Das war das queere Kinojahr 2017

Statt an Weihnachten während der gleichen, schnulzigen Liebesfilme im Fernsehen einzuschlafen, solltest du dir lieber diese LGBTQ-Filme und -Serien anschauen.

von Douglas Greenwood; Übersetzt von Michael Sader
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Dez. 20 2017, 9:41am

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "Princess Cyd Trailer #1 (2017) | Movieclips Indie" von Movieclips Film Festivals & Indie Films

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, in der es auch Geschichten über Leute jenseits der weißen, heterosexuellen Cisgender-Machtwelt auf die flimmernden Bildschirme schaffen. Noch vor einer Weile beruhte der Erfolg eines Filmes auf zwei Dingen: entweder ging es um ein Hetero-Pärchen in seinem Reihenhaus oder die Geschichte spielte gleich in einer Fantasiewelt. Mitte der 2000er ließen romantische Comedys und Superhelden-Filme die Kinokassen nur so klingeln. Kinobesucher gingen lieber in mehrere Versionen einer Geschichte, als Zeit in die Leben und Erfahrungen der LGBTQ+-Community zu stecken. Das queere Kino hat sich historisch an ein Independent-Film affines Publikum und an queere Menschen selbst gewandt. 2017 hat sich das zum Glück verändert: Nach dem Erfolg von Oscar-Preisträger Moonlight sind Filmstudios endlich bereit, queere Geschichten stärker in den Mittelpunkt zu rücken und damit auch das Interesse des Mainstream-Publikums zu wecken.


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Wir stellen dir die Filme und Fernsehserien vor, die 2017 ihren Teil dazu beigetragen haben, die heterosexuelle Filmwelt zu revolutionieren.

Moonlight

Wir starten mit dem Meisterwerk, der das queere Jahr 2017 eingeläutet hat: der Gewinner in der Kategorie Bester Film bei den Oscars. Moonlight erzählt die Geschichte eines schwarzen Jungen aus Miami, der in schwierigen Verhältnissen groß wird und seine Homosexualität entdeckt. Nach gängigen Kriterien wäre es ein Nischenfilm, doch das schwarze Coming-out-Drama hat die Massen berührt. Basierend auf den Erlebnissen der Drehbuchautoren Tarell Alvin McCraney und Barry Jenkins hat Moonlight dafür gesorgt, die Vorstellung zu beseitigen, dass Filme mit LGBT-Figuren nur ein queeres Publikum interessieren würden. Aber auch eine der bemerkenswertesten schauspielerischen Leistungen haben wir Moonlight zu verdanken: Ashton Sanders in der Hauptrolle des Chiron.

Die Misandristinnen

Kein moderner Filmemacher lehnt das Hetero-Mainstream-Establishment so ab wie Bruce LaBruce. Die Filme des kanadischen Regisseurs, der bekannt dafür ist, Arthouse-Kino und Pornografie zu verbinden, sind brillant und mutig. Sein neuester Film, Die Misandristinnen, ist keine Ausnahme. Er spielt in den späten 90ern auf dem platten, deutschen Land und erzählt die Geschichte einer lesbisch-feministischen Terrorzelle, die das Patriarchat auslöschen und eine Weltordnung etablieren will. Die Gruppe lebt und arbeitet unter der Aufsicht der Mutter, die in wahrer LaBruce-Manier ihre Untergebenen dazu ermuntert, Sex zu haben, um ihre Macht zu demonstrieren. Zwar fällt es leicht, den Film schnell als substanzlos abzutun, doch in Wahrheit ist Die Misandristinnen ein queeres Videoessay über Gender-Politik und der schlimmste Albtraum für alle Verklemmten.

Beach Rats

Für die meisten Schauspieler legt ihr Filmdebüt die Messlatte, an der sich ihre Karriere orientieren wird. Als Harris Dickinson die Hauptrolle des Frankie in Beach Rats annahm, inklusive Ganzkörper-Nacktheit, Drogengebrauch und Schwulensex, ging er das Risiko ein, dass er sich damit Karrierechancen verbaut. Doch dank seiner herausragenden Performance in dem queeren Independent-Film von Eliza Hittman, gehört er zu den Shootingstars des Jahres 2017. Beach Rats steht dank seines fließenden Porträts der sexuellen Identität junger Menschen auf dieser List. Dieser Film ist eine Hommage an alle, die sich nicht in eine Schublade stecken lassen wollen.

Princess Cyd

2017 war das Jahr, in dem wir uns ein für alle Mal vom Schubladendenken verabschiedet haben. Das gilt besonders für Princess Cyd, der neueste Film des US-Regisseurs Stephen Cone. Erzählt wird die Geschichte einer 16-Jährigen, die den Sommer bei ihrer Tante in Chicago verbringt, fernab des tristen Alltags mit ihrem alleinerziehenden Vater. In der amerikanischen Metropole trifft sie auf Barista Katie, von der sie sich unglaublich angezogen fühlt. Sie bekommt die Möglichkeit, eine Seite an ihr zu erkunden, von der sie gar nicht wusste, das sie überhaupt existiert. Jessie Pinnicks Darstellung der Hauptfigur ist spektakulär: eine junge, vollbusige Frau, die beginnt, ihre eigene Sexualität zu entdecken. Der 96-minütige Film ist ergreifendes Kino, der Gay Pride und Emanzipation in seiner DNA verankert hat.

