, seine Arbeiten zu benutzen – auf Big Stars zweitem Album Radio City ist eines seiner berühmtesten Fotos zu sehen, nämlich The Red Ceiling.

"Es ist nur ein Bild, das ich ganz spontan angeboten habe”, sagte Eggleston dem Guardian. “Ich lief eines Tages Alex [Chilton] über den Weg, und er sagte ‘ich würde es gerne benutzen‘. Ich antwortete ‘mach’ das.‘ Das ist die Geschichte dahinter.” Das stimmt aber nicht ganz. Eggleston kannte Chiltons Familie schon lange bevor die kurzlebige Power-Pop-Gruppe 1974 Radio City herausbrachte. Später hatte Eggleston Chilton auch erlaubt, eines seiner Bilder für sein Solo-Debütalbum Like Flies on Sherbert aus dem Jahr 1978 zu verwenden.

The Red Ceiling ist außerdem nicht “einfach nur ein Bild”. Laut dem Getty Museum hält Eggleston es für eine seiner herausragendsten Arbeiten. "So stark, dass ich nie eine Reproduktion davon gesehen habe, die mir gefallen hätte.”

Album cover for Antony and the Johnsons, I Am a Bird Now (2005)

Antony and the Johnsons, I Am a Bird Now
Das zweite Album von Antony and the Johnsons (Anohnis Avant-Pop Projekt) hat 2005 den Mercury Prize gewonnen. Darauf zu hören sind Tracks mit Gastauftritten von Stars wie Rufus Wainwright, Devendra Banhart, Lou Reed und Boy George. Auf dem Cover sehen wir eines von Peter Hujars besten Porträts: ein starkes und schmerzvolles Bild von Candy Darling auf ihrem Sterbebett.

2007 schrieb Anohni eine Hommage an Hujar (der 1987 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung gestorben war und dessen Arbeiten im vergangenen Jahrzehnt endlich ihre längst fällige Anerkennung gezollt wurde). “Er hat Außenseiter aus einer Insider-Perspektive fotografiert. Die Erfahrung der extremen Entfremdung und der privaten Lebensfreude ist etwas, das Hujar scheinbar mit seinen Motiven gemeinsam hatte und in seinen Porträts zum Thema machte”, erklärte sie. Pitchfork nannte das Cover in der Review von I Am a Bird Now “ die perfekte Ergänzung seiner gespenstischen Schwarzweiß-Bilder.”

Album cover for Sigur Rós, Með suð í eyrum við spilum endalaust (2008)

Sigur Rós, Með suð í eyrum við spilum endalaust
Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson wurde ursprünglich damit beauftragt, das Cover von Sigur Rós' fünfter LP zu designen, die 2008 veröffentlicht wurde. Eliassons Vorschlag gefiel der Band jedoch nicht, deswegen sieht man auf dem fertigen Cover jetzt ein Bild des US-amerikanischen Fotografen Ryan McGinley.

Am 3. April 2008 hat McGinley eine Einzelausstellung in der Team Gallery mit dem Titel I Know Where the Summer Goes eröffnet. Den vorigen Sommer war er mit 16 Models, drei Assistenten und 4.000 Filmrollen quer durch die USA gereist. Das Bild, das die Ausstellung ankündigte, 2007s Highway, landete im Posteingang des Jónsi-Frontmanns, “gerade dann, als bei uns die Entscheidung anstand, wie wir unsere Sammlung aus Songs visuell am besten darstellen könnten”, und so erkor er es zum Albumcover. (McGinley hatte Sigur Rós sechs Jahre zuvor bei einem Job kennengelernt, und 2012 erneut mit der Band für ein Musikvideo zusammengearbeitet.) Der Titel I Know Where the Summer Goes stammt aus einem Song von Belle and Sebastian.

Album cover for SNFU, And No One Else Wanted to Play (1985)

SNFU, And No One Else Wanted to Play
Die kanadische Hardcore Punk-Band SNFU (Society's No Fucking Use) verbrannte sich mächtig die Finger, als sie 1985 für das Cover ihres Debütalbums Diane Airbus’ Bild Child with Toy Hand Grenade in Central Park (1962) ohne Genehmigung verwendete. “Wir waren total naiv”, kommentierte ein Bandmitglied den Vorfall 2005. “Wir hatten das Bild in einer Bibliothek gefunden und es dann einfach benutzt. Jello kontaktierte uns daraufhin und sagte, dass Crucifux dafür beinahe verklagt worden wäre. Die Sex Gang Children wollten auch mal Material von Arbus verwenden und bekamen eine klare Abfuhr. Also mussten wir ein paar Änderungen vornehmen. Ziemlich uncool.”

Diese Änderungen bedeuteten zunächst, dass ein Künstler eine Version von Arbus’ berühmtem Schnappschuss malen musste. Aber die Illustration sah dem Original von Arbus immer noch zu ähnlich. Um rechtlichen Streitigkeiten zu entgehen, wurde auf die Schnelle eine dritte Cover-Option erstellt. Das vierte und endgültige Cover zeigt nun eine Illustration eines Weihnachts-Gemetzels und ein Kind mit einem Elefantenkopf, das die charakteristische Hose aus Arbus’ Child with Toy trägt.

Album cover for The Smiths, The Smiths (1984)

The Smiths, The Smiths
Was wäre die Geschichte der besten Albumcover-Kunstwerke ohne The Smiths? Das Musikmagazin NME hat alle 27 Cover der Band aus Manchester genau analysiert (die alle von Morrissey selbst designt worden waren) und herausgefunden, dass Moz sich oft von Filmen hat inspirieren lassen. Auf den Alben sind unter anderem James Dean, George O'Mara, Jean-Alfred Villain-Marai und Coronation Streets Pat Phoenix zu sehen. Für die Cover wurden auch Standbilder aus Filmen wie der Vietnamkrieg-Doku In The Year Of The Pig, dem russischen Film The Enchanted Desna, Jean Cocteaus Orpheus und dem französischen Film noir The Unvanquished benutzt.

Das Cover der gleichnamigen Debüt-LP von The Smiths aus dem Jahr 1984 ist ein Standbild aus Andy Warhols Film The Flash (1968). Darauf sieht man Schauspieler und Warhol-Liebling Joe Dallesandro, der in merkwürdig rötliches Purpur getaucht ist. Es war aber nicht das erste Cover, das Dallesandro schmückte. Warhol steckte auch hinter dem ikonischen Design des Sticky Fingers-Covers der Rolling Stones. Während viele Fans annahmen (oder hofften), dass die Beule zu Mick Jagger gehörte, war es Dallesandro, der die knallenge Jeans ausfüllte.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.