Der Ornithologe

Der Soundtrack besteht aus Vogelgezwitscher und dem Rauschen eines Flusses: Der Ornithologe ist ein erotischer, mysteriöser und spannender Thriller. Auch wenn er kein typischer, queerer Film ist, gehört er zu den besten des Jahres. Grundlage ist die Legende eines Heiligen, die auf herrlich blasphemische Art auseinandergenommen wird. Regisseur Jõao Pedro Rodriguez inszeniert die Geschichte von Fernando, ein schwuler Ornithologe, der sich im ländlichen Portugal verirrt und durch den schlechten Handyempfang die Verbindung zur Außenwelt verliert. Während er in der Wildnis festsitzt, erlebt er Dinge, die nicht nur zufällig Ähnlichkeiten mit Antonius von Padua haben. Alle, die Der Fremde am See gut finden, werden Der Ornithologe lieben.

Call Me by Your Name

Nur wenige Filme haben vor dem Kinostart bereits so eine eingeschworene Fangemeinde; noch weniger erzählen die Geschichte von jungen Männern, die sich im ländlichen Italien ihrer Homosexualität bewusst werden. Doch genau diese sehr unwahrscheinliche Entwicklung hat Call Me By Your Name seit seiner Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival im Januar durchlaufen. Der queere Coming-of-Age-Film ist von einer Harmonie geprägt, die im queeren Kino nicht häufig zu finden ist. Der Film zeigt meisterlich, was es bedeutet, zum ersten Mal Zuneigung, Bewunderung und Lust zu empfinden. Kein Wunder, dass der Film als heißer Oscar-Anwärter gilt.

Angels in America (Theater)

OK, zugegeben: Angels in America ist kein Film, aber nur wenige Theaterproduktionen waren so bahnbrechend. Das Stück führt uns zurück ins New York der 80er, zum Kampf seiner queeren Einwohner gegen die Aids-Epidemie und die Reagan-Regierung, die sie mundtot machen wollte.Andrew Garfield übernahm die Hauptrolle in der Inszenierung von der berühmten Theaterregisseurin Marianne Elliott. Die Londoner Vorstellungen waren innerhalb weniger Minuten ausverkauft, obwohl das Stück über sieben Stunden dauert. Aber keine Sorge, im Februar 2018 finden Gastspiele in New York statt.

Thelma

Joachim Trier macht unbequeme Filme: In seinem Debüt Oslo, 31. August ging es um einen ehemaligen Drogenabhängigen, der aus dem Entzug ausbricht, um für einen Tag in der realen Welt zu leben. In seinem neuestes Horror-Werk Thelma geht es um eine Frau, die Superkräfte entwickelt. Die Titelheldin Thelma flieht vor ihrer christlichen Familie, um ihr neues Leben an der Uni in Oslo zu beginnen. Dort trifft sie auf Studentin Anja, in die sich sich verliebt und ihr Geheimnis anvertraut. Während sich die meisten Filme mit queeren Charakteren um die Sexualität drehen, hat Thelma eine clevere Nebenhandlung, in der Erwartungen und das Ausgestalten der eigenen Identität eine große Rolle spielen – eine queere Version von Stephen Kings Carrie.

When We Rise

Mit der wachsenden Beliebtheit von Streaming-Diensten wie Netflix und Amazon Prime ist das Publikum und der Raum für LGBTQ+-Entertainment gewachsen. In einigen Fällen sind die Serien sogar Mainstream geworden. Die LGBT-freundliche Mini-Dokuserie When We Rise von Milk-Drehbuchautor Dustin Lance Black und -Regisseur Gus Van Sant handelt von der Geschichte einiger der bekanntesten Aktivisten der LGBTQ-Community: von den Stonewall-Aufständen in den späten 60ern bis zur Gegenwart. Dabei geht es nicht nur um die Rechte von schwulen Männern, sondern um auch um Geschichten von Frauenrechtlern wie Roma Guy oder Ken Jones, der schwule Schwarze der Hunderte über Aids aufgeklärt hat.

God’s Own Country

Was kommt heraus, wenn man Landleben, Sex und zwei wunderschöne Hauptfiguren miteinander kombiniert? God's Own Country. Über das Erstlingswerk von Francis Lee spricht seit seiner Premiere auf dem Sundance Film Festival irgendwie jeder – und das aus gutem Grund. Im Zentrum vieler queeren Filme steht eine Tragödie oder ein Konflikt, bei God's Own Country geht es da hoffnungsvoller zu. Der Film beinhaltet nicht nur eine bewegende Liebesgeschichte, die unglaublich realistisch und mit viel Fingerspitzengefühl erzählt wird – Francis Lee verarbeitet hier seine eigene Jugend –, sondern auch die emotionalste Sexszene des Jahres